Höchste Fairness im Job - Germany's next Arbeitgebersiegel

Höchste Fairness im Job – Germany’s next Arbeitgebersiegel

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Obwohl Arbeitgebersiegel bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber bei Bewerbern eher eine untergeordnete Rolle spielen (siehe Grafiken), hat sich der Handel mit solchen Auszeichnungen prächtig entwickelt, eine wahre „Arbeitgebersiegel-Wirtschaft“ hat sich dank Fachkräftemangel-Gespenst und mangelndem „Personalmarketing-Engagement“ seitens der Unternehmen entwickelt. Top-Arbeitgebersiegel-Produzent ist das „Nachrichtenmagazin“ FOCUS. Nach dem „Deutschlands bester Arbeitgeber“-Clou setzt man nun mit „Höchste Fairness im Job“ den Arbeitgebersiegel-Schmu auf höchstem Niveau fort. Ist es um die Unternehmen da draußen wirklich so schlecht bestellt, dass sie es nötig haben, mit diesen intransparenten Auszeichnungen zu werben?

178 Arbeitgebersiegel zählte Martin Gaedt auf seinem Blog seinerzeit. Die Plattform zert-o-mat listet immerhin 56 dieser Auszeichnungen – und unterstützt bei der Suche nach dem „richtigen“ Anbieter (Notiz am Rande: FOCUS „Deutschlands beste Arbeitgeber“ ist nicht dabei). Trotz dieses Arbeitgebersiegel-Wahns kommt nun ein weiteres dazu: „Höchste Fairness im Job“, so lautet Germany’s next Arbeitgebersiegel aus der FOCUS-Siegel-Produktion (schönes Geschäftsmodell, welches man sich da angesichts rückläufiger Printauflage ausgedacht hat und ordentlich Geld in die Kassen spülen dürfte). Für die „Studie“ „Höchste Fairness im Job“ holte man sich diesmal als Partner den Anbieter Deutschland-Test ins Boot. „Transparent, unvoreingenommen und verbraucherorientiert – jedes Jahr wird DEUTSCHLAND TEST mehr als 25 Tests veröffentlichen.„, so steht es auf der Website. Ziel dieses Anbieters, übrigens 100-prozentige Tochter von FOCUS Money, ist es also, leichtgläubigen Verbrauchern fragwürdige Siegel unterzujubeln (hier kann man wunderbar nachlesen, wie es um die Qualität dieses Rankings bestellt ist).

Bedeutung von Arbeitgeber-Gütesiegeln und -Rankings eher unbedeutend - Quelle softgarden

Höchste Fairness im Job für nur 9.900 Euro!

Die leichtgläubigen Verbraucher stellen in diesem Falle zwei Gruppen dar: Die Unternehmen und die Bewerber. Die Masche ist eigentlich immer die Gleiche: Das Ranking wird erstellt, in der Regel unter „wissenschaftlicher Begleitung“ und das daraus resultierende Siegel in Form eines Werbeschreibens den „beurteilten“ Unternehmen zum Kauf angeboten: „Ab sofort  können Sie Ihr Deutschlandtest-Siegel „Höchste Fairness im Job“ nutzen„, heißt es da. Notwendig sei hierfür lediglich „die Lizensierung der Siegelnutzung„. Und die kostet für die Dauer eines Jahres lächerliche 9.900 Euro zzgl. MwSt. Ein wahres Schnäppchen für eine „objektiv, unabhängig und fair“ ermittelte Wahnsinns-Reputation!

Höchste Fairness im Job - mit diesem Schreiben werrden Unternehmen geködert

Mit Social Listening zum Arbeitgebersiegel

Wie objektiv, unabhängig und fair so ein Bewertungsverfahren aussieht?

Ganz einfach: Man nehme die nach Mitarbeiterzahl 10.000 größten Unternehmen in Deutschland (wie und anhand welcher Kriterien ermittelt man diese eigentlich, wenn schon das Erstellen der Welt Top 500-Unternehmen eine Schwierigkeit darstellt?) werte 22 Millionen Nennungen, die die Kategorien Unternehmenskultur, Arbeitsklima und Fairness zum Inhalt haben aus, und hole sich wissenschaftlichen Beistand, der dem Ganzen einen Hauch von Seriosität vermittelt. Ausgewertet wurden diese Zahlen mittels „Social-Listenig-Methode“. Solche Begriffe und enormen Datenberge erzeugen beim unbedarften Siegelkäufer natürlich Respekt und vermitteln ein Gefühl von Relevanz.

Einfluss von Arbeitgebersiegel auf die Berufswahl - Quelle Alexander Hohaus

Bei diesem Social Listening handelt es sich um das Überwachen des (Social) Webs zu bestimmten Themen. In diesem konkreten Fall wollte man durch dieses „Reinhorchen“ in Twitter, Facebook, Instagram, kununu, Glassdoor, Linkedin, Foren und sonstige Webseiten herausfinden, inwieweit man im Internetz über einen Arbeitgeber, den Wettbewerb oder über relevante Themen spricht. Studienpartner Faktenkontor schreibt dazu in seiner Pressemitteilung, dass mittels „Crawling“ im Zeitraum von Dezember 2016 bis November 2017 täglich sämtliche Internettexte, in denen die ausgewählten Firmen auftauchen und die für das Thema Jobfairness relevant sind erfasst wurden (der reflektierende Leser fragt sich an dieser Stelle schon, welche Begriffe das sind, die so für das Thema Jobfairness relevant sind… Fairness? Faire Entlohnung? Gleichbehandlung? Vergütung von Überstunden? Wertschätzende Führungskultur? Ein Hund im Büro? Vorbildliches Vorgesetztenverhalten? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Keine Benachteiligung von Frauen? Von Ausländern? Fragen übrigens auf die die Pressemitteilung keine Auskunft gibt. Und Fragen, die sich viele nicht stellen. Und genau diese haben die findigen Siegelverkäufer im Visier).

„Der angesprochene Verkehr erwartet bei einem Prüfsiegel oder ähnlichem Zeichen, dass es von einer neutralen Stelle nach sachkundigen Kriterien vergeben wird. Ist das nicht der Fall, ist die Werbung mit dem Siegel schon aus diesem Grunde irreführend.“ Quelle

Nach Auswertung dieser Daten wurden diese noch auf ihre Tonalität untersucht. Spricht man positiv über die untersuchten Unternehmen bzw. Faktoren, negativ oder neutral? Um das Ganze dann komplett zu machen, floss in die Bewertung noch die Auswertung einer schriftlichen Befragung der untersuchten Unternehmen zu unterschiedlichen Arbeitgeberaspekten mit ein. Welche „unterschiedlichen“ Arbeitgeberaspekte das waren, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Ebenso eine Antwort auf die Frage, ob denn die angeschriebenen Unternehmen auch geantwortet haben. Welche Unternehmen da bewertet wurden, bleibt im Übrigen auch unbeantwortet. Die „sachkundigen Kriterien“ sucht man also mit der Lupe. Alles weitere kann man der dazugehörigen Pressemitteilung entnehmen.

Höchste Intransparenz und jede Menge offene Fragen

So findet man nach einiger Recherche z. B. die Aussage, dass beispielsweise alleine die Daten von 457 Krankenhäusern für diese dubiose Auszeichnung analysiert wurden (siehe hierzu auch das Update unten im Text). Stellen sich mir gleich zwei Fragen: 1. Gibt es in Deutschland so viele Krankenhäuser, die zu den 10.000 größten Arbeitgebern in Deutschland zählen (blieben noch 9.543 andere Unternehmen)? Und wo wird über Unternehmen wie BPW Bergische Achsen, KOKI TECHNIK Transmission Systems, Walter Seitz, Procar Automobile, Senger Group, Hugo Pfohe, WashTec Cleaning,  Pieper und Budni im Web gesprochen? Und vor allem so viel, dass es für die Auszeichnung relevant wäre? Schließlich waren für eine Auszeichnung mindestens 20 Nennungen im Beobachtungszeitraum notwendig. Während 20 an sich schon ein lächerlich geringe Zahl ist, um daraus ableiten zu können, wie fair ein Arbeitgeber sein kann, findet man über viele dieser Unternehmen wahrscheinlich nicht einmal diese 20 Äußerungen. Ganz einfach, weil es sich bei vielen um kleine Mittelständler handelt (waren es nicht die 10.000 größten Unternehmen in Deutschland… Hmm…) und diese im Social Web nicht existieren.

Bedeutung von Arbeitgeber-Rankings und Arbeitgeber-Gütesiegeln - Quelle Social Media Personalmarketing Studie 2016

Und wie kann es sein, dass ein für sein nachhaltiges Handeln bekanntes Unternehmen wie dm deutlich schlechter abschneidet, als bspw. Discounter Aldi mit einer absolut gegenteiligen Unternehmenspolitik? Wie kann es sein, dass bspw. ein Unternehmen wie eben dieses KOKI TECHNIK Transmission Systems, das weder über eine Facebook-, noch über eine Twitter-Präsenz oder über ein Linkedin-Profil verfügt und auf kununu eher eine weniger positive Bewertung bekommt, unter die Auswahl der Unternehmen fällt, die für „Höchste Fairness im Job“ stehen?

Oder sind es Tweets wie dieser, die in die Wertung einfließen? Immerhin bietet man hier die Möglichkeit, sein Mittagessen einnehmen zu können. Das ist wirklich höchste Fairness im Job, ermöglichen viele Unternehmen ihren Mitarbeitern aufgrund chronischer Unterbesetzung nicht mal eine Mittagspause. Die Tonalität ist neutral. Noch 19 weitere dieser Äußerungen, fertig ist die Auszeichnung.

Höchste Fairness im Job - fließen solche Äußerungen ins Siegel ein?

Warum das Unternehmen BPW den Award bekommen hat? Möglicherweise, weil der Twitter-Account der „Business and Professional Women“, kurz BPW, ein internationales Netzwerk für Frauen im Beruf und Initiator von equalpayday.de sich so fleißig für die gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das geschlechtsübergreifend einsetzt. Was in der Tat höchste Fairness im Job wäre, aber nun leider gar nichts mit dem Unternehmen BPW, welches sonst ebenfalls mit Inaktivität im Social Web glänzt, zu tun hat. Oder sind es die 27 Bewertungen auf kununu, womit man ja immerhin 7 Bewertungen mehr erfüllt hätte, als die geforderten. Oder ist es gar ein Irrtum? Bei der OSCAR-Verleihung wurde jüngst ja auch der falsche Film ausgezeichnet. Kann ja mal passieren…

Wie man es dreht und wendet, es bleiben Fragen über Fragen, deren Antwort wahrscheinlich nicht einmal FOCUS kennt. Bewusst werben (oder sollte ich eher schreiben: unreflektiert?) mit dieser Auszeichnung per Pressemitteilung tun derzeit zwei (von x) Unternehmen. Bleibt zu wünschen, dass andere diesen Schmu nicht mitmachen. Zumal es sich bei diesen Siegeln um echte Bewerbertäuschung, wenn nicht gar sogar um irreführende Werbung (s. o.) handelt. Dass es wohl besser ist, auf diese Auszeichnung zu verzichten suggeriert auch mehr als deutlich das im Zuge der Siegelbewerbung verschickte Anschreiben von FOCUS selbst:

Für die – insbesondere wettbewerbsrechtliche – Zulässigkeit  der werblichen Ver­wendung des Siegels sind Sie selbst verantwortlich; insoweit übernehmen FOCUS-MONEY und Faktenkontor keine Gewähr oder Haftung.“

Update: Mittlerweile werben nun gleich zwei Kliniken mit dem zweiten Platz, den sie im Ranking erhalten haben – das Universitätsklinikum Regensburg und das Klinikum Fulda. Ich bin gespannt, wann der nächste den zweiten Platz für sich reklamiert…

Im Ergebnis erhält das UKR die Auszeichnung „Höchste Fairness im Job“. Der einzige Maximalversorger Ostbayerns belegt den 2. Platz unter den deutschen Universitätsklinika. Quelle

Den Wettbewerb der Kliniken um die größte Fairness im Job gewinnt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (erreichte Punktzahl: 100), dicht gefolgt vom Klinikum Fulda auf Platz zwei (erreichte Punktzahl: 99,2). Quelle

Mehr zur Relevanz von Arbeitgebersiegeln gibt’s hier:

Arbeitgeberbewertungsportale und Arbeitgebersiegel: Überbewertet!

Social Media Personalmarketing Studie 2016

Inwiefern beeinflussen Arbeitgebersiegel Studierende?

Arbeitgebersiegel: Der Einfluss auf Professionals

Der Arbeitgebersiegel-Wahn

… to be continued…

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    1. Weilandt sagt:

      Ihr Beitrag passt sehr gut zum Wikipedia Eintrag von Deutschland Test :-)

    2. Hallo Herr Knabenreich,

      das ist so schrecklich was Sie schreiben (müssen), und wenn man dann noch einige der Unternehmen – wie das falsche / richtige BPW kennt (das mit den schweren Achsen) aber genauso Lidl wie DM, dann weckt die Siegel-Manie – vor allem aber dieses spezielle – absolutes Grausen.
      Und das alles wäre gar nicht auszuhalten, wenn Ihre Schreibe nicht so lakonisch und humorvoll retten würde :)

      Grüße von Da nach Wi
      JT

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