Amazons Recruitern geht’s an den Kragen: KI steuert künftig die Bewerberauswahl

Lesezeit: 9 Min. HRPersonalmarketingRecruiting

Was viele bisher nicht für möglich hielten oder als Dystopie einschätzten, ist für Amazons Recruiter scheinbar bittere Realität geworden: Der Job des Recruiters wird durch eine billigere, schnellere, effizientere und rund um die Uhr verfügbare KI ersetzt. Zwar hat Amazon gerade zum größten Kahlschlag seiner Firmengeschichte angesetzt – je nach Quelle sollen über 10.000 oder sogar über 20.000 Jobs wegfallen, allerdings legt ein internes Memo nahe, dass eine KI (“Künstliche Intelligenz” oder auch AI, “Artificial Intelligence”) verstärkt wesentliche Aufgaben des Recruitings übernehmen und damit viele Recruiter überflüssig machen wird. Aktuell bangen bereits mehrere hundert Recruiter, die sich einer blühenden Karriere bei einem vermeintlichen Top-Arbeitgeber sicher waren, um ihre Jobs. Aber kann eine KI wirklich Recruiter ersetzen und ist auch Ihr Job gefährdet?

KI vernichtet Arbeitsplätze

Allzu abwegig ist das Szenario nicht, denn schon heute ersetzt die von vielen hochgejazzte (aber hochgefährliche) KI Menschen, die sich bislang ihrer Jobs sicher waren. So erfreut sich bspw. ChatGPT momentan großer Beliebtheit und zeigt, was möglich ist – etwa das Erstellen von Stellenanzeigen oder das Programmieren von Code (aber auch, was noch nicht). Die KI-getriebene Text-Software Jasper könnte zukünftig diesen Blog übernehmen und für mich die Blogartikel schreiben (keine Angst, das wird nicht passieren), mein Buch Google for Jobs wurde mithilfe von DeepL (und nicht von Übersetzern) ins Englische übertragen, beim Startup Airhelps ersetzen unterstützen KI-getriebene Bots das juristische Team bei der Arbeit, bei Unilever werden durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Recruiting rund 100.000 Personalstunden im Jahr (read: Mitarbeiter) und damit auch Hunderttausende Euro eingespart.

Ist der Job des Recruiters ohne Weiteres zu ersetzen?

Doch trotz dieser Entwicklungen waren und sind viele der Meinung, dass der Job des Recruiters nicht so ohne Weiteres zu ersetzen sei. Bis jetzt: Denn Amazon beweist das Gegenteil und zeigt zum wiederholten Mal, dass Menschen einfach nicht effizient genug sind – und wie groß die Gefahr durch KI ist, Arbeitsplätze zu ersetzen vernichten. Sicher, es werden neue Jobs kreiert (etwa die, die diese tollen Tools möglich machen, von denen sie selbst abgeschafft werden), aber die Schaffung dieser Jobs wird diejenigen, die verloren gehen werden, nicht ansatzweise ausgleichen können.

“Es ist gefährlich, wenn wir Algorithmen unser Schicksal anvertrauen.” Anders Indset

Amazons neue KI macht auch den Recruiter überflüssig

Mitte November hatte Amazon Hunderten von Recruitern, von denen man sich trennen will, Übernahmeangebote unterbreitet. Klar, wenn ein Konzern 20.000 Stellen kappen will, sind natürlich auch die Recruiting-Abteilungen betroffen. Dem Magazin Recode liegt aber ein vertrauliches internes Dokument vor, welches die Frage aufwirft, ob eine neue KI-Technologie, mit der das Unternehmen seit etwa einem Jahr experimentiert, eines Tages einige dieser Mitarbeiter ersetzen wird. Laut diesem Papier vom Oktober 2021, das als “Amazon confidential” gekennzeichnet ist, arbeitet der für seine auch hierzulande prekären Arbeitsverhältnisse bekannte Tech-Gigant seit mindestens einem Jahr daran, einen Teil der Aufgaben seiner Recruiter bzw. bestimmte “Recruiter-Level” an eine KI-Technologie zu übergeben.

Bereits im September heißt es in einem Interview mit Deepti Varma, Vice President, “People and Experience Technology” (PXT) (so heißt die HR-Division bei Amazon Stores India and EM):

“We use a lot of AI and have quite a lot of automated tools that we use in order to hire. In fact, as we speak, in the US, we are experimenting with ‘no see hire’, which means that without actually asking the person to come for technical roles, can we look at hiring people based on some of the simulations that we have made, and can we, try to reduce the dependencies on a recruiter. So we are trying to do a lot of these things”.

Technologie beurteilt Kandidaten anhand vergleichbarer Profile von Amazon-Mitarbeitern

Diese Technologie ist demnach in der Lage, zu beurteilen, welche Bewerber in bestimmten Positionen – sowohl in Unternehmensfunktionen als auch in den Lagerhäusern – erfolgreich sein werden, und würdig sind, an einem Vorstellungsgespräch teilzunehmen (dass das funktionieren kann, zeigte vor einigen Jahren auch ein kleines “Experiment” zwischen KI und Recruiter). Und zwar alles ohne jegliche Beteiligung eines Recruiters aus Fleisch und Blut. Möglicherweise darf der dann wieder im Vorstellungsgespräch übernehmen, wobei sich ohnehin die Frage stellt, ob es sinnvoll ist, dass diese an den Auswahlgesprächen teilnehmen (Achtung, das war ironisch gemeint).

Neue KI soll Amazon zufolge nicht mehr diskriminieren

Amazons neue “Recruiting-KI-ersetzt-Recruiter-Software” gleicht die Ähnlichkeiten zwischen den Lebensläufen aktueller, leistungsstarker Amazon-Mitarbeiter mit den Lebensläufen von Bewerbern ab, die sich auf ähnliche Stellen bewerben. Moment mal, werden Sie nun möglicherweise einwerfen, war Amazon nicht schon vor wenigen Jahren mal mit einer vergleichbaren KI gescheitert, weil diese stark vorurteilsbehaftet war und vor allem Frauen diskriminierte? Korrekt, gut aufgepasst! Abgesehen davon, dass das natürlich auch dem besten Recruiter passiert (Stichwort Nasenfaktor) und Frauen nachweislich Frauen diskriminieren, entwickelt sich Technologie stetig weiter. Und tatsächlich soll die den Recruiter überflüssig machende Software hier nun deutlich besser geworden sein. Zumindest sollen das gemäß dem internen Papier erste Tests der HR-Abteilung von Amazon belegen, die der neuen KI-Software bescheinigen, dass diese erfolgreich gegen Vorurteile aufgrund von Rasse und Geschlecht vorgeht.

Amazon schafft den Recruiter ab

Die Software, die Recruiter abschafft, wurde vom Amazon-Recruiting-Team entwickelt

Die Technologie, die intern als “Automated Applicant Evaluation” (AAE) bezeichnet wird, wurde vom Artificial Intelligence Recruitment-Team entwickelt, einem Team von Amazons HR-Division. Die Recruiting-Kollegen schaffen sich bei Amazon also offenbar gegenseitig ab. Erstmals wurde diese Technologie im vergangenen Jahr getestet.

“The AAE technology removes one key role that some recruiters serve at Amazon, which is evaluating job applicants and choosing which should move on to job interviews. The program uses the performance reviews of current employees, along with information about their resumes and any online job assessments they completed during their hiring process, to evaluate current job applicants for similar roles.”

KI-Software macht Vorauswahl durch Recruiter überflüssig

Während AAE zunächst an Bewerbern für medizinische Berufe in den Amazon-Lagerhäusern erprobt und für gut befunden wurde, wurde die Technologie sukzessive weiter ausgerollt und erfolgreich etwa bei Softwareentwicklern und technischen Programmmanagern eingesetzt. Weitere Rollen werden folgen, das dürfte ziemlich klar sein und bedeutet für viele Recruiting-Abteilungen bzw. deren Mitarbeiter das Aus. Denn mit der AAE-Technologie entfällt eine Schlüsselrolle, die Recruiter nun einmal innehaben: Die Vorauswahl und Bewertung von Bewerbern, die zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden sollen. Wie oben erwähnt, sind dies Schritte, die sich ohne Weiteres automatisieren lassen. Amazons AAE nutzt die Leistungsbeurteilungen aktueller Mitarbeiter zusammen mit Informationen über ihre Lebensläufe und alle Online-Job-Assessments, die sie während ihres Einstellungsverfahrens absolviert haben, um auf dieser Basis aktuelle Bewerber für ähnliche Positionen zu bewerten.

Macht es überhaupt einen Unterschied, ob Menschen oder eine KI rekrutieren?

Tatsächlich erreicht das KI-Modell eine Genauigkeit, die mit der des manuellen Recruiting-Verfahrens vergleichbar ist, und weist keine nachteiligen Auswirkungen auf die Qualität aus, wird das interne Amazon-Papier von 2021 zitiert. Nun könnten böse Zungen behaupten, dass es eigentlich gar keinen Unterschied macht, ob Menschen oder eine KI rekrutieren, schließlich habe man bei Recruitern entweder ohnehin oft das Gefühl, es mit seelenlosen Robotern zu tun zu haben oder dass es nur gut sei, gelangweilte und unqualifizierte Recruiter durch KI zu ersetzen (was ein Bewerber im Zweifelsfall aus eben jenen Gründen gar nicht merken würde).

“Ich habe in den letzten 2 Monaten Vorstellungsgespräche in Berlin geführt, und die meisten nutzen jetzt automatisierte Assessments. Die ersten Videointerviews dauern (wenn überhaupt) 15 Minuten oder weniger und sind mit sehr jungen Personalverantwortlichen, die keine Ahnung haben, worüber sie ein Interview führen.” Quelle

Und natürlich sind Menschen genauso wenig vorurteilsfrei, wie die KI, die wiederum von Menschen angelernt werden. Darüber hinaus bieten autonome Systeme einen entscheidenden Vorteil: Sie arbeiten ohne Pause, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, werden nicht krank, brauchen keinen Urlaub, nerven nicht rum und kosten ein Bruchteil dessen, was Recruiter nun mal kosten.

Klar, eine KI ist – Stand jetzt – niemals in der Lage, Empathie zu zeigen oder die Persönlichkeit mitsamt ihrer Talente, Stärken und Schwächen zu erkennen. Ein Bewerber ist kein Produkt, kein Gegenstand und jeder hat seine eigene, einzigartige Geschichte. Hier sind ganz klar Menschen gefragt, die dies erkennen, nachfassen und fragen können. Und aktuell sind es primär Routine-Aufgaben, an denen zugegebenermaßen viele Recruiter scheitern, die durch eine möglicherweise bessere Technologie ersetzt werden.

Wobei die Betonung auf “möglicherweise” liegt, denn auch ein Experiment des Bayerischen Rundfunks anhand der KI-Software Retorio zeigt die Schwächen der Künstlichen “Intelligenz” auf und welche Gefahren daran liegen, sich blind auf Algorithmen und Automatisierungs-Software zu verlassen.

KI könnte Chance für chronisch unterbesetzte Recruiting-Abteilungen sein

Das Beispiel Amazon und auch die zu Beginn des Artikels genannten Beispiele zeigen allerdings sehr deutlich, welch massiven Einfluss KI auf bis dato sicher geglaubte Jobs haben kann und wohin die Reise geht: Der Mensch schafft sich selbst ab. Einerseits. Andererseits könnte eine solche Lösung aber nicht nur Fluch, sondern auch Segen sein. Denn schaut man sich das Recruiting-Benchmark 2022 an, so ist klar zu erkennen, dass Recruiting-Abteilungen chronisch unterbesetzt und überfordert sind. Da wäre eine solche unterstützende KI doch ein echter Glücksfall! Nur, das zeigt leider die Geschichte: Wenn Automatisierung im Spiel ist, werden häufig Stellen komplett gestrichen, anstatt die Technologie so zu nutzen, dass sie in bestehenden Prozessen unterstützen kann.

Rolebot: Keine Stellenanzeigen, kein Anforderungsprofil – aber passende Kandidaten

Was bereits mit KI möglich ist, zeigt auch das Tool Rolebot: Hier werden wesentliche Schritte des Recruiting-Prozesses gleich ganz überflüssig gemacht. Es gibt keine Stellenanzeige, kein Anforderungsprofil mehr und auch der Lebenslauf wird obsolet. Der Recruiter kommt erst dann ins Spiel, wenn er Kontakt mit den von Rolebot identifizierten Talenten gelangt. Allerdings übernimmt die erste Ansprache bei Rolebot noch der Mensch. So steht es zumindest auf der Website.

Ähnlich dem Amazon AAE-Modell “füttert” man Rolebot mit einem Idealprofil – in diesem Falle bspw. aus LinkedIn oder einer von rund 100 anderen Plattformen – und diese macht sich dann eifrig daran, das Netz nach solchen “Klonen” zu durchforsten. Dabei sind diese Menschen nicht aktiv auf Jobsuche, vielmehr identifiziert die KI passende, wechselwillige Kandidaten. Auch dieses Tool verspricht, diskriminierungsfrei zu rekrutieren und für eine ausgewogene “Diversity” zu sorgen.

Sind Recruiter also überflüssig?

Automatisierbarkeit im Beruf Recruiter

Amazon zeigt auf besorgniserregende Weise, was mit KI möglich ist: Der Job des Recruiters – und nicht nur einzelne Aufgaben – ist ersetzbar. Ein Szenario, das viele möglicherweise bisher für nicht wahrscheinlich gehalten haben. So ermittelt der Job-Futurmat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung etwa, dass 5 der 9 Kerntätigkeiten der Recruiter-Tätigkeit – Stand heute – automatisierbar sind und errechnet einen Automatisierbarkeitsgrad von 56 Prozent – mehr als die Hälfte also. Allerdings sind diese Angaben von 2020. Da gab es Amazons sich selbst kannibalisierende Recruiting-KI noch nicht.

Über kurz oder lang kann das Schicksal, das nun Hunderte von Amazon-Recruitern ereilt, also auch deutschen Recruiting-Abteilungen blühen. Insbesondere dann, wenn, wie in so vielen Fällen, eine klassische Sachbearbeiter-Attitüde vorherrscht und der Einsatz von KI im Recruiting sogar als Arbeitserleichterung begrüßt wird. Welche Konsequenzen das für den eigenen Job haben wird, dessen sind sich offenbar die wenigsten bewusst.

Oder anders gesagt:

“Wir geben mehr und mehr die Kontrolle über unser Leben an Maschinen ab. Und wir erkennen die Konsequenzen nicht, die das haben wird.” Anders Indset

 

Kommentare (3)

ChatGPT: Sind Recruiter bald arbeitslos oder mit neuem Toolkit besser?

[…] werden. Das Beispiel von Amazon zeigt zwar, dass auch ein solcher Weg denkbar ist, wie Henner Knabenreich in diesem Blogpost aufzeigt. Allerdings sollte dies zumindest in näherer Zukunft eher die Ausnahme sein. Die möglichen […]

Fred

Dringende YouTube Empfehlung - POLITIKANALYSE #15 - Bullshit von Jung und Naiv. ab Minute 22:30 Reinhören und genießen :-)

Recruiter

Ist doch super! Die gesamte HR-Blogger Szene inkl. Jobbörsen Chefs sprechen doch vom Untergang des Abendlandes, weil es bald keine Menschen mehr gibt. Dann macht es eben die KI und alles ist rund - hust :-) Anders Indset verkauft Luft in Tüten.

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Über den Autor
Hallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Personalmarketing-Coach, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING oder LinkedIn - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!
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