Absolventen oder Absolvierende? Über die richtige Ansprache auf Karriereseiten

Lesezeit: 4 Min. Karriere-WebsitesPersonalmarketing

Schaut man sich so manche Karriereseiten an, so findet man immer häufiger auch den Begriff “Absolvierende” als Menüpunkt in der Navigation. “Absolvierende” ist die politisch überkorrekte (aber leider falsche und vollkommen sinnfreie) Bezeichnung für “Absolventen”. Ein Blick auf die Bedeutung des Begriffs “absolvieren” würde eigentlich schnell Klarheit schaffen. Und wenn die Verantwortlichen endlich einmal ihren gesunden Menschenverstand einschalten würden, anstatt in blindem und vorauseilendem Gehorsam (und unter dem Druck einer lauten Minderheit) dem Diktat der Diversity- und Gender-Lobby zu folgen, würde “absolvierenden” Absolventen bzw. studierenden “Absolvierenden” dieser Unsinn erspart bleiben.

“Absolvierende” grammatikalisch und inhaltlich falsch

Trotz des offensichtlichen Unsinns, den Begriff “Absolventen” durch “Absolvierende” zu ersetzen, hindert das diverse (also im Sinne von verschiedene) Unternehmen nicht daran, bestehende Sprachregeln außer Kraft zu setzen und grammatikalisch und inhaltlich falsche Wortschöpfungen zu kreieren. Ich hatte schon mehrfach auf diesen Sprachunsinn hingewiesen, etwa beim “Kaufmensch“, bei “Studierenden” oder “Studienaussteigenden“, nun geht es um “Absolvierende”.

Unternehmen nutzen sinnfreie Formulierungen

Da heißt es dann etwa bei Mustang “Ganz gleich, ob Auszubildende, Studierende, Absolvierende einer Hochschule/Universität oder (Young) Professionals […]“, bei Mercedes-Benz “Absolvierende. Werden Sie nach dem Abschluss Teil eines globalen Automobilunternehmens, das das Ziel hat, die begehrenswertesten Autos der Welt zu bauen […]“, bei Essity “Ob Du […} als frischgebackene Absolvierende auf der Suche nach einer spannenden beruflichen Aufgabe bist […]“, bei Claas “Absolvierende bei Claas. Ihr Start ins Berufsleben” und weiter “Nach dem Hochschulabschluss bieten sich Ihnen viele Karrierewege. Gehen Sie Ihren Karriereweg mit uns. Einen Weg mit Entfaltungsmöglichkeiten sowie mit einem klaren Ziel vor Augen: Zukunft zu ernten.”,  oder bei BOMAG “Für Absolvierende bieten unser Traineeprogramm oder ein Direkteinstieg die perfekte Chance, um mit Vollgas ins Berufsleben zu starten.”, um nur ein paar Unternehmen zu zitieren.

Absolvierende sind keine Absolventen - fehlerhafte Bezeichnungen auf Karriereseiten

Absolventen haben ihr Studium abgeschlossen. Absolvierende sind noch dabei.

Warum ist der Begriff “Absolvierende” kein adäquater Ersatz für “Absolventen”? Nun, die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Absolventen haben ihr Studium bereits abgeschlossen, also absolviert. Absolvierende hingegen sind diejenigen, die ihr Studium (oder ein Praktikum oder auch eine Ausbildung) noch absolvieren, also abschließen müssen. So gesehen sind Absolvierende also Studenten, die, sobald sie ihr Studium mit Bravour absolviert haben, dann Absolventen werden.

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen “absolvieren” und “Absolvent”

Werfen wir dazu einmal einen Blick ins „etymologische Wörterbuch“, welches auf DWDS (der deutsche Wortschatz) zitiert wird. Da heißt es (Hervorhebungen von mir):

absolvieren Verb. ‘(eine Schule) bis zum Abschluss durchlaufen, (erfolgreich) beenden, eine vorgeschriebene Zeit ableisten’, auch (schon mittelhochdeutsch) ‘los-, freisprechen’ (von Acht, Bann), ‘von Sünden freisprechen, Sünden vergeben’, entlehnt aus lateinisch absolvere ‘ab-, loslösen, befreien, los-, freisprechen (vor Gericht), abfertigen, bezahlen, vollenden’, zu lateinisch solvere ‘lösen, öffnen, bezahlen, befreien, aufheben’. – Absolvent Maskulinum. ‘wer etwas (eine Schule, ein Studium, eine Ausbildung) beendet, zum Abschluss bringt, erfolgreich vollendet hat’, aus lateinisch absolvēns (Genitiv absolventis), Partizip Präsens von lateinisch absolvere.

Und der Duden, immerhin für viele Deutsche Sprachinstanz Nr. 1 und zumindest in der Online-Ausgabe Verfechter der Gender-Ideologie (Stichwort “Gästin”, “Bösewichtin” (das ist kein Scherz!) oder das Gendern sämtlicher Berufsbezeichnungen) kennt zwar “Absolventen”, aber nicht “Absolvierende”.

Für Google hat der Begriff “Absolvierende” keine Relevanz

Was ist denn eigentlich mit Ottonormalabsolvent – sucht der nach “Absolvierenden”? Denn natürlich spielt auch die Google-Suche eine gravierende Rolle bei der Auffindbarkeit von Informationen für Absolventen. Und das nicht nur wegen Google for Jobs, sondern weil Menschen die größte Suchmaschine der Welt nun mal für alles nutzen.

Auch und zunehmend für die Suche nach potenziellen Arbeitgebern. Wie nicht anders zu erwarten, spielen “Absolvierende” auch bei der eigentlich adressierten Zielgruppe keine Rolle. Die suchen natürlich nach “Absolventen” bzw. “Absolvent”.

Widersprüche auf Karriereseiten klar erkennbar

Selbst auf den Karriereseiten der oben genannten Unternehmen sind diese Widersprüche deutlich zu erkennen, etwa bei Mercedes-Benz: Wie kann ich als Absolvierender “nach dem Abschluss” das begehrenswerteste Auto der Welt bauen, wenn ich mein Studium doch noch gar nicht abgeschlossen habe? Als Absolvent ginge das, klar. Oder Essity: Wie wird man “frischgebackene Absolvierende“? Frisch gebackener Absolvent ginge. Oder BOMAG: Meinen die jetzt, dass ich als Student (also während ich das Studium absolviere) ein Traineeprogramm absolvieren oder direkt einsteigen kann? Oder suchen die nicht eher Absolventen? Und so lässt sich dieses Spiel beliebig fortsetzen.

Obwohl einem die Absurdität dieser Worte eigentlich ins Auge springen müsste, hält das die Unternehmen nicht davon ab, solchen Unsinn zu verzapfen.

Nennen Sie den Menüpunkt “Absolventen”

Ich glaube, mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Zusammengefasst: Absolventen sind die, die Sie für Ihr Traineeprogramm oder den Direkteinstieg suchen. Nicht Absolvierende. Denn das sind Studenten. In der Konsequenz heißt das: Vergessen Sie Ihre übertriebene politische Korrektheit und den Wunsch, es allen recht machen wollen zu müssen und nennen Sie den Menüpunkt bzw. die Seite auf Ihrer Karriere-Website inhaltlich und grammatikalisch korrekt “Absolventen”.

Kommentare (1)

Lesender

Es sind ja eigentlich Nichtigkeiten - aber ich gebe zu, dass auch ich im Podcast-Umfeld schneller aussteige, wenn mit neuen und teils unsinnigen Wortkreationen, “narrativen” und “mindsets” gearbeitet wird. Das kommt für mich nicht menschlich - sondern sehr oft arrogant rüber!

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