Teslas Gigafactory: Markenbotschafter mit Polnisch-Kenntnissen gesucht

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Elon Musk hat einen Traum. Gut, der Mann hat viele Träume. Etwa Flüge zum Mars für jedermann erschwinglich zu machen, eine Fortbewegungskapsel, die Menschen schneller und kostengünstiger zum Ziel bringt, als der schnellste Hochgeschwindigkeitszug oder aber ein Hochgeschwindungskeitstunnelsystem mitten durch Los Angeles. Und nun will er eine Gigafactory auf deutschem Boden, genauer in Brandenburg, noch genauer in Grünheide errichten. 11.000 Arbeitsplätze will er mittelfristig in der Nähe von Berlin schaffen. Rund 40 Jobs sind aktuell auf der Tesla Karriereseite ausgeschrieben. Primär handelt es sich um Positionen für Ingenieure. Aber auch fürs Recruiting und HR wird gesucht. Hier fällt besonders die Position des “Recruitment Operation Coordinators” auf. Denn der gesuchte Kandidat muss auf jeden Fall Polnisch-Kenntnisse mitbringen.

Und da dürfte klar sein, dass es wohl weniger die Region Brandenburg ist, die von Teslas Gigafactory profitieren wird, sondern das nur rund 65 km entfernte Polen. Schließlich sind da die Arbeitskräfte im Dutzend billiger. Und möglicherweise auch eher bereit, die von Elon Musk gelebten 120 Stunden in der Woche zu arbeiten. Schließlich ist der Multi-Erfinder bekannt für seinen unermüdlichen Einsatz, den er auch von seinen Leuten fordert – egal ob es sich um Mitarbeiter aus dem Topmanagement oder vom Fließband handelt. Der Satz “es gibt viel einfachere Orte, um zu arbeiten, aber niemand hat jemals die Welt mit 40 Stunden pro Woche verändert” stammt von ihm.

Während hier in Deutschland immer mehr Unternehmen den Ausstieg aus der 40-Stunden-Woche, respektive dem 8-Stunden-Arbeitstag, respektive der 5-Tage-Woche versuchen, fordert ein Elon Musk vollen Einsatz von seinen Untergebenen. Das dürfte also schon mal eine erste Herausforderung für sein ehrgeiziges Projekt in Berlin werden. Wobei es ja immer ein paar Dumme gibt, die sich gerne ausbeuten lassen, wenn man denn ein wenig “Ruhm und Ehre” abstauben kann. Denn hey, für Tesla arbeiten, das ist schon irgendwie cooler als für die alten weißen Männer bei BMW, Audi, Daimler oder VW – oder?

Die Gigafactory als Jobwunder?

Das wird noch spannend. Spannend wird ja auch, ob das Projekt überhaupt kommt. Denn wer erinnert sich nicht an die vollmundige Ankündigung des “Las Vegas im Osten”, welches angeblich 3.000 Arbeitsplätze in Sachsen-Anhalt schaffen sollte und nichts war als eine windige Luftnummer noch windigerer Investoren. Und so hieß es schon damals in einem Spiegel-Artikel: “Im Osten kennt man diese Geschichten. Phantasievorhaben, die in den seltensten Fällen Realität werden.” Aber käme die Gigafactory nicht, so wäre das laut Wirtschaftsminister Peter Altmaier ein “Schaden für ganz Deutschland“.

Gigafactory als massive Belastung für die Umwelt

Darüber lässt sich trefflich streiten, denn wenn wir eins nicht brauchen, so ist das ein weiterer Produzent von SUV. Der darüber hinaus mit Millionen-Subventionen gefördert wird und oben drauf noch eine massive Belastung für die Umwelt darstellt. Und das gleich dreifach

  1. fällt dem Bau ein 300 Hektar großes Waldgrundstück zum Opfer (mag sein, dass es sich um eine Kiefern-Plantage handelt. Grundsätzlich gilt aber: jeder Baum, der gefällt wird, ist einer zu viel),
  2. bedeutet die Gigafactory einen massiven Wasserverbrauch, dem das Brandenburger Grundwasser dank Dürrejahren nicht gewachsen ist. “Laut dem öffentlichen Bericht zur Umweltverträglichkeit benötigt die Tesla-Fabrik 372.000 Liter Wasser pro Stunde. Jeder Brandenburger Einwohner verbrauchte 2016 im Durchschnitt etwa 111 Liter Wasser pro Tag. Im vergangenen Jahr hatte der Verband angesichts der Trockenheit zum sparsamen Umgang mit dem Nass aufgerufen.
  3. Bedeutet der Bau und in der Folge der Betrieb der Gigafactory einen massiven Anstieg des Verkehrs und damit eine zunehmende Belastung der Luft.

Das alles aber ficht Tesla (derzeit noch nicht) an. Man scheint sich ziemlich sicher, dass das Werk kommen wird. Zumindest wird schon eifrig rekrutiert. So werden Ingenieure gesucht, aber auch Fachkräfte aka Recruiter, die diese Ingenieure rekrutieren.

Tesla sucht für seine Gigafactory Recruitment Operations Coordinator mit Polnisch-Kenntnissen

Tesla rekrutiert Recruiter mit Polnisch-Kenntnissen

Die dürften es aber gar nicht so leicht haben. Schließlich sind die deutschen Ingenieure, von denen Musk so schwärmt, in Deutschland eher rar gesät und zumeist bei den üblichen Verdächtigen in (gutem) Lohn und Brot. Will er diese also nach Grünheide locken, wird er diese deutlich teurer bezahlen müssen, damit sie einen Anreiz haben, in der Brandenburger Provinz zu arbeiten. Hinzu kommen in Deutschland viele Gesetze, etwa zum Arbeitsschutz, zur An­la­gen- und Be­triebs­si­cher­heit oder zum Mindestlohn.

Und so verwundert es dann eben nicht, dass neben Recruitern und einem “Sr Employment Legal Counsel, Germany (m/w/d)” auch ein “Recruitment Operations Coordinator (German, Polish & English) – Gigafactory Berlin (m/w/d)” gesucht wird. Moment mal, warum muss denn der Recruitment Coordinator Polnisch sprechen können? Da zählt man eins und eins zusammen und kombiniert blitzschnell: Vom angeblichen Jobwunder Tesla Gigafactory profitieren im Wesentlichen polnische Wanderarbeiter Fachkräfte. Die sind im Zweifelsfall nicht nur billiger, denen kann man auch die von Musk bevorzugte 80-Stunden-Woche locker zumuten und in Sachen Arbeitsrecht nimmt man es in Polen auch nicht so genau. Zwar trifft das deutsche Mindestlohngesetz auch für polnische Arbeitnehmer zu, aber hey, irgendein Schlupfloch wird sich bestimmt finden. Alleine eine schnelle Google-Suche fördert diverse Anbieter hervor, die mit billigen Arbeitskräften aus Polen werben. “Unsere Subunternehmer arbeiten auch an Feiertagen – ohne Aufschlag! All-inclusive Preis.” Da heißt es zuschlagen, Herr Musk!

Eine Google-Suche nach polnischen Arbeitskräften fördert schnell entsprechende Angebote zutage

Interessante Notiz am Rande: Von den für die Gigafactory ausgeschriebenen HR-Positionen finden sich nicht eine einzige auf der Tesla-Karriere-Website. Die tauchen nur bei LinkedIn oder über andere Crawler bei Google for Jobs auf. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Der Recruiter als Markenbotschafter an vorderster Front

Nun kann man von Teslas Politik halten was man will, ein Blick auf die Inhalte der Stellenanzeigen lohnt schon. Denn wie hier die Jobs schmackhaft gemacht werden und gezeigt wird, wo es im Recruiting drauf ankommt, das hat schon was und könnte – abgesehen von der zu hohen Anzahl an Aufzählungspunkten sowohl bei Aufgaben als auch beim Anforderungsprofil, dem fehlenden Ansprechpartner und der fehlenden Bewerbungsaufforderung – durchaus als Inspiration für so manche drögen deutschen Stellenanzeigen-Texte dienen. Hier ein paar Beispiele:

This is a once in a lifetime opportunity to join a fast growing team, support the growth of Tesla’s Gigafactory in Europe and make an impact from day one.

Wow, oder? Eine einmalige Gelegenheit im Leben, das Wachstum der Tesla Gigafactory maßgeblich zu beeinflussen.

Represent Tesla, you are our frontline brand ambassador.”

Markenbotschafter an vorderster Front. Genau das ist ein Recruiter. Nur den wenigsten ist das bewusst. Und auch ein schlechter Recruiter ist ein Markenbotschafter. Nur eben ein schlechter.

Schedule phone, video-conference and onsite interviews within a timely manner – we move at lightning speed.

Tesla weiß, dass es beim Recruiting auf Lichtgeschwindigkeit ankommt. Nun, Lichtgeschwindigkeit müssen Sie nicht an den Tag legen, aber das sonst übliche und auch in Teilen für den “Fachkräftemangel” verantwortliche Tempo sollten Sie sich abgewöhnen (siehe auch Time to hire, Time to fill).

Strong customer service mentality – we afford each and every interviewee with the upmost amount of respect in order to ensure a seamless interview experience. You will also be counted upon to make the interview process run smoothly from our client’s perspective.

Bewerber als Kunden behandeln, darauf kommt’s an! Jedem einzelnen Kandidaten im Recruiting- Prozess den größtmöglichen Respekt erweisen! Der Kandidat als Mittelpunkt im Recruiting, das sollte auch Ihre Devise sein, Stichwort Candidate Centricity!

Escort candidates to and from interviews with a professional, friendly manner.

Das hat jetzt nix mit Escort Ladies zu tun. Vielmehr geht es darum, Kandidaten zum Interview und zurück begleiten, stets freundlich und zuvorkommend. Schon mal drüber nachgedacht, welche positiven Auswirkungen das auf Ihre Candidate Experience hat? Bei Escort Ladies fällt mir ein, dass das vielleicht noch ein interessantes Benefit wäre, welches man Bewerbern angedeihen lassen könnte. Und bevor jetzt wieder Rufe laut werden: Escort gibt’s auch für die Jungs.

A burning desire to work for the coolest company on the planet and to change the foreseeable future of both the automotive and energy industries.”

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, dennoch, den “brennenden Wunsch, für das coolste Unternehmen der Welt zu arbeiten” als erstes und wichtigstes Anforderungskriterium zu benennen, hat was. Hier wird auf geschickte Weise der Wunsch geweckt, die Zukunft der Automobil- und Energieindustrie zu verändern.

Klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein, nicht wahr? Hier scheinen Bewerber das Paradies auf Erden zu finden. Und Recruiter können dieses Paradies gestalten. Tun sie allerdings bisher noch nicht, wie man den Bewertungen auf kununu entnehmen kann. Abgesehen davon müsste man im Recruiting neben Deutsch- und Englisch-Kenntnissen eben auch die polnische Sprache beherrschen, um dieses vermeintliche Arbeitgeber-Paradies zu gestalten.

Kommt die Gigafactory wirklich?

Wobei ja weiterhin die Frage bestehen bleibt, ob es denn überhaupt zur Gigafactory kommt. Denn unterschrieben ist noch nichts. Und die Proteste werden immer größer. Nicht zuletzt, weil der Bevölkerung so langsam klar wird, dass man wohl in Brandenburg am wenigsten von Musks Projekt profitieren wird. Denn die Schäden, die der Umwelt zugefügt werden, sind wohl deutlich größer, als die vermeintlich grünen E-SUV von Tesla. Vom Jobwunder wird man auch kaum profitieren. Denn die Frage bleibt: Woher sollen eigentlich die ganzen Tausend Arbeitskräfte herkommen, die dafür sorgen, dass ab 2021 Autos vom Band rollen?

Wo kommen die Fachkräfte her?

Auch wenn manche der Meinung sind, dass Tesla nun den Arbeitsmarkt gehörig durcheinander wirbeln wird, ist eigentlich klar, dass der Pool an Fachkräften trotz Arbeitskräfte-Abbau bei den Großen der Automobilindustrie überschaubar bleiben dürfte – und das nicht nur in Deutschland. Denn selbst in Slubice, der nächstgelegenen größeren Stadt an der polnischen Grenze liegt die Arbeitslosigkeit bei 2 Prozent. Ob man glücklich wäre, wenn Tesla die qualifizierten Fachkräfte dort abziehen würde? So oder so, es bleibt spannend. Und wahrscheinlich entpuppt sich die Gigafactory nur als Marketing-Gag eines Größenwahnsinnigen und weiteres ostdeutsches Phantasievorhaben, das wie eine Seifenblase zerplatzt.


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Über den Autor

Teslas Gigafactory: Markenbotschafter mit Polnisch-Kenntnissen gesucht 2 Henner Knabenreich personalmarketing2nullHallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Personalmarketing-Coach, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING, LinkedIn oder Twitter - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!


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