Über allen Fachkräftegipfeln ist Ruh‘. Vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz und Rekrutierungsreisen

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 14 Minuten.

Montag war ein großer Tag für die deutsche Wirtschaft! Denn da tagte der Fachkräftegipfel. Und der bringt, Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei Dank, den Unternehmen endlich! die Lösung gegen den bösen „Fachkräftemangel“. Denn, so Frau Merkel in ihrem Video-Podcast zum Fachkräftegipfel und Fachkräfteeinwanderungsgesetz, „die Unternehmen seien händeringend auf der Suche nach Fachkräften„. Wie wir alle wissen, ist das natürlich Unsinn. Wirklich „händeringend“ auf der Suche sind nur die wenigsten. Und die wirklich suchen finden in und außerhalb der Regel auch. Aber schauen wir uns doch mal an, was sich die Politik ausgedacht hat und warum das Ganze letztendlich komplett am „Problem“ vorbeigeht.

Ohne ausreichend Fachkräfte kann ein Wirtschaftsstandort nicht erfolgreich sein„, erkennt Frau Merkel in ihrem „Video-Podcast“ zum Fachkräftegipfel sehr richtig. Weiter heißt es: „Deutschland hat leider nicht überall ausreichend Fachkräfte.“ Das wiederum würde ich so nicht stehen lassen. Dass das nicht so ist, hat bereits Martin Gaedt in seinem Klassiker „Mythos Fachkräftemangel“ bewiesen. Fachkräfte gibt es in Deutschland sehr wohl. Nur müssen diese (aktiv und wertschätzend) umworben und (neue) Potenziale gehoben werden. Wenn Handwerksbetriebe, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und andere Betriebe aber ihre Hände in den Schoß legen, kein Geld in die Hand nehmen, keine Ressourcen schaffen und darauf warten, dass der nächste Mitarbeiter von sich aus vor der Tür steht und um Einlass begehrt, so können sie warten, bis sie schwarz werden.

Wo bekomme ich die geeigneten Fachkräfte her?

Wo bekomme ich die geeigneten Fachkräfte her?„, fragt Frau Merkel. Frau Merkel ist unsere Bundeskanzlerin. Eine Bundeskanzlerin muss keine Ahnung von Recruiting haben. Deswegen sei ihr diese Frage verziehen. Die sich im Übrigen „im akademischen Bereich, aber auch bei den praktischen Berufen“ stellt (was auch immer unter „praktischen Berufen“ zu verstehen ist). „Wir kennen viele Handwerker und Betriebe, die händeringend Fachkräfte suchen„. Primär kennen wir viele Handwerker und Betriebe, die lautstark jammern. Kennen Sie welche, die wirklich „händeringend“ suchen? Ich nicht.

Denn diese Betriebe haben ja gar keine Zeit. Sie haben gar keine Ressourcen, um zu suchen. Sagen sie. Dabei, so Frau Merkel, sei es „notwendig, dass wir uns um ausreichend Fachkräfte bemühen. Denn sonst müssen Unternehmen abwandern – und das wollen wir natürlich nicht.“ Frau Merkel mag entgangen sein, dass nicht nur Unternehmen abwandern (und das tun sie in der Regel nicht, weil sie keine Fachkräfte finden, sondern weil ihnen die deutschen Fachkräfte im eigenen Land zu teuer sind), sondern auch viele Deutsche, die erkannt haben, dass ihr Know-how und ihre Arbeitskraft im Ausland sehr viel mehr wertgeschätzt werden, als hier bei uns, wo der Mensch im Wesentlichen auf eine Ressource, als reiner Produktionsfaktor, reduziert wird.

Deutschland verliert jedes Jahr 50.000 Fachkräfte

Sage und schreibe 180.000 Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit haben Deutschland im Durchschnitt innerhalb des letzten Jahrzehnts pro Jahr verlassen. Zwar sind rund 129.000 deutsche Auswanderer zurückgekehrt, dennoch haben wir aufgrund besserer Arbeitsbedingungen in anderen Ländern durch diesen „Brain Drain“ jedes Jahr durchschnittlich 50.000 hochqualifizierte Fachkräfte an diese verloren.

Wobei Frau Merkel sehr wohl feststellt, dass wir „auch ansetzen müssen, um die Arbeitsbedingungen vernünftig zu gestalten„. Aber eben „nur“ auch. Wen interessieren schon Arbeitsbedingungen? Hauptsache ist doch, dass die möglichst billige Ressource Mensch ihren Job macht, gell?

Übrigens ist das neben überhöhter Anforderungen (bspw. zwingend erforderliches IT-Studium bei Softwareentwicklern) auch der Grund, warum etwa 124.000 Menschen in der IT-Branche „fehlen“. BITKOM-Verbandspräsident Achim Berg warnt davor, dass „jede offene Stelle geringeres Wachstum, gedrosselte Wertschöpfung, Verlust an Innovationen und Rückstand im Standortwettbewerb“, bedeuten. Damit hat er sogar uneingeschränkt recht. Nur: das Problem ist nicht der „Fachkräftemangel“. Das Problem sind die Unternehmen selbst.

Fachkräftestrategie der Bundesregierung

Was unternimmt die Bundesregierung gegen den „Fachkräftemangel“?

Aber ungeachtet dessen: Was unternimmt die Bundesregierung denn nun gegen den Fachkräftemangel? „Die Bundesregierung hat mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz den rechtlichen Rahmen geschaffen. Nun heißt es, die Menschen auf der Welt zu finden, die bereit sind, zu uns nach Deutschland zu kommen„, so Angela Merkel. Hm, die „Menschen auf der Welt zu finden, die bereit sind, zu uns nach Deutschland zu kommen“. Ich denke, wir haben schon Menschen genug, die bereit wären, zu arbeiten. Es scheitert indes an den Unternehmen, respektive oft eben an dem Personal, welches deren Kompetenzen und Fähigkeiten erkennt bzw. die Qualifikation ausschließlich anhand von Anschreiben (dessen diagnostische Eignung gleich null ist), Lebenslauf (!!) und Zeugnissen (!!!) beurteilt. Und es scheitert daran, dass diese Unternehmen nicht bereit sind, die Löhne zu zahlen, die fair und angemessen wären. Und es scheitert an Arbeitsbedingungen, die den Bedürfnissen und Werten der Mitarbeiter gerecht werden.

Vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz profitieren Unternehmen mit prekären Arbeitsbedingungen

Aber den Menschen in Mexiko, den Philippinen, Polen, Albanien, Rumänien, Bulgarien, Vietnam, China, Indien und woher auch immer diese Fachkräfte kommen sollen, nehmen all das wohl in Kauf. Denn die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung mögen hierzulande unangemessen und unterirdisch sein, in ihrem Heimatland sind sie es erst recht. Und da diese Menschen solche Verhältnisse ja gewöhnt sind, holt man sie hier nach Deutschland in  Unternehmen, die für ihre prekären Bedingungen bekannt sind. So hat zum Beispiel unser Gesundheitsminister die Deutsche Fachkräfteagentur für Pflegeberufe gegründet und einen Deal mit Alloheim eingetütet, die nun von Pflegefachkräften aus Mexiko profitieren können. Klar, seitdem Trump eine Mauer baut, sind die Perspektiven dort eher mäßig, da tritt man auch gerne mal den weiten Weg ins gelobte Land an. Fünf Dutzend mexikanische Pflegekräfte arbeiten bei Alloheim seit mehreren Monaten, verteilt auf 24 Einrichtungen des Pflegekonzerns, der für seine prekären Bedingungen mehrfach in den Schlagzeilen stand.

Ich wünsche mir für all die armen Mexikaner eine spanische Version von kununu und Glassdoor, so hätten sie Transparenz und wüssten schnell, warum Alloheim hierzulande keine Mitarbeiter findet und warum man sich nun „händeringend“ auf anderen Märkten umschaut.

Mitarbeiterbindung beginnt bereits beim Recruiting

Mitarbeiterbindung beginnt bereits beim Recruiting. Nur wenn Sie fähige und zur Unternehmenskultur und den Werten des Unternehmens passende Mitarbeiter zu sich ins Unternehmen holen, können Sie mit hoher Zufriedenheit, Loyalität und Engagement rechnen. Mitarbeiter, die Ihnen lange erhalten bleiben und gerne bei Ihnen arbeiten. Eine „Fachkräftestrategie“, die Mitarbeiter aus dem Ausland holt, wo es letztendlich nur darum geht, billige Arbeitskräfte zu rekrutieren, kann auf Dauer nicht funktionieren. In der Folge müssen solche  Unternehmen noch mehr in ihre „Recruiting-Bemühungen“ investieren. Dass das nicht von Erfolg gekrönt sein kann, sollte jedem klar sein, der halbwegs von hier bis an die Wand denken kann. Offenbar gehören viele Unternehmenslenker und Führungskräfte nicht dazu. Und offenbar auch nicht die Politik, sonst würde sie einen solchen Unsinn nicht fördern, sondern da ansetzen, wo es wirklich notwendig wäre. Unternehmen können es sich heutzutage in einem so engen Bewerbermarkt nicht mehr erlauben, mit ihren Mitarbeitern so umzugehen. Auch wenn sie im fernen Ausland rekrutieren, sprechen sich solche Arbeitsbedingungen dank Mundpropaganda schnell herum. Mit der Folge, dass sich bald gar kein Personal mehr anwerben lässt. Was im Falle solcher Unternehmen nur recht und billig ist.

Mit Rekrutierungsreisen auf der Jagd nach Fachkräften

Und so gibt es „Rekrutierungsreisen“ in aller Herren (m/w/d) Länder. Hier darf sich dann die weiße Herrenrasse nach willigem und billigem Personal umschauen. Eine regelrechte „Rekrutierungsreisen-Industrie“ entwickelt sich prächtig und man reibt sich freudestrahlend die Hände, ob all der Aufträge, die da von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen etc. pp. hereinschneien. So wird aktuell etwa eine Rekrutierungsreise nach Brasilien angeboten, um dort Fachkräfte für deutsche Unternehmen im Industriebereich zu gewinnen. Anmeldeschluss ist übrigens der 21.03.2020. Da sollten Sie zuschlagen, gibt’s bestimmt das ein oder andere Mitarbeiter-Schnäppchen und eine Reise an den brennenden Amazonas wollten Sie doch bestimmt immer schon mal unternehmen, oder? Der Eigenanteil der Unternehmen für die Teilnahme beträgt in Abhängigkeit der Größe des Unternehmens zwischen 500 und 100 EUR (netto). So günstig kommen Sie nie wieder nach Brasilien!

Aufruf zur Rekrutierungsreise zur Fachkräftegewinnung in Brasilien

Der Mehrwert der teilnehmenden Unternehmen besteht übrigens darin, „ihren aktuellen Bedarf nach Fachkräften in relativ kurzer Zeit zu decken, da die Vorauswahl der Bewerber und eine Unterstützung bei den formalen Vorgaben wie der Anerkennung der Abschlüsse durch die Projektdurchführer erfolgt„. Sie selbst benötigen also keinerlei Recruiting-Know-how! Hauptsache, neue Mitarbeiter! Egal, ob die ins Unternehmen passen, oder nicht! Hauptsache, billige Arbeitskraft und Hirn nicht einschalten! Und ganz nebenbei können Sie noch Ihren strategischen Markteinstieg in Brasilien planen und vorbereiten. Zwei Fliegen mit einer Klappe – Unternehmerherz, was willst du mehr?

Auch Peter Altmaier liebt solche Rekrutierungsreisen. Er war „allein in diesem Jahr in Vietnam, in Ägypten, im Silicon Valley, zweimal in China, mehrfach in Russland, auf dem Balkan und in vielen anderen Ländern„, um Fachkräftepotenziale zu sichten, wie er stolz berichtet. Besonders klimaschonend ist das nicht. Und wo bspw. die Menschen, die dank EU-Freizügigkeit ins gelobte (Deutsch-)Land kommen und selbiges dann nicht vorfinden, sieht man sehr schön bspw. auf den Straßen Wiesbadens. Denn diese machen einen Großteil der hoffnungslosen Wohnungslosen aus.

Aber schließlich hat „Deutschland ein Interesse daran, im Wettbewerb um die fähigsten Köpfe, um die fleißigsten Handwerker, um die besten Arbeitnehmer vorne mit dabei zu sein„, so Peter Altmaier im Tagesspiegel. Für ihn ist das „Fachkräfteeinwanderungsgesetz eine epochale Entscheidung.“ Klar, da fließen ja ein paar Euro in seine .. äh… in die Staatskasse. Dass indes die fähigsten Köpfe, die fleißigsten Handwerker und die besten Arbeitnehmer in der Ferne ihren Job, ihre Heimat und ihr soziales Umfeld aufgeben sollen, scheint mir weltfremd.

Dank Fachkräfteeinwanderungsgesetz Schaffung neuer Arbeitsplätze

Positiver Effekt des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Denn es muss natürlich auch für personelle Verstärkung an den deutschen Botschaften und Konsulaten gesorgt werden, damit diese vor Ort um Fachkräfte werben können. Nur, da tut sich das nächste Problem auf. Denn Behörden, siehe bspw. das BAMF oder das BKA, tun sich bekanntlich ihrerseits schwer mit der Rekrutierung von Fachkräften. Möglicherweise hat Herr Altmaier das übersehen, der sich wünscht, dass die Menschen aus Vietnam, China, Russland, Ägypten, Mexiko etc. pp. „bereits mit Sprachkenntnissen nach Deutschland kommen, was ihre Integration natürlich wesentlich erleichtern  würde„. Natürlich. Wovon träumen Sie nachts, Herr Altmaier? Von dicken saftigen Haxen und Schweinebraten?

In jedem von uns schlummert eine Fachkraft

Fachkräftemangel? Es heißt ja immer, es gäbe keine passenden Bewerber. Das ist natürlich Unsinn. Denn Fachliches kann man lernen, Persönlichkeit nicht. Schauen Sie sich nur mal Peter Altmaier an: der hat Jura studiert, war danach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Europa-Institut an der Universität des Saarlandes. Danach wechselte er als Beamter in die Generaldirektion für Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten der Europäischen Kommission, wo er dann Generalsekretär der Verwaltungskommission für die soziale Sicherheit der Wanderarbeitnehmer war. Wanderarbeitnehmer, so so. Hier schließt sich der Kreis mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Aber Altmaier ist ein echter Tausendsassa, bzw., wie man so sagt ein „Top Talent“. Denn nach der EU zog es ihn als parlamentarischer Staatssekretär ins Innenministerium. Dann war er Umweltminister und Chef des Bundeskanzleramtes. Kurzzeitig half er auch als Finanzminister aus. Im aktuellen Kabinett dient Altmaier der Kanzlerin als Wirtschaftsminister. Was für eine Karriere! Die, das nur am Rande, keines besonderen fachlichen Know-hows benötigt, um verschiedenste Positionen zu durchlaufen.

Merkel und Altmaier als „Best Practice“ für Fachkräftepotenzial

Oder Frau Merkel: Die ist ursprünglich Physikerin gewesen. Ihren Doktortitel erlangte sie mit ihrer Dissertation, die den launigen Titel „Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden“ trägt. Merkel war Bundesministerin für Frauen und Jugend, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Generalsekretärin der CDU und nun ist sie eben Bundeskanzlerin. Eigentlich eine echte Verschwendung, werden begabte Physiker doch mindestens ebenso „händeringend“ gesucht, wie Pflegefachkräfte, Handwerker oder Mitarbeiter in Kommunen. Auf der anderen Seite führen uns die Beispiele Altmaier und Merkel exemplarisch quasi als „Best Practice“ vor Augen, dass in jedem von uns ungeahnte Ressourcen schlummern. Jeder von uns könnte also die „händeringend“ gesuchte Fachkraft sein. Wenn denn die Unternehmen die notwendige Flexibilität mitbrächten!

Was sie aber nicht tun. Denn dort sitzen Menschen, die einen Kandidaten ausschließlich anhand seiner fachlichen Qualifikationen, seiner Rechtschreibstärke oder seinen Prosa-Fähigkeiten beurteilen und die leider nur allzu oft keine Ahnung von dem Bereich haben, den sie von der Personalauswahl her verantworten.

Make it in Germany-Portal mit eklatanten Schwächen

Teil der großartigen Fachkräftestrategie ist übrigens auch das Portal „Make it in Germany“ (bitte gut artikulieren, sonst ernten Sie vorwurfsvolle Blicke, weil die Gegenseite „naked in Germay“ verstand). Auf diesem Portal werden natürlich auch Jobs für die hoffnungsvollen Kräfte im fernen Ausland ausgeschrieben, die die Unternehmen hier beglücken wollen sollen. Das Portal ist ein Usability-GAU, der potenzielle Fachkräfte wohl eher verschrecken als begeistern wird, und auf verschiedenen Sprachen verfügbar. Besonders pfiffig erscheint mir hier, dass der Link zur „Jobs“-Seite nicht unmittelbar zu den Stellenangeboten führt und die Stellenangebote darüber hinaus nur in deutscher Sprache verfügbar sind – egal, in welcher Sprachversion Sie das Portal aufrufen. Aber recht so, schließlich sollen die Damen und Herren vernünftig deutsch sprechen und verstehen, da ist die Stellenausschreibung doch gleich mal die erste Herausforderung, an denen sie scheitern können sich beweisen sollen.

Make it in Germany zeigt lieber Textwüsten, anstatt der versprochenen Jobs

Herr Altmaier lässt es sich im Übrigen nicht nehmen, potenzielle Fachkräfte auf Deutsch, Englisch und Französisch von diesem großartigen Portal zu überzeugen:

Die Bundesregierung hofft, dass ihr Informationsportal „Make it in Germany“ mit Hotline und Jobbörse stärker genutzt wird und Unternehmen mehr Stellenangebote für ausländische Fachkräfte melden. Nun denn, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Von einer Fachkräftestrategie keine Spur

Wie heißt es so schön im Papier zur Fachkräftestrategie (die im Übrigen bereits Ende 2018 verkündet wurde):

„Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben, unseren Wohlstand und unsere starke soziale Marktwirtschaft erhalten und ausbauen wollen, müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft die qualifizierten Fachkräfte sind, die wir für eine erfolgreiche Bewältigung der Transformationsprozesse benötigen. Dies kann nur gelingen, wenn alle Akteure des Arbeitsmarktes – Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmen, Länder, Sozialpartner, Kammern, Bundesagentur für Arbeit und Bundesregierung – in ihrer jeweiligen Verantwortung an einem Strang ziehen.“

Gemeinsam an einem Strang ziehen, da sind wir weit entfernt von. Denn obwohl der DIHK in einer Umfrage den Fachkräftemangel als größte Bedrohung der Unternehmen ausgemacht hat und den Unternehmen 50 Milliarden Euro Umsatzeinbußen drohen, passiert: nichts. Es gibt kaum, keine oder zu wenig Ressourcen in den Unternehmen, die explizit mit der Personalbeschaffung betraut sind. Strategisches Personalmarketing respektive Recruiting? Fehlanzeige. „Huch, da gehen ja schon wieder Mitarbeiter in Rente. Schnell, schnell, die Stelle besetzen. Rasch eine Anzeige in die Süddeutsche. Oder auf Monster.“ „Ei ei ei, es fängt ja ein neues Ausbildungsjahr an, schnell schnell, eine Kampagne auf TikTok„. „Hm, der Kandidat passt zwar nicht ganz ins Team und fachlich hat der auch Defizite, aber wir finden ja nix anderes…“ usw. usf. „Gut, dass wir jetzt eine Stelle fürs Recruiting geschaffen haben. Mit der und den 20.000 Euro Budget packen wir es locker, die 150 Vakanzen dieses Jahr zu besetzen“.

Hören Sie auf, zu jammern. Fangen Sie an zu rechnen. Und zu handeln!

Alle haben sie Angst, dass der Laden vor die Wand fährt (zurecht, aber offensichtlich ist die Angst doch nicht groß genug, da stimmen wir doch lieber in den Fachkräftemangel-Jammer-Kanon ein und glänzen weiterhin mit Nichtstun), Handwerker können Aufträge nicht mehr annehmen, Unternehmen keine Projekte mehr abwickeln, weil sie ja keine Mitarbeiter finden (diese Aussage ist nicht ganz richtig, denn niemanden zu finden, würde ja voraussetzen, dass man aktiv sucht, das wiederum wird ja durch die fehlenden Ressourcen vereitelt, die man ja nicht hat, weil man hat ja kein Budget etc. pp.) Sie merken, die Katze beißt sich in den Schwanz. Weil keiner nachdenkt. Weil doch klar sein sollte, dass ich, um Wertschöpfung zu schaffen, investieren muss. In Mitarbeiter. Die diese Wertschöpfung dann schaffen. Die deutlich weniger kosten, als das, was am Ende unterm Strich rauskommt. Stichwort Cost of Vacancy! Und die gefunden werden mit Maßnahmen, die einen Bruchteil dessen kosten, was es ihnen wieder in die Kasse spült.

Hören Sie auf zu jammern. Fangen Sie an zu rechnen. Und werden Sie aktiv, anstatt immer auf die Politik zu bauen (die Ihr Unvermögen aufgrund des eigenen Unvermögens letztendlich auch nicht richten kann).

Das Problem ist nicht der gern kolportierte „Fachkräftemangel“. Das Problem ist, dass nicht verstanden wird, dass um Mitarbeiter zu gewinnen, für diese geworben werden muss. Dass Ressourcen bereitgestellt werden müssen. Dass es Unternehmen deutlich teurer zu stehen kommt, wenn sie nichts tun, als etwas zu tun. Das Problem ist weiterhin, dass es im Grunde genommen das Problem nur gibt, weil Unternehmen nicht bereit sind, in entsprechende Maßnahmen zu investieren. Faire Gehälter zu zahlen und faire Arbeitsbedingungen zu schaffen. Kurz gesagt: Das Problem sind die Unternehmen selbst.

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Über den Autor

Über allen Fachkräftegipfeln ist Ruh'. Vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz und Rekrutierungsreisen 1 Henner Knabenreich personalmarketing2nullHallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Personalmarketing-Coach, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING, LinkedIn oder Twitter - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!


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    1. Oh ja – der „Fachkräftemangel“ wird hierzulande durch die Unternehmen oft selbst gemacht. Wer sinnvolle, nicht überdimensionierte Anforderungen an BewerberInnen stellt und die Arbeitsbedingungen menschlich gestaltet, findet und hält in der Regel auch begehrte Fachkräfte. Hinzu kommt: Unternehmen sollten dringend mehr in die digitale Weiterbildung investieren. Damit sie nicht nur ihre jungen „high potentials“, sondern möglichst viele Beschäftigte jeden Alters fit für die Digitalisierung machen. Die andere Seite: Mit Offenheit für neue Methoden, Prozesse, Produkte und Technologien können die Einzelnen ihre Beschäftigungsfähigkeit im digitalen Wandel stärken. Hier braucht es bei manchen mehr Selbstverantwortung für das eigene Lernen.

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