Rock die Verwaltung: Wie die Stadt Wiesbaden den Fachkräftemangel rocken will

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Bis 2030 werden rund 80 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung Wiesbaden in den Ruhestand verabschiedet. Das bedeutet, dass die Stadt Wiesbaden künftig zwischen 300 und 400 Stellen pro Jahr zu besetzen hat. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, der sich in der Zukunft viele Kommunen stellen müssen. Wiesbadens Antwort auf den Fachkräftemangel ist eine neue Karriere-Website, die unter dem Slogan “Rock die Verwaltung” für eine Mitarbeit bei der Stadt wirbt. Ob es Wiesbaden gelingt, wirklich die Verwaltung zu rocken und Fachkräfte zum Arbeitgeber Stadt zu locken? Ob dieser “untypische und überraschende” Auftritt gar als leuchtendes Vorbild für andere Kommunen dienen kann, lesen Sie hier.

Ein starkes Signal gegen den Fachkräftemangel?

Wenn ich die oben genannten Zahlen lese, wird mir als besorgter Bürger dieser Stadt schon ein wenig mulmig zumute. 80 Prozent der aktuellen Mitarbeiter gehen bis 2030 in den wohlverdienten Ruhestand? Wer soll sich dann um all die Belange der schönen, vor den Toren des Rheingaus gelegenen, hessischen Landeshauptstadt kümmern? Eine Pressemitteilung der Stadt lässt Hoffnung schöpfen: Demnach setzen Oberbürgermeister und in Personalunion auch Personaldezernent Gert-Uwe Mende sowie Sozialdezernent Christoph Manjura, Chef des mitarbeiterstärksten Sozialdezernats “ein starkes, gemeinsames Signal, um einer der größten Herausforderungen zu begegnen” – sprich die wegfallenden Stellen mit frischem, jungen (oder zumindest jüngerem) Blut zu besetzen.

“Rock die Verwaltung” soll mit verstaubtem Image des öffentlichen Diensts aufräumen

Um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, muss die Stadt als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden und sich so von den Wettbewerbern abheben“, heißt es in der Pressemitteilung weiter.

Mit der Karrierewebsite ‚Rock die Verwaltung‘ soll der Versuch unternommen werden, mit dem verstaubten Image des öffentlichen Diensts aufzuräumen und stattdessen die wichtigen Dienstleistungen für die Menschen unserer Stadt und die Arbeit für das Gemeinwohl online in den Fokus zu rücken.

Ähm… im Grunde genommen steht da schon, was das eigentliche Problem des ganzen “eher untypischen, innovativen und überraschenden Auftretens” ist: Es soll der Versuch unternommen werden. Aber ob das gelingt?

Gelingt es der Stadt Wiesbaden wirklich, mit dem “verstaubten Image des öffentlichen Diensts aufzuräumen”? Ein Blick in das Video, welches die Besucher der Karriereseite auf der Startseite begrüßt, liefert schon die erste Antwort:

Herzlich willkommen beim Karriereportal der Landeshauptstadt Wiesbaden“, heißt es in der “überschwänglichen” Begrüßung durch OB und Personaldezernent Mende. Ein Willkommensvideo auf der Karriere-Website? Kann man machen, muss man aber nicht. Bzw.: Lässt man besser. Zumindest in diesem Fall.

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Wenn Verwaltungen rocken

Aber seien wir nicht kleinlich, schließlich geht es um die Zukunft der Landeshauptstadt Hessens. Und um den frischen, innovativen und überraschenden Auftritt. “Rock die Verwaltung” eben. Da wird gerockt, bis die Schwarte kracht.

Ach nein, das war die Finanzverwaltung Rheinland-Pfalz. Denn auch dort wollte man uns weismachen, dass (Finanz-)Verwaltung rockt. Das sah dann so aus:

Wenn die Verwaltungsrebellen auf Ihrem Blog schreiben “Der öffentliche Dienst ist langsam, öde, bürokratisch? Wir sagen: Verwaltung kann auch anders! Und sie muss es auch, wenn durch Digitalisierung & Co Veränderung zum Normalzustand wird und wenn sie als Arbeitgeberin gute Leute gewinnen und halten will.” treffen sie voll ins Schwarze. Und ja, das war wohl auch das Ansinnen der Stadt Wiesbaden, mutig, hartnäckig und am Gemeinwohl orientiert neue Wege zu gehen.

Ziel der neuen Karriere-Website “Rock die Verwaltung” soll es sein, insbesondere den jetzigen Nachwuchskräften und Berufseinsteigern die vielfältigen Tätigkeitsbereiche nahbar vorzustellen. Man möchte “einen dezidierten Einblick über das Geschehen in den jeweiligen Ämtern und Abteilungen” vermitteln und spickt das Ganze mit “authentischen Erzählungen von Kolleginnen und Kollegen, die über ihren Berufsalltag und Werdegang bei der Stadtverwaltung berichten.

Glücksbringende Glücksbringer

Ein “eher untypisches, innovatives und überraschendes Auftreten” braucht es nach Angabe der Initiatoren dazu. Dann stellt sich mir doch die Frage, warum es eben genau diesen nicht gibt. Von mutig neue Wege zu gehen, ist nicht viel zu sehen. Sicher, anstatt Stellen beim Namen zu nennen, kann man natürlich von “Zahlengenies”, “Perspektiven(v)ermittlenden”, “Krisenmanager/in”, “Willkommenshelfenden”, “Lebenslagenhelfer*in” und “Organisationstalente” sprechen. Oder von “Wegbegleitenden” und “Glücksbringenden”. Das dürfte allerdings komplett an der Zielgruppe (und an Google) vorbeigehen, über die man sich im Vorfeld, so hat es zumindest den Anschein, nicht ausreichend Gedanken gemacht hat. Ebenso wie über die Bildwelten, wie nachfolgendes Beispiel veranschaulichen mag.

Glücksbringende Glücksbringer auf der Karriereseite der Stadt Wiesbaden

Nicht nur die Benennung der Menüpunkte, aus denen sich idealerweise die Inhalte erschließen lassen sollten (“Don’t make me think!“), sind ein Problem, auch dass man es versäumt, direkt auf die passenden Jobs zu verlinken, ist vor dem Hintergrund des oben geschilderten Szenarios grob fahrlässig.

Und es bringt auch herzlich wenig, wenn eine Seite, die Jobs suggeriert, auf eine Seite verlinkt, auf der sich die Jobs dann erst nach längerem Scrollen finden lassen. Leider wurde hier einfach nicht zu Ende gedacht und es entsteht der Eindruck, dass man versucht hat, sich eine Karriere-Website aus verschiedenen Bausteinen zusammenzuklöppeln. Auch das ist vor dem Hintergrund des oben geschilderten Szenarios verstörend. Zum Thema Geiz ist geil unten mehr.

Jobs bei der Landeshauptstadt Wiesbaden gibt's erst per weiterem Mausklick

Rock die Verwaltung? So nicht!

Wenn so eine Kampagne unter dem Titel “Rock die Verwaltung” läuft, so hat man schon bestimmte Bilder im Kopf. Im Idealfall nicht das Bild der oben gezeigten Finanzverwaltung Rheinland-Pfalz. Aber das ist wenigstens kongruent: Es wird eine Finanzverwaltung gezeigt, die, nun ja, “rockt”. Und genau das ist es ja auch, was die Kampagne “Finanzverwaltung – Wir rocken” suggerierte. Zumindest war der gute Wille da. Der scheint bei der Stadt Wiesbaden durchaus vorhanden. Sonst gäbe es ja auch diese Karriereseite nicht. Was ja an sich sehr lobenswert ist.

Nur: Wenn ich suggeriere, dass etwas “rockt” und ich weg möchte vom “verstaubten Image des öffentlichen Diensts“, dann muss das auch sichtbar werden. In der Bildwelt. In den Farben. In der Typo. In den Texten. Die Screenshots oben zeigen, dass von “Rock” weit und breit nichts zu sehen ist. Das einzige, wo ansatzweise ein Hauch von “Rock” zu erkennen ist, ist das hier:

rockt die verwaltung - neue karriereseite der stadt wiesbaden - quelle stadt wiesbaden

Innovativ, überraschend oder untypisch ist hier gar nichts

Der Rest der Karriereseite ist alles andere als innovativ oder überraschend (maximal überraschend schlecht). Vielmehr ist die Karriere-Website nutzerunfreundlich, beladen mit Stock-Fotos (so wird bspw. auf der Startseite eine Arbeitswelt suggeriert, die a) auf vielen Websites dieser Welt suggeriert wird (preisgünstigen Bilddatenbanken sei Dank) und b) eigentlich den Tatbestand der irreführenden Werbung erfüllt), überfrachtet mit Rechtschreibfehlern (nun, das mag der in der Pressemitteilung genannten “Agiltität” des Projektes geschuldet sein) und das Wichtigste, wenn es darum geht, Stellen zu besetzen, maximal unerreichbar: Die Jobsuche.

Website befindet sich “noch im Aufbau”

Im Sinne der Agilität befindet sich die Karrierewebsite noch im Aufbau” und wird stetig weiterentwickelt, heißt es in der Pressemitteilung. Sicher, das Motto der Stunde ist “Done is better than perfect“, aber das, was dann getan wird, sollte auch einen gewissen Anspruch an Professionalität haben. Es ist nicht ungewöhnlich, zuerst mit einer Basis-Version zu starten und diese sukzessive auszubauen. Das entbindet aber nicht von der Pflicht, einen professionellen, vernünftigen, nutzerfreundlichen und zielgruppengerechten Auftritt von Beginn an abzuliefern.

Es sollte zudem nicht vergessen werden, dass eine Karriereseite für die meisten potenziellen Bewerber für immer verbrannt ist, wenn diese keinerlei Anreiz bietet, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen oder schlicht und ergreifend so gestaltet ist, dass man nicht die wesentlichen Inhalte findet, die für einen interessant sind.

Die Jobs der Stadt Wiesbaden sind (nahezu) unauffindbar

Aber kommen wir noch mal zurück zum eigentlichen Grundübel: Die Stadt Wiesbaden hat in den nächsten Jahren im Schnitt 300 – 400 Stellen zu besetzen. Sollte die Landeshauptstadt da nicht alle Hebel in Bewegung setzen und den Zugang zu den Jobs, zur Karriereseite, möglichst einfach gestalten? Allein das würde der Stadt schon einige Bewerber mehr in den Kandidatenpool spülen, der allerdings eher stiefmütterlich behandelt wird, weil die Stadt Wiesbaden, wie so viele andere Arbeitgeber auf dieser Welt auch, einfach vergangenheitsorientiert rekrutiert, nicht auf das Ergebnis der Stelle hin. Und so scheitern viele Bewerber, die das Zeug hätten, den grauen Haufen im verstaubten öffentlichen Dienst aufzumischen, schon an einer veralteten Denke bei der Personalauswahl. Aber das ist ein anderes Thema.

Wiesbaden beherrscht die Klaviatur der perfekten Bewerbervermeidungsstrategie

“Um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, muss die Stadt als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden”, so heißt es in der Pressemitteilung. Nur: Es geht nicht nur darum, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, sondern überhaupt wahrgenommen zu werden. Und da liegt das Problem:

Denn es ist nahezu unmöglich, den (attraktiven) Arbeitgeber, geschweige denn die Jobs aufzufinden. Wir müssen immer im Hinterkopf behalten, dass der Arbeitsmarkt nicht nur aus aktiv Suchenden besteht (das Gegenteil ist der Fall), dass aber der Großteil der Menschen, die beschäftigt sind, durchaus offen ist für einen Jobwechsel. Nur: Die müssen auch einen Impuls bekommen, sich mit einem potenziellen Arbeitgeber auseinanderzusetzen. Die Stadt Wiesbaden indes beherrscht die komplette Klaviatur einer perfekten Bewerbervermeidungsstrategie. Vom unsichtbar sein, über Austauschbarkeit bis hin zur absoluten Unnahbarkeit dank überbordendem Bewerbungsformular tut die Stadt Wiesbaden eigentlich alles, ihre Stellen bis Ende 2030 nicht besetzen zu können.

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Welchen Stellenwert die Karriere-Website für die Stadt Wiesbaden in Sachen Arbeitgeberpositionierung hat, lässt sich auch den geplanten Maßnahmen entnehmen, die im Zuge einer Sitzungsvorlage zum Thema “Maßnahmen zur nachhaltigen Sicherung des Personalbestandes der Stadtverwaltung Wiesbaden” erläutert werden. Dort findet die Karriereseite keine Erwähnung, auch andere Maßnahmen sind m. E. etwas fragwürdig budgetiert:

Maßnahmenkatalog der Stadt Wiesbaden in Sachen Arbeitgeberpositionierung. Die Karriereseite spielt keine Rolle

Unbesetzte Stellen kosten Stadt Wiesbaden pro Jahr Millionen

Und das bereitet mir Sorgen. Wahrscheinlich war die Stadt Wiesbaden zu geizig, Geld in die Hand zu nehmen und in ein nutzerfreundliches, zielgruppengerechtes Karriereportal zu investieren. Vielleicht war auch nur eins der “Zahlengenies” übereifrig. Möglicherweise ist es auch das fehlende und gesuchte “Zahlengenie”, was der Stadt Wiesbaden das Genick bricht und aufgrund der nahezu unauffindbaren Stellenangebote nicht gefunden werden wird.

Denn was leider allzu oft vergessen wird: Es ist deutlich teurer, eine Stelle nicht zu besetzen, als in Maßnahmen zu investieren, diese Stellen zu besetzen. Stichwort Cost of Vacancy: Bei 300 – 400 Stellen pro Jahr kommen wir großzügig geschätzt auf etwa 9,5 Millionen Euro, die es die Stadt Wiesbaden kosten wird, wenn diese Stellen nicht besetzt werden. Pro Jahr, wohlgemerkt.* Rechnen Sie das mal hoch auf 9 Jahre…

Sehr richtig heißt es zum Ende der Pressemitteilung, dass “die anstehende Digitalisierung von Arbeitsabläufen und Dienstleistungen, aber auch die Modernisierung des Arbeitsumfeldes durch moderne Bürowelten, all nichts nützt, “wenn es nicht ausreichend neue Kolleginnen und Kollegen gibt, die Tag für Tag dafür zum Wohle der Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger arbeiten und damit im wahrsten Sinne ‚die Verwaltung rocken‘.“

Nur gut, dass man den Rotstift bei den Maßnahmen ansetzt, die am wichtigsten sind: Das Recruiting von Fachkräften. Und eine Karriereseite gestaltet, die mit Word-Art zusammengeschustert scheint und nur einen Eindruck hinterlässt: Mangelnde Professionalität und den nicht vorhandenen Willen, wirklich etwas gegen den “Fachkräftemangel” zu tun. Aber da ist die Stadt Wiesbaden ja nicht allein. Die Rechnung für dieses Desaster zahlt am Ende der Steuerzahler.

*Zugrunde gelegt ist bei dieser Berechnung der Cost of Vacancy ein durchschnittliches Jahresgehalt von 40.000 Euro, bei einer Vakanzzeit von 100 Tagen und einem Multiplikationsfaktor von 2. In der Realität werden Durchschnittsgehalt, Vakanzzeit und wohl auch Multiplikationsfaktor deutlich höher liegen.

Kommentare (1)

Julia

Es ist echt traurig und zeigt doch, dass die Verwaltung es noch nicht verstanden hat, sich nicht nur als Arbeitgeber, sondern eben als Arbeitgebermarke zu präsentieren. Jedenfalls nicht als eine, die zum Arbeiten einlädt. Authentisch ist es ja irgendwie, was sie machen ;-) Ich denke, dass die Verwaltung sich hier noch viel von der freien Wirtschaft abgucken kann.
Über den Autor
Hallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Personalmarketing-Coach, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING, LinkedIn oder Twitter - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!
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