Bregenzer Festspiele: „Recruiting“ der außergewöhnlichen Spezialisten für das Spiel auf dem See

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 8 Minuten.

Da ich gerade mal wieder am wunderschönen Bodensee weilte – ein Vortrag beim Personalerforum Radolfzell verschlug mich hierhin – habe ich mir überlegt, wäre ja schade, direkt wieder zurück zu düsen und einfach noch einen Abstecher nach Bregenz gemacht. Und wenn ich dieses Jahr schon nicht als Zuschauer teilnehmen kann und in den Genuss der Zauberflöte komme, so wollte ich doch wenigstens meinen Wissensdurst stillen und Antworten darauf bekommen, wie denn die Bregenzer Festspiele eigentlich an die herausragenden Darsteller kommen, die weitaus mehr können müssen, als nur singen. Und so freut es mich außerordentlich, dass mir die Operndirektorin der Bregenzer Festspiele selbst, bei herrlichstem Sonnenschein und einem erfrischenden Kaltgetränk, Rede und Antwort stand.

Wer die Bregenzer Festspiele noch nicht erlebt hat, dem sei gesagt, dass er definitiv etwas verpasst hat. Ich selber bin zwar ein hochgradiger Kulturbanause, der mit Opern nicht viel am Hut hat, aber eine Aufführung auf der Seebühne ist nun mal etwas (weltweit) einzigartiges. Selbst James Bond-Darsteller Daniel Craig konnte sich den Reizen nicht entziehen. Man sitzt dort, hat (im Idealfall) einen sommerlichen Sternenhimmel über, den sanft plätschernden Bodensee vor sich und in der Ferne blinken die Lichter von Lindau. Wenn ich schreibe im Idealfall, so kann es durchaus auch sein, dass es mal regnet – und das sind Herausforderungen, die nicht jeder Darsteller meistern kann. Aber auch sonst wird den Sängern, Statisten und anderen allerhand abverlangt. Da kann man sich dann schon fragen, wie es gelingt, diese „Spezialisten“ und „Fachkräfte“ – denn um nichts anderes handelt es sich ja – zu „rekrutieren“. Immerhin wächst die Belegschaft während der Festspiele von um die 100 auf bis zu 1.800 Mitwirkende an!

Festspiele Bregenz - Zauberflöte kurz vor der Generalprobe

Das ist ein Koloss, den es erst einmal zu koordinieren gilt. Und Fehlgriffe kann man sich da auch nicht leisten, schließlich ist die Seebühne die Cash Cow der Bregenzer Festspiele. Von einem Erfolg der Aufführungen hängt nicht nur das Festspielhaus selber ab – auch für die Region selber bedeutet das eine Menge Mehreinnahmen. So errechnete eine Studie einen Mehrumsatz von 167 Millionen Euro für die gesamte Region. Zudem entsteht auch eine beeindruckende Anzahl von Arbeitsplätzen. Die Bregenzer Festspiele sind ein Garant für 1.150 Vollzeitarbeitsplätze außerhalb des Festspielhauses.

Und apropos Koloss: auch die Seebühne ist so einer. So hat bspw. der Aufbau für die Zauberflöte 215 Tage gedauert. Die Seebühne ist auf 119 Pfählen errichtet, die bis zu sechs Meter tief in den Seegrund gerammt sind. Den höchsten Punkt der Bühne bilden die Hörner des mittleren Drachenhundes mit 27,3 Metern über dem Wasserspiegel. 2,5 Meter unter der Wasseroberfläche verläuft kreisförmig um die Seebühne ein Schienen-Karussell mit fast 200 Metern Umfang und einem Durchmesser von 61 Meter. Wer mehr über das Bühnenbild und die Hintergründe der Aufführung erfahren und einen kleinen Einblick erhalten möchte, was die Darsteller teilweise leisten müssen, dem sei dieses Video ans Herz gelegt:

Natürlich muss so eine Konstruktion errichtet – und auch bedient werden. Und natürlich wäre die Seebühne nichts ohne ihre Darsteller. Für die „Zauberflöte“ sind dies ca. 200 Mitwirkende. Diese teilen sich auf in

  • 33 Solisten
  • 40 Stunts & akrobatische Performer sowie Puppenspieler und Doubles
  • 35 Prager Philharmonischer Chor
  • 55 Wiener Symphoniker
  • 11 Leading Team
  • 22 szenischer Dienst
  • 5 Sprechstimmen

Recruiting außergewöhnlicher Spezialisten für das Spiel auf dem See

Diese Leute muss man natürlich erst mal finden. Die wachsen nicht auf Bäumen. Denn wie schon gesagt, den Mitwirkenden wird teilweise ganz schön was abverlangt. Neugierig, wie ich nun mal bin, habe ich Operndirektorin Susanne Schmidt also ein paar Fragen gestellt. Die sie mir auch bereitwillig beantwortet hat. Seit nun mehr sieben Jahren ist sie vor allem für eine Aufgabe bei den Bregenzer Festspielen verantwortlich: Ohne sie gäbe es nämlich keinen einzigen der Sängerinnen und Sänger, die im Sommer jeden Abend knapp 7000 Zuschauer auf der Bregenzer Seebühne begeistern.

Frau Schmidt, die Mitwirkenden bei den Festspielen sind ja keine Feld-, Wald- und Wiesendarsteller – sie müssen nicht nur gut schauspielern und singen können, nein, sie müssen im Zweifelsfall auch noch schwindelfrei sein, klettern oder schwimmen können oder sonstiges, was das Spiel auf dem See so mit sich bringt. Solche Leute findet man nicht an jeder Straßenecke. Was ist ihr Geheimrezept?

Für Sonderanforderungen ist Networking ganz wichtig. Man spricht mit Regisseuren, Dirigenten und Operndirektoren von anderen Häusern oder Festivals, ob sie Künstler mit speziellen Fähigkeiten kennen und einschätzen können. Z. B. musste ein Tenor in „André Chénier“ sich abseilen und singen. Der Regisseur kannte direkt einen Tenor, der privat alpin unterwegs ist. Wir haben ihn angesprochen und er hatte bereits die nötigen Bescheinigungen, dass er erfahrener Kletterer war. Den anderen haben wir einen Kletterkurs mit Abschlussschein machen lassen. Um also „special skills“ Künstler zu finden, muss man härter und länger suchen. Es geht nicht per Auto-Pilot. Ich bemühe mich gerade für den See immer, die Künstler persönlich kennenzulernen, um die Gelegenheit zu haben, ihnen zu erklären, wie speziell es bei uns zugeht: hoch, weit, viele Wege, viele Stufen, physische Fitness, keine Höhenangst oder Schwindelprobleme, singen bei stark und schnell wechselnden klimatischen Verhältnissen – durchaus auch mal im Regen etc. Man kann dann an der Reaktion oft schon ablesen, ob man da gut zusammenkommt oder ob das weniger passt.

Welche Kanäle wählen Sie für die Kandidatenansprache? Erreichen Sie Ihre Zielgruppe noch mit herkömmlichen Mitteln wie Stellenanzeigen? Setzen Sie bei Ihrer Ansprache auf soziale Netzwerke?

Die Art der Suche richtet sich sehr danach, was oder wer gesucht wird. Wenn man Sänger sucht, geht man in viele Vorstellungen, pflegt Kontakte zu Agenturen und Managements, liest Fachzeitschriften und klickt sich auch mal durch Youtube, wer was wie singt. Letzteres nur als ein Ersteindruck, aber es ist hilfreich, dass es so etwas heute gibt.

Wenn man Akrobaten oder Stunts sucht, dann gehen auch mal Ausschreibungen per Facebook, auf unserer Website und in den metierüblichen Veröffentlichungen und Jobbörsen hinaus. Und wenn wir junge Nachwuchskräfte suchen, lassen wir auch schon mal Aushänge an Universitäten oder Hochschulen machen.

Bregenzer Festspiele - GeneralpBregenzer Festspiele - Generalprobe der Zauberflöte Fotograf: Anja_Köhlerrobe der Zauberflöte_Anja_Köhler

Wenn Sie Ihren Traumkandidaten gefunden haben – wie überzeugen Sie ihn bzw. sie nach Bregenz zu locken? Setzen Sie auf Employer Branding Maßnahmen, um als attraktiver Arbeitgeber zu überzeugen?

Grundsätzlich sind Theater in der beneidenswerten Situation, dass es viel mehr jobsuchende Künstler als Jobs gibt. Insofern übertrifft das Angebot unsere Nachfrage und der Suchende ist oft am längeren Hebel. Wenn es allerdings darum geht, ganz genau den richtigen Künstler für eine ganz spezielle Produktion zu finden, dann grenzt sich die Auswahl schnell ein. Die Bregenzer Festspiele sind international etabliert und haben einen guten Ruf. Sie dienten schon einigen Künstlern als Sprungbrett. Die Medien nehmen regelmäßigen und regen Anteil an unseren Aktivitäten, was den Künstler national und international „Exposure“ verschafft. Es gelingt uns häufig, dass unsere Produktionen im Radio oder TV ausgestrahlt werden oder sogar auf DVD erscheinen, was die Attraktivität für den Künstler noch erhöht. Und wir sind dafür bekannt, dass es sich bei uns gut, in Ruhe und konzentriert arbeiten lässt, in schöner Landschaft und bei hervorragendem Freizeitangebot, auch für die eventuell mit anreisende Familie. Das sind alles Pluspunkte, weshalb potentielle Künstler gerne zu uns kommen und auch immer wieder kommen. Traumsänger oder Instrumentalisten haben ihren Preis und man muss herausfinden, ob man sich einigen kann, oder ob jemand jenseits unserer budgetären Grenzen ist.

Steht schon fest, was in der nächsten Spielzeit auf dem Programm steht – und haben Sie Ihr Team schon zusammen?

Am See wird Puccinis „Turandot“ gespielt, im Festspielhaus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Die drei Orchesterkonzerte mit den Wiener Symphoniker sowie das Konzert mit dem SOV sind auch durchprogrammiert. Für das Programm der neuen Musik auf der Werkstattbühne fehlen noch einige Details. Die Sparte wird traditionell später durchgeplant, da sie auch sehr nah am Puls der Zeit sein möchte. Grundsätzlich beginnt der Vorlauf für die Seeproduktionen bis zu 4 Jahre vorher. Wir planen jetzt im Detail 2015/16 und haben auch schon erste Ideen und Vorarbeiten zu 2017/18.

Letzte Frage: welche Tipps geben Sie Unternehmen mit, die auf der Suche nach Engpasszielgruppen sind?

Akribie beim Suchen zahlt sich aus. Wenn man die Künstler oder Fachleute dann gefunden hat, hilft es auf ein gutes Arbeitsklima zu achten, damit alle immer wieder gerne zurückkehren.

Das mit dem guten Arbeitsklima ist natürlich immer so eine Sache. Aber während Frau Schmidt und ich vor der „bühne 3“ saßen, traten immer mal wieder Mitarbeiter und Darsteller an sie heran – unter anderem durfte ich auch die reizenden drei Darstellerinnen der „Königin der Nacht“ kurz kennen lernen – und immer hatte sie ein offenes Ohr. Nicht ohne Grund wird sie deshalb wohl auch als die Mutter der Kompanie bezeichnet ;-).

Wer also die Gelegenheit hat, noch eine der wenigen Restkarten zu ergattern, der sollte nicht zögern und sich auf den Weg nach Bregenz machen. Es lohnt in jedem Fall!

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