Recruiting-Hack: So bekommen Sie auf einen Schlag und völlig kostenneutral mehr Bewerber

Lesezeit: 7 Min. Karriere-WebsitesRecruiting

Die Welt ist aus dem Häuschen, Gazetten und einschlägige Online-Medien berichten landauf, landab: Die Bahn hat deutlich mehr Bewerber generiert, seitdem sie das Anschreiben abgeschafft hat. Dazu erst mal ganz herzliche Gratulation! Es war nur konsequent, das Anschreiben abzuschaffen, zumal dieses “Instrument” der Personalauswahl keinerlei Relevanz hat (es sei denn, Sie suchten jemand, dessen Sprach- und Rechtschreibkenntnisse essenziell für den Job wären). Aber jedes Unternehmen da draußen, wirklich jedes, kann auf einen Schlag ohne jegliche Mehrkosten mit dem nachfolgenden Recruiting-“Hack” innerhalb kürzerer Zeit mehr Bewerbungen generieren.

Bewerbung ohne Anschreiben sorgt für mehr Bewerber

Was war die Aufregung groß letztes Jahr, als die Bahn mit einer bahnbrechenden Neuigkeit für Schlagzeilen sorgte: Die Bahn schafft das Anschreiben ab, hieß es. Und nun, ein paar Monate später, gibt es das erste Resümee. Klar, dass da auch ordentlich die Presseschleuder angekurbelt wird und so las man gestern, welche Erfolge diese Maßnahme zeigt. So heißt es etwa in der Berliner Zeitung “Anschreiben gestrichen: Bahn erhält mehr Bewerbungen“, Wiwo berichtet “Deutsche Bahn schafft Anschreiben ab: Zahl der Bewerber steigt” und das Handelsblatt textet “Deutsche Bahn: Bewerbung ohne Anschreiben zieht mehr Bewerber an“. Rund 10 Prozent mehr Bewerbungen für Ausbildungs- und Studienplätze hat die Bahn im Zeitraum zwischen November und Januar seit Abschaffen des Anschreibens generiert.

“Wir führen den deutlichen Anstieg der Bewerbungen für Ausbildungs- und Studienplätze auch auf den Wegfall des Anschreibens zurück. In Informations- und Bewerbungsgesprächen erhalten wir viel positives Feedback von den Kandidaten zu diesem Schritt.”

Das sollte ein klares Signal für Unternehmen sein, die immer noch an diesem mittelalterlichen Auswahlinstrument festhalten und eine Bewerbung sofort aussortieren, sobald auch nur ein Schreibfehler im Anschreiben enthalten ist. Klar, irgendwie muss man ja den dicken Stapel an Bewerbungen kleinkriegen. Gut, dass man selbst mit bestem Beispiel vorangeht und den ein oder anderen Rechtschreibfehler in der Stellenanzeige oder auf der Karriere-Website einbaut. Man hält sich eben an den guten alten Spruch: Wer im Glashaus sitzt, soll ruhig mit Steinen werfen.

Deutlicher Anstieg an Bewerbungen – das geht auch anders!

Wo wir auch schon beim Thema wären. Nicht beim Steinewerfen, sondern bei der Karriere-Website. Denn dort liegt der Hund begraben. Ich meine das jetzt nicht inhaltlich bezogen – welch inhaltsleere Floskeln auf deutschen Karriereseiten gedroschen werden und welche Austauschbarkeit dort vorherrscht, zeigt ja auch sehr schön wieder das Potentialquarkpark-Ranking (es ist geradezu grotesk, wie Unternehmen brav und ohne zu Hinterfragen den Kriterienkatalog der Schwedischen Studienmacher in blindem Gehorsam abarbeiten – jedes Jahr ein neues Feature mehr, check – nur um sich selbst mit aussagefreien Awards zu schmücken, die dem Bewerber aber so was von an der Regio Glutea vorbeigehen), sondern quasi der Recruiting-Hack, auf den ich mich in der Schlagzeile ganz Click-baiting-mäßig beziehe. Und ja, es ist der Hack, nicht das Hack.

Der Karriere-Button-Hack

Denn es ist ein ganz simpler Trick, mit dem Sie im Nu reichlich neue Bewerbungen (und ungeahnte Reichweite als Arbeitgeber) generieren können (eigentlich ist das kein Trick. Vielmehr das Einschalten des gesunden Menschenverstands). Ich nenne es den Karriere-Button-Hack. Platzieren Sie einfach den Karriere-Button dort, wo er immer zu sehen ist, nämlich in der Hauptnavigation. Und schon erreichen Sie auf einen Schlag auf einmal Leute, die sich nie über eine Bewerbung bei Ihnen Gedanken gemacht haben. Weil Sie sie schlicht und einfach nicht als Arbeitgeber auf dem Schirm hatten. Welche Potenziale nicht nur die Bahn, sondern auch Unternehmen wie die Lufthansa, wie die Telekom, wie IKEA, wie sämtliche Autobauer, wie die Sparkassen und die meisten anderen Banken , wie sämtliche Einzelhandelsketten und zig Tausend andere Unternehmen da draußen verschenken, ist nahezu grotesk. Keiner scheint sich Gedanken über die verschiedenen Websitebesucher bzw. Karriere-Website-Besucher zu machen. Oder sagen wir so: die wenigsten.

Gut versteckt findet den Karriere-Button keiner - da hilft nur der Recruiting-Hack

Anhand eines simplen Rechenbeispiels will ich Ihnen aufzeigen, wie Sie im Nu viele neue Bewerber gewinnen können (egal, ob Sie Bahn heißen oder REWE oder IKEA oder HWSCUNDG). Dazu, man möge mir das verzeihen, greife ich aus gegebenem Anlass auf die Deutsche Bahn zurück. Schließlich freut die sich gerade wie Bolle über 10 Prozent mehr Bewerber. Oh, wow! Die Deutsche Bahn verfügt über eine der meist aufgerufenen Websites in Deutschland. Wahrscheinlich waren auch Sie schon auf dieser Seite. Sie lautet auf den schönen Namen bahn.de. Im Durchschnitt 31.000.000 (einunddreißig Millionen) Besuche verzeichnet diese Website. Im Monat.

Jeder Besucher Ihrer Website ist ein potenzieller Bewerber. Jeder.

Jeder, der die Website der Deutschen Bahn besucht (verstehen Sie Deutsche Bahn als Platzhalter und setzen Sie nach Belieben Ihren Unternehmensnamen ein), ist ein potenzieller Bewerber. Jeder. Oder zumindest ein Multiplikator. Wenn Sie Ihre Website-Statistiken auswerten, werden Sie feststellen, dass der Karrierebereich nach der Homepage wahrscheinlich der zweithäufigst aufgerufene Bereich Ihrer Website ist. Möglicherweise auch nicht, dann könnte es daran liegen, dass Sie den Link gut verstecken. Bspw. unter einer Rubrik wie “Über uns” oder “Unternehmen”. Oder aber Sie sind ganz clever und packen den Karrierebereich unter “Service”, “Kontakt” oder “News”. Oder aber eben, so wie neben der Bahn viele andere auch, in den Footer. Hier verstecken Sie ihn möglichst zwischen Punkten wie Impressum, Beförderungsbedingungen, Nutzungsbedingungen, Datenschutz, Konzern, Kooperationen und Bahnshop. So sorgen Sie dafür, dass ihn garantiert nur die finden, die wirklich explizit danach suchen.

Nur 40 Prozent sind aktiv auf der Suche nach einem Job. 60 Prozent aber durchaus offen für einen Wechsel.

Nur ist es eben so, dass wir einen ziemlich engen Arbeitsmarkt haben. In einigen Bundesländern und Branchen herrscht sogar Vollbeschäftigung. Laut StepStone-Studie Jobsuche im Fokus sind nur 40 Prozent der Arbeitsmarkt-Teilnehmer aktiv auf Jobsuche. Denen können Sie möglicherweise einen Karriere-Button zwischen Impressum, Beförderungsbedingungen, Nutzungsbedingungen, Datenschutz, Konzern, Kooperationen und Bahnshop zumuten, weil diese ihn verzweifelt suchen werden.

Was aber ist mit den anderen 60 Prozent? Die sind laut dieser Studie zwar fest im Job, aber durchaus offen für einen Wechsel. Und wenn wir uns jetzt noch die Gallup-Studien anschauen, werden wir feststellen, dass die Leute da draußen sogar verdammt wechselwillig sind. Weil sie Dienst nach Vorschrift machen müssen. Weil sie von Führungskräften, die diesen Namen nicht verdienen, ausgebremst werden. Weil der Job stupide ist. Weil der Mitarbeiter in dem Unternehmen nur ein Produktionsfaktor ist. Diese Menschen sind Ihre Chance! Diesen 60 Prozent müssen Sie signalisieren, hey, wir sind ein toller Arbeitgeber, wir zeigen Wertschätzung, wir leben unsere Werte im täglichen Miteinander, bei uns bist du Mensch, bei uns darfst du es sein!

Die Bahn könnte auf einen Schlag und ohne Kosten mehrere Tausend Bewerber mehr haben. Könnte.

Kommen wir zurück zur Bahn. Wenn nur 5 Prozent (und diese Zahl ist definitiv zu gering, es werden wohl 10-mal so viele sein) auf den gut sichtbar in der Hauptnavigation platzierten Karriere-Button klicken würden, wären das auf einen Schlag 1.550.000 Besucher auf der Karriere-Website mehr (zum Vergleich: aktuell verzeichnet die Karriere-Website ca. 440.000 Visits). Wenn Sie Ihre Karriere-Website nun noch so gestalten würden, dass sich ein potenzieller Bewerber dort wiederfindet und abgeholt fühlt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Sie daraus auch mehr Bewerbungen generieren. Klar, wenn die Seite keine inspirierenden Inhalte bereithält, sind 90 Prozent Ihrer Besucher wieder weg. Und kehren niemals wieder. Aber selbst, wenn es nur 10 Prozent wären, die Sie mit Ihrem Auftritt überzeugen, so wären das auf einen Schlag 155.000 Bewerber mehr. Wohlgemerkt: pro Monat!

31.000.000 x 0,05 = 1.550.000

1.550.000 x 0,1 = 155.000

Ohne auch nur einen einzigen Cent zu investieren! DAS wäre ein deutlicher Anstieg mehr. In EINEM Monat, anstatt in dreien. 

Voraussetzung bei dem Ganzen ist aber, dass Sie den Anreiz bieten, damit sich diese 60 Prozent mit Ihnen als Arbeitgeber auseinandersetzen und sich dann bei Ihnen bewerben. Wenn Sie den Karriere-Button gut versteckt platzieren wird Ihnen das nicht gelingen. Aber dann können Sie immer noch das Anschreiben abschaffen. Und so auf einen Schlag 10 Prozent mehr Bewerber innerhalb von drei Monaten generieren.*

*Wären Sie der Arbeitgeber Bahn, könnten Sie zudem Durchsagen per Lautsprecher machen, Job-Empfehlungen auf Tickets oder einen Hinweis auf der millionenfach heruntergeladenen App DB-Navigator platzieren. Also da auf sich aufmerksam machen, wo sich ihre potenzielle Zielgruppe ohnehin schon tummelt. Auf einen Schlag hätten Sie mehr als 10 Prozent an Bewerbern. In weniger als drei Monaten. Für null Euro Kosten.

Kommentare (8)

Fachkräftemangel: Wirklich "händeringend auf der Suche nach Personal" ist in den Kommunen keiner

[…] Szenenwechsel. Begeben wir uns aus dem hohen Norden in den Süden. Nach Ingolstadt. Auch hier jammert man über den Fachkräftemangel, klar. Was auffällt, wenn man das Stadtportal von Ingolstadt aufruft, ist der Karriere-Button, der einem direkt ins Auge springt und dauerhaft in der Hauptnavigation prangt. Hieraus könnte der Norden lernen, denn so ein jederzeit sichtbarer Karriere-Button erzeugt auch bei den  Besuchern der Website Aufmerksamkeit, die eigentlich ein ganz anderes Anliegen hatten. Auch in Ingolstadt weiß man: Jeder Website-Besucher ist ein potenzieller Bewerber. […]

personalmarketing2null

Tja, was soll ich sagen... ich verstehe es auch nicht. Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen...

Christian B. Rahe

Bei meiner Recherche nach guten Arbeitgebern wundere ich mich immer wieder, wie versteckt Stellenangebote auf Unternehmensseiten sein können. Zwar haben wir bald Ostern, doch ist die Aufgabe, motivierte Bewerber zu bekommen, sicher kein leichtes Spiel. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Wenn ich dann (überhaupt) eine Seite wie "Karriere" finde, sind dort häufig nicht viel mehr als die blanken Stellenangebote aufgeführt. Keine oder kaum Infos über die Kultur, Philosophie, Arbeitsweise etc. zum Arbeitgeber. Wieso haben so viele Arbeitgeber noch nicht begriffen, dass es SEO-Maßnahmen nicht nur für die Kundengewinnung braucht? Und weshalb sind anscheinend noch immer zahlreiche Unternehmen bereit, Geld in Personalvermittlung zu stecken, anstatt erst einmal mit kleinsten Maßnahmen die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie von suchenden Bewerbern einfach gefunden werden? Als BewerbungsCoach verstehe ich da ehrlich gesagt die Welt (der Personaler) nicht.

personalmarketing2null

Hi Christian, ich bin da voll bei dir. Allerdings sehe ich das Ganze umgekehrt: Nicht die Karriereseite ist gut gemacht, wenn sich Bewerber am Ende bewerben. Meine These lautet, dass es von der Karriere-Website respektive den Stellenanzeigen abhängt, was unterm Strich hängenbleibt. Ist die Seite also richtig gut und trifft sie den Interessenten mitten ins Herz und macht aus ihm einen Bewerber, dann ist sie richtig gut. Ist die Seite trotz Button Käse, bringt auch der auffälligste Button nüscht. Das ist das eine. Das andere: selbst, wenn es nur 3 Prozent wären (immer den Konjunktiv beachten :)), wären es trotzdem mehr Bewerber, als gar keine. Im Monat. Und das für lau. Für umme. Aber das weißt du, das wisst ihr, das muss ich euch nicht erklären. Einem Großteil der Unternehmen da draußen offenbar schon ;) Liebe Grüße in den Norden! Henner

Christian

Hi Henner, den Link zur Karriereseite gut sichtbar zu platzieren, predigen wir ja auch immer wieder. Aber die "10 Prozent, die Sie mit Ihrem Auftritt überzeugen" sind ziemlich optimistisch angesetzt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Stellenanzeigen und Karriereseiten schon richtig gut gemacht sind, wenn sich 3% der Besucher am Ende auch bewerben. LG Christian

Mario

Hallo Henner, berücksichtige uns einfach bei deinem hoffentlich nächstem Buch ;) Viele Grüße!

personalmarketing2null

Hi Mario, danke dir! Ja, es ist traurig, in der Tat. Die Idee finde ich absolut sinnvoll und auch das empfehle ich immer wieder. Die Zielgruppe da abholen, wo sie sich tummelt. Ist aber die Kür, der Karriere-Button ist die Pflicht. Schade übrigens, dass ich eure Seite erst jetzt entdeckt habe. Wäre glatt was für mein Buch gewesen. Nun ist es zu spät :) Beste Grüße!

Mario

Hallo Henner, nett geschriebener Artikel und traurig zu erfahren, dass dieser "Hack" vermutlich für viele HR Representatives noch neu sein wird. Was hälst du eigentlich von eigenen Job-Bannern auf eigenen Unterseiten, die nichts direkt mit der Career-Section zu tun haben? ;)
Über den Autor
Hallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Personalmarketing-Coach, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING, LinkedIn oder Twitter - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!
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