Polizei NRW: Vom Bewerberfang mit Recruiting-Rap und Kinderlied und dem steinigen Weg zur Online-Bewerbung

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Manchmal wage ich es kaum, meinen Augen zu trauen und frage mich, ob das, was ich dort gerade sehe, wirklich ernst gemeint ist. Also so richtig wirklich. Zunächst halte ich es für ein Fake. Dann für einen Aprilscherz. Oder für beides. Ein Blick auf den Kalender, wir haben mittlerweile den Herbstanfang hinter uns gelassen, belehrt mich eines besseren. Also doch ernst gemeint. Aber ganz ehrlich, liebe Polizei NRW: glaubt ihr wirklich, damit bei Bewerbern zu punkten? Ganz im Ernst? Welcher Teufel hat euch da geritten? Wurden die gerade bei einem Einsatz konfiszierten Drogen vielleicht missbraucht? Das würde dann so einiges erklären.

Ich weiß, so etwas wie oben schreibe ich nicht das erste Mal. Und ich weiß auch, es wird nicht das letzte Mal sein. Aber verraten Sie mir doch bitte einmal, welcher Teufel die Polizei NRW bei ihrem Karriere-Auftritt und bei diesem Video geritten hat?

Hey Torben, go Torben

Zwei Polizisten (genauer ein Polizist, eine Polizistin = politisch korrekt sein und Chancengleichheit visualisieren, toll! – Hier fehlt mir allerdings dann allerdings irgendwie der Quoten-Migrant, das würde das Ganze noch etwas abrunden und glaubwürdiger gestalten), die einen Ghettoblaster aufbauen und einem Bewerber ein „Glückwunsch-Rap-Ständchen“ darbringen?

„Ok, Torben alter Checker, 1-2-3
du hattest dich beworben, Torben, ja, du warst so frei
Kollege halt dich fest, du bist jetzt mit dabei
Mit sofortiger Wirkung bist du bei der Polizei

Bei der Sich-tung deines Einstellungstests stellten wir die richtige Einstellung fest
Du hattest dich beworben, Torben, auf nen tollen Job
und so teilen wir dir mit, du bist ab sofort ein Cop

Hey Torben, go Torben, heyyyyy hoooo
Go Torben, go Torben, heyyyyy hoooo

Korrekt, du fragst nicht nach dem Stundenlohn,
kriegst ne Waffe, kriegst ne Mütze und n Meeegafon
Ab sofort wirst du hier nach dem Rechten schaun
Und darauf achten, dass die Homies keine Scheiße bauen

Auch wenn die Raser das nicht gerne wollen
machst du ab heute die Verkehrskontrollen
Test bestanden, mit Einsatz nicht gespart
herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt am Start!

Schönen Tag noch. Schönen Tag noch.“

Man habe mit diesen Videos „kreativ einen neuen Weg beschritten„, ist zu lesen. Mal eben gerappt – und schon kommen die Bewerber in Scharen? Aufmerksamkeit bekommt die Polizei NRW damit auf jeden Fall. Das Video ist seit 23. September online und geht steil durch die Decke. Schon über 89.000 Zugriffe (innerhalb der Zeit, in der ich diesen Artikel schreibe, haben sich die Klicks mehr als verdoppelt!). Nicht schlecht. Aber ich kann immer nur wiederholen: Aufmerksamkeit wirklich um jeden Preis? Unternehmens-Reputation und Image aufs Spiel setzen – nur, damit man über einen spricht? 593 „Likes“ vs. 1017 „Dislikes“ (eine Währung, die es in der Form übrigens nur bei Youtube gibt) und Kommentare à la „Immerhin wissen wir jetzt, was mit all den eingezogenen Drogen passiert :)„, „Torben möchte nicht mehr zur Polizei.“, „Ich glaub, ich würd sofort die Kündigung einreichen.“, „Schade, dass Torben seine Waffe noch nicht hatte.“ sprechen eine deutliche Sprache. Auch wenn ich es so schlecht finde, dass es eigentlich schon wieder gut ist und ich jedes Mal herzhaft drüber lachen muss – ich glaube nicht, dass sich die Polizei NRW damit einen Gefallen macht. Glücklicherweise handelt es sich bei sämtlichen Protagonisten um Schauspieler. Gut so, so macht sich wenigstens kein Mitarbeiter selber zum Horst. Wobei die wahrscheinlich schon auf offener Straße damit konfrontiert werden: Ey, krass, Alda. Voll korrekt, was ihr da macht. Yo, wo muss isch misch bewerben?. Oder: Sagt mal, habt ihr ne Schraube locker? Wollt ihr uns verarschen (dazu freilich wird es wahrscheinlich nicht kommen. Das grenzt ja schon wieder an Beamtenbeleidigung. Selber schuld.) Die Armen. Als wenn es diese Berufsgruppe in vielen Fällen nicht schon schwer genug hätte.

Da hat man sich offenbar auch nicht wirklich einen Kopf gemacht, welche Auswirkungen das Ganze haben kann. Oh. Falsch. Man hat das sogar einkalkuliert, lese ich gerade auf Spiegel online. Weiter steht da, dass man nicht sagen könne, „ob das Video beim Ziel, Bewerber anzulocken, helfe.“ Bezeichnend die Aussage des Pressesprechers der Polizei NRW: „Wenn wir das Ganze analysiert haben, kann das Ergebnis auch sein: Es ist gescheitert. Wenn es nicht funktioniert, lassen wir es halt.“ Puh. Und das von einem Pressesprecher. Ohne Worte. Bin gespannt, ob der gute Mann demnächst seinen Hut nehmen muss.

Volkslied als Alternative zum Recruiting-Rap?

Aber bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen ist man ja nicht doof. Die haben – natürlich! – ihre Hausaufgaben gemacht und wissen ganz genau, dass nun mal nicht jeder auf Gangsta Cop-Rap steht. Und so gibt es genau für diese Zielgruppe eine Alternative:

Clever gemacht! Hier werden genau die angesprochen, die als Kind schon zur Polizei wollten. Mit klar auf Neuro-Marketing basierenden Methoden greift der auf dem  Kinderlied „Die Vogelhochzeit“ basierende Gesang (wer von uns zählte dieses Lied nicht zu seinen All-Time-Favorite-Volksliedern?) tief in die Synapsen des Betrachters ein und so bleibt dem Betrachter gar keine andere Wahl, als sich zu bewerben. Wer sich nicht mehr an die Noten erinnern kann, hier eine kleine Hilfe:

Die Vogelhochzeit - Die Noten

Und hier der Text. Ich zitiere:

„Der Mirko wollt zur Polizei, hat sich bei uns beworben,

Fiderallala, Fiderallala, Fiderallalalala Die Testergebnisseee waren gut, die Fitness überzeugend (nichts gegen Mirko, aber so wirklich fit sieht mir der kleine Wonneproppen nicht aus)

Fiderallala, Fiderallala, Fiderallalalala und alle: Fiderallala, Fiderallala, Fiderallalalala“

Auch ich habe meine Unterlagen schon abgeschickt (ja, ich gebe zu: auch ich hatte in meiner Kindheit mal eine Phase, „Freund und Helfer“ werden zu wollen. Bei mir trifft dieser Spot also voll ins Mark!).

Im Übrigen hat dieses Recruiting-Filmchen nicht ganz so viele Aufrufe. Lediglich 13.270 haben diesen Clip angeklickt. Stellt man die Aufrufe beider Filme einmal gegenüber, so ist eins klar und hieb- und stichfest bewiesen: Recruiting-Rap kommt an bei der Zielgruppe! Also macht so weiter!

Steuergelder verschwenden geht auch mit Recruiting-Videos

Wer nun glaubt, das wär’s gewesen, der irrt. Denn die Polizei NRW hat tief in die Trickkiste (und in den Budget-Topf = Steuergelder) gegriffen und noch mal eben rasch einen Kinospot produziert. Interessant, wofür man so seine Steuergelder bezahlt. Denn der recht aufwendig produzierte Film ist nicht für ein paar Euros zu haben. Dafür aber setzt dieser voll auf knallharte Action, tolle Überraschungseffekte und auch ein bisschen Erotik darf nicht fehlen:

Hier also kein Rap, kein Volkslied. Vielmehr zeigt dieser Spot die berufliche Vielfalt bei der Polizei NRW. Wie heißt es da so schön? „Kaum ein Beruf bietet so viele Möglichkeiten sich weiter zu entwickeln.“ Dann wäre es ja schön, wenn man sich darüber auch online informieren kann (sinnvoll wäre ja auch, auf Youtube noch mehr Futter bereit zu stellen. Über das Thema, wie man die Potenziale von Youtube nutzt, hatte ich ja schon geschrieben). Geben wir aber die in den Clips genannte URL „polizei.nrw.de“ ein, so passiert…

Der steinige Weg zur Online-Bewerbung

Polizei NRW - ein Link der ins Leere führt

Nicht so viel. Bzw. gar nichts. Natürlich kann es mal passieren, dass ein Link ins Leere führt. Klar. Sollte aber nicht. Insbesondere nicht, wenn mit diesem so massiv geworben wird. Gut, immerhin ist ein Browser wie Chrome ja so schlau und bietet einem eine alternative URL an (machen andere aber nicht, da muss man dann schon googlen). Während man sich natürlich die Frage stellen könnte, warum man nicht gleich auf eine Karriere-URL verweist (z. B. also polizei-nrw.de/karriere), werfen wir abschließend noch einen raschen Blick auf die Online-Präsenz derselben. Eins beherrscht man dort auf jeden Fall: Das Verfassen von Textwüsten. Auf den Punkt zu kommen und Inhalte klar zu strukturieren, scheint keine der Tugenden der Polizei NRW zu sein. Muss man aber auch nicht, wenn man auf Verbrecherjagd geht.

Bewerben bei der Polizei NRW - Eine harte Bewährungsprobe

Und der Bewerbungsprozess? Wenn man den Text aufmerksam (!) liest, so wird man recht schnell einen Link zur Online-Bewerbung finden. Die Links kann man aber auch schnell übersehen, weil sie sich farblich nur wenig von der verwendeten Textfarbe unterscheiden. Da das Thema Nutzerfreundlichkeit auf der Karriere-Website der Polizei NRW ohnehin überbewertet ist (der Begriff „Karriere“ ist nicht wirklich zutreffend, hier kommt ein potenzieller Bewerber über den Navigationspunkt „Beruf“ (ja, sind wir hier beim Arbeitsamt, oder was?) zu den Informationen – was nicht unbedingt eine erwartungskonforme und sinnvolle Benennung ist, aber – siehe oben), fällt dies aber auch nicht weiter ins Gewicht. Mit einem heiter beschwingten Blick aufs Bewerberformular entlasse ich Sie nun ins Wochenende. Allen, die sich allen Ernstes hier durchklicken wollen, wünsche ich viel Spaß!

Schritt 1: Online-Formular-Ankündigung aufrufen:

Immerhin willkommen wird man dort geheißen. Das ist doch mal nett und drückt echte Wertschätzung gegenüber dem Bewerber aus!

Die Bewerbungsseiten der Polizei NRW

Dass diese Wertschätzung aber nur Makulatur ist, beweist Schritt 2. Hier wird man aufgefordert, vor dem Absenden der Bewerbung (aber erst vor dem unmittelbaren Absenden oder wie oder was?) das Informationsschreiben gründlich durchzulesen. Viel Spaß dabei, es sind nur 35 Seiten! Lohnt aber, erhöht nämlich die Chancen, das Bewerbungsverfahren erfolgreich abzuschließen!

So, und nachdem Sie aufmerksam die 35 Seiten durchgeblättert und so manches Formular ausgefüllt haben, folgt nun noch Schritt 3, ein sehr übersichtliches und aufs Wesentliche reduziertes Online-Bewerbungsformular. Hat das AGG eigentlich für eine Bewerbung im Polizeidienst keinen Bestand? Nur mal so gefragt…

Das Bewerbungsformular der Polizei - da  macht das Ausfüllen noch richtig Spaß

Hm. Wenn ich das so sehe, sollte die Polizei anstatt in anbiedernden (Pseudo-)Gangsta-Rap und Kindheitserinnerungen weckende und die Synapsen zum Tanzen bringende Recruiting-Videos lieber einmal gründlich den Bewerbungsprozess investieren. Ich würde wetten, dass da die ein oder andere Bewerbung mehr eintrudeln würde. Aber wahrscheinlich sehe ich das alles mal wieder viel zu eng und ich liege komplett daneben. Eins kann ich auf jeden Fall sagen: Die Polizei NRW hat ganz große Chancen, gleich in mehreren Kategorien der Goldenen Runkelrübe abzusahnen!

 

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