DIHK Ausbildungsumfrage: Schuld sind immer nur die anderen

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Der Schwarze Peter ist schnell gefunden, wenn Unternehmen die Bewerber ausgehen. In der Regel ist es das böse Schreckgespenst des Fachkräftemangels, welches den Unternehmen langsam, aber sicher den Dolchstoß versetzt. Wenn es um fehlende Azubis geht, sind es (selbstredend) die bösen Schulen – klar, die haben den Bildungsauftrag und sind verantwortlich für die Berufsorientierung. Nicht zu vergessen die Taugenichtse, die unser Bildungssystem auf den Arbeitsmarkt spült. Die Unternehmen selbst? Die trifft natürlich keine Schuld. Das zumindest ist der Eindruck, den die gerade vorgestellte DIHK Ausbildungsumfrage vermittelt.

Ausbildungsumfrage: Und täglich grüßt das Murmeltier

2006 wurde die DIHK Ausbildungsumfrage erstmals durchgeführt. Schon 2007 konnten 12,4 Prozent aller Umfrageteilnehmer nicht alle ihre Ausbildungsplätze besetzen – „hauptsächlich weil ihnen keine geeigneten Bewerbungen vorlagen.“ Seinerzeit wurden als größtes  Ausbildungshemmnis die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger benannt. Größtes Manko bei der Ausbildungsreife: Das geringe
mündliche und schriftliche Ausdrucksvermögen der Jugendlichen (65 Prozent), gefolgt von elementaren Rechenfertigkeiten (55 Prozent) sowie
der Leistungsbereitschaft und Motivation (52 Prozent). Auf die Frage, welche Maßnahmen dazu beitragen könnten, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen, wurden seinerzeit mit 68 Prozent als Top-Kriterium eine „bessere schulische Vorbildung der Bewerber“ genannt.  Von Ausbildungsmarketing sprach damals kein Mensch. Dass sich schon damals ein kleiner Trend abzeichnete, dass es bspw. aufgrund des Demographischen Wandels immer schwerer werden würde, Bewerber zu finden, sei nur am Rande erwähnt. Ebenso, dass Bewerbungsprozesse schon damals zum Davonlaufen waren.

DIHK Ausbildungsumfrage 2007 - Maßnahmen, um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen

In fast jedem dritten Betrieb blieben Ausbildungsplätze unbesetzt

Heute, 10 Jahre hat sich das Bild nicht sonderlich gewandelt. „Und täglich grüßt das Murmeltier“ lässt grüßen. Mittlerweile bleiben allerdings in fast jedem dritten Betrieb (31 Prozent) Ausbildungsplätze unbesetzt. Damit wird es gemäß Ausbildungsreport „für die Unternehmen eine immer größere Herausforderung, ihre Fachkräfte über die Ausbildung von eigenem Nachwuchs zu sichern.“ Huch, eine immer größere Herausforderung? War es das nicht schon vor 10 Jahren? Schuld ist natürlich wieder der böse, böse Fachkräftemangel! Was mich wundert: Wenn doch dieser Fachkräftemangel als Existenzbedrohung Nr. 1 gilt und die Unternehmen in den nächsten Jahren 50 Milliarden Umsatzeinbußen kostet, wenn doch die Ausbildung eine wesentliche Grundlage für die Unternehmenssicherung darstellt… ja, wenn das so ist, warum investieren Unternehmen dann nicht mehr in ihre Bemühungen, um passende Bewerber zu finden? Z. B. indem entsprechende Ressourcen geschaffen werden. Personalbeschaffung und -auswahl funktionieren nun mal nicht mit einer 20-Prozent-Stelle. Und schon gar nicht nebenbei. Auch wenn man sich das kaum vorstellen kann, ist es so.

DIHK-Chef Schweitzer dazu:

„Schon jetzt ist der Fachkräftemangel für jedes zweite Unternehmen ein Geschäftsrisiko. Dies ist eine gefährliche Entwicklung für die gesamte Gesellschaft, bedeuteten doch fehlende Fachkräfte weniger Wachstum und Wohlstand“.

Schüler und Schulen Schuld an der Azubi-Misere?

Aber zurück zu den Gründen. Der DIHK Ausbildungsreport identifiziert nämlich noch andere Schuldige. Natürlich sind das die Schüler, klar. Allerdings können die nix für unser Bildungssystem, volksverdummendes Unterschichtenfernsehen und die letzten Hirnzellen auffressende Smartphone-Extremnutzung. Dass zudem das allgegenwärtige Social Media-Gedöns zur endgültigen Verdummung beiträgt, hatte ich ja bereits vor einigen Jahren geschrieben. Allerdings wächst die Generation Z in diesem unwirtlichen Umfeld auf, denen sind quasi die Hände gebunden.  91 Prozent der Betriebe stellen DIHK Ausbildungsreport zufolge Mängel bei der Ausbildungsreife fest. „Gerade die Zufriedenheit der  Ausbildungsbetriebe mit den Deutsch- und Mathematikfähigkeiten der Schulabgänger wie auch mit grundlegenden sozialen Kompetenzen zeigt
eine deutlich abnehmende Tendenz.“ Tja. Doof. Fachkräftemangel, oder? Könnte es unter Umständen daran liegen, dass sich die Unternehmen hinsichtlich ihrer Umwelt nicht anpassen? Wohl kaum.

Selbstverständlich sind es nicht nur die sozial inkompetenten, leistungsschwachen, nur Forderungen aufstellenden Bewerber, die daran Schuld sind, dass Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können und Betriebe keine Bewerbungen erhalten. „Im vergangenen Jahr waren 15.500 Betriebe betroffen„. Letzteres ist der Hauptgrund für die Nichtbesetzung von Ausbildungsplätzen. Es liegt natürlich nicht an überzogenen Anforderungen in Stellenanzeigen. Auch nicht daran, dass viele Unternehmen einfach „unsichtbar“ sind und kein Ausbildungsmarketing betreiben, ja nicht einmal das Angebot der Bundesagentur für Arbeit nutzen (so meldeten 33 Prozent der Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht den Arbeitsagenturen. Übrigens eine Zahl, die seit fünf Jahren nahezu unverändert ist).

DIHK Ausbildungsumfrage 2017 - Gründe für die Nichtbesetzung von Ausbildungsplätzen

Hier allerdings stelle ich mir die Frage, wie der DIHK zu diesen Zahlen kommt. Schließlich beteiligten sich zwar mit 10.561 Unternehmen eine unglaubliche hohe Anzahl an Betrieben an der Umfrage, trotzdem klafft eine mir unerklärliche Differenz von 4.939 Betrieben in der Berechnung. Oder ist ein Betrieb etwas anderes als Unternehmen? Wir wollen mal nicht kleinlich sein und wenden uns einem der Kernverursacher der Ausbildungsmarkt-Misere zu: Die Schule. Wir erinnern uns, bereits 2007 wurde eine bessere schulische Vorbildung der Bewerber gefordert (s. o.).

Ich zitiere: „Die Ausbildungsumfrage 2017 zeigt erneut, dass zu viele Jugendliche unklare Vorstellungen von der Berufswelt und den Anforderungen an eine Ausbildung haben. Daher müssen die allgemeinbildenden Schulen ihre Anstrengungen für eine bessere Berufsorientierung intensivieren – insbesondere die Gymnasien. Möglichst jeder Schüler in Deutschland sollte direkte und praktische Erfahrungen in der Berufswelt sammeln.

So sieht’s aus, liebe Leser! Die Schulen sind Schuld an mangelnder Berufsorientierung. Sie sind der Kern allen Übels des Fachkräftemangels. Und so wird DIHK-Chef Schweitzer gemäß Handelsblatt zitiert, dass „an den Schulen die Lehrer in der Pflicht“ seien, um über Berufsbilder aufzuklären.

Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und auf Ihrer Karriere-Website umfangreiche Infos zu Berufsbild und Perspektiven zu veröffentlichen! Niemals! Hinterher bekommen Sie noch Bewerbungen von geeigneten und gut informierten Bewerbern! Oder auch nicht, sollte sich ein Kandidat aufgrund der Informationen (die er vielleicht auch auf kununu gefunden hat) gegen Sie entscheiden. Aber auch das ist allemal noch besser, als Bewerbungen ungeeigneter Kandidaten zu sichten. Oder, noch schlimmer: Dass die Ausbildung abgebrochen wurde, weil die Erwartungshaltung zu hoch oder die Vorstellungen vom Job doch die falschen waren.

Und das kostet. Und zwar eine ganze Menge, wie das BiBB 2012 berechnet hat: Durchschnittlich liegen die Nettokosten der vom BIBB untersuchten Berufe und Branchen bei 6.826 Euro. Würde man dies auf alle Vertragsauflösungen hochrechnen, kämen Kosten in Höhe von rund 580 Millionen Euro für die betroffenen Betriebe zusammen (Datengrundlage sind Zahlen aus dem Jahr 2007). Nicht eben Peanuts, gell? Die Empfehlung des BiBB (2012):

Nicht zuletzt aus diesem Grund sollte es das Bestreben aller an der Ausbildung Beteiligten sein, die Zahl der Vertragslösungen zu verringern. Dies kann durch eine Verbesserung der Passung zwischen Ausbildungsbetrieb bzw. -beruf und Auszubildenden gelingen.

Berufsorientierung wirklich nur eine Sache der Schulen?

Sie können sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass die Generation Z multimedial aufwächst und den Internetzugang quasi mit der Muttermilch aufsaugt und „googelt, wie man Wasser kocht“. Natürlich können Sie es als Recruiter sehr wohl erwarten, „dass sich ein Bewerber auch mal im Netz über die unterschiedlichen Berufe – seine Zukunft(!) – informiert“. Schließlich gibt’s eine Vielfalt an Informationsmöglichkeiten. Ja, zum Beispiel auf den Websites Ihrer Mitbewerber. Oder auf der Website der Arbeitsagentur. Und klar, auch auf ausbildung.de, azubiyo oder wie sie alle heißen. Aber wäre es nicht toll, wenn der Bewerber Ihre Website ansteuert, sich über das Berufsbild informiert, wie es bei Ihnen aussieht, welche Perspektiven man in Ihrem Unternehmen hat und wer die künftigen Kollegen sind? Ich meine ja nur…. Aber überlassen Sie das Feld ruhig den anderen, die freuen sich. Schließlich wird es immer schwieriger, die passenden Bewerber zu bekommen.

DIHK Ausbildungsumfrage 2017 - Wie Unternehmen auf rückläufige Bewerberzahlen reagieren

Aber offenbar wird Ausbildungsmarketing ohnehin überbewertet. Auf die Frage, wie Unternehmen bei der Gewinnung von Auszubildenden auf rückläufige Bewerberzahlen reagieren, antworten 46 Prozent mit einem verbesserten Ausbildungsmarketing. Immerhin „verbessert“. Das impliziert ja, dass bereits Ausbildungsmarketing gemacht wird. Wie auch immer das aussieht. Trotzdem. 46 Prozent. Und die restlichen 54?

Erschließen neuer Zielgruppen: Flüchtlinge und 50+

Natürlich lassen sich Unternehmen was einfallen, um neue Zielgruppen zu erschließen. Wie gut, dass wir so eine hohe Jugendarbeitslosigkeit im Ausland haben. Und erst recht die Flüchtlingsschwemme. Ein echter Segen für die Ausbildungsbetriebe. Aber wer sagt eigentlich, dass Azubis Jungspunde sein müssen? Wäre es nicht denkbar, auch das reife Semester eine Ausbildung machen zu lassen? Geht nicht, gibt’s nicht. Sagte sich bspw. auch die ING-Diba und stellte ab sofort Silver Age-Azubis ein. Mit Erfolg. Ein anderes Beispiel: Im Rahmen der Initiative „AusBILDUNG wird was – Spätstarter gesucht“ des Arbeitsamts werden seit 2013 nicht mehr ganz so junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren, die keinen Berufsabschluss hatten, nachträglich qualifiziert – mit Erfolg: Allein in Niedersachsen hatten bis Ende 2015 1.763 „Spätstarter“ eine betriebliche Ausbildung begonnen.

Und dass Branchen dabei sind, die jedes Jahr (mehr) Probleme haben, passenden Nachwuchs zu finden – wen wundert’s? So lange Unternehmen nicht an attraktiven Arbeitsbedingungen arbeiten, müssen sie sich auch nicht wundern, wenn sie keine Bewerber finden. Wer arbeitet schon gerne zu einem Hungerlohn oder zu unmöglichen Zeiten. Apropos unmögliche Zeiten. Der Bäckerberuf hat ja auch solche. Die Bio-Bäckerei Kaiser aus Mainz-Kastel backt am Tage und arbeitet ohne Nachtschichten, bietet 30 Tage Urlaub, einen Fahrtkostenzuschuss und Event-Workshops. All das kommuniziert sie in einem Flyer, der in den einzelnen Filialen ausliegt und damit perfekt die Zielgruppe und deren Multiplikatoren erreicht (schleierhaft ist mir allerdings, warum sich diese Infos nicht auf der Website und Hinweise auf die Ausbildung auf den Brötchentüten finden). Trotzdem, ein Anfang ist gemacht. Und wäre nur ein Bruchteil der Unternehmen, die keinerlei Bewerbungen erhalten, halbwegs so pfiffig, würde der Ausbildungsreport 2018 anders ausfallen. Davon bin ich fest überzeugt!

Klar, einfach ist es, den Schwarzen Peter dem Fachkräftemangel, den Bewerbern, der Schule oder sonst wem in die Schuhe zu schieben. Effektiver aber ist es, alle Hebel in Sachen Ausbildungsmarketing in Bewegung zu setzen, die Bedürfnisse der Bewerber zu kennen und zu verstehen und neue Wege in der Bewerberansprache zu gehen.

Die vollständige DIHK Ausbildungsumfrage 2017 gibt’s hier zum Download. Weitere interessante Quellen zum Thema (und als Inspiration für ein besseres Ausbildungsmarketing):

Azubi-Recruiting Trends

Azubi.Report

Ausbildungsstellen habe ich nicht im Portfolio. Wohl aber…


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