Mein Besuch auf der Ausbildungsmesse Wiesbaden. Oder: Hau bloß ab! Wir brauchen dich hier nicht, die Zweite.

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 11 Minuten.

Wie ich ja schon berichtete, plane ich den Personalmarketing-Absprung und steige ins Nagelstudio-Business um. Vor dem Hintergrund, dass ich für „Pink Nails“ natürlich auch fleißige Azubinen benötige, habe ich mich einfach mal in die Höhle des Löwen gewagt und die Ausbildungsmesse Wiesbaden besucht. Mit zwei Gedanken: Zum einen wollte ich schauen, ob ich da die ein oder andere Nachwuchsnagelkünstlerin abgreifen kann, zum anderen war ich natürlich brennend daran interessiert, wie sich die Unternehmen denn dort ihrem künftigen Nachwuchs präsentieren. Denn wie es den Wald ruft, so schallt es heraus. Oder anders gesagt: Der Messeauftritt hat auch Auswirkungen auf eine wie auch immer definierte Arbeitgebermarke.

Nun zunächst einmal – passenden Nachwuchs habe ich nicht gefunden. Den Messestand eines Nagelstudios auch nicht. Dafür aber ein Musterbeispiel dafür, wie es viele Unternehmen schaffen, einen bleibenden Negativ-Eindruck zu hinterlassen. Denn die Möglichkeit, direkt in den Dialog bzw. zumindest in den Kontakt mit den begehrten Jungspunden zu treten, nutzen die Unternehmen nur – sagen wir mal optimistisch ausgedrückt – ansatzweise. Da ich – wie schon erwähnt – selber nicht fündig wurde, was den passenden Nachwuchs anging, machte ich meinem Namen als Inspektor Clouseau der Personalmarketing-Szene mal wieder alle Ehre und schlüpfte in die Rolle einer Multiplikatorenhälfte, sprich ich „verkleidete“ mich als orientierungsloser, interessierter Vater (Mutter wäre einfach unglaubwürdig gewesen). Schließlich sind Eltern als Multiplikatoren ein ganz wichtiger Faktor, wenn es darum geht, Einfluss bei der Berufswahl zu nehmen.

Informationsquellen bei der Berufsorientierung - Azubi-Recruitingtrends 2013

Nun denn – Ziel war es also herauszufinden, wie sich Unternehmen auf solch einer Ausbildungsmesse präsentieren, wie sie auf potenzielle Interessenten zugehen und ob es die Möglichkeit gibt, wenigstens ansatzweise einen Eindruck von der Ausbildung zu bekommen (sind Azubis mit am Stand, gibt es die Möglichkeit, sich praktisch auszuprobieren, präsentiert man sich authentisch in Arbeitskleidung etc.). Über siebzig Aussteller ließen sich auf der anderthalb Tage währenden Ausbildungsmesse erkunden. Die Branchen sind bunt gemischt – von der Altenwohn- und Pflegegesellschaft bis zum Zoll sind alle vertreten. Und präsentierten sich sehr, sehr unterschiedlich.

Bevor ich dazu komme – die meisten haben eins gemeinsam. Sie erwecken den Eindruck absoluten Desinteresses. Oder anders gesagt, sie vermitteln einem genau das hier:

Haub ab - wir wollen dich nicht

Gut, ich will fair sein. EIN Unternehmen zeigte Interesse, hier kam ein Unternehmensvertreter direkt auf mich zu und fragte mich, ob man mir helfen könne. Ein Unternehmen von über siebzig. Wohlgemerkt. Ich war an jedem Stand. Stand dort und schaute mir an, was dort geboten wird. Nun können Sie natürlich argumentieren, hey Knabenreich, du bist doch erwachsen, wenn du was willst, sprich DU sie doch an!. Klar. Können Sie. Aber andersrum wird ein Schuh daraus. Wir erinnern uns: Alle Welt stöhnt über den Fachkräftemangel (den, das haben wir nun gelernt und schon lange geahnt, gibt es so nicht, bzw. das, was dafür gehalten wird, ist in den meisten Fällen nur das Unvermögen der Unternehmen, die Mauern einzureißen und in die Dating-Trickkiste zu greifen) und über Probleme beim Besetzen der Ausbildungsstellen. Und ich glaube mal, die Unternehmen, die sich dort mit einem Stand präsentieren, sind auch nicht aus Spaß an der Freud auf der Messe (hm, wenn man sich die Gesichtsausdrücke vieler Standbetreuer anschaut, so hatten viele wirklich keinen Spaß).

Das ist in etwa so, als wenn Sie in ein Geschäft kommen und eine feste Kaufabsicht hegen. Natürlich möchte man nicht sofort überfallen und angesprochen werden, spätestens aber wenn klar ist, dass man Interesse an einem Produkt hat (das äußert sich bspw. in dem man um ein Produkt umher schwarwenzelt oder so wie ich, die Aushänge studiere oder die ausgestellten Gegenstände etc.) sollte man den (potenziellen) Kunden ansprechen. Sonst ist der nämlich weg. Und so etwas können Sie sich maximal als Monopolist leisten. Ergo also gar nicht. Denn weder als Einzelhändler noch als Ausbildungsbetrieb haben Sie diesen Status. Insofern gilt es also mit allen Mitteln den Kunden „potenzieller Auszubildender“ für sich gewinnen.

Und das gelingt definitiv nicht mit Desinteresse oder einer abweisenden Haltung. Klar, die Gespräche am Stand unter sich sind wichtiger. Ohnehin ist man sowieso zum Standdienst abkommandiert worden und hat eigentlich keine Lust. Diesen Eindruck bekommt man zumindest vielerorts. Ich kann mich an meine Zeit bei Jobware erinnern, wo wir uns mit unserer Personalberatung z. B. auf der CeBiT präsentierten. Und immer schön – ich wage kaum, es zu schreiben – proaktiv die vorbei schlendernden Messebesucher ansprachen. Damit waren wir seinerzeit sehr erfolgreich.

Nun will ich nicht jedem Wiesbadener Unternehmen, welches dort vertreten war, unterstellen kein Interesse am Bewerber (respektive den Multiplikatoren) zu haben. An dem einen oder anderen Stand war wirklich was los und man gab sich redlich Mühe, einen der dort 150 präsentierten Ausbildungsberufe an den Mann respektive die Frau zu bringen. Bis auf eine Ausnahme leider keiner an mich. Klar, Kaffee trinken oder der Schnack mit den Kollegen war ja auch wichtiger. Allerdings hatten bei einigen Ausstellern Interessierte tatsächlich die Möglichkeit, sich auszuprobieren und so eine grobe Vorstellung davon zu bekommen, was man denn in dem jeweiligen Beruf eigentlich macht. Aber hier trennte sich eben die Spreu vom Weizen.

Während sich bspw. die eine Pflegeeinrichtung (Caritas) zwar mit einem großflächigen Stand präsentierte (der bis auf das Standpersonal, welches sich angeregt miteinander unterhielt, recht lieblos und verwaist wirkte und damit auch eine entsprechende Außenwirkung erzielte), so sah das einen Stand weiter ganz anders aus. Hier präsentierte sich eine andere Pflegeeinrichtung (EVIM Gemeinnützige Altenpflege). Mit der Betonung auf  präsentierte sich: So sah man bspw. einen Rollstuhl, hatte die Möglichkeit, in diesem Platz zu nehmen, man bekam den Eindruck eines Schwesternzimmers (Sie wissen schon, da wo bei Helios angeblich nur Kaffee getrunken wird :-)), es waren diverse Utensilien aus dem Pflegebereich aufgebaut und das Standpersonal erklärte den gerade anwesenden Schülern, welche Möglichkeiten man dort bietet. Ein vorbildliches Beispiel. Ähnliches sah man auch bei Unternehmen der Elektroindustrie, wo Interessierte die Möglichkeit hatten, mal etwas zu löten oder ICs in eine Platine einzubauen.

IHK Ausbildungsmesse Wiesbaden

Jeder Mitarbeiter ist Teil der Arbeitgebermarke. Im Positiven wie im Negativen.

Wenig überzeugend hingegen der Stand eines großen deutschen Discounters mit vier Buchstaben: Hier drückten die sechs bis acht Krawattenträger schon durch ihre Körperhaltung und ihr Outfit aus: „Du kommst hier nicht rein. Hau bloß ab!“ bzw. versperrten den Zugang zum Stand. Kommunizieren auf Augenhöhe sieht definitiv anders aus. Da nützt es auch nicht, dass man einen der stylishsten Stände sein eigen nennt (wobei, der vom Arbeitsamt mit den einem In-Lokal entstammen könnenden Loungemöbeln war auch nicht übel). Entscheidend ist doch, der Zielgrupppe die Hemmungen zu nehmen und möglichst auf Augenhöhe zu agieren. Zu signalisieren, hey toll, dass du da bist, wir haben da was für dich. Und was ist der Fall? Das absolute Gegenteil! Immer dran denken, man kann nicht nicht kommunizieren. Und man kann nicht nicht als Arbeitgeber wahrgenommen werden.

Oder anders gesagt (hier zitiere ich jetzt mal aus dem fabelhaften Buch „Einstellungssache: Personalgewinnung mit Frechmut und Können“ von Jörg Buckmann – Pflichtlektüre für alle Personaler, die über den Tellerrand schauen wollen!):

„Mit ihrem Verhalten in der Arbeit (oder auf einer Ausbildungsmesse), an der Schnittstelle zu Kundinnen (oder aber zu Bewerbern), aber auch in dem, was und wie sie auch privat kommunizieren, prägen sie (die Mitarbeiter) das Image Ihrer Arbeitgeberin entscheidend. Die Mitarbeiterinnen sind Teil der Employer Brand, ein wichtiger Mosaikstein im facettenreichen Gesamtkunstwerk der Arbeitgebermarke. Jede Mitarbeiterin ist mit dem, was sie tut oder nicht tut, Teil der Arbeitgebermarke, eine Markenbotschafterin. Im Positiven wie im Negativen.“

Im Fall der Aldi-Jünglinge, aber auch vieler anderer wohl eher im Negativen. Denn, wir erinnern uns, es ging um eine Ausbildungsmesse. Was erwartet man dort? Richtig, Stände mit Personal aus den Unternehmen, die offen auf die Interessenten zugehen und über ihre Ausbildung informieren (da war ich wohl mal wieder zu naiv…). Das mindeste was man tun sollte: Auf Rollups oder Plakaten auf die Ausbildungsberufe hinweisen. Sollte selbstverständlich sein, oder? Dachte ich auch. Lag da aber falsch, wie diverse Stände bewiesen. Hier hatte man sich wohl gedacht, ach nehmen wir doch einfach den Stand von der letzten Industrie-, Haus- oder sonstwas-Messe, dann passt das schon. Und so fanden sich Stände mit Bannern, auf denen fett der Unternehmensname prangte. Auf den ersten Blick ersichtliche Infos zu den Ausbildungsberufen? Fehlanzeige. Wozu auch. Dafür gab es dann ein tolles Gewinnspiel mit Glücksrad-Charakter.

Infos zu Ausbildungsberufen oder zum Arbeitgeber? Eher Fehlanzeige!

Bemerkenswert fand ich, welcher Andrang bei den Ständen der Bundeswehr und der Bundespolizei herrschte. Schön, dass sich die auf der Karriere-Website in Szene gesetzte Kampagne auch auf dem Messestand niederschlug. Ein einheitlicher Auftritt sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Abgesehen davon: Uniformen scheinen also wirklich zu ziehen. Apropos: Wie schon oben erwähnt, geht es darum, den Interessenten auf Augenhöhe zu begegnen. Gelingt Ihnen das mit Schlips und Kragen? Klar, als Banker oder Versicherungstyp auf jeden Fall, keine Frage. Denn das ist deren tägliches Business-Outfit. Warum sich aber bspw. der Lebensmittel-Discounter, von dem man weiß, dass man zum Ware auffüllen und kassieren definitv nicht in dem Outfit herumläuft, so präsentiert? Keiner weiß es. Was glauben Sie, wie ein Stand ankommt, bei dem auf einem Tisch diverse Broschüren, Hefte etc. präsentiert werden (die nur zu einem geringen Teil wirklich was mit der Ausbildung zu tun haben), an welchem dann ein älterer Herr sitzt. Wohlgemerkt: sitzt. Verträumt in der Gegend herumschaut. Meinen Sie damit kann die Deutsche Schifffahrt potenzielle Azubis anlocken? Respektive Eltern. Ich weiß nicht.

Eher überzeugt hat mich der Stand des Fachverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau. Auch hier konnte man die Mitarbeiter ebenso wie die Bundespolizisten in ihrem typischen Outfit bewundern. Und das sind eben nicht Anzug und Krawatte. In dem Zusammenhang sei auch ein Stand (der einzige!) erwähnt, der ein großes emotionsgeladenes Plakat seiner Belegschaft präsentierte und somit einen Eindruck seiner Firmenkultur vermittelte (dass die anderen Teilnehmer der Messe das alleine durch ihr Auftreten auch taten, sollte klar sein. Ob der positiv war, lasse ich jetzt mal dahin gestellt). Das Ganze sehr authentisch und bodenständig.

Im Übrigen dachten auch nur die wenigsten daran, in Form von Rollups oder Aushängen seine Benefits als Arbeitgeber aufzuzeigen. Warum sollte man auch. Macht man ja schon auf der Website nicht, warum dann auf so einer Ausbildungsmesse, wo mehrere Tausend potenzielle Interessenten durchgeschleust werden?

Wie schon erwähnt, wurde ich nur einmal aktiv angesprochen. Dieser Unternehmensvertreter von Tegut erzählte mir, dass das offen auf Menschen zugehen ein wesentlicher Teil der Kultur sei. Man sei in den letzten Jahren recht erfolgreich gewesen und konnte die ein oder andere Bewerbung generieren, die dann online eintraf. Super. Denn wenn ich solche Kontakte auf einer solchen Ausbildungsmesse anbahne, sollte ich dem potenziellen Kandidaten auch die Möglichkeit geben, Kontakt zu mir aufnehmen. Oder mich zu bewerben. Online natürlich. Ha, wieder naives Wunschdenken! Denn wenn Sie sich auf der ein oder anderen Website umschauen, bleibt Ihnen das an den Messeständen mitgegebene Give away-Bonbon gleich im Hals stecken. Nur auf einem Bruchteil der Unternehmensseiten wird nämlich über die Ausbildung informiert. Von einer direkten Kontaktaufnahme zu einem konkreten Ansprechpartner bzw. nutzerorientierten Online-Bewerbungsverfahren wollen wir gar nicht erst reden. Wenn denn die Bewerbung online überhaupt möglich ist. Nicht nur auf der Ausbildungsmesse selbst, sondern auf dem Herzstück der Karriere- respektive Ausbildungsmesse werden also viele Chancen vertan, Bewerbungen zu generieren.

Apropos Ausbildungs-Website: An dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt, dass ich im Rahmen der A-Recruiter-Tage vom u-form-Verlag zwei feine Workshops „Guck mal, wer da klickt“ durchführen werde. Das aber nur am Rande.

Ich frage mich echt, was mit den Unternehmen los ist. Warum sie immer wieder dafür sorgen, Bewerber zu verprellen. Und irgendwie erinnerte mich der Auftritt der Unternehmen auf dieser Ausbildungsmesse an die verwaisten Social Media-Auftritte. Noch viel mehr als in Social Media auch, braucht es für die Auftritte im realen Leben bestimmte Eigenschaften: Komunikationsstärke bspw. Interesse. Empathie. Herzblut. Und dass ließen viele Unternehmen missen.

An dieser Stelle zitiere ich abschließend Social Media Personalmarketing Innovator und Mitautor des Frechmut-Buches Florian Schrodt:

„Auf der übergeordneten Ebene wird immer wieder deutlich, wie wichtig Austausch und Dialog sind. Gerade auch Sessions wie das „HR_Taxi“ mögen in erster Linie nur amüsante Fingerübungen sein, schaffen aber, HR-Themen zu vermenschlichen. Und das ist nicht nur auf fachlicher Prozess-Seite eine Herausforderung, vielmehr auch in der Darstellung des Arbeitgebers nach Innen und Außen und im Umgang mit unseren Zielgruppen. Entscheidendes Erfolgskriterium ist meines Erachtens auch ein passendes „Mindset“.“

Und gerade an diesem Mindset scheint es vielen Unternehmen zu mangeln. Daran aber zu arbeiten, ist essenziell. Denn ansonsten werden die beiden Königskinder, Bewerber und Unternehmen, nicht zueinander finden.

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