Vom Fachkräftemangel, Talentpools und Personalmarketing in Regionen

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 9 Minuten.

Alle Welt redet vom Fachkräftemangel. Zu leugnen ist er nicht. Aber ob er nicht doch ein wenig zu beeinflussen ist (und hier spreche ich nicht von einer Ausweitung der ehelichen Pflichten :-)) und wirklich alle Möglichkeiten ausgenutzt werden, diesen einzudämmen, habe ich schon an anderer Stelle ausgeführt.

Problematisch wird es (also, nicht dass wir uns falsch verstehen – problematisch ist die Entwicklung allemal), wenn aufgrund mangelnder Jobperspektiven oder vermeintlich unattraktiver Regionen oder Städte gut qualifiziertes Personal in andere Städte, Regionen, Bundesländer oder sogar ins Ausland abwandert. Und dann? Schaut man in die Röhre. Ganze Industriestandorte können so ausbluten. Man kann abwarten, bis es soweit ist. Und dann handeln (dann wird es schwer). Oder man beugt vor und versucht mit interessanten Konzepten, die Menschen und damit wertvolle Fachkräfte in der Region zu halten. Oder eben anzuwerben. Je, nachdem. Die Betonung liegt auf interessant. Und einen Mehrwert sollten Sie auch schon bieten.

Schauen wir uns also einmal an, was sich einzelne Regionen oder sogar Bundesländer da einfallen lassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und Fachkräfte zu halten.

Durchstarten in Mecklenburg-Vorpommern?

Mecklenburg-Vorpommern. Eine beliebte Urlaubsregion mit reizvollen Landstrichen fürwahr. Man denke nur an die Mecklenburgische Seenlandschaft mit Müritz,  an die Hansestadt Rostock oder die Boddenlandschaft und Rügen.  Trotzdem kämpft MeckPomm mit einem starken Bevölkerungsschwund, der bundesweit höchsten Arbeitslosenquote und dem Einzug der NPD in den Landtag. Aber nun gibt es ja einen Lichtblick, eine Kampagne des Wirtschaftsministeriums und den Industrie- und Handelskammern des Landes MeckPomm. Unter dem Motto “Dein Land, deine Chance! Durchstarten in MV” will man, Zitat: “in diesem Jahr mit frischen Ideen noch näher an die Jugendlichen ran und möglichst viele Mädchen und Jungen für eine berufliche Perspektive im eigenen Land begeistern.” Hm. Sehen so frische Ideen aus?

Website Dein Land - deine Chance

Website Dein Land - deine Chance

Wie auch immer, positiv zu bewerten ist wirklich das umfangreiche Informationsangebot. Es gibt jede Menge “Erfolgsgeschichten”, Angebote von mehr als 1.000 teilnehmenden Unternehmen und den Azubi-Atlas. Klingt gut, ist aber nicht mehr und nicht weniger als eine Ausbildungsstellenbörse. Die Konzentration aufs Wesentliche, sprich ein nutzerfreundliches Layout und optimale Informationsversorgung der Zielgruppe  ist in meinen Augen ein wenig zu kurz gekommen. Auch die Logos auf der Website sind dominant und wirken irritierend (wie das besser geht, zeigt das Beispiel von Karriere in Südwestfalen, siehe unten). Und gehen darüber hinaus ziemlich am A… der Zielgruppe vorbei. Apropos Zielgruppe: Das sollten auch die Eltern sein. Schließlich gelten sie als wichtigste Einflussfaktoren bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes. Elterninformationen sucht man aber vergeblich. Das geht besser, wie das Beispiel der V. E. M. zeigt (siehe unten).

Kommentare zur Ausbildungskampagne in Mecklenburg-Vorpommern

Kommentare zur Ausbildungskampagne in Mecklenburg-Vorpommern

Und wenn man bedenkt, dass für diese Kampagne, die diese Website, Plakate, Messen, einen Facebook- (Start bereits 2011, derzeit 58 Fans) und einen Twitter-Auftritt (20 Followern/76 Tweets) und Sandwich-Männer bzw. Frauen (das sind die mit Werbeplakaten vorne und hinten und hat nichts mit etwaigen Sexualpraktiken zu tun), die vor Kinos in Mecklenburg-Vorpommern Reklame laufen, umfasst,  geht das meines Erachtens a) zu weit und b) vollkommen am Ziel bzw. der Zielgruppe vorbei.

Fragwürdig finde ich auch, dass eine Kampagne, die dafür sorgen soll, dass Fachkräfte in der Region bleiben, an eine Hamburger Agentur vergeben wird. Wäre es da nicht sinnvoller (und auch glaubwürdiger), die 600.000 Euro im Lande zu lassen und Arbeitsplätze in MeckPomm zu sichern? Es kann ja wohl kaum sein, dass es dort keine derartige Agentur gibt. Oder irre ich mich da?

Interessanterweise ist der Online-Artikel in den “Neuesten Norddeutschen Nachrichten” dazu, in dem auch das Budget thematisiert wurde, nicht mehr online. Zensur? Ich weiß es nicht. Aber die Kommentare dazu (diese wurden witzigerweise nicht entfernt) sprechen Bände.

Würzburg – Karriere mit Lebensqualität

Wer nun denkt, dass solche unternehmensübergreifenden Kampagnen nur da zur Standortsicherung durchgeführt werden, wo das Schiff schon stark am Sinken ist, der irrt. Würzburg gehört mit  einer Arbeitslosenquote von 3,5 % nun nicht gerade zum Problemfall. Überhaupt hat Bayern eine Arbeitslosenquote, bei der sich andere Bundesländer die Finger nach lecken. Um so vorausschauender kann also bewertet werden, dass sich hier Unternehmen zusammentun und für den Wirtschaftststandort Würzburg als attraktiven Arbeitsmarkt werben.

Würzburg - Karriere mit Lebensqualität

Würzburg - Karriere mit Lebensqualität

Unter dem Label „Würzburg – Eine Geschichte mit Zukunft“ sollen durch die Initiative der Würzburg AG die vielen Stärken der Region gefördert sowie lokal, national und international bekannt gemacht werden. Ziel ist es, die Attraktivität der Region für Investoren, Wissenschaftler, Studienabgänger, Fachkräfte und Gäste zu steigern. Aktuell sind 34 Unternehmen und Persönlichkeiten aus dem Raum Würzburg an der Würzburg AG beteiligt. Elf weitere Firmen und Institutionen bringen als Unterstützer die Aktion voran.

Die Facebook-Seite mit dem treffenden Titel “Würzburg – Karriere mit Lebensqualität” möcht die vielseitigen Karrieremöglichkeiten in der Stadt Würzburg näherbringen. “Ob Schüler, Azubi oder Student, Berufseinsteiger oder erfahrener Arbeitnehmer, wir zeigen Euch, warum es sich gerade hier lohnt, zu leben und zu arbeiten”, heißt es dort auf der Seite, die derzeit 542 Fans hat und seit November 2011 online ist. Das Projekt wurde von der Würzburg AG in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik ins Leben gerufen, um den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Würzburg in den Sozialen Medien zu positionieren und einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel zu leisten.

Karriere in Südwestfalen

Schauen wir nun einmal wieder etwas nördlicher, in Richtung Südwesfalen. Hier gibt es seit Kurzem zwei neue Initiativen, die Fachkräfte für die Region begeistern bzw. in der Region halten wollen. Zum einen ist da das Online-Portal der Bauwirtschaft Südwestfalen, einem Verbund von mittelständischen Unternehmen, Universität sowie Verbänden und Ausbildungszentren der regionalen Bauwirtschaft, welches über Karriere- und Ausbildungsmöglichkeiten in der Baubranche informiert.

Ausbildungs- und Jobportal der Bauwirtschaft Südwestfalen

Ausbildungs- und Jobportal der Bauwirtschaft Südwestfalen

Und dann gibt es da noch das Portal Karriere-in-Südwestfalen.de, ein neues Online-Karriereportal für die Region Südwestfalen. Dieses vernetzt Bewerber mit Unternehmen und Bildungseinrichtungen in Südwestfalen und soll die  regionale Jobsuche optimieren. Mit Hilfe von detaillierten Bewerberprofilen und einer umfangreichen Unternehmensdatenbank soll es möglich sein, eine passende Stelle schnell zu finden. Die Seite gefällt mir sehr gut, nicht nur wegen der klaren Struktur und hohen Nutzerfreundlichkeit. Auch Informationen über die Lebensqualität in der Region werden bereit gestellt. Einziger Wermutstropfen: Beim ersten Ansurfen erschließt sich dem Nutzer nicht sofort, dass dieses Portal mehr ist, als nur eine reine Stellenbörse. Und auch findet man keine Infos für Eltern, zudem sind einige Informationen nur rudimentär vorhanden. Aber schließlich ist alles noch beta, warten wir also ab!

Webportal Karriere in Südwestfalen

Webportal Karriere in Südwestfalen

Natürlich setzt man hier auch auf Facebook und Twitter, die Accounts sind aber mit bspw. 17 Fans auf Facebook noch nicht bei der Zielgruppe angekommen. Kann sich aber ändern, schließlich wird unter allen Schülern, Azubis, Studenten und Fachkräften, die sich bis zum 31.03.2012 unter karriere-suedwestfalen.de registrieren und ein Bewerbungsprofil anlegen, ein nagelneues Apple iPad 2 verlost.

Karriere und Erfolg in Vorarlberg

Nun ist es ja beileibe nicht so, dass ein Fachkräftemangel nur bei uns in Deutschland herrscht. Auch unsere deutschsprachigen Nachbarn sind davon betroffen. Dieses hat man bspw. auch im schönen Vorarlberger Land erkannt. So haben sich in der Region, wo sich trefflich Urlaub machen lässt, gut 120 Unternehmen aus der Elektro-, Elektronik- und Metallindustrie zur V. E. M., der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie zusammengeschlossen und unterstützen sich gegenseitig in der Ausbildung. Auf diese Weise erhöhen sich die Chancen der Unternehmen in puncto Fachkräftesicherung in der Region immens.

Facebook-Seite der V.E.M

Facebook-Seite der V.E.M

Auf den rarer werdenden Nachwuchs gehen die Unternehmen der V. E. M. neben Messen und in Schulen auch via Website, Facebook-Page, Azubiblog und Azubi-App (und sogar Google+!) zu. Und was mir bspw. bei der Website neben der klaren Struktur wirklich gut gefällt, ist die Tatsache, dass hier endlich mal Informationen für Eltern bereit gestellt werden.

Work in Gstaad & Gstaad works for you

Eine weitere Urlaubsregion, diesmal in der Schweiz, ist ebenfalls händeringend auf der Suche nach Fachkräften. Hier gibt’s die Community Your Gstaadt. Via Website mit Jobportal und Informationen zum Leben und Arbeiten in Gstaad, Facebook-Page (2.219 Fans) und Youtube-Channel wirbt man für Mitarbeitende in Hotellerie & Touristik in Gstaad und Umgebung.

Work in Gstaad and Gstaad works for you

Work in Gstaad and Gstaad works for you

Younect Talentpool – Bewerber auf Empfehlung

Kehren wir zurück nach Deutschland. Dort macht eine andere Initiative von sich reden. Und ist mittlerweile sogar Preisträger in der Kategorie Wirtschaft der Initiative Land der Ideen. Worum geht es?

Über den Talentpool von Younect können sich Unternehmen gegenseitig talentierte Bewerber empfehlen, die in der eigenen Firma eine Einstellung knapp verpasst haben. Auf diese Weise kann dafür gesorgt werden, dass gute Arbeitskräfte in der Region bleiben.

So funktioniert der Younect Talentpool

So funktioniert der Younect Talentpool

Vom Talentpool profitieren somit sowohl Großstädte, die global um die besten Köpfe konkurrieren, als auch Regionen, die mit Abwanderung zu kämpfen haben (z. B. Mecklenburg-Vorpommern, siehe oben ;-)). Außerdem können die Talentpools die Kosten für das Personalmarketing der Unternehmen senken und ermöglichen damit auch kleinen und mittelständischen Unternehmen die Kontaktaufnahme zu qualifizierten Fachkräften – eine klare Win-Win-Situation.

Das ist übrigens allen geschilderten Beispielen gemeinsam. Nun könnten Sie sagen, aber Moment mal, dann geht der Bewerber ja zur Konkurrenz. Das ist gut beobachtet. Aber das macht er sowieso, wenn Sie ihn ablehnen. Bliebe also die Frage der Alternativen, zwischen denen Sie wählen können:

  1. Geht der Bewerber zur Konkurrenz in der Region, die Sie ja stärken wollen?
  2. Geht der Bewerber zur Konkurrenz in einer anderen Stadt, einer anderen Region in Deutschland?
  3. Geht der Bewerber sogar zur Konkurrenz im Ausland?

Die Antwort liegt auf der Hand. Zur Standortsicherung geht kein Weg daran vorbei, die guten Bewerber in Ihrer Region mit anderen Unternehmen zu teilen. Gemeinsam im Verbund sind Sie stark und schaffen Synergien. Denn schließlich bleiben die Fachkräfte bzw. Bewerber auf diese Weise in der Region (oder werden in die Region geholt) und halten sie stark, attraktiv und wettbewerbsfähig.

Wer mehr zu dem Thema wissen will, der Land-der-Ideen-Preisverleihung beiwohnen und interessanten Vorträgen lauschen möchte, dem sei die Fachtagung Regionalentwicklung Fachkräfte am 29. März im Palais in der Kulturbrauerei in Berlin wärmstens empfohlen.

Apropos empfohlen – ich empfehle mich, bis zum nächsten Mal!

  1. [...] bewerten, scheint die Bereitschaft der jungen Bewerber den Wohnort zu wechseln, recht ausgeprägt (was natürlich nicht gut ist für die Regionen, die nach und nach vergreisen und ausbluten, weil att…). Scheint. Denn lediglich 27,2 % wären auch bereit, den Wohnort zu wechseln. Die anderen ziehen es [...]

  2. [...] bewerten, scheint die Bereitschaft der jungen Bewerber den Wohnort zu wechseln, recht ausgeprägt (was natürlich nicht gut ist für die Regionen, die nach und nach vergreisen und ausbluten, weil att…). Scheint. Denn lediglich 27,2 % wären auch bereit, den Wohnort zu wechseln. Die anderen ziehen es [...]

  3. [...] kann es auch sinnvoll sein, wenn sich mehrere Unternehmen einer Region zusammentun, um dem Fachkräftemangel ein Schnippchen zu …. Was heißt manchmal? Es ist auf jeden Fall sinnvoll, wie bspw. das Modell der Younect Talentpools [...]

  4. [...] kann es auch sinnvoll sein, wenn sich mehrere Unternehmen einer Region zusammentun, um dem Fachkräftemangel ein Schnippchen zu …. Was heißt manchmal? Es ist auf jeden Fall sinnvoll, wie bspw. das Modell der Younect Talentpools [...]

  5. [...] Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, zunächst einmal verschlägt es mich nach Köln und Berlin. Sind Sie dabei? 0.000000 0.000000 Empfehlen:XingoneviewE-MailDruckenGefällt mir:Gefällt mirSei [...]

  6. [...] Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, zunächst einmal verschlägt es mich nach Köln und Berlin. Sind Sie dabei? 0.000000 0.000000 Empfehlen:XingoneviewE-MailDruckenGefällt mir:Gefällt mirSei [...]

  7. [...] Knabenreich schreibt über Fachkräftemangel und Personalmarketing in Regionen. Warum? Einfach, weil “gut qualifiziertes Personal in andere Städte, Regionen, [...]

  8. [...] Knabenreich schreibt über Fachkräftemangel und Personalmarketing in Regionen. Warum? Einfach, weil “gut qualifiziertes Personal in andere Städte, Regionen, [...]

  9. Herzlichen Dank für die Erwähnung unseres Portals und beste Grüße nach Wiesbaden!

  10. Herzlichen Dank für die Erwähnung unseres Portals und beste Grüße nach Wiesbaden!

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