Recruiting-Videos: Typologie von Recruiting-Filmen

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 11 Minuten.

Keine Frage: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Und ein Bewegtbild mehr als 1000 Bilder. Und dank der Ubiquität des Internets und einer Zunahme von Highspeed-Internetzugängen spielen Recruiting-Videos eine immer größere Rolle im Employer Branding. Wenn man so will, sind sie aus der Arbeitgeberkommunikation nicht weg zu denken. Aber Recruiting-Video ist dabei nicht gleich Recruiting-Video. Um mal ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und ein paar Anregungen für das perfekte Recruiting-Video zu geben, hier nun also erstmalig und weltexklusiv der Versuch einer Typologie der Recruiting-Filme.

Zunächst einmal sollten wir vielleicht einmal die Frage beantworten, was ein Recruiting-Film eigentlich ist. Natürlich kann ein Video nicht rekrutieren. Aber es kann die Entscheidung eines (potenziellen) Bewerbers sehr wohl beeinflussen, sich für einen Arbeitgeber zu entscheiden bzw. kann es durchaus auch die generelle Aufmerksamkeit wecken. Insofern wäre ein Begriff wie Personalmarketing-Video, Employer Branding-Video oder Arbeitgeber-Video eigentlich treffender. Aber wir wollen mal nicht kleinlich sein und Erbsen zählen an sich ist auch etwas mühselig. Ein solches Video sollte also Arbeitgeber, Mitarbeiter und den Job vorstellen.

Glaubwürdig und praxisbezogen

Und das Ganze möglichst glaubwürdig und praxisbezogen. Letztendlich sollte das Ziel sein,  den Arbeitgeber, seine Mitarbeiter und seine Kultur spürbar zu machen. Zumindest wäre das der richtige Ansatz. Wie immer, wenn Sie eine wie auch immer geartete Maßnahme planen, sollten Sie sich fragen, wer Ihre Zielgruppe ist und welche Ziele Sie erreichen wollen. Wollen Sie einfach nur Aufmerksamkeit um jeden Preis? Dann sollten Sie Ihre Mitarbeiter einfach rappen oder tanzen oder am besten beides lassen. Da ist Ihnen die Aufmerksamkeit gewiss. Sie können sogar davon ausgehen, dass themenfremde Portale wie Spiegel online, Zeit oder T3N davon berichten und Ihre Tanz- und Rap-Einlagen einem breiten Publikum bekannt werden. Sie sollten dabei aber bedenken, dass auf diese Weise gewonnene Aufmerksamkeit im Zweifelsfall Ihre Arbeitgeber-Reputation empfindlich schädigen kann. Aber wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, lebt’s sich gänzlich ungeniert. Insofern – viel Spaß dabei!

Wie gesagt, das Video sollte im Idealfall glaubwürdig und praxisbezogen sein. Es soll einem Bewerber eine Orientierungshilfe geben – passen er und das Unternehmen zusammen oder nicht? Wird hier eine falsche Erwartungshaltung geweckt und alles über den grünen Klee gelobt, wird eine Arbeitsumgebung dargestellt, wie sie nicht vorherrscht, so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Ihnen der neu rekrutierte Mitarbeiter Hals über Kopf Lebewohl sagt. Zur Glaubwürdigkeit gehört auch, für die Videos echte Mitarbeiter einzusetzen und keine Schauspieler. Auch sollte ein Bewerber wissen, mit wem er es in den Videos zu tun hat. Das stärkt zudem die Identifikation mit den zukünftigen Kollegen. Und auch darum geht es ja. Ziel sollte es doch sein, dass Sie als Arbeitgeber glaubwürdig rüberkommen und potenzielle Bewerber zu Bewerbern machen, oder?

Schaut man sich auf den gängigen Plattformen um, so offenbart sich da eine unglaubliche Bandbreite an Videos. Ich habe mal versucht, eine Typologie der Videos vorzunehmen. Ich bin ehrlich: Das, was man dort geboten bekommt, macht mir eine klare Klassifizierung nahezu unmöglich. Zu vielfältig sind die Typen an Arbeitgeber-Videos, die einem JobTV24, Youtube, Vimeo und sonstige Quellen da anbieten. Dennoch will ich Ihnen meine Bemühungen nicht vorenthalten.

Typologie von Arbeitgeber-Videos

Begonnen hat das Thema Recruiting-Video eigentlich mit zwei (Ab-)arten: Mit dem „Langweiliger-Monolog-vom-Chef-Video“ und dem „langweiligen-Messe-Video„. Leider sind auch solche Videos heute noch vielfältig im Einsatz. Der Chef oder der Personalleiter erzählen in minutenlangen Monologen, wie toll doch das Unternehmen ist und welche Mitarbeiter gesucht werden. Das Ganze meist in einstudierten Posen, entweder mit offenkundig auswendig gelernten und/oder abgelesenen Texten. Ein absolutes Nogo, mit dem Sie weder einen Hund hinterm Ofen, noch einen Bewerber zur Bewerbung animieren können. Während das Ganze unter die Kategorie des „Ich-lese-die-Texte-ab-und-habe-einen-Stock-im-Arsch-Videos“ fällt, gibt es das Ganze alternativ etwas lockerer dann anstatt mit Büro im Hintergrund mit wuseliger Messe-Atmosphäre.

Eine Besonderheit sind die „Der-Arbeitgeber-als-Sekte-Videos„. Hier hat man den Eindruck, sämtliche Protagonisten wurden vorher einer umfangreichen Hirnwäsche unterzogen. Anders lässt sich ein solches Verhalten nicht erklären.

Ist die Frage, welche Zielgruppe mit solchen Videos erreicht werden soll? Das Ganze fällt im Übrigen auch in die Kategorie des „Das-meinen-die-doch-jetzt-nicht-ernst-Videos“ bzw. des Fremdschäm-Videos.

Beliebt ist auch die Kategorie des „Das-verletzt-die-Fürsorgepflicht-als-Arbeitgeber-Videos„. Oft fallen darunter Videos, die für Azubis werben. Wenn man bedenkt, dass zur Fürsorgepflicht auch „die Auszubildenden charakterlich zu fördern und von allem fernzuhalten, was sie sittlich gefährden könnte“ gehört, ist die Frage durchaus berechtigt, ob das in folgenden Fällen berücksichtigt wurde :-)

Diese wiederum fallen unter die „Wir-machen-jetzt-einen-auf-hip-und-jugendlich-Videos„. Dazu wiederum gehören zum einen die oben schon genannten Rap- und Tanz-Videos. Aber auch Videos, die auf grafische Effekte à la Graffiti oder ganz keck auf Hashtags setzen. Bedenklich finde ich Szenen wie in diesem Video, wo sowohl Alkohol- als auch Fleischkonsum verherrlicht werden.

Da werden Vegetarier vor den Kopf gestoßen. Ein Shitstorm wie seinerzeit bei der ING Diba ist da vorprogrammiert ;-)

Nun, wie schon gesagt. Man versucht sich betont jugendlich und hip zu geben. Das Ganze neben den schon erwähnten Rap-Videos auch mit Tanz-Videos, wo die Mitarbeiter dann vor die Kamera gezerrt werden und mit mehr oder weniger gelungenen Tanz-Einlagen glänzen. Das kann überzeugen

oder aber auch peinlich wirken:

Nun, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Und natürlich darf ein Video auch mal lustig sein. Ich find’s aber fragwürdig, wenn da bei dem einen oder anderen (durch Unterschichtenfernsehen zusehends verdummenden und Nutzung von Facebook & Co. zusehends zum Sozial-Legastheniker mutierenden Jugendlichen) eine falsche Erwartungshaltung – Stichwort EDEKA Azubi-Rap – aufgebaut und darüber geködert wird, dass er auf dem Kassierband Moonwalk tanzen und auf Hubwagen singend durch die Gänge fahren kann. Ja klar, ich bin Oberspießer (immerhin lebe ich in Wiesbaden) und gehe zum Lachen in den Keller. Aber irgendwo gibt es Grenzen. Und die hat Saturn Österreich mit diesem fragwürdigen Splatter-Video eindeutig überschritten. Womit wir eine weitere Kategorie hätten:

Noch einmal, es sollte in diesen Videos darum gehen, dass potenzielle Mitarbeiter/Azubis Einblick ins Unternehmen/in die Unternehmenskultur/den Arbeitsalltag bekommen und ihre zukünftigen Mitarbeiter kennen lernen. So wie in den nachfolgenden Beispielen von „Einblick-in-den-Arbeitsalltag-Videos“ bzw. „Kennenlernen-neuer-Mitarbeiter-Videos„:

Während die Protagonisten der bisher gezeigten Videos – ob gut oder schlecht sei mal dahin gestellt – tatsächlich echte Mitarbeiter waren, gibt es noch die Fälle, wo man es vorzieht, auf Schauspieler zu setzen. Aus welchen Gründen auch immer. Schönes Beispiel für die Kategorie „Wir-verzichten-auf-den-Einsatz-auf-Mitarbeiter-weil-wir-ohnehin-nicht-glaubwürdig-sind-Videos“ ist der Klassiker des Aldi-Süd-Videos. Arbeitgeber-Video und Realsatire in einem. Hübsch.

Ja, und während ich dachte, jetzt müssten wir doch mal alle Kategorien zusammen haben, so wurde ich heute durch einen Blogbeitrag vom Kult-HR-Blogger der Schweiz, Jörg Buckmann, eines Besseren belehrt. Dieser präsentiert nämlich das „Wir-machen-jetzt-einen-auf-Filmtrailer-Recruiting-Video„. Auch hier dürfen Sie sich getrost die Frage stellen, ob das Video die Zielgruppe erreicht. In diesem Falle geht es um Experten für die Intensivpflege. Witzig, ja. Realitätsnah? Hm. Aber schauen Sie selbst:

Eine beliebte Kategorie sind auch die „Wir-halten-lustige-Schilder-in-die-Kamera-Videos„. Hier halten – Sie ahnen es schon – die Protagonisten Schilder in die Kamera. Meistens stehen dann so etwas wie Unternehmenswerte oder Aufgabenbereiche auf den zumeist aus Pappe bestehenden Schildern.

Zuweilen sind es auch Kreidetafeln.

Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich auch die „Animierte-Infografik-Recruiting-Videos„. Vorreiter war da – zumindest in Deutschland – das Video der Schickler Unternehmensberatung. Mag auch sein, dass ich mich irre. Eigentlich ein ganz netter Ansatz. Schön, dass hier echte Mitarbeiter zu Wort kommen. Schade, dass man sie nicht sehen kann.

Auch BASF, Tchibo und zuletzt Allianz sind auf diesen Trend aufgesprungen.

Wo wir gerade bei Animationen sind – was halten Sie von dieser Variante?

Sie sehen, die Vielfalt an so genannten Recruiting-Videos ist schier unerschöpflich. Ich könnte jetzt noch das „Arbeitgeber-Image-Video“ z. B. Bahn), das „Hier-bewirbt-sich-der-Chef“ (VBZ), das „Wirklich-witzige-und-trotzdem-nicht-peinliche-Recruiting-Video“ (Twitter), das „Do-it-yourself-Recruiting-Video“ und das „Wir-machen-jetzt-Interviews-mit-allen-Mitarbeitern-und-halten-jedem-das-Mikro-direkt-vors-Gesicht-Video“ (z. B. Allianz) oder das „Pornoclip-Recruiting-Video“ (Dachdeckerinnung Oberschwaben) mit erwähnen, aber eigentlich sollte das hier gar nicht so ein langer Blogartikel werden. Deswegen schenke ich mir das jetzt. Nicht ohne ein paar Schlussbemerkungen allerdings.

Zunächst einmal: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Zudem sind Geschmäcker glücklicherweise verschieden (und so ist es auch selbstverständlich, dass auch Ihre und meine Meinung auseinander driften werden. Und das ist auch gut so). So wie es gute und schlechte Recruiting-Filme gibt, gibt es auch gute und schlechte Werbung. Und gute und schlechte Kinofilme. Fernsehsendungen. Bücher. Benehmen. Etc pp. Insofern findet der eine etwas zum fremdschämen, der andere wird es über den grünen Klee loben. So ist das nun mal. Keine Zielgruppe ist wie die andere. Was man aber wenigstens tun sollte, den guten Geschmack zu bewahren und den Nutzer nicht zu überfordern. Bspw. durch Filmchen, die sich unendlich in die Länge ziehen. Und wo wir schon bei der Länge sind – wie lang darf eigentlich so ein Filmchen sein? Auch da hängt es wieder von der Machart ab. Letztendlich darf ein Video so lang sein, wie es Spaß macht, dieses anzuschauen. Oder wie lange es dauert, relevante Infos zu transportieren. Als Bewerber ist man froh über jede Info, die man saugen kann. Wenn mir die in einem längeren, aber dynamischen und interessant bleibendem Video präsentiert wird, werde ich mir das Ganze auch bis zum Ende anschauen.

Empfehlungen für Recruiting-Videos

Wie immer gilt auch hier: Content is King. Und Kontext sowieso. Und damit sind wir wieder beim Anfang, nein nicht bei Adam und Eva, sondern bei Glaubwürdigkeit. Daher hier nun zum Abschluss noch ein paar Empfehlungen für Recruiting-Filme:

  • Grundsätzlich gilt, wie so oft: Erzählen Sie eine Geschichte. Reiten Sie nicht auf irgendwelchen langweiligen Unternehmenskennzahlen herum und setzen Sie nicht sich selbst in Szene. Was macht Sie als Arbeitgeber aus? Es ist die Kultur, sind die Werte und die Mitarbeiter. Also lassen Sie diese zu Wort kommen. Und legen Sie Ihnen die Worte nicht in den Mund. Weg mit auswendig gelernten Floskeln, weg mit Tele-Prompter, weg mit Pappen!
  • Glaubwürdig können Sie nur sein, wenn Sie authentisch sind. Oder umgekehrt. Das gelingt aber nur, wenn Sie Ihre echten Mitarbeiter zu Wort kommen lassen (s. o.). Laufen die jeden Tag mit gegelten Haaren und nachgezogenem Lippenstift, perfektem Augen-Makeup und im gebügelten Anzug/im Kostüm durchs Unternehmen? Wirklich? Wenn ja, okay, dann dürfen Sie so vor die Kamera stellen. Wenn nein, dann sollten Sie bei einem Shooting auch davon Abstand nehmen. Klar, dürfen Sie die glänzende Nasenspitze oder Stirn mal sacht abpudern. Aber ansonsten gilt, shooten Sie die Mitarbeiter so, wie sie tagtäglich an ihrem Arbeitsplatz erscheinen. Und shooten Sie sie auch genau in der Umgebung, in der sie arbeiten. Glaubwürdig können Sie nur sein, wenn Sie so sind, wie Sie sind. Glauben Sie mir!
  • Transportieren Sie Emotion, Energie, Begeisterung und das Engagement der Mitarbeiter. Nicht jeder, der Filme produziert, kann das. Suchen Sie sich einen Partner, der über ein hohes Maß an Empathie verfügt und die Mitarbeiter für ein Shooting aufschließt, ihnen die Hemmung nimmt, vor der Kamera zu agieren.
  • Halten Sie die Dinge in Bewegung. Wie oben schon erwähnt, kann sich auch ein längeres Video wie ein kurzes Video anfühlen, wenn es Ihnen gelingt, Ihren Betrachter emotional anzusprechen und die Inhalte entsprechend aufzubereiten. Was Sie tun können? Wähle Sie verschiedene Perspektiven, ändern Sie zuweilen das Tempo und den Rhythmus des Videos und/oder die Musik. Wechseln Sie die Inhalte/die Einstellungen des Videos, zeigen Sie mal Ihren Protagonisten in Portraitaufnahme, dann wieder in Arbeitsumgebung und/oder beim Verrichten der Aufgabe.
  • Und bei all dem zeigen Sie die Menschen – Ihre Emotionen, Ihr Lächeln, Ihre Gefühle.
  • Verzichten Sie auf Wein, Weib Rap, Tanz und Gesang.

Eigentlich sollte Ihnen dieser Artikel eine echte Typologie von Recruiting-Videos liefern. Sie sehen selbst, es gibt so viel unterschiedliche Ansätze, da ist es schlichtweg einfach nicht möglich. Weitere gute und weniger gute Beispiele in den unterschiedlichsten Kategorien finden Sie auch auf der Plattform recruitingfilme.de, weitere Gründe für den Einsatz von Recruiting-Filmen im Employer Branding in diesem Blogbeitrag.

 

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