5-Stunden-Arbeitstag? Kann nicht funktionieren! Lasse Rheingans über die 25-Stunden-Woche und die Zukunft der Arbeit - Podcast-Episode 16

5-Stunden-Arbeitstag? Kann nicht funktionieren! Lasse Rheingans über die 25-Stunden-Woche und die Zukunft der Arbeit – Podcast-Episode 16

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 9 Minuten.

Stellen Sie sich vor, Sie würden jeden Tag nur 5 Stunden arbeiten. 25 Stunden in der Woche. Montag bis Freitag, 8.00 bis 13.00 Uhr. Danach ist Feierabend. Endlich Zeit fürs Privatleben, die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Geht nicht? Geht doch. Zumindest bei Lasse Rheingans in Bielefeld. Der führte im November 2017 den 5-Stunden-Arbeitstag bei sich im Unternehmen ein. Seitdem überschlagen sich die Medien im In- und Ausland. Klar, dass ich mit Lasse reden musste. Schließlich sind wir beide Bielefelder. Und so führte mich die sechzehnte Episode meines heiter beschwingten Podcasts in die Stadt, die es zwar vermeintlich nicht gibt, in der aber trotzdem die Zukunft der Arbeit eingeläutet wird.

Es ist schon einige Monate her, seitdem ich das erste Mal von Lasse Rheingans kühnem „Experiment“ las. Der Unternehmer aus Bielefeld führte in seiner Agentur einen 5-Stunden-Arbeitstag ein. Eine 25-Stunden-Woche für eine bessere Work-Love-Balance und eine bessere Produktivität. Klar, dass mein Interesse geweckt war. Es sollten noch ein paar Monate und eine Vielzahl an Pressemeldungen und Fernsehauftritten ins Land gehen, bis ich Lasse endlich vorm Mikro hatte. Schließlich läuft das „Experiment“, welches ursprünglich bis Februar geplant war, immer noch. Mittlerweile haben wir Juli. Muss also doch irgendwie funktionieren. Tut es, wie er mir im Büro der „Digital Enabler“ in der sechsten Etage des altehrwürdigen Bielefelder Crüwell-Hauses bei blauem Himmel, Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen verriet.

Groß geworden mit dem C64

Lasse wurde wie ich in Bielefeld geboren. Großgeworden mit Commodores C64, war die Informatik seit jeher seine große Leidenschaft. Bereits Ende der 90er baute er seine ersten Websites. Eigentlich wollte er ursprünglich mal Musik studieren, entschied sich aber dann für die Medienproduktion. Da die Uni Bielefeld seinerzeit als erste den Masterstudiengang Medienwissenschaften anbot, packte er die Gelegenheit beim Schopfe und sattelte nach einem Australien-Aufenthalt selbiges drauf. Direkt nach dem Studium machte er dann seine Leidenschaft für IT und Web zur Berufung und gründete eine Agentur für technische Dienstleistungen, Websites u. Ä. Im Sommer 2017 stieg er dann aus verschiedenen Gründen aus.

Was nun tun? Er saß im Garten und stellte sich die Frage nach seiner Zukunft. Als Berater für Digitalisierung durch die Lande tingeln und den Mittelstand aufschlauen? Eine Lösung, die ihn nicht zu 100 Prozent zufrieden stellen würde. Und so übernahm er im Oktober 2017 eine Agentur mit 12 Mitarbeitern. Die Frage, wie er zukünftig eigentlich arbeiten will, war noch nicht endgültig beantwortet. Auf jeden Fall nicht so wie bisher, wo Mitarbeiter oft nur als reiner Produktionsfaktor (oder „Human Ressource“ bzw. Humankapital) betrachtet werden, wenig Wertschätzung erfahren und nach einem Arbeitsmodell arbeiten, welches aus dem Industriezeitalter stammt. Abgesehen davon, dass es Zeit ist, Arbeitszeit neu zu denken.

Fünf Stunden Arbeit am Tag, 25 in der Woche – bei gleicher Bezahlung und gleichem Urlaub

Inspiriert von Stephan Aarstol (dieser hatte den 5-Stunden-Tag für sein Stand-Up-Paddling-Unternehmen seinerzeit in den USA eingeführt und konnte Produktivität und Umsatz um ein Vielfaches steigern) und einigen Selbstversuchen (bereits in seiner vorherigen Agentur hatte er zwei Tage in der Woche fünf Stunden gearbeitet), konfrontierte er seine neuen Mitarbeiter mit seiner „New-Work-Philosophie“. Fünf Stunden Arbeit, Montags bis Freitags, von 8.00 bis 13.00 Uhr, 25 Stunden die Woche. Bei gleicher Bezahlung und gleichem Urlaub, versteht sich. Eher durch einen Zufall wurde dann dank einer Meldung in der hiesigen Lokalzeitung eine wahre PR-Lawine losgetreten, die bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Über Nacht wurde aus Lasse Rheingans eine Art „Popstar der Digitalisierung“ oder der „New-Work-Bewegung“.

Klar, dass man mit einem solchen Modell für Aufmerksamkeit sorgt, ist doch der 8-Stunden-Arbeitstag (oder auch mehr, wenn wir ehrlich sind, in Deutschland wurden letztes Jahr 1,7 Milliarden Überstunden geleistet, davon 925 Millionen (!) nicht vergütet!) quasi gesetzt. Wir gehen morgens um 8 (oder 9) ins Büro und machen um 5 oder 6 Feierabend. Der klassische 9-to-5-Job eben. Ob das sinnvoll ist, ein Arbeitsmodell, was tatsächlich vor 100 Jahren (!) so definiert wurde, in der heutigen Zeit am Leben zu halten, diese Frage stellen sich wohl nur wenige.

5-Stunden-Tag - Historische Wendepunkte der Arbeitszeit in Deutschland

12-Stunden- vs. 5-Stunden-Arbeitstag

Und während man in Österreich gerade versucht, einen 12-Stunden Arbeitstag zu etablieren (die Idee dahinter: 4 Tage à 12 Stunden bedeuten dann mehr Work-Life-Balance, schließlich könnte man dann anderthalb Tage früher ins Wochenende und hätte dann mehr Zeit für sich und sein Privatleben. In der Theorie mag das funktionieren, in der Praxis wäre das wohl eher ein Freibrief für viele Unternehmen, die Mitarbeiter noch stärker auszusaugen und so ist es kein Wunder, dass der 12-Stunden-Tag nicht gerade auf große Begeisterung stößt. Eher das Gegenteil ist der Fall.) und alle Welt (eingeschlossen Lasses Mitarbeiter, die wissen es aber mittlerweile doch besser) sagt, der Rheingans spinnt, das kann nie funktionieren, beweist er das Gegenteil.

Länger als 5 Stunden am Tag kann ein Mensch auf Dauer nicht produktiv arbeiten

Es gibt diverse Studien, die zeigen, dass ein Mensch auf Dauer keine acht Stunden am Tag arbeiten kann. Eine Studie aus Österreich (schon wieder Österreich…) hat ermittelt, dass ein Mitarbeiter nur 37 Minuten pro Arbeitsstunde produktiv arbeitet. Abgesehen davon, dass ja auch an einem 8-Stunden-Arbeitstag nicht effizient acht Stunden gearbeitet wird und langes Arbeiten dumm macht. Man kommt morgens ins Büro, macht sich erst mal einen Kaffee oder Frühstück, schnackt mit ein paar Kollegen, daddelt via WhatsApp, Facebook, Instagram, LinkedIn & Co., liest und beantwortet Mails, geht in die Mittagspause, ist nach der Mittagspause erst mal nicht arbeitsfähig, da das Suppenkoma hemmt etc. Das führt dann dazu, dass wir von fünf Tagen in der Woche nur drei produktiv arbeiten.

Kein ablenkender Klumpatsch, sondern fünf Stunden konzentriertes Arbeiten

Lasses Idee: Wir arbeiten 5 Stunden konzentriert und effektiv an einer Sache, lassen keine Störungen – oder wie er es nennt „ablenkenden Klumpatsch“ – zu. So wird wesentlich effizienter und auch produktiver gearbeitet. Klar, hieß es nicht bei allen Mitarbeitern zu Beginn „Yippie Yippie Yeah“ und stieß auf Begeisterung. „Der Chef spinnt“, so der Tenor. Aber auch ein Kollege, der sich selbst als vor 10 nicht wirklich zu 100 Prozent arbeitsfähig und als „Zombie“ einstufte, ist mittlerweile begeistert vom Rheingans’schen Modell. Die Work-Love-Balance erlebt eine Qualität, wie sie bis dato nicht möglich war.

„Dieses pauschale Ablehnen von irgendwelchen Möglichkeiten hat aus der Kerze keine Glühbirne gemacht und aus der Kutsche kein Auto“.

Der spinnt, der Typ, so lauten auch viele Kommentare von Menschen, die vom 5-Stunden-Tag hören. Aber, so Lasse, „pauschales Ablehnen hat aus der Kerze keine Glühbirne gemacht und aus der Kutsche kein Auto„. Während selbst flexible Arbeitszeiten und Home Office im Jahr 2018 in vielen Unternehmen immer noch eine Ausnahme darstellen und eine veraltete Anwesenheitskultur die Regel ist, ist Lasse mit seiner 25-Stunden-Woche ein absoluter Exot. „Wenn nicht mal das Vertrauen für solche Arbeitsformen da ist, ist auch das Vertrauen des Mitarbeiters, dass er Fehler machen darf, gering„. Ein ziemliches Armutszeugnis für die Unternehmenskultur vieler deutscher Unternehmen.

„Unter Druck entstehen Diamanten!“

Klar, nimmt man jemandem drei Stunden weg, der vorher schon in acht Stunden nicht alles geschafft hat, der wird natürlich einem ziemlichen Druck ausgesetzt. Aber genau dieser Druck ist es, „der dich dazu bringt, deine eigenen Muster zu durchbrechen, weil du auf die herkömmliche Weise keine Lösung findest„. „Du wirst gezwungen, Prozesse zu hinterfragen und dich zu verbessern„. In der Folge führte das zu vielen Erkenntnissen und der Verbesserung und Beschleunigung diverser Prozesse. Selbst, wenn man vom 5-Stunden-Modell abkehren würde, so Lasse, hätten alle Beteiligte viel gelernt und profitierten davon. Abgesehen davon, wer nimmt nicht drei Stunden weniger Arbeitszeit in Kauf, hat aber viel mehr Freizeit? Und gerade in der Freizeit, zum Beispiel beim Joggen oder Wandern durch den Teutoburger Wald, mit freiem Kopf, kommen auf einmal die Ideen, für deren Problem man unter Druck keine Lösung fand.

„Chef, wie zur Hölle stellst du dir das vor? Das geht nicht!“

5-Stunden-Arbeitstag zahlt auf Arbeitgebermarke ein

Wer eine so dermaßene Popularität genießt, wie Lasse derzeit, der profitiert natürlich auch anderweitig – Stichwort „Fachkräftemangel“ (der ja bekanntlich ein Mythos ist und nur in den Köpfen stattfindet). Klar, dass so viel mediale Präsenz und ein so innovativer Ansatz auch auf die Arbeitgeberattraktivität einzahlt. Und so darf sich Lasse regelmäßig über eine Vielzahl an Bewerbungen freuen, mehrere Hundert seien es bereits nach kurzer Zeit gewesen, so Lasse im Podcast. Und wenn da Bewerber dabei sind, die richtig gut sind, für die aber aktuell keine Vakanz offen ist, dann wird geschaut „dass wir es irgendwie hinbekommen, für den einen Platz zu schaffen„. Und wenn das nicht möglich ist, dann wird auf jeden Fall Kontakt gehalten. Digital Enabler, Lasses Agentur, kann natürlich nicht mit den Gehältern großer Industrie-Unternehmen mithalten. Aber so manch einer nimmt Gehaltseinbußen in Kauf, wenn ihm eine Arbeitskultur geboten wird, in der man sich wohl und wertgeschätzt fühlt – und endlich wieder ein Privatleben hat, welches den Namen auch verdient.

Zeugnisse und Noten total egal

Während andere (vermeintlich) anhand der Religionsnoten die Eignung eines Bewerbers erkennen, sind Lasse Zeugnisse „total egal„. Wenn ihm Bewerber interessant erscheinen und diese voll fürs Thema brennen, ruft er sie einfach an. Denn auch er weiß: Was zählt ist die Persönlichkeit, die Leidenschaft. „Was ehemalige Vorgesetzte oder Lehrer schreiben, ist hingegen in der Personalauswahl total irrelevant„. Wahre Worte!

„Wir arbeiten wie in den 60-ern – DAS MUSS AUFHÖREN!“

Ich bin gespannt, wie es weitergeht und wer sich so wie Lasse ein Herz fassen wird und endlich mal zeitgemäße Arbeitszeiten anbieten wird. Sogar im Handwerk (!) ist der erste Schritt gemacht. Zwar nicht mit dem 5-Stunden-Tag, dafür mit der 4-Tage-Arbeitswoche. Und siehe da: Es funktioniert. Geht nicht, gibt’s nicht. Maximal in Ihrem Kopf.

Übrigens, Lasse freut sich auf den Austausch. Alle gängigen Netzwerke, wo Sie ihn finden, habe ich weiter unten verlinkt.

50 Minuten mit Lasse Rheingans

Wenn Sie wissen wollen, wie Lasse Rheingans auf die Idee mit dem 5-Stunden-Tag kam, warum es gerade 5 und nicht 6 oder 7 waren, was die Mitarbeiter davon hielten, was es unterm Strich gebracht hat, warum er weiterhin auf den 5-Stunden-Tag setzt, was ihn antreibt und warum auch andere Unternehmen auf das Modell setzen sollte, welchen Impact das Ganze auf die Arbeitgebermarke und Bewerbungen hat, dann sollten Sie jetzt unbedingt dem Podcast lauschen! Den gibt’s natürlich nicht nur bei Soundcloud, sondern auch bei iTunes und anderswo! :)

Links zur Episode:

Rätselhaftes Bielefeld – der zitierte Song von Udo Lindenberg (die Stammkneipe könnte das Ambassador gewesen sein. Wir sind uns da nicht so sicher ;))

60 Prozent der mittelständischen Unternehmen setzen noch aufs Faxgerät – BITKOM Digital Office Index

Stephan Aarstol über den 5-Stunden-Tag bei Tower Paddleboards

The Five-Hour Workday: Live Differently, Unlock Productivity, and Find Happiness – Das Buch von Stephan Aarstol

Der Mexikaner zum 12-Stunden-Tag

Digital Enabler

Der 5-Stunden-Tag im Selbstversuch: Was die Medien über den 5-Stunden-Tag schreiben…

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Hier geht's zum personalmarketing2null-Podcast!


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