Glaserei Sterz - Per Glasbruch zum Azubi

Glaserei Sterz – Per Glasbruch zum Azubi

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 6 Minuten.

Wenn man nix macht, kann man auch nichts erwarten„, mit diesen Worten bringt es Sven Sterz, Inhaber der Glaserei Sterz, Deutschlands (wenn nicht sogar der Welt) berühmtester Glaserei, wunderbar auf den Punkt. Natürlich muss man für Aufmerksamkeit sorgen, wenn man als Arbeitgeber respektive Ausbildungsbetrieb wahrgenommen werden will. Und natürlich muss man schauen, wo man die Zielgruppe erreichen kann. Und natürlich muss man sich was einfallen lassen, mutig sein und mal neue Wege beschreiten. Und genau das hat Sterz getan. Eigentlich wollte er nicht mehr, als ein paar Jugendliche in seiner Region zu erreichen. Tatsächlich wurde es ein Millionenpublikum.

Ich freue mich immer wieder wahnsinnig, wenn ich Beispiele von Unternehmen erlebe, die dank ihren Mutes, einmal einen anderen Weg einzuschlagen, plötzlich trotz Fachkräftemangels auf einmal Bewerber finden. Bewerber, die auf einmal Schlange vor dem Firmentor stehen, wo woher nur gähnende Leere im Posteingangsfach war. Der Bauunternehmen Holp mit seinem Baggorfahror gehört dazu, oder die … Kirchgemeinde Männedorf, die mit einem außergewöhnlichen Inserat einem Pastor den Himmel auf Erden bot, ganz zu Schweigen von der Eier legenden Wollmilchsau oder gar der Stadt Los Angeles. „Fachkräftemangel“ ist eben in vielen Fällen nichts anderes als Ideenmangel. In diesem Falle ist die Rede von einem Handwerksbetrieb aus der Nähe von Bremerhaven, einer Glaserei mit vier Mitarbeitern, die auf der Suche nach zwei Auszubildenden war, dank originellem Video fündig wurde und darüber hinaus dank diesen viralen Hits bundesweite Aufmerksamkeit erlangte.

Die Zielgruppe da erreichen, wo sie ist

Sterz, der seinen Betrieb 2003 gründete und jeden 1. Januar seinen Existenzgründungstag feiert, nutzt Facebook schon lange als Kanal, um seine Kunden über aktuelle Themen zu informieren oder Produkte vorzustellen. Dabei setzt er auch auf selbst erstellte Videos, mit denen er bspw. auch mal seinen Arbeitstag einfängt. Umso naheliegender war es für ihn, auf Facebook und das Medium Video zu setzen, als es um die Suche nach neuen Azubis für den Ausbildungsberuf Glaser ging. „Werbung in der Zeitung lohnt sich nicht – machen wir uns nix vor, ich zahle 480 Euro und erreiche keinen„, erzählt er mir am Telefon. Und weiter in seiner nordischherzlichen Art „Die Knaller sitzen heute alle am Laptop, am PC oder Handy„. Mit der Zeitung könne man Jugendliche nicht mehr erreichen.

Und so dreht er ein Video, in dem er zeigt, wie in einer Scheune eine Scheibe repariert wird und platziert einen Aufruf zur Bewerbung. Zwar schauen sich 6.000 Leute das Video an, anrufen oder aber bewerben tut sich aber keiner. Das kann und will Sterz nicht wahrhaben. Ihn packt der Ehrgeiz: „Ich hab‘ son nen geilen Beruf und da will keiner bei„. Bei einem Kaffee schreibt er ein paar Ideen zusammen und bittet seine Frau dann, das legendäre Video zu drehen. Es gibt nur einen Versuch, schließlich zerspringt das Hauptobjekt des Videos, eine alte Glastür, in tausend Einzelteile. Das Ding ist im Kasten. „Du hast nicht alle Latten am Zaun„, sagt seine Frau und auch er kommt kurzfristig ins Grübeln. Kann er das Video bringen oder macht er sich zum Horst? Er schaut sich das Video mehrfach an. Fragen wir doch mal die Zielgruppe, denkt er sich. Sein sechzehnjähriger Sohn gibt sein Okay, die Stieftochter meint „ja, hau mal raus“. Und er haut es raus. „Ich muss verrückt sein.„, ist alles, was unter dem Post steht. Freitagabend ist es da, der 16. Februar 22.15 Uhr. Er bewirbt das Ganze mit 18 Euro, damit der Beitrag gezielt in seiner Region und bei seiner Zielgruppe ausgespielt wird und geht ins Wochenende.

Angebot punktet mit Ehrlichkeit und Transparenz

Ob es die kaputte Glasscheibe war, mit der wohl keiner gerechnet hat, seine erfrischende nordische Art oder einfach die Ehrlichkeit und Transparenz seines Angebots (was man sich so oft von anderen Stellen- und Ausbildungsangeboten wünschen würde), das Ding geht durch die Decke. Schon am nächsten Morgen merkt er, dass er da den Nerv der Leute getroffen hat. Sein Smartphone pingt und vibriert in einer Tour. Sonntag ruft ihn bereits die hiesige Presse an und fragt ihn, was da los sei. Da hat das Video bereits 600.000 Views, mehr als das so mancher Youtuber nach so kurzer Zeit hat. Sterz hat selber nicht damit gerechnet, dass das so ein Hype wird, wie er mir erzählt. Doch das ist erst der Anfang. Schon am Montag sammelt seine Frau 17 Bewerbungen ein. Während das Scheunenvideo null Reaktion hervorbrachte, explodiert der Post förmlich.

Moin!

Ich habe zwei Ausbildungsplätze zu vergeben.
Mich interessiert nicht, wo du herkommst oder welche Schulbildung du hast.
Aufgeben, abbrechen der Ausbildung, so nach dem Motto die anderen sind schuld, sind keine Option. Ich bin immer für dich da!

Und jetzt mache ich dir ein Angebot, dass muss ich ablesen, denn das kann ich selber kaum glauben :)

Bei positivem Verlauf der Ausbildung biete ich 100 Euro über Ausbildungsvergütung im Monat von Anfang an.
Übernahme der Reisekosten, denn die Berufsschule ist in Bremen.
Wird die Zwischenprüfung mit der Note 3 bestanden, gibt es eine Sonderzahlung von 300 Euro. Finanzielle Unterstützung beim Führerschein.
Wird die Gesellenprüfung mit der Note 3 bestanden, gibt es eine Sonderzahlung von 500 Euro – und das Angebot in ein Festangestelltenverhältnis.

In diesem Sinne: Pünktlich, sauber, zuverlässig, Glaserei Sterz

3.000.000 Aufrufe. 33.000-mal geteilt. 34 Bewerbungen

Montagmorgen stehen schon die ersten Bewerber mit Bewerbungsmappe bei ihm vor der Tür. Montagmittag steht das Video bei 1 Millionen Views. Gleich am Montag gehen 17 Bewerbungen bei ihm ein. Radio und Fernsehen stehen bei ihm Schlange, um ein Interview zu bekommen, fahren sogar bei ihm auf den Touren mit. So zieht die Geschichte weiterhin ihre Runden. Preiswertere (Be)werbung mit so viel Reichweite geht nicht.

Bemerkenswert auch die Reaktionen der Bewerber. So gibt es welche, denen es gar nicht auf die die von Sterz ausgelobte Sonderzahlung ankommt, sie wollen die Ausbildung und es Sterz zeigen, dass sie besser sind als die geforderte 3. Was eigentlich genau Sterz‘ Intention war. Er wollte den Ehrgeiz der jungen Leute wecken und ihnen eine echte Chance geben. „Wenn man den Leuten schon am Anfang son Rucksack mitgibt, dann wird das nix„, erzählt er mir. Und hat damit voll recht. Wenn wir nur die allerhöchsten Ansprüche erwarten, verprellen wir die, die sich ihrer Fähigkeiten vielleicht gar nicht bewusst sind, diese aber in der Praxis zu voller Pracht entfalten.

Heute sind es bereits weit mehr als 3 Millionen Aufrufe, die das Video bekommt. Über 33.000-mal wurde es geteilt, mehr als 7.200 Kommentare hat es bekommen. Bewerben kann man sich aber nicht mehr. 34 Bewerbungen sind nun auf seinem Schreibtisch gelandet, wie er auch unter dem Motto „Respekt, ich ziehe meine Mütze!“ via Facebook bekannt gibt. Die wird sich Sterz nun alle zur Brust nehmen. Alle sozialen Schichten sind vertreten, alle unterschiedlichen Lebenswege. Jeder soll die gleiche Chance bekommen. Sterz hat einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Und so ist es für ihn selbstverständlich, dass auch jeder eine Rückmeldung bekommt. Bis Ende März will er seine Auswahl getroffen haben.

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    1. […] Personalmarketing2null schreibt hierzu einen ausführlichen Artikel. Und genau hier will ich anknüpfen, denn es geht nicht darum zu erforschen, wie und auf welchem […]

    2. Marina sagt:

      Weltklasse Nummer war das.

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