Deutschlands beste 1000 Arbeitgeber: Sind wir nicht alle top?

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 6 Minuten.

Sie haben es wieder getan. Bereits zum sechsten Mal kürt FOCUS „Deutschlands beste Arbeitgeber“. Während man anderswo recht bescheiden ist und nur 100 Top-Arbeitgeber prämiert, geht FOCUS in die Vollen und deklariert gleich 1.000 Unternehmen als Top-Arbeitgeber. Egal, ob nur 6 oder mehrere Hundert Bewertungen: Alle sind sie „top“. Alles zu den Hintergründen und der Qualität dieses Siegels lesen Sie hier.

Es ist ein echtes Trauerspiel. Ohnehin knappe Personalmarketing-Budgets werden sinnlos verbraten für ein Siegel, welches ein Unternehmen als Deutschlands besten Arbeitgeber auszeichnet. Dabei ist es vollkommen egal, ob sich das Unternehmen auf Platz 1 dieses fragwürdigen Rankings befindet – oder eben auf Platz 1.000. Jedes darf sich „Deutschlands bester Arbeitgeber“ schimpfen. Glücklicherweise fallen viele Bewerber nicht auf diese Augenwischerei herein. Ein unbedarfter Bewerber hingegen durchschaut dieses Spielchen oftmals nicht und fällt auf solch eine Auszeichnung herein, die so manchen Arbeitgeber als vermeintlich top klassifiziert, der es aber gar nicht ist. Spätestens hier kommt dann das böse Erwachen. Insofern fördert dieses Siegel in der Folge also die Unzufriedenheit der Mitarbeiter in Unternehmen (die diese Unzufriedenheit auf kununu kommunizieren und damit zu einer Verschlechterung des Abschneidens der ausgewählten Unternehmen im nächsten Ranking führen, was indes egal ist, weil nach außen ja nicht ersichtlich, ob ein Unternehmen wirklich „top“ ist, oder eben nur an 1.000-er Stelle top).

Bester Arbeitgeber für 12.500 Euro

Deutschlands vermeintlich beste Arbeitgeber 2018 - Quelle FOCUS

Wir alle wissen: Etwas, das an 1.000 Stelle steht, kann nicht top sein. Top ist etwas „von höchster Güte, hervorragend; auf dem aktuellsten Stand, hochmodern„, so schreibt der Duden. Kann ein Arbeitgeber, der an letzter Stelle eines Rankings steht, hervorragend sein? Nein. Das ficht viele Personaler offenbar nicht an, in diese sinnlose (aber für Burda höchst effektive) Marketing-Masche zu investieren. 12.500 Euro kostet es die Unternehmen mittlerweile, wenn sie denn auch offiziell mit der Auszeichnung werben wollen. Pro Jahr wohl gemerkt. Bis sie das nächste Mal als „Deutschlands bester Arbeitgeber“ ausgezeichnet werden und dann vermutlich noch tiefer in die Tasche greifen müssen (2015 kostete das Siegel noch 10.000 Euro). Wer nicht mit dem Siegel werben will (und die Investition zurecht ablehnt), aber trotzdem wissen will, was denn in den Augen der Bewerber den „Top Arbeitgeber“ ausmacht, kann sich alternativ die Studienergebnisse ordern. Hier werden lediglich lächerliche 990 Euro fällig und man erfährt dann,

  • wovon die Attraktivität des Arbeitgebers aus Arbeitnehmersicht abhängt,,
  • welche Faktoren zu Arbeitnehmerzufriedenheit führen,
  • welche Treiber die Arbeitgeberattraktivität beeinflussen,
  • wie das eigene Unternehmen im Vergleich zu Mitbewerbern dasteht
  • und einiges mehr.

Laut Eigenwerbung enthält die Studie Auswertungen und Entwicklungen für jede der untersuchten Branchen. Zusammen mit den Auswertungen der Attraktivität einzelner Arbeitgeber, soll die Studie zudem klare Optimierungsansätze liefern, wie Unternehmen die Arbeitnehmerzufriedenheit weiter steigern können. Wer es glaubt, wird mit dieser Studie seinen Frieden machen. Basieren tut das Ranking auf Auswertungen aus über 127.000 Urteilen von Arbeitnehmern aus 1.490 Unternehmen auf XING und der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu, ergänzt um zusätzliche Befragungen. Klingt erst mal viel, relativiert sich aber schnell, wenn man alleine schaut, wie das Verhältnis der Unternehmensgröße zu den Bewertungen auf kununu oftmals ausfällt. Schauen wir uns dazu doch einfach mal die offizielle „Top 30“ an (siehe Abbildung oben).

Deutschlands beste Arbeitgeber - so kommt das Ranking zustande. Vielleicht. Quelle - Statista

Mit 6 Bewertungen Deutschlands bester Arbeitgeber

Während sich auf den Top-Plätzen des Top-Arbeitgeber-Rankings die üblichen Verdächtigen tummeln, reibt man sich bei Platz 10 verwundert die Augen. Diringer & Scheidel, ein Unternehmen, von dem man nie gehört hat, gehört also zu den 10 besten Arbeitgebern in Deutschland! Nun ist es nicht unbedingt verwunderlich, nie von einem Unternehmen gehört zu haben. Dafür gibt es einfach viel zu viel in Deutschland. Verwunderlich hingegen ist die Grundlage für diesen Platz: Ganze 9 Bewertungen auf kununu! Und das Unternehmen Bauder wurde sogar nur 6-mal bewertet. Trotzdem sind diese Unternehmen die besten Arbeitgeber Deutschlands (also zwei von 1.000). Dass das so ist, liegt wahrscheinlich an der fundierten Auswertung der Treiber-Analyse (siehe Abbildung unten).

So sieht Deutschlands bester Arbeitgeber aus - Quelle kununu

Aber trotzdem: Schon bemerkenswert, welch Hidden Champions sich da zwischen Adidas, Google, Audi, Puma und Volkswagen tummeln. Echte Arbeitgeber-Juwelen! Ich gehe allerdings jede Wette ein, dass viele von „Deutschlands besten Arbeitgebern“ vor diesem Ranking nicht einmal von der Existenz einer Arbeitgeberbewertungsplattform namens kununu wussten. Insofern stellt das Ranking natürlich auch vor diesem Hintergrund eine schöne Verkaufsmasche dar. Wobei wiederum fragwürdig ist, ob sich ein kleiner Mittelständler erlauben kann, diese Summe aufzubringen.

Deutschlands beste Arbeitgeber vs. Top Job

Was bei diesem Ranking auch ins Auge fällt, ist die Tatsache, dass unter den 1.400 bewerteten Unternehmen nur vier sind, die gleichfalls als einer von 100 Top-Arbeitgebern (Top Job) bewertet wurden. Klar, es gibt in Deutschland weit mehr als 1.400 Unternehmen. Dennoch: Unter den 1.000 besten Arbeitgebern Deutschlands sollten doch mehr als nur die vier Unternehmen vertreten sein. Noch spannender ist allerdings die Tatsache, dass unter „Deutschlands (vermeintlich) besten Arbeitgebern“ auch so einige sind, von denen grundsätzlich eher abzuraten ist und die durch Negativschlagzeilen in den Medien und schlechte Arbeitsbedingungen aufgefallen sind (klar, das waren alles nur dumme Einzelfälle).

Methodik - so kommt das Ranking Deutschlands beste Arbeitgeber zustande. Oder so ähnlich. Quelle - Statista

Die Datenerhebung und die Auswertung der Daten erfolgte übrigens analog zu den Vorjahren. Dies soll direkte Vergleiche zu den bisherigen Erhebungen ermöglichen. „Sowohl allgemein für die Untersuchung des Arbeitsmarktes in Deutschland als auch detailliert für Ihr Unternehmen„, heißt es in einer mir zugespielten Präsentation, der auch die Screenshots entnommen sind. Gegenüber der Vorjahres-Auswertung wurde das 2018-er Ranking noch um acht zusätzliche Kategorien (Internationalität, Arbeitsatmosphäre, Digitaler Arbeitsplatz, Karriere, Eigeninitiative, Weiterbildung & Entwicklung, Führungskultur sowie Gesund & Fit) erweitert – offiziell, „um weitere Einblicke in Bezug auf die Arbeitgeberattraktivität zu gewinnen„. Der wahre Grund ist aber der, aus dieser Bewerber (und Personaler) für dumm verkaufenden Studie noch mehr Geld zu schlagen.

Siegel als Freibrief für Unternehmen mit schlechten Arbeitsbedingungen

Viele haben den irreführenden Charakter dieses Rankings erkannt und ignorieren es schulterzuckend. Für andere hingegen ist hingegen gerade dieser irreführende Charakter ein wahres Willkommensgeschenk. Während es für diese Unternehmen aufgrund der Beurteilungskriterien (oder des oft nicht unerheblichen Aufwands eines entsprechenden Audits) schlicht unmöglich wäre, ein wie auch immer geartetes Siegel zu ergattern, stellt das FOCUS „Deutschlands bester Arbeitgeber“-Siegel quasi einen Freibrief dar, für 12.500 Euro eine weiße Weste zu kaufen und Bewerber in die Irre zu führen. Einen authentischen und glaubwürdigen Arbeitgeber-Auftritt ermöglicht dieses Siegel allerdings nicht. Übrigens erfolgte nicht nur die Datenerhebung und die Auswertung der Daten analog zu den Vorjahren: Auch die Repräsentativität der „Studie“ wird vom Anbieter selbst infrage gestellt:

„FOCUS vergibt sein Siegel an Unternehmen aus der großen FOCUS-Arbeitgeberliste. Die Aufnahme erfolgt anhand von FOCUS festgelegter objektiver und journalistischer Kriterien. Die Arbeitgeberliste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ.“

Fazit: Recruiting- und Personalmarketing-Verantwortliche sollten sich von der Studie und den Ergebnissen distanzieren, Bewerber sollten sich von solchen Siegeln nicht blenden lassen und das Zustandekommen hinterfragen. Für alle, die noch mehr Infos benötigen und tatsächlich wissen wollen, wer denn nun die Top 1.000 Arbeitgeber sind, kann sich für 5,99 Euro ein PDF herunterladen (klar, dass ich so etwas nicht verlinke).

Update: Auch Lars Hahn („Systematisch Kaffeetrinken“) hat sich des Arbeitger-Siegel-Wahnsinns angenommen. Hier geht’s zu seinem sehr lesesnswerten Artikel!

Hier geht's zum personalmarketing2null-Podcast!


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    1. Bärbel Schwertfeger sagt:

      ich würde ja gern einen Kommentar dazu schrieben, fliege aber immer raus???

      • personalmarketing2null sagt:

        Liebe Frau Schwertfeger,
        hm, das ist merkwürdig… Aber wenn Sie immer rausfliegen würden, wäre der Kommentar jetzt nicht online :)
        Also versuchen Sie es bitte gerne noch einmal!
        Herzliche Grüße und vielen Dank!
        Henner Knabenreich

    2. Lars Hahn sagt:

      Hallo Henner,

      wie Du auf Twitter schon geschrieben hast: Da haben wir die gleiche Thematik verbloggt. Und dann auch noch mit dem gleichen Tenor, Du mit dem Plädoyer, als Arbeitgeber die Finger davon zu lassen, ich mit Tipps für Bewerber, sich nicht einlullen zu lassen. Ich hab dann mal Deinen Beitrag noch nachträglich in meinen Blogartikel aufgenommen: https://systematischkaffeetrinken.de/2018/02/02/deutschlands-bester-arbeitgeber-ranking/
      Wer weiß, über welches Thema wir demnächst gemeinsam herfallen.
      ;-)
      Bis dahin
      Lars

    3. Moin Henner,

      jedes Jahr die gleichen Aufreger. Ich hätte mich schon gar nicht mehr getraut wieder darüber zu schreiben. Aber schön, es bei Dir zu lesen.

      Das Phänomen scheint mir ganz einfach zu erklären zu sein: Aufgrund der massiven Flut an Arbeitgeberrankings nehmen viele Personaler die Ergebnisse nur noch mit einem leichten Kopfnicken zur Kenntnis. Um aber die Einnahmen an Lizenzgebühren hoch zu halten, suchen die Anbieter nach neuen Kunden. Diese werden gefunden, verarbeitet, gerankt und haben damit die Chance auch mit einem „Top-Arbeitgeber“- Zertifikat zu werben.

      Wir sind zwar mit Platz 20 im Gesamtranking einer der Top-Aufsteiger und in diesem Sinne sicher auch ein von Dir so genanntes „Arbeitgeber-Juwel“, allerdings machen wir beim Siegel-Irrsinn nicht mit. Denn wir wissen um unseren positiven Arbeitgeberstatus aus internen Erhebungen, Bewerberbefragungen und dem eigenen täglichen Erleben. Daran ändern bunte Award-Bildchen nichts. Egal ob sie da sind oder nicht.

      In diesem Sinne: Weiterhin frohe Inspiration beim Bloggen.

      Viele Grüße vom Persoblogger

      • personalmarketing2null sagt:

        Lieber Stefan,
        wenn es danach ginge, dürfte ich gar nicht mehr bloggen :D
        Vieles von dem, was ich hier schreibe, ist so oder so ähnlich schon seit gut 8 Jahren ein Thema. Steter Tropfen höhlt den Stein, je mehr dazu beitragen – so, wie auch du das tust – umso besser ist es! Schließlich wollen wir ja etwas bewegen. Ich weiß, dass wir und unsere Leser nur einen Bruchteil derer ausmachen, die sich bewusst mit solcher Thematik auseinandersetzen. Und ich weiß auch, dass viele solch ein Siegel gerne annehmen, weil sie anderweitig niemals in irgendeiner Form zu Anerkennung kämen.
        Und natürlich sind mir diese Geschäftspraktiken, wie du sie so wunderbar beschreibst, ein Dorn im Auge. Umso wichtiger ist es mir, die Leute da draußen zu sensibilisieren. In der Hoffnung, dass diese Bewerberverarsche aufhört. Und immerhin gibt es ja erste Anzeichen dafür, das zumindest zeigen die Kommentare in der personalblogger-Gruppe oder auch auf Twitter. Machen wir also weiter im Zeichen ewiger Jugend und Aufklärung derselben ;)
        Viele Grüße nach Nürnberg
        Henner

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