HR-Software: E-Recruiting ohne Relevanz in Deutschlands Personalabteilungen

HR-Software: E-Recruiting ohne Relevanz in Deutschlands Personalabteilungen

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 5 Minuten.

Man könnte meinen, vor dem Hintergrund eines immer enger werdenden Arbeitsmarktes – sinkendes Erwerbspersonenpotenzial, steigende Fachkräftenachfrage, steigende Vakanzzeiten – wären Recruiting und Personalmarketing Chefsache. Vor allem aber: Wären Top-Priorität in deutschen Personalabteilungen (was gibt es Wichtigeres, als sein Unternehmen mit den passenden Mitarbeitern am Leben zu erhalten?). Ein Blick auf eine interessante Studie zeigt (wieder einmal): ist es nicht. Dem deutschen Personaler liegt vor allem Software für administrative Themen am Herzen. Klar, E-Recruiting-Software wird in Zeiten eines so gerne kolportierten „Fachkräftemangels“ total überbewertet.

Nun kann man ja von E-Recruiting-Software (aka Online-Recruiting aka Bewerbermanagementsystem aka Bewerbermanagement-Software aka Applicant Tracking System aka ATS) halten, was man will. In der Regel – zumindest wenn es darum geht, Bewerber zu gewinnen – nicht allzuviel, stellen diese Systeme doch einen wichtigen Baustein einer erfolgreichen Bewerbervermeidungsstrategie dar und sind auf das Verwalten von Bewerberdaten ausgelegt. Dennoch: Was eine Studie da hervorbringt, sollte die Alarmglocken bei allen am Recruiting Beteiligten schrillen lassen und zeigt auf der anderen Seite auch wunderbar (wieder einmal), wie es um den Stellenwert des Recruiting in deutschen Unternehmen bestellt ist.

„Fachkräftemangel“ Ursache von mangelnder Transparenz und Schnelligkeit im Recruiting-Prozess

Durchgeführt wurde die Studie von der Software-Vergleichs-Plattform Capterra. Um einen tieferen Einblick in die Methoden, Herausforderungen und Trends in der Personalverwaltung in KMU zu gewinnen, befragte Capterra in seiner Studie HR Software-Trends in deutschen KMU 250 Teilnehmer aus Personalabteilungen. Klar, auch diese Studie ist – wie eigentlich alle, die am Markt erhältlich sind – nicht repräsentativ. Dennoch zeigt sie einen interessanten Trend – und bestätigt meine leidvollen Erfahrungen. Leidvolle Erfahrungen, die nicht nur mich, sondern vor allem Ihre Bewerber und in der Folge Sie als Arbeitgeber treffen. Dank entsprechender Software standardisierte, effiziente und vor allem transparente Recruiting-Prozesse sind in deutschen Unternehmen Mangelware und neben Ideenmangel ein wesentlicher Faktor in puncto „Fachkräftemangel“. Denn hier zeigt sich nicht der Mangel an Fachkräften, sondern

  1. der Mangel an Transparenz und Schnelligkeit und
  2. der Mangel an Bereitschaft, in entsprechende Software zu investieren, respektive
  3. sich mit entsprechenden Technologien auseinanderzusetzen.

Mitarbeiter finden größtee Herausforderung - Quelle Capterra

Kern-Erkenntnisse der Studie HR-Software-Trends

  • Excel rules! 28 Prozent der befragten Unternehmen nutzen keine spezielle HR-Software zur Personalverwaltung und arbeiten mit manuellen Methoden wie Excel-Tabellen, E-Mails oder ganz ohne digitale Hilfsmittel. DSGVO? Nie gehört.
  • Nur 11 Prozent der eingesetzten Software ist aus der Cloud. Klar, Cloud ist per se böse und Cloud kommt von klauen ;) Lieber auf Dinosaurier-Software mit umständlicher Installation, unflexiblen Prozessen und horrenden Kosten vertrauen, als auf schlanke, flexible, effiziente und Kosten sparende Lösungen aus der Cloud (weit verbreitete Ansicht vieler IT-Verantwortlichen in Unternehmen, die auch lieber auf den Internet Explorer oder Windows 7 setzen, anstatt auf zeitgemäße und sichere Betriebssysteme respektive Browser).
  • Der Hauptgrund für die Zurückhaltung bei den Nicht-Nutzern von Software ist die Angst vor hohen Kosten. Genau. Nehmen wir das Beispiel E-Recruiting-Software: Der Einsatz von Bewerbermanagementsoftware ist deutlich kostenintensiver, sorgt für ineffiziente Prozesse und langwierigere Bewerbungsverfahren, als eine Stelle über ein halbes Jahr unbesetzt zu lassen und Projekte nicht annehmen zu können und damit die Existenz des Unternehmens zu gefährden. Nicht.
  • Die Hälfte aller Nutzer von HR-Software sind an einer alternativen Lösung interessiert. Das wiederum verwundert nicht unbedingt (siehe oben). Denn das, was in deutschen Unternehmen als HR-Software (im Kontext von Recruiting natürlich Bewerbermanagementsoftware) eingesetzt wird, beschert den Recruiting-Verantwortlichen eher Frust, als dass es Lust macht, damit zu arbeiten.
  • Für 62 % der Unternehmen ist es wichtig, dass die verwendete Software aus Deutschland stammt. Nicht sonderlich verwunderlich, baumelt doch über den Unternehmen das Damokles-Schwert der DSGVO-Abmahn-Anwälte.

E-Recruiting-Software ohne Relevanz in deutschen Personalabteilungen

Soweit die allgemeinen Kernergebnisse der Studie. Taucht man noch tiefer ein in die Materie, werden einem aber noch gravierendere Aspekte vor Augen geführt. Denn obwohl die Teilnehmer der Studie auf die Frage, was die größte Schwierigkeit in Personalabteilungen ist, die eindeutige Mehrheit das Finden von qualifizierten Mitarbeitern anführt, fristet E-Recruiting-Software eher ein Mauerblümchendasein:

Nur 9 Prozent der befragten Unternehmen setzen HR-Software für Recruiting und Bewerberverwaltung ein. Klar, ist ja viel zu teuer und Software für die Lohn- und Gehaltsabrechnung und Personalverwaltungs-Software ist für die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens viel wichtiger ;).

Recruiting-Software ohne Relevanz bei HR-Software - Quelle Capterra HR Software Trends

Auch an anderer Stelle zeigt sich der geringe Stellenwert von Recruiting (oder sollte ich sagen: das mangelnde Bewusstsein für das strategisch überlebenswichtige Thema Recruiting?). Danach befragt, in welche Software Unternehmen denn investieren würden, antworten auch hier nur 9 Prozent mit E-Recruiting-Software. Was läuft hier falsch? Wie kann es sein, dass Unternehmen in Zeiten eines doch so gerne schlagzeilenträchtig kolportierten Fachkräftemangels immer noch auf digitale Tools aus den Gründerzeiten des Internet setzen (okay, ich gebe zu: Excel wurde 1987 erstmals gelauncht und ist damit sogar älter als das Internet)? Wenn sie denn überhaupt auf digitale Tools setzen?

Bewermanagement-Software keine Relevanz in deutschen Personalabteilungen - Quelle Capterra HR Software Trends

Schnelligkeit und Transparenz ohne E-Recruiting-Software nicht möglich

Nicht nur in Zeiten eines engen Bewerbermarktes, indem sich der Bewerber unter Hunderten „seinen“ Arbeitgeber aussuchen kann, sind Schnelligkeit und Transparenz das A & O des Bewerbungserfolges. Schnelligkeit und Transparenz sind ohne eine entsprechende Software wiederum kaum möglich. Und dennoch: Das Bewusstsein dafür scheint nach wie vor gering ausgeprägt. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass trotz des einhelligen Urteils, die Mitarbeiterbeschaffung sei die größte Herausforderung, Software für Personalverwaltung an erster Stelle steht?

Wieder einmal lässt sich erkennen, dass vom dringend benötigten „Gestalter-Mindset in deutschen Personalabteilungen herzlich wenig zu sehen ist. Verwalter beherrschen das Bild. So lange das aber der Fall ist, wird sich am empfundenen Fachkräftemangel nichts ändern. Unternehmen tun also gut daran, ihre Mitarbeiter entsprechend fit zu machen für die Digitalisierung und einen immer schärfer geführten Wettbewerb um die begehrten Fachkräfte. Ferner ist es dringend erforderlich, entsprechende Ressourcen auf- bzw. auszubauen, Recruiting strategisch zu positionieren, Ressourcen auf bzw. auszubauen und in entsprechende Maßnahmen zu investieren. Merke: Eine unbesetzte Stelle kommt ein Unternehmen deutlich teurer zu stehen, als die Investition in entsprechende Maßnahmen, diese zu besetzen. Und eine dieser Maßnahmen ist eben auch der Einsatz von E-Recruitng-Software. Worauf es dabei ankommt, hatte ich bereits an anderer Stelle beschrieben. Also, legen Sie los, bevor es zu spät ist!


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Über den Autor

Hallo, ich bin Henner Knabenreich. Seit 2010 schreibe ich hier über Personalmarketing, Recruiting und Employer Branding. Stets mit einem Augenzwinkern oder den Finger in die Wunde legend. Auf die Recruiting- und Bewerberwelt nehme ich nicht nur als HR-Blogger maßgeblich Einfluss, auch als Autor, als Berater, als Initiator von Events wie der HR-NIGHT oder als Speaker hinterlasse ich meine Spuren in der HR-Welt. Sie wollen mich für einen erfrischenden Vortrag buchen, haben Interesse an einem Karriere-Website-Coaching, suchen einen Partner oder Berater für die Umsetzung Ihrer Karriere-Website oder wollen mit bewerberzentrierten Stellenanzeigen punkten? Ob per E-Mail, XING, LinkedIn oder Twitter - sprechen Sie mich an, ich freue mich auf Sie!


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    1. Lars Hahn sagt:

      Klar hast Du recht für die großen und mittleren Unternehmen. Also diejenigen, die 50 Mitarbeiter (m/w/d) oder mehr haben. Die werden hoffentlich in der Regel entsprechende E-Recruiting-Software im Einsatz haben.

      Das sind laut destatis allerdings aktuell nur 3,6% aller Unternehmen in Deutschland. Oder umgekehrt: Mehr als 96 Prozent der Unternehmen haben weniger als 50 Mitarbeiter (m/w/d).

      Wenn die immerhin 10 Prozent „neue“ rekrutieren, sind das höchstens 5 Personen pro Jahr, oder bei den kleinsten Untenehmen (80 Prozent, weniger als 9 MA), eine Person pro Jahr. Und wenn die dann im verdeckten Stellenmarkt rekrutieren, benötigen sie eher gute Vernetzung.

      Soll heißen: DIE deutschen Unternehmen gibt es so nicht. Und erst ab der Zahl der Stellenbesetzungen ab n=irgendwas pro Jahr wird ein Unternehmer in Software investieren. Und das finde ich völlig nachvollziehbar und verständlich.

    2. Axel Haitzer sagt:

      Lieber Henner Knabenreich, wie immer haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie müssen aber zugeben, die Verantwortlichen machen es den Bloggern [m/w/*] und Kolumnisten [m/w/*] auch sehr einfach. Komiker müssen sich lustige (oder tragisch-komische) Geschichten aufwendig selbst ausdenken, Personalern muss man lediglich den Spiegel vorhalten. Personalmarketing- und Recruiting-Experten können auf Realsatire zurückgreifen.

      Sie haben recht, den „Fachkräftemangel“ gibt es nur in der Personalabteilung. Es fehlen die Gestalter!

      Die von Ihnen besprochene Studie macht deutlich, dass die Hälfte aller Nutzer von HR-Software (wahrscheinlich sind es noch mehr) an einer alternativen Lösung interessiert sind. Daher noch eine Warnung an alle, die nach dem Lesen Ihres Artikels wild entschlossen sind, sich ein Bewerbermanagementsystem anzuschaffen: Nahezu alle Pflichtenhefte und Leistungsverzeichnisse, die ich in letzter Zeit gesehen habe, listen nur Überschriften gewünschter Funktionen auf. Es entsteht beim Auswerten der Angebote daher leicht der Eindruck, dass alle Systeme gleich seien. Das ist jedoch ein fataler Irrtum. Nur wer einen genau auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnittenen, detaillierten Anforderungskatalog erstellt, hat eine Chance darauf, mit einem Bewerbermanagementsystem Zeit und Geld zu sparen. Und kann gleichzeitig Bewerber glücklich machen.

    3. Mario sagt:

      Hallo Henner,

      toller Artikel mit der ein oder anderen sarkastischen Nuance.
      Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass Unternehmen ohne (cloud-basierte) E-Recruiting Software oftmals auch einen aufgeblähten, langatmigen und intransparenten Auswahlprozess verfolgen, bei dem am Ende dann doch immer das gleiche, einfach gestrickte, Absagetemplate verschickt wird. Viele sind einfach noch nicht dahinter gestiegen, dass gerade solche Tools mit der richtigen Handhabe maßgeblich zur digitalen Transformation im HR Bereich beitragen können (oder doch könnten…?).
      Aber warum auch schnell und modern sein…die Kandidaten sind doch immer noch diejenigen, die sich bewerben müssen und etwas von mir wollen. Fachkräftemangel? Pfff

    Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

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