Sechs Tipps, wie Sie als Recruiter Bewerber abzocken

Sechs Tipps, wie Sie als Recruiter Bewerber abzocken

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 4 Minuten.

Ich weiß, ich weiß. So neu ist dieses Geschäftsmodell gar nicht. Dass die Anfahrtskosten für eine Bewerbung nicht erstattet werden, ist leider oft gang und gäbe. Ob man sich so etwas in Zeiten eines gern kolportierten Fachkräftemangels erlauben kann? Ich glaube nicht. Viel eher sehe ich einen Zusammenhang zwischen diesem „Fachkräftemangel“ und der Unart mancher Unternehmen, die sich im Zweifelsfall sogar Top Arbeitgeber schimpfen dürfen und sich Wertschätzung auf die Fahnen schreiben. Aber was da jetzt gerade in der Schweiz die Runde macht, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Hier wird nämlich der Fall einer Bewerberin geschildert, die für ein ihr im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs angebotenes Getränk zahlen musste. Ja, Sie lesen richtig: Sie musste für ein ihr angebotenes Getränk zahlen. Folgendes trug sich gemäß des auflagenstärksten Schweizer Magazins 20 Minuten zu:

Jobsuchende muss beim Interview Getränk zahlen - Quelle Screenshot: 20 Minuten

Eine Bewerberin war auf der Suche nach einer Teilzeitstelle im Servicebereich und wurde von einem Gastrobetrieb zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Sie wurde daraufhin von der Geschäftsführerin begrüßt und gefragt, ob sie etwas trinken wolle, was Sie natürlich bejahte (Sie wissen ja, bloß keine Fehler im Vorstellungsgespräch machen und so. Nein sagen fällt gleich negativ auf einen zurück. Und nichts trinken – in der Gastro?). Die beiden führten dann ein nettes Jobinterview. Nachdem sich aber die Geschäftsführerin verabschiedet hatte, wurden von einer Serviceangestellten fünf Franken abkassiert (wie gesagt Schweiz). Wie jeder von uns wohl auch, dachte die Bewerberin, dass bei Bewerbungsgesprächen Getränke kostenlos angeboten werden. Ich meine, immerhin wurde ihr was angeboten. Ich kann mich an Gespräche erinnern, da wurden nicht mal Getränke angeboten. Nun ja, lange ist’s her. Vielleicht hätte ich sogar bezahlt, um nur meinen trockenen Gaumen während eines langen Vorstellungsgesprächs benetzen zu dürfen.

Wer nun glaubt, das war ein dummes Missgeschick, liegt leider falsch. Denn wie sagt die Leiterin des betroffenen Lokals so schön? „Nur weil bei einem Vorstellungsgespräch ein Getränk angeboten werde, heiße das noch lange nicht, dass es auch kostenlos sei.“ Guckst du! Und weiter: „Wir haben sehr viele Bewerber und laden diese auch gerne zu Gesprächen ein. Wir können doch nicht jedem einzelnen ein Gratisgetränk offerieren„. Nee, is klar. So wird ein Schuh draus.

Ein wunderbares Beispiel einer schlechten Candidate Experience. Zahlt super auf Ihr Employer Branding ein!

Andererseits….

6 Tipps, wie Sie als Recruiter Kasse machen

Jetzt überlegen wir mal. So ein Rekrutierungsprozess ist ja doch recht kostenintensiv. Wir leben in einem Geiz-ist-geil-System. Außerdem suchen Sie mit Sicherheit nach einer Möglichkeit, wie Sie bei Ihrem Chef bei der nächsten Gehaltserhöhungsverhandlung punkten können. Ich habe da was für Sie: Sie stellen Ihren Bewerbern in Zukunft einfach sämtliche Kosten in Rechnung, die diese mit ihrer lästigen Bittstellerei bei Ihnen verursachen. Schließlich ist das Ihre Arbeitszeit. Folgende Punkte sollten Sie m. E. in Rechnung stellen:

  • Ganz klar, Porto. Warum bewirbt sich der Idiot auch nicht online. Ach so, bei Ihnen kann man sich nur per Post bewerben? Na, dann erst recht! Schließlich müssen Sie den ganzen Klumpatsch zurück schicken.
  • Getränke (s. o.) Wäre ja noch schöner, wenn Sie für die Kosten an Wasser, Cola oder Kaffee aufkommen müssten. Hierbei würde ich mich an den gängigen Gastronomiepreisen orientieren. Ich denke, drei bis fünf Euro sind okay.
  • Fahrtkosten. Also Ihre. Ihren Bewerber lassen Sie ja sowieso schon zahlen, weil Sie keine Fahrtkosten erstatten. Aber schließlich müssen Sie ja extra für das Interview anreisen.
  • Arbeitszeit. So ein Vorstellungsgespräch dauert mindestens eine halbe, eher eine Stunde. Die sollten Sie dem Bewerber in Rechnung stellen. Und vergessen Sie nicht die Vor- und Nachbereitung! Ach, machen Sie sowieso nicht? Egal, weiß der Bewerber ja nicht! Denken Sie bitte auch an die Zeit, die Sie ins Sichten der Bewerbung und das Verfassen des Einladungsschreibens investieren.
  • Handseife. In Zeiten von Vogelgrippe und multiresistenten Keimen ist die Gesundheit ein höheres Gut denn je. Nach dem Händeschütteln ist ein entsprechendes Maß an Hygiene dringend erforderlich. Warum also nicht den Bewerber daran beteiligen?
  • Stellenanzeige. Klar, auch die darf nicht fehlen! Natürlich können Sie nicht die gesamte Anzeige in Rechnung stellen. Das wäre schon etwas unfair. Ermitteln Sie, mit wie viel Bewerbern Sie ein Gespräch geführt haben und stellen Sie die entsprechenden Anteile in Rechnung.

Habe ich was vergessen? Dann auf damit in den Kommentar! Und vergessen Sie nicht: Mit diesen Methoden sind Sie Ihrer Gehaltserhöhung einen Schritt näher. Oder vielleicht auch nicht? Kein Bewerber wird sich so etwas bieten lassen. Und solche Methoden sprechen sich rum. Und so bleiben die Bewerber aus. Und damit ist Ihr Job überflüssig. Macht aber nix, ist ja Fachkräftemangel ;-)

Also, Finger weg von solchen Maßnahmen! Zeigen Sie dem Bewerber das, was er verdient: Wertschätzung!

Ach, übrigens: Bei dem supergeilen Job als supergeiler Personalx sind die Drinks for free!

 

  1. Antje sagt:

    Nun, erfahrungsgemäß sehe ich es anders. Ich arbeite in einem ambulanten Pflegedienst: von zehn eingeladenen Bewerbern erscheinen maximal drei zum vereinbarten Vorstellungsgespräch. Von den restlichen sieben sagt maximal einer das Gespräch telefonisch oder per e-Mail ab. Ärgerlich. Weiter geht es mit dem Probearbeiten. Von 10 vereinbarten Probearbeitstagen werden maximal vier wahrgenommen. Der Rest sagt nicht mal ab und der Mitarbeiter wartet umsonst auf den potenziellen neuen Kollegen oder die neue Kollegin. Und wie oft kommt es dann vor, dass ich Personalbögen ausfüllen lasse, einen Arbeitsvertrag erstelle und der Mitarbeiter einen Tag vor Arbeitsbeginn absagt? Klar bereitet es mir da ein Schmunzeln das Stellen einer Privatrechnung in Erwägung zu ziehen! Warum soll meine investierte Arbeit nichts wert sein? Und vielleicht würde es den einen oder anderen zum Umdenken bewegen: ich habe meine Zeit nämlich nicht auf der Müllkippe verloren.

  2. sehr gut geschrieben! Vielleicht fallen uns ja noch ein paar Sachen ein ;-)

  3. Annika sagt:

    Naja, dass ICH während des Vorstellungsgespräches dem Bewerber einen 60-minütigen Monolog halte, macht nun mal einen tierisch trockenen Mund…Durst! Und um das alles aushalten zu können, tut es da kein Wasser, da müssen Cocktails her. Als dienstleistungsorientierter Bewerber lädt man da den Personaler ja wohl ein?! Sonst wird das nichts mit dem neuen Job! ;-)))

  4. Gi sagt:

    Fangen wir doch mal vorne an: Der Besprechungsraum kostet ja wohl schonmal Miete. 1h 40€, dann natürlich die Nebenkosten: Strom, Heizung usw.

    Der Kandidat muss vorher aufs stille Örtchen? Super 1€ wie am Bahnhofsklo.

    Außerdem sollte man eine Servicegebühr für die eingeatmete Luft ansetzen. Ach Fenster öffnen kostet extra, steht nicht in meinem Arbeitsvertrag. Also Sonntagspauschale.

    Dann sollte man diese ganzen Kosten externalisieren, also Rechnungsstelle beauftragen. Diese Kosten kann man auch umlegen (was sonst?)

    So far so bad bb

  5. Klasse Ideen!
    Wie wäre es, wenn beim Einstellungsgespräch ein Sparschwein auf dem Tisch steht und der Bewerber pro eigener Frage 5 Euro bezahlen muss? Dumme Fragen das Doppelte natürlich :-)

  6. Ganz klar ist .. der neue Mitarbeiter muss sich an den Einarbeitungskosten beteiligen – am besten komplett – und wenn der neue Job eine Zertifizierung erfordert, trägt der Mitarbeiter die Kosten. Schließlich kommt das ja seiner Bildung zugute.

  7. Lars Hahn sagt:

    Ich finde, wenn Mieter jetzt den Makler zahlen können, dürfen Berwerber auch den Personalberater zahlen. Also komplett. Die ersten x Gehälter werden direkt an ihn abgedrückt.
    Oder man splittet auf alle Berwerber, sozusagen als Wetteinsatz.

  8. André Luce sagt:

    – Parkplatzgebühr
    – Servicegebühr am Empfang
    – Gebühr fürs (Online-)AC
    – kostenpflichtige Sonderrufnummern für Infos zur Stelle (der feuchte Traum jedes HRlers)
    – Werbeeinblendungen beim Warten am Telefon, am Empfang oder als Unterbrecher beim VG

    Da ist noch viel zu holen. Übrigens: bei der Gebühr für die Stellenanzeige (s.o.) handelt es sich um ein 24-Monats-Abo.

  9. Stefan sagt:

    Wie wäre es mit:

    Abzug von 50% des Gehaltes während der Einarbeitung, weil man ja noch nicht 100% Leistung bringt.

    Da fällt mir ein: der Einarbeitungs-Pate muss ja auch Zeit investieren. Also kriegt der Bewerber in der Einarbeitung gar nichts

Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

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