Toxische Führung und ihre Auswirkungen auf Recruiting und Employer Branding

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Toxische Führung, also fehlerhaftes, das Unternehmensklima vergiftende Führungsverhalten, hat massive Auswirkungen auf das Zufriedenheitsklima in Unternehmen und damit in der Folge nicht nur auf die Unternehmensleistung, sondern – logisch! – auch auf Employer Branding und Recruiting. Diese an sich offensichtliche Milchmädchenweisheit konnte nun auch durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegt werden. Grund genug, sich diese Ergebnisse und das Untersuchungs-Design im Detail anzuschauen und Handlungsempfehlungen auszusprechen.

Toxische Führung weit verbreitet

Es ist schon erschreckend: In 85 Prozent der untersuchten Unternehmen kommt toxisches Führungsverhalten vor (sogenannte „Abusive Supervision“), in 21 Prozent der Unternehmen sogar in einer extrem ausgeprägten Form. Zu diesem Schluss kommt ein gemeinsames Forschungsprojekt der Universität Bielefeld, der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie der Universität Trier. Ausgewertet wurden hierfür 37.308 quantitative Ratings und 3.725 offene Antworten aus 148 Unternehmen auf der Arbeitgeberbewertungsplattform kununu. Damit ist das die wohl bisher umfangreichste Erhebung zu Abusive Supervision überhaupt.

Beim Sichten des ursprünglich mehrere Millionen Datensätze umfassenden Datenschatzes wurde schnell klar, dass ein zentrales Thema die Gesamtheit der Bewertungen dominiert: Das Führungsverhalten in den Unternehmen. Die gute Nachricht vorab: Nur jeder 5. Beschäftigte bewertet das Führungsverhalten seiner direkten Vorgesetzten als negativ (20 Prozent der Bewertenden beurteilen das Verhalten der Führungskräfte als abusiv).

Allerdings, und das ist (nicht die einzige) schlechte Nachricht: Auf Unternehmensebene aggregiert, lässt sich in mehr als 85 Prozent der Unternehmen negatives Führungsverhalten finden. Pro Unternehmen beschreiben durchschnittlich 22 Prozent der schriftlichen Kommentare zum Führungsverhalten Abusive Supervision.

Abusive Supervision: Feindselig und aggressiv wahrgenommenes Führungsverhalten

Hierbei handelt es sich um ein bewährtes Instrument, mit dem sich schlechtes (oder “missbräuchliches”) Führungsverhalten messen lässt. Im Kontext Arbeitsbedingungen wurde der Begriff “Abusive Supervision” erstmals 2000 in der Veröffentlichung “Consequences of Abusive Supervision” von Bennet J. Tepper, Professor an der Universität von Kentucky, genannt. Abusive Supervision bezeichnet ein von den Mitarbeitern als feindselig und aggressiv wahrgenommenes Führungsverhalten, das verbal oder nonverbal (ohne Körperkontakt) erfolgen kann.

Tepper benutzte für seine Forschungen eine fünfstufige Likert-Skala, in der die Befragten ihren Grad der Zustimmung für folgende Aussagen angaben:

Mein Chef…

  1. … verspottet mich
  2. … sagt mir, dass meine Gedanken oder Gefühle dumm sind
  3. … ignoriert mich
  4. … setzt mich vor den anderen herab
  5. … dringt in meine Privatsphäre ein
  6. … erinnert mich an meine vergangenen Fehler und Misserfolge
  7. … verleiht mir keine Anerkennung (für Arbeit, die erhebliche Anstrengungen erfordert)
  8. … schiebt mir die Schuld in die Schuhe (wenn er/sie etwas verbockt hat)
  9. … bricht seine/ihre Versprechen
  10. … ärgert sich über mich, wenn er/sie aus einem anderen Grund wütend ist
  11. … macht anderen gegenüber negative Kommentare über mich
  12. … ist unhöflich zu mir
  13.  … erlaubt mir nicht, mit meinen Mitarbeitern zu interagieren
  14. … behauptet, ich sei inkompetent
  15. … lügt mich an

Indizien für toxische Führung in Unternehmen gibt’s bei kununu in Hülle und Fülle

Sie kennen solche Äußerungen möglicherweise selber aus dem Job, umso weniger überraschend ist es, so etwas dann in Hülle und Fülle auch auf kununu zu finden. Tatsächlich sind Äußerungen wie

  • „Vorgesetzte die meinen, Lügen, Druck und Abmahnungen gehören zu einer guten Führung.“
  • „Hier wird man angeschrien. Fehler machen immer nur wir, nie die Chefs“
  • “Sehr schlechtes Arbeitsklima, nur Druck von oben, keine Anerkennung.”
  • “Als neuer Kollege/in wird man links liegen gelassen und auf Abstand gehalten.”
  • “Psychischer Druck und Abmahnungen winken jedem Mitarbeiter ständig zu.”
  • “Druck, Mobbing, Bossing, keinen Betriebsrat, schlechte Bezahlung, mittelmäßige bis schlechte Führungskräfte, Lügen und nicht eingehaltene Versprechen.”
  • “Die Vorgesetzten arbeiten mit Druck und Drohungen.”

keine Seltenheit auf der Arbeitgeberbewertungs-Plattform.

Toxische Führung hat massive Auswirkungen auf Employer Branding und das Recruiting

Solche Bewertungen sind ein sehr guter Gradmesser für das Führungsverhalten in Unternehmen und zeigen anschaulich das destruktive Verhalten der Führungskräfte. Und dieses Verhalten hat massive Folgen – wie oben gesagt: Auf die

  • Motivation der Mitarbeiter,
  • auf das Arbeitsklima,
  • auf die Unternehmensperformance und
  • in letzter Konsequenz auch auf Arbeitgebermarke und das Recruiting.

Das indes wollen viele nicht wahrhaben und lassen lieber entsprechende Einträge löschen (oder sagen wir so: würden sie gerne löschen lassen), als sich mit den offensichtlichen Missständen auseinanderzusetzen.

Schon vor Jahren proklamierte ich, dass eine Führungskraft noch so tolle fachliche Kompetenzen haben mag, bspw. eine “Vertriebssau” sein könne – wenn diese der Grund dafür ist, dass das Arbeitsklima und die Unternehmensreputation leiden, müsse man sich in letzter Konsequenz von ihr trennen. Umso mehr sind also diese Forschungsergebnisse zu toxischer Führung Wasser auf meine Mühlen.

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Toxisches Führungsverhalten überträgt sich auf andere Führungsebenen

Das aus Jun. Prof. Dr. Kai Bormann, Dr. Michael Graffius, Prof. Dr. Christina Hoon und Dr. Christopher Hansen bestehende Forschungsteam konnte nicht nur nachweisen, dass diese “Abusive Supervision” Arbeitsklima und Performance nachhaltig schädigt. Belegt werden konnte zudem, dass sich das toxische Führungsverhalten von der Management-Ebene aus auf die unteren Hierarchieebenen überträgt. Der Fisch stinkt also nicht nur vom Kopfe, die Fäulnis setzt sich in den unteren Ebenen fort. Wenn Mitarbeiter das Führungsverhalten des (Top) Managements negativ bewerten, schätzen sie auch das Führungsverhalten ihrer direkten Vorgesetzten insgesamt eher schlechter ein.

„Es ist nicht egal, ob es eine schlechte Führungskraft in einem Unternehmen gibt. Schlechte Führung führt dazu, dass das Führungsklima insgesamt toxisch wird. Es überträgt sich auf andere Führungsebenen und kostet die Unternehmen Geld.“ Prof. Dr. Christina Hoon, Universität Bielefeld

Die Forschungsergebnisse zeigen zudem eindeutig, dass schlechtes Führungsverhalten auch negative Auswirkungen auf die Zufriedenheit im Allgemeinen bzw. das Arbeitsklima auswirkt. Einzelne Führungskräfte vergiften also das Klima in der gesamten Organisation.

Abusive Supervision führt zu schlechterer Performance und kostet Unternehmen viel Geld

Aber es kommt noch dicker: Ein negativ wahrgenommenes Führungsklima führt nämlich nicht nur zu einer geringeren Arbeitszufriedenheit, sondern auch zu einer schlechteren finanziellen Unternehmensleistung. Oder anders gesagt: Toxische Führung kostet Geld. Und zwar nicht zu knapp. Um das zu belegen, hat das Forschungsteam weitere Daten, etwa aus der DAFNE-Datenbank, zugefüttert. Diese Datenbank beinhaltet detaillierte Finanzinformationen zu über 1,5 Millionen deutschen Unternehmen.

Unternehmen, die über eine hohe Arbeitszufriedenheit verfügen, haben eine höhere Gesamtkapitalrentabilität (Return on Assets, ROA). Umgekehrt führt eine niedrige Zufriedenheit zu einem schlechteren ROA.

Toxische Führung kostet Geld _ Quelle Uni Bielefeld

4 Typen von (toxischer) Führung

Spannende Erkenntnis am Rande: Ein Kuschelkurs führt nicht automatisch zu besserer Unternehmens-Performance! Tatsächlich hat das Forschungsteam 4 Typen von Führung ausgemacht:

  • Typ 1 “Poor Dogs”: Hier herrscht nicht nur ein toxisches Klima und ein Klima der Angst, sondern auch ein hohes Klima der Unzufriedenheit.
  • Typ 2 “Wir beißen nicht”: Unternehmen mit Kuschelkurs weisen zwar ein geringes Level an toxischem Führungsverhalten auf, aber ebenso ein niedriges Maß an Zufriedenheit.
  • Typ 3 “Stars”: Der Idealtyp. Gesunde Führungskultur und gute Zufriedenheit.
  • Typ 4 “Hell’s Kitchen”: So wie in der Hölle, die in vielen Küchen der Sterne-Restaurants vorherrscht, wo Anschreien und Druck ausüben zum guten Ton gehören und an der Tagesordnung sind, verfügen diese Unternehmen trotz eines hohen toxischen Führungsverhaltens über eine hohe Zufriedenheit. Ein raues Klima kann also in bestimmten Branchen und Unternehmen zu guter Performance führen. Wie ich schon in meinem Buch “Karriere-Websites mit Wow!-Effekt” den alten Lilo-Pulver-Gassenhauer zitierte: Jedes Töpfchen find’ sein Deckelchen.

4 Typen von (toxischer) Führung_ Quelle Uni Bielefeld

Schlechte Führung hinterlässt in Familienunternehmen weniger Schäden

Eine weitere interessante Erkenntnis: Abusive Supervision ist in Familien- und Nicht-Familienunternehmen zwar ähnlich stark ausgeprägt, richtet dort aber weniger Schaden an: Das Zufriedenheitsniveau in Familienunternehmen sinkt trotz toxischer Führung weniger und ist auch höher als in Nicht-Familienunternehmen. Zudem hat das Ganze nur wenig Auswirkungen auf den ROA. Warum es diesen Puffereffekt gibt, darüber lässt sich nur spekulieren. Denkbar sind die langfristigen, familiären Arbeitsbeziehungen, das in der Regel stärker ausgeprägte Verantwortungsbewusstsein für die Beschäftigten, weniger Hierarchien und weniger starre Führungsstrukturen sowie die Wertvorstellungen der Unternehmerfamilien.

Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen

Attraktive Arbeitgebermarke langfristig nur möglich mit positivem Führungsklima

Was folgt aus all dem? Hierzu gibt uns das Forschungsteam folgende Implikationen mit (ich habe mir erlaubt, diese zu ergänzen):

  • Schlechte Führung ist toxisch: Schlechtes Führungsverhalten einzelner vergiftet das gesamte Führungs- respektive Unternehmensklima.
  • Schlechte Führung kostet Geld!
  • Schlechte Führung schädigt die Reputation als Arbeitgeber, führt zu erhöhter Fluktuation und erschwert in der Folge gleich doppelt das Recruiting (erhöhte Fluktuation bedeutet mehr Recruiting-Aufwand, negative Reputation erhöht diesen Aufwand um ein Vielfaches. In Summe verursacht das Ganze also noch mehr Kosten!).
  • Indikatoren für schlechte Führung: Fluktuation, Mitarbeiterzufriedenheit und Fehlzeiten… Nehmen Sie diese “Small Data” ernst! Mitarbeiterbindung ist in Zeiten von “Fachkräftemangel” und einem erschwerten Wettbewerb um die passenden Talente umso wichtiger!
  • Fragen Sie sich, wie Sie mit toxischen Führungskräften umgehen (Ignorieren, ertragen, managen, feuern?) und behalten Sie kununu als Gradmesser Ihrer Mitarbeiterzufriedenheit im Blick! Behalten Sie diese nicht nur im Blick, sondern beziehen Sie Stellung! Zeigen Sie Wertschätzung: Sowohl positiven als auch negativen Bewertungen gegenüber!
  • Um schlechte Führung zu vermeiden: Klare Definition, was gute Führung ist!
  • Gutes Führungsverhalten lässt sich nicht anweisen (eine Anweisung entspricht ja auch guter Führung).
  • Schlechte Führung und ein toxisches Führungsklima lassen sich nicht kurzfristig und punktuell ändern –
  • Es braucht „the bigger picture“: Eine attraktive Arbeitgebermarke und eine positive Unternehmensreputation sind nur möglich mit einer erfolgreichen Mitarbeiterführung und einem positiven Führungsklima.
  • Das ist Aufgabe eines funktionierenden Human Resource Management, aber im Wesentlichen der Geschäftsführung. Steht diese nicht dahinter, erkennt diese nicht, dass der Fisch vom Kopfe stinkt, wird auch HR alleine nichts bewegen können.
  • Betrachten Sie Führungsentwicklung als Investition, die sich für das Unternehmen (auch finanziell) lohnt.

Hier können sie die Forschungsergebnisse “A trickle down model of abusive supervision and firm performance in family and non-family-firms” herunterladen.

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  • Herausgeber: Springer Gabler
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Über den Autor

Toxische Führung und ihre Auswirkungen auf Recruiting und Employer Branding 2 Henner Knabenreich personalmarketing2nullHallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Personalmarketing-Coach, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING, LinkedIn oder Twitter - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!


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