Bei Anruf Ausbildung: Kein Anschreiben. Kein Auswahlgespräch. Kein Schnickschnack.

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 6 Minuten.

Vor gar nicht allzu langer Zeit schrieb ich über den Sinn des Anschreibens (den ich nicht sehe). Jobblogger Heiko Link vergleicht Lebensläufe mit den Produktdatenblättern von Waschmaschinen. Und tatsächlich gibt es mehr und mehr Unternehmen, die auf das Anschreiben verzichten und den Bewerbungsprozess vereinfachen. Aber es macht wohl kein Unternehmen so radikal und konsequent, wie der Caritasverband Düsseldorf. Dort heißt es seit einigen Tagen: „Bei Anruf … Ausbildung!„. Kein Anschreiben, kein Lebenslauf, kein Bewerbungsgespräch? Geht das? Und wie! Logisch, dass ich mir gleich den Telefonhörer geschnappt habe!

Dass nun gerade der Caritasverband Düsseldorf – und nicht ein in der breiten Öffentlichkeit bekanntes Unternehmen – mit einem solch harten Schritt vorprescht, mag überraschen. Oder auch nicht. Sind doch Pflegefachkräfte (besonders in der Altenpflege) ein heiß begehrtes Gut und tobt hier ein echter Kampf um die Talente. Abgesehen davon ist es ohnehin schwierig genug, junge Leute für den Beruf in der Pflege zu begeistern. Und trotzdem: Schaut man sich auf den Karriere-Websites (so sie denn überhaupt vorhanden sind) oder den Stellenanzeigen entsprechender Einrichtungen um, so hat man das Gefühl, dass der Fachkräftemangel dort noch nicht angekommen ist. Die Hürden, dass sich nur ja keiner bewirbt, werden hier gerne sehr hoch gehängt. Da hilft auch keine Pizza zum Vorstellungsgespräch.

Das fängt damit an, dass man die Stellenanzeige nur nach eingehender Suche findet, geht über Stellenanzeigen-Texte, die nun wirklich nicht ansatzweise darstellen, warum man sich denn nun ausgerechnet in dieser Einrichtung, diesem Unternehmen bewerben sollte und enden mit einer Aufforderung, die eher einem Befehl, denn einer Einladung gleicht, sich zu bewerben. Und dies nach Möglichkeit mit einem Anschreiben und natürlich einem Lebenslauf. Das Ganze idealerweise noch per Post, jedes einzelne Blatt in einer separaten Kunststoffhülle. Dass die Reisekosten nicht erstattet werden, ist da nur der Tropfen, der das Fass der negativen Candidate Experience zum Überlaufen bringt.

Kein Anschreiben. Keine Auswahlgespräche. Einfach nur ein Anruf.

Bei Anruf Ausbildung Altenpflege - Screenshot Caritas Düsseldorf

Das führt dann dazu, das viele Stellen unbesetzt bleiben. Dass man in der Ansprache von Azubis anders vorgehen muss, hat der Caritasverband Düsseldorf erkannt und sämtliche Hürden aus dem Bewerbungsparcours entfernt. Sämtliche. Lediglich das Telefon muss ein Bewerber in die Hand nehmen. Und die 0211 1602-1000 wählen. Das ist alles. Kein aufwendiges Bewerbungsschreiben, keine lästigen Auswahlgespräche. Es reicht einfach nur ein Anruf. Jeder Interessent erhält dann eine qualifizierte Ausbildung zum examinierten Altenpfleger. Keine Haken, keine Ösen. Kein Schnickschnack (mehr dazu unten im Text). Das nenne ich revolutionär. Frechmutig sogar.

Mit diesem Schritt will der Caritasverband Düsseldorf den Einstieg in den Beruf erleichtern und vor allem dem Fachkräftemangel in der Altenpflege etwas entgegen setzen. Und so heißt es auf der dazu gehörigen Website:

„SIE erhalten bei uns sehr einfach einen qualifizierten Ausbildungsplatz (Einstieg zu Oktober oder April möglich)! Kein aufwendiges Bewerbungsschreiben, keine lästigen Auswahlgespräche: Es reicht NUR ein Anruf! Jeder, der einen Ausbildungsplatz möchte, wird von uns genommen.*“

Es gehört schon jede Menge Mut dazu, mit den Konventionen zu brechen und einen neuen Weg in der Bewerberansprache zu gehen. Aber dieser zahlt sich aus. Ich bin mir sicher, Henrik Zaborowski hätte seine helle Freude.

57 Einstellungen in zwei Wochen

Bekannt gemacht wurde die Aktion neben einer Pressekonferenz in Schulen, Jobcentern, Ämtern, bei Landtagsabgeordneten und Stadtverordneten sowie durch Anzeigenschaltung auf der Titelseite der Rheinischen Post sowie Anzeigenblättern. Während hier die Reaktionen eher überschaubar waren (und die Anzeigenschaltung zu nicht einem einzigen Anruf führte), brachte das Verteilen von 3.000 Flyern durch zwei Sandwichman in der Düsseldorfer Altstadt am letzten Schultag sowie das Auslegen von 40.000 Edgar-Postkarten in Kneipen, Kinos, Cafés und Kultureinrichtungen in Düsseldorf die Drähte zum Glühen.

Das Telefon ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche besetzt. Rund um die Uhr. Das, was sonst nur (Recruiting-)Chatbots mit maschineller Intelligenz schaffen, schafft der Caritasverband Düsseldorf mit Menschen. Die „Bewerber-Hotline“ teilen sich die Referatsleitung Pflege, die Fachbereichsleitungen sowie die Ausbildungsverantwortliche, hat mir Pressesprecherin Stephanie Agethen verraten. Logisch, dass ich das ausprobiert habe. Tatsächlich ging nach wenigem Klingeln jemand ans Telefon und konnte meine Fragen beantworten. Das Credo, dass man seinen „Bewohnern, Gästen und Kunden […] eine intensive Betreuung rund um die Uhr“ bietet, macht also vor den Bewerbern nicht halt. Klasse!

Gut gefallen mir auch die Infos zu Gehalt und Benefits. So wird gleich mit dem Vorurteil aufgeräumt, die Ausbildung in der Pflege würde schlecht bezahlt.

Bei Anruf Ausbildung Altenpflege - auch Gehaltstransparenz ist gegeben

Ziel: 300 Ausbildungsstellen in den nächsten zwei bis drei Jahren

Ziel ist es, mittelfristig bis zu 300 Ausbildungsstellen zu besetzen. Das dürfte locker zu schaffen sein, wenn die Aktion weiterhin so gut läuft. Tatsächlich ist es aktuell sogar so, dass nicht die Bewerber, sondern die Schulplätze in den Pflegefachschulen das Nadelöhr darstellen. Geplant ist daher, im nächsten Jahr eine eigene Ausbildungsklasse einzurichten. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren. Auf Hochtouren laufen auch die Einstellungen. Waren es bis zur letzten Woche noch rund 45 Telefonkontakte, die zu 20 Einstellungen führten, sind es Stand heute (26.07., 12.46 Uhr) mehr als 100 Telefonkontakte mit 57 daraus resultierenden Einstellungen, wie mir Stephanie Agethen erzählt hat. Wahnsinn, oder? Schon mal etwas Vergleichbares gesehen? Ich nicht. Das schafft nicht einmal ein Recruiting-Chatbot ;).

Wie oben erwähnt, verzichtet der Caritasverband Düsseldorf komplett auf Anschreiben und die klassischen Auswahlgespräche. Einzige Grundvoraussetzungen, die ein Bewerber mitbringen muss: Alter über 16 Jahre, Zeugnis Hauptschule Klasse 10A (kein qualifizierter Hauptschulabschluss notwendig), keine Vorstrafen. Zudem wird immer individuell geschaut, was die Einrichtung Bewerberinnen und Bewerbern ansonsten auch bieten kann. So sind vorab individuelle Sprachschulungen oder Nachhilfe, Praktika, einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer oder ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Bundesfreiwilligendienst innerhalb der verschiedenen Bereiche des Verbandes möglich.

Keine Altersgrenze für die Ausbildung

Wie ist eine so hohe Einstellungsquote in so kurzer Zeit überhaupt machbar? Klar, zunächst einmal durch den super simplen Bewerbungsprozess. Einfach nur anrufen und schon hat man seinen Job, einfacher und ressourcenschonender geht’s kaum. Für beide Seiten. Anstelle von klassischen Auswahlgesprächen mit jedem einzelnen Bewerber, gibt’s stattdessen zweimal wöchentlich intensive Informationsgespräche in Kleingruppen. Schließlich müssen die Bewerber wissen, was auf sie zukommt! Diese Gespräche werden vom Referatsleiter, den Fachbereichsleitern und der Ausbildungsbeauftragten geführt, die natürlich den richtigen Riecher haben und schnell Defizite erkennen. Aber auch dann muss noch nicht Schluss sein. So bietet der Caritasverband diverse interne Beratungsangebote und kann fehlende Qualifikationen vermitteln oder bei Problemen helfen. So werden bspw. Sprachkurse vermittelt. Zielgruppe der Aktion sind übrigens nicht nur junge Menschen: Jeder hat eine Chance, eine Altersgrenze gibt es nicht. Henric Peeters, Vorstandsvorsitzender des Caritasverbands Düsseldorf, dazu:

„Wir probieren das. Wir geben jedem Menschen tatsächlich die Chance, übrigens nicht nur jungen Leuten, wir haben keine Altersgrenze, die Ausbildung bei uns zu beginnen und auszuprobieren, ob das was ist oder nicht.“

Auf die Frage, was man tun kann, um die Ausbildung in der Altenpflege bekannter zu machen, antwortet er: „Drüber reden.“ Wie recht er doch hat. Komisch nur, dass viele Unternehmen das immer noch nicht begriffen haben.

Ich ziehe meinen Hut und wünsche weiterhin viel Erfolg mit dieser tollen Kampagne.

Lust auf eine Ausbildung in der Altenpflege? Dann schnell anrufen! 0211 1602-1000.

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    1. […] Vielleicht geht Azubi-Auswahl ja auch ganz anders – lesen Sie das hier mal: Bei Anruf Ausbildung: Kein Anschreiben. Kein Auswahlgespräch. Kein Schnickschnack. […]

    2. Lieber Henner
      Tolles Fundstück. Das ist ja wirklich kaum zu glauben und übertrifft an Mut und Konsequenz alles, was ich bisher gehört habe. Klar, Pessimisten werden jetzt nicht ganz zu Unrecht einwerfen, dass man dann nach ein paar Monaten erst mal die „Durchhaltequote“ anschauen muss. Ich wünsche der Caritas aber von Herzen, dass der alte Spruch „wer wagt, gewinnt“ gilt. Grossartig!
      Jörg

      • personalmarketing2null sagt:

        Lieber Jörg,
        ja, das dachte ich auch, als ich das gesehen habe. Hier treffen Frech- und Freimut in einer bisher noch nicht da gewesenen Weise aufeinander und zeigen sehr schön, dass es „Geht nicht gibt’s nicht“ nicht gibt. Wer nicht wagt, gewinnt eben auch nicht. Und Grenzen, dass etwas nicht geht, sind eben nur in unserem Kopf. Wie heißt es so schön: Alle sagten, es geht nicht. Und dann kam einer, der hat’s gemacht.
        Hier werden gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen:
        1. Die Zielgruppe wird auf die Ausbildung aufmerksam gemacht. Drüber reden hat schon immer geholfen!
        2. Wird der Bewerbungs“prozess“ aufs Minimum reduziert.
        3. Bekommt das Unternehmen zusätzliche Aufmerksamkeit durch die mediale Berichterstattung und dadurch
        4. noch mehr Interessenten!
        Klar, natürlich, das mit der Durchhalte- oder Abbrecherquote wird spannend sein, zu beobachten. Aber mal ganz ehrlich: Die gibt’s bei klassischen Auswahlverfahren auch. Du weißt nie, ob du einem Job gewachsen bist oder ob deine Erwartungshaltungen enttäuscht werden. Das wissen übrigens auch Algorithmen nicht :)
        Insofern: Hut ab vor so viel Mut. Und diesem konsequenten Schritt. Und danke für deinen Kommentar!
        Viele Grüße
        Henner

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