Wiesbaden setzt auf Alltagshelden und verdoppelt Bewerbungseingang

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Über die Personalmarketing-Aktivitäten der VBZ (Verkehrsbetriebe Zürich) hatte ich ja schon das ein oder andere Mal berichtet. Ja, sogar einen ganzen HR-Bestseller gibt’s dazu. Und jede Menge Auszeichnungen hat es gehagelt. Ob die ESWE-Verkehr aus Wiesbaden an diese Erfolge anknüpfen kann? Potenzial hätte der Verkehrsbetrieb der hessischen Landeshauptstadt mit seinen Maßnahmen durchaus. Denn genau wie bei den VBZ auch, ist man dort auf der Suche nach Busfahrer-Nachwuchs. Nicht ganz so frechmutig vielleicht wie die Eidgenossen, aber dennoch inspirierend. Und vor allem: erfolgreich.

Entgegen Zürich gibt es in Wiesbaden kein Tram (also keine Straßenbahn – das war übrigens mal anders, aber seit 1929 ist Wiesbaden Busstadt), sondern ausschließlich Busse im ÖPNV. Und hier ist Wiesbaden Trendsetter. Wussten Sie bspw., dass die Busspur, die es ja mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt, ihren Ursprung in Wiesbaden hat? Sehen Sie, ich auch nicht. 1968 (in meinem Geburtsjahr) wurde sie, unter großer Beachtung der Fachwelt, in der hessischen Landeshauptstadt bundesweit erstmals eingeführt.

Busfahrer dringend gesucht

Nun fährt ein Bus ja nicht ohne Busfahrer. Und die wachsen bekanntlich nicht auf Bäumen. Was es bedeutet, wenn nicht genügend Busfahrer da sind, haben die Wiesbadener letztes Jahr im Frühjahr erlebt. Ähnlich wie es in Mainz aufgrund von Krankheit und Urlaub (und mangelnder Personalbeschaffungsstrategie) an Fahrdienstleitern mangelte und es deswegen zu massiven Verspätungen und Ausfällen im Bahnverkehr kam (und es der Bahn dann einfiel, dass man ja zusätzlich welche einstellen könnte), fielen in Wiesbaden im letzten Frühjahr diverse Busse aus und kam es zu massiven Verspätungen (gut ein Fünftel der Busfahrerbelegschaft war seinerzeit ausgefallen). Was natürlich für viel Unmut bei den Passagieren – also auch mir – sorgte. Apropos Unmut: Für Unmut sorgen auch die manchmal überpünktlichen Fahrer, die dann anstatt zwei Minuten zu warten lieber weiter fahren. Der Fahrgast hat dann leider das Nachsehen und kann allenfalls dem zu früh davon fahrenden Bus missmutig nachwinken.

Nun denn, geschenkt. Damit es nicht erneut zu einer oben geschilderten Situation kommt, geht die ESWE-Verkehr bereits seit Sommer verstärkt auf die Suche nach Busfahrer-Nachwuchs. Während die VBZ sich seinerzeit sogar in den Osten der Republik wagte und mit frechen Maßnahmen Busfahrer aus Sachsen abwarb, beschränkt sich die ESWE im Wesentlichen auf den Großraum Wiesbaden. Und so fahren viele der Wiesbadener Busse mit aufmerksamkeitsstarken Motiven beklebt durch die Hessische Landeshaupt und helfen dem angestaubten Image auf die Sprünge. „Ihr neuer Arbeitsplatz„, heißt es da, und „12 Meter lang, eigene Fahrspur„. Oder: „Mein Traumauto hat Platz für 150 Mitfahrer„.

Imagekampagne für Busfahrer in Wiesbaden: Ihr neuer Arbeitsplatz

Seit November setzt man noch mal einen drauf. Und so wird an und in Bussen und mit Plakaten im gesamten Stadtgebiet mit einem Bildmotiv nach Alltagshelden gesucht.  Ich bin ehrlich, als ich die Motive das erste Mal sah, war ich nicht sonderlich begeistert. Was aber auch daran liegt, dass ich entgegen Ottonormalbürger einfach zu viele Personalmarketing-Kampagnen kenne. Vor diesem Hintergrund hatten mich sowohl das Motiv als auch der Spruch im ersten Momentan eher wenig begeistert.

Kampagnenmotiv Alltagshelden

Hatte ich doch noch Motiv und Slogan der Volksbank Göppingen vor Augen, die ebenfalls letztes Jahr, in diesem Falle aber für ihre Ausbildungsstellen, warb.

Zeit für neue Helden - Ausbildung bei der Volksbank Göppingen

Nun gut, immerhin bleibt einem dort ein Video à la Volksbank Franken erspart. Wobei das wiederum mittlerweile sogar einen Eintrag bei Wikipedia hat.

Volksbank Franken bei Wikipedia

Und den Begriff „Alltagshelden“ hatte ich eher mit sozialen Berufen assoziiert. Aber ich schweife schon wieder ab, bevor es überhaupt richtig los geht. Aber mal ganz ehrlich, warum sollte das 2015 anders sein? Nur weil Jo Diercks 2015 zum Jahr des Kandidaten ausgerufen hat? Pustekuchen! Überhaupt sollte ohnehin jedes Jahr das Jahr des Kandidaten sein. Sonst wird das nämlich noch ne ganze Enge Kiste mit dem Mythos Fachkräftemangel. Aber zurück nach Wiesbaden.

Mit oben gezeigtem Motiv beklebt fahren nun so einige Busse seit Monaten durch Wiesbaden und ziehen die Blicke respektive die Aufmerksamkeit auf sich (und darum geht’s ja letztendlich). Aber während sich bei der Volksbank Göppingen oder der Stadt Krefeld („Bist du krass?“) nichts vom Superhelden- bzw. „Krass“-Charakter auf der Website bzw. in den Texten wiederfindet, ist man bei der ESWE-Verkehr wirklich konsequent und zieht das Superhelden-Ding konsequent in der Ansprache durch. Und verbindet das Ganze wirklich sinnvoll mit den Anforderungen („Diese Superkräfte solltest du besitzen„) und Aufgaben („Unseren zukünftigen Helden bieten wir“). Auch in der Stellenanzeige, die seit Anfang des Jahres nun wieder in diversen Online-Stellenbörsen dieser Republik geschaltet wird, wird der Auftritt beibehalten.

Stellenanzeige Busfahrer ESWE-Verkehr

Auf der dazugehörigen Alltagshelden-Website gibt’s dann jede Menge weitere Informationen für alle, die Busfahrer werden wollen oder schon sind. Auch ein Video lässt sich dort bewundern. Das mag zwar auf den ersten Blick mit 12 Minuten recht lang sein, bietet aber jede Menge Informationen, Einblicke in den Arbeitsalltag und lässt verschiedene Busfahrer zu Wort kommen (hier ist eine Fortsetzung geplant). Offensichtlich kommt das bei den Leuten an: Bereits über 290.000 Klicks hat das Video zu verzeichnen. Nicht schlecht, Herr Specht!

Übrigens, das Tolle an dem Job als Busfahrer: Das ist ein echt krisenfester Beruf. Schließlich wird gutes Fahrpersonal schon heute dringend gesucht (wie die Beispiele VBZ und ESWE-Verkehr zeigen). In den nächsten Jahren wird der Bedarf sogar noch deutlich größer werden. Wenn Sie sich also heute für diesen Beruf entscheiden, werden Sie voraussichtlich nie wieder arbeitslos. Und: Genau so wie (fast) jeder Observationskraft beim Bundesverfassungsschutz werden kann, kann auch (fast) jeder Busfahrer. Mindestvoraussetzung für beide Jobs: Ein Führerschein. Könnte also auch ich machen. Um aber die Einwohner Wiesbadens vor schwerwiegenden Schäden zu bewahren (und Ihnen natürlich erhalten zu bleiben), lasse ich das lieber. Aber ganz im Ernst, auch das wäre ein Job für Robbie Williams gewesen. Im Übrigen trägt die ESWE dem Ganzen Rechnung und so gibt es eine Informationsseite für die, die Busfahrer sind und neue Perspektiven suchen (z. B. die Fahrer von Fernbussen, die Opfer des Preiskampfs werden) und für diejenigen, die Busfahrer werden wollen (also bspw. Menschen wie Robbie Williams). Denn man hat bei der ESWE erkannt, dass auch Quereinsteiger viel Potenzial bieten und investiert daher verstärkt in die Ausbildung. Interessanterweise versuchen viele Unternehmen ja lieber Fachkräfte aus dem Ausland zu holen und investieren in Sprach- und Integrationskurse (was natürlich keine Lösung ist), anstatt sich die Zielgruppe der Quereinsteiger zu erschließen und alle Register in Sachen Recruiting zu ziehen. Aber das ist ein anderes Thema.

Bewerbungszahlen steigen

Die Alltagshelden-Kampagne kommt an, das schlägt sich auch in den Bewerbungszahlen nieder, die seit Beginn der Kampagne deutlich zugenommen haben, wie mir Thorsten Kurz, verantwortlich für das Marketing bei der ESWE-Verkehr, bei einer Tasse Kaffee verraten hat.

Bewerbungseingang - signifikante Steigerung durch Alltagshelden-Kampagne

Natürlich gibt es immer noch Menschen, die die Kampagne nicht unmittelbar mitbekommen. Und daher gibt es einen umfangreichen Maßnahmenkatalog, der sukzessive umgesetzt wird. Und so gibt es (fast) kein Medium, welches nicht genutzt wird, um für den Busfahrer-Nachwuchs zu werben. So dominiert der Hinweis auf die Kampagne bzw. die Stellenofferte die Homepage von ESWE-Verkehr, (für alle, für die das Internet Neuland ist: Unter Homepage versteht man die Startseite – und nur die – einer Internetpräsenz bzw. Website. Und bereits hier sollten sich Hinweise auf Jobs & Karriere, zumindest aber der Einstiegslink befinden – ansonsten werden Sie im Zweifelsfall gar nicht erst als Arbeitgeber wahrgenommen)

Homepage der ESWE-Verkehr mit Hinweis auf Alltagshelden-Kampagne

ein Hinweis findet sich in der E-Mail-Signatur der ESWE-Mitarbeiter, 10.000 Briefumschläge bekamen den Alltagshelden-Aufruf verpasst, 4.000 Edgar-Cards wurden in der Wiesbadener Gastronomie verteilt, Big Banner – unter anderem im Wiesbadener Hauptbahnhof – wurden aufgehängt, eine Google Adwords-Kampagne wurde aufgesetzt und vieles mehr – sowohl online wie auch offline.

Natürlich wurden auch die Busfahrer selbst von Anfang mit in die Kampagne mit einbezogen. So sind bspw. die drei Protagonisten des Kampagnen-Motivs allesamt MitarbeiterInnen der ESWE-Verkehr. Außerdem stehen die Damen und Herren Busfahrer natürlich auch gerne Rede und Antwort, wenn Fahrgäste Interesse bekunden. Während bei der VBZ die Social Media-Ambassadoren die frohe Job-Botschaft verkünden, geht man bei der ESWE allerdings einen Schritt weiter. In Kürze erhalten die Busfahrer noch ein so genanntes Alltagshelden-Kit, welches dann an potenziell Interessierte ausgehändigt werden kann. Mit Sicherheit eine weitere Maßnahme, die Vertrauen schafft und für weitere Bewerbungen sorgen wird.

Alles in allem zeigt die ESWE-Verkehr also sehr schön, was ein Arbeitgeber alles tun kann, wenn es darum geht, dem potenziellen Nachwuchs nachzustellen. Erfolgversprechende Personalmarketing-Maßnahmen übrigens, die nicht nur für Verkehrsbetriebe infrage kommen.

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