Mobile Recruiting: Bewerber, die auf Smartphones starren

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 10 Minuten.

Haben Sie Ihr mobiles Endgerät (sprich Smartphone oder Tablet) jemals dazu genutzt, eine Suche bei Google zu starten, ein Produkt zu kaufen, ein Hotelzimmer zu buchen, eine Überweisung zu tätigen, sich über Tinder & Co. mit jemandem zu verabreden oder zu chatten? Das sind natürlich rein rhetorische Fragen. Natürlich haben Sie. Die „Digitalisierung“ ist also schon mitten in unserem Leben angekommen. In unserem Leben? Wirklich? Und was ist mit Jobsuche und Bewerbung, Stichwort „Mobile Recruiting“ und zeitgemäßer Bewerberansprache? Eine Bestandsaufnahme.

Laut Branchenverband Bitkom nutzen bereits 78 Prozent der Deutschen ein Smartphone. Tendenz steigend. 71 Prozent der Nutzer können sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen. Für 80 Prozent der Befragten stellen Smartphones eine große Erleichterung im Alltag dar. Ob es gut ist, dass manche Leute öfter auf das Display ihres Smartphones starren, als in die Augen ihres Partners, steht auf einem anderen Blatt. Fakt ist: Das Smartphone ist aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken und die Nutzung verlagert sich mehr und mehr vom Desktop hin zum mobilen Endgerät. Erst im Oktober 2016 hat die Internet-Nutzung über mobile Endgeräte weltweit erstmals diejenige auf Desktop-PCs überholt. Viele Nutzer besitzen nicht einmal mehr einen PC oder Laptop – wohl aber ein Smartphone. Und so prognostiziert man, dass bereits „bis zum Jahr 2018 rund 80 Prozent der weltweiten Internet-Nutzung über Mobil-Geräte wie Smartphones und Tablets ablaufen„.

Ein Leben ohne Smartphone ist nicht vorstellbar

Nach ARD/ZDF-Online-Studie führen mobile Geräte zu einer häufigeren und längeren Internetnutzung, mit insgesamt steigender Tendenz. Gegenüber der Gesamtbevölkerung verwenden diejenigen, die unterwegs Online gehen, das Internet sogar deutlich intensiver. Die tägliche Internetnutzung liegt bei diesen „Unterwegsnutzern“ bei 89 Prozent gegenüber 72 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Müsste also vor dem Hintergrund nicht auch ein stärkeres Bewusstsein für „Mobile Recruiting“ zunehmen? Also die Bereitstellung von „mobil konsumierbaren“ Karriere-Websites und Stellenangeboten nebst mobil optimierten Bewerbungsprozessen und die Nutzung dieses Angebots durch die Kandidaten?

Definition: „Mobile Recruiting“ bezeichnet die Nutzung mobiler Endgeräte für die Personalbeschaffung.

Müsste eigentlich schon. Vereitelt wird das auf der einen Seite durch nicht mobil optimierte Karriere-Website und in der Folge ebensolche Stellenanzeigen (der Klassiker: Die Stellenanzeige, die sich nur als PDF öffnen lässt), Online-Stellenbörsen, die auch im Jahr 2017 noch keine mobil optimierten Stellen-Templates respektive Bewerbungsmöglichkeit anbieten und natürlich auch hier die Anbieter von E-Recruiting-Software. Auf der anderen Seite natürlich durch wenig tech- oder internet-affine HRler (woher sollen sie auch das Wissen haben, das würde bedeuten sich mit der Materie auseinanderzusetzen zu müssen, das wiederum würde bedeuten, Zeit zu investieren, die man bekanntlich als Personaler nicht hat – weil die Ressourcen sind knapp und im Tagesgeschäft bleibt nun wirklich kein Zeit für Recruiting-Aktivitäten).

Fast 50 Prozent haben ihre Bewerbung abgebrochen, weil das Angebot mobil nicht gut nutzbar war - Quelle meinestadt.de

Werfen wir einen Blick auf das, was Arbeitgeber in Sachen „Mobile Recruiting“ so tun. War vor einiger Zeit noch die Rede von der „mobilen Sackgasse“ und verfügten 2013 nur 26 Prozent der untersuchten Unternehmen über eine mobil optimierte Karriere-Website, so lässt sich so langsam Licht am Ende des Tunnels erblicken, wie bspw. die Online-Recruiting-Studie der Wollmilchsau an den Tag brachte.

Grad an Mobiloptimierung nimmt mit zunehmender Tiefe des Bewerbungsprozesses ab

Demnach verfügen 80 Prozent (61 Prozent im Vorjahr) der untersuchten Unternehmen über eine mobil optimierte Karriere-Website und stellen 78 Prozent (56 Prozent) eine mobil optimierte Jobbörse zur Verfügung, wovon dann auch bei 71 Prozent die Stellenanzeigen für mobile Endgeräte optimiert sind. Generell zeigt sich, dass der Grad an Mobiloptimierung mit zunehmender Tiefe des Bewerbungsprozesses abnimmt. Und so bleiben dann nur noch 44 Prozent der Unternehmen übrig, die ein mobil optimiertes Bewerbungsformular zur Verfügung stellen. Wir sprechen hier übrigens „nur“ von DAX-Unternehmen. D. h., dass die traurige Praxis noch weit verheerender aussieht.

Zahlen, die diesen düsteren Ausblick bestätigen, liefert beispielsweise die Studie „Mobile Recruiting“ der Universität Bamberg, quasi ein Nebenprodukt der etablierten Studie Recruiting Trends. Da heißt es, dass „Mobile Recruiting ein starker Trend in der modernen Personalbeschaffung werde„. Hm. Mobile Recruiting ein Trend? Es ist die logische Konsequenz aus unserem Nutzungsverhalten, liebe Studienmacher. Kein Trend! Weiter heißt es „Aber auch die Großunternehmen haben sich im Verlauf der letzten Jahre intensiver mit diesem neuen Kanal für die Personalgewinnung beschäftigt und sehen durch die Nutzung von mobilen Endgeräten einen großen Einfluss auf die Rekrutierung von Kandidaten“. Weiter konstatiert die Studie, dass zwar „etwas mehr als die Hälfte der Top-1.000-Unternehmen gar kein Mobile Recruiting anbietet, aber 77,4 Prozent gegenüber Mobile Recruiting aufgeschlossen sind„. Aufgeschlossen gegenüber Mobile Recruiting? Bei solchen Aussagen rollen sich mir die Fußnägel hoch. Großer Einfluss auf das Recruiting… der Einfluss ist immanent! Unternehmen, die die Potenziale nicht nutzen, bleiben auf der Strecke. So wie schon jetzt die Unternehmen auf der Strecke bleiben, die dank nicht mobil optimierter Karriere-Website erst gar nicht von Bewerbern gefunden werden.

Mobile Recruiting zukünftig immer wichtiger

Immerhin denken 79,4 Prozent der Top-1.000-Unternehmen, dass Mobile Recruiting zukünftig immer wichtiger wird. Das sind genau so beruhigende Nachrichten wie die Gründe, die die Unternehmen ins Feld führen, wenn es um Probleme bei der Einführung von Mobile Recruiting geht. So geben bspw. 44 Prozent der Top-1.000-Unternehmen an, dass die Nutzung von Mobile Recruiting mit hohen zusätzlichen Kosten verbunden ist (welche sollen das sein? Verlangt Ihre Agentur exorbitante Kosten für eine mobil optimierte Karriere-Website? Feuern Sie sie!). Sechs von zehn Unternehmen sehen zudem einen hohen technischen Aufwand, der mit der Nutzung einhergeht (welche soll das sein? Klar, hier trennt sich die Spreu vom Weizen bei der E-Recruiting-Software. Althergebrachte Systeme müssen hier die Waffen strecken. Raus damit! Setzen Sie auf fortschrittliche Systemanbieter, die einfach zu implementieren sind, über eine offene Schnittstelle verfügen, wenig kosten und trotzdem bessere Leistung bringen, als die behäbigen und schwergänigen E-Recruiting-Tanker). Und so scheint mir die Aussage, dass die „unterschiedlichen Standards der Anbieter am Markt“ die Einführung bzw. Nutzung von Mobile Recruiting erschweren, die einzig nachvollziehbare Äußerung.

39,5 Minuten für das Erstellen der mobilen Bewerbung?!

Die Studie bringt noch mehr (erschreckende) Erkenntnisse, von denen ich Ihnen eine letzte nicht vorenthalten will. Da geht es nämlich um die Zeit, die ein Bewerber der Gen Y oder Z (diese stehen ganz besonders im Fokus dieser Studie) bereit ist, in seine mobil abgegebene Bewerbung zu investieren. Abgesehen davon, dass eine solche Bewerbung als umständlich angesehen wird (was ich nachvollziehen kann: Wer hat schon sein Anschreiben oder seinen Lebenslauf auf seinem Handy abgespeichert, wer ist bereit, sich aufgrund der Situation – und dem sich stetig ändernden Nutzungsverhalten – sich mit Anschreiben und allem sonstigen überflüssigen Pipapo bei seinem Wunsch-Arbeitgeber zu bewerben?), wird die Schnelligkeit dieser Art, sich zu bewerben als positiv hervorgehoben.

So benötigen Kandidaten, die bereits Erfahrungen mit mobilen Bewerbungen gesammelt haben, im Vergleich zu denen, die nicht über diese Erfahrungen verfügen, für das Erstellen und Versenden einer Bewerbung über mobile Endgeräte im Schnitt 39,5 Minuten, heißt es. Und: „Im Vergleich dazu benötigt das Erstellen und Versenden einer Bewerbung über nicht-mobile Endgeräte mit durchschnittlich 46,4 Minuten mehr Zeit„.

So steht es da wirklich in der Studie. Schwarz auf Weiß. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer nimmt überhaupt einen so langen Bewerbungsprozess in Kauf? Und das vor allem mobile? Zum Vergleich: Die durchschnittlich akzeptierte Zeit für Online-Bewerbungsformulare beträgt bspw. laut Candidate Experience Studie rund 24 Minuten. Bei jedem achten Bewerber reicht die Geduld bei Formularbewerbungen nur noch für maximal 5 bis 10 Minuten. Wie gesagt, wir sprechen von online. Die „mobile Erwartungshaltung“ führt zu noch kürzeren Zeiten.

Zeitaufwand für das Erstellen und Versenden einer Bewerbung - Quelle Mobile Recruiting 2017

Und was überhaupt im Zeitalter der Digitalisierung und „Mobilisierung“ zeitgemäß ist? Ein Anschreiben? Wohl kaum, das wird als die größte Hürde empfunden. Der Lebenslauf?

Bewerber würden sich per Smartphone bewerben – wenn man sie ließe

Werfen wir doch dazu einen Blick auf zwei weitere Studien. So hat StepStone in seiner Erhebung „Kandidaten im Fokus“ u. a. gefragt, welche Tools man zur Bewerbung nutzt bzw. gerne nutzen würde. Schließlich eröffnen digitale Technologien doch zahlreiche Möglichkeiten, die Jobsuche und Bewerbung schneller und weniger arbeitsintensiv zu gestalten. Und so heißt es folgerichtig: „Kandidaten zeigen großes Interesse an Tools, es liegt nun an den Unternehmen, diese in Ihre Rekrutierungsprozesse zu integrieren und die Hemmschwelle für die Bewerbung zu senken„.

Nutzung technischer Möglichkeiten bei Jobsuche und Bewerbung - Quelle Kandidat im Fokus_StepStone

37 Prozent der Befragten würden sich per Smartphone nutzen, heißt es da. Allerdings sind alle anderen genannten Formen auch die, die bei einer smartphone-gerechten Bewerbung entsprechen würden: Per One-Klick, Online-Profil oder Messenger eben. Möglich wäre ja auch ein Freitextfeld für einfache Fragen bzw. Abfrage der Skills oder ein Motivationsschreiben. Und zwar so, dass Aufwand bzw. Antwortzeit dem Endgerät entsprechend gerecht werden. Also definitiv keine 39,5 Minuten ;)

Bis zu 70 Prozent mehr Bewerbungen generieren Unternehmen, wenn eine mobil optimierte und der Smartphone-Nutzung entsprechende Bewerbung angeboten würde, so Marius Luther von HeyJobs in meinem Podcast. Und: Da viele Nutzer – aus welchen Gründen auch immer – gar keinen Desktop-Rechner mehr besitzen (oder nie besessen haben, da sind wir wieder bei der Generation S, der Generation Selfie – da fällt mir noch die Bewerbung via Video ein -, der Generation Z) können sie sich also nur bei den Unternehmen bewerben, die einen mobil optimierten Bewerbungsprozess anbieten. Laut Wollmilchsau sind das 44 Prozent. Und laut Mobile Recruiting Studie berichtet nur etwas mehr als die Hälfte der Kandidaten, dass die Darstellung von Online-Stellenanzeigen und Karriere-Webseiten auf mobilen Endgeräten ohne Probleme funktioniert. Anders gesagt: Wo keine mobile Bewerbung möglich ist, werden immer weniger Bewerbungen eintrudeln.

Bewerber, die irritiert aufs Smartphone starren

Warum Bewerber teilweise vergeblich (oder irritiert) aufs Smartphone starren, zeigt eine weitere Mobile Recruiting Studie, nämlich die von meinestadt.de. Hier wurden sowohl Unternehmens- als auch Bewerberseite betrachtet. Ein paar Erkenntnisse:

  • 43,2 Prozent der befragten HR-Verantwortlichen verfügen nicht über einen mobil optimierten Karriere-Auftritt.
  • Der Bewerbungsprozess ist aktuell nicht einmal bei einem Drittel der Unternehmen mobilfähig.
  • 37,1 Prozent der HR-Verantwortlichen gibt an, bisher noch nicht über einen mobil optimierten Arbeitgeber-Auftritt nachgedacht zu haben. Mir fehlen die Worte. Eine mögliche Erklärung: Ein Fünftel der befragten Personaler bekommt derzeit noch genug Bewerbungen über nicht-mobile Kanäle.
  • 14,3 Prozent der befragten HR-ler fehlt es an technischen Kenntnissen (oder dem entsprechenden Mindset?).
  • Bei 11,4 Prozent prallt der Wunsch nach mobilen Bewerbungsmöglichkeiten am „Nein“ der Geschäftsführung ab.

Umso wichtiger ist es, sich mit diesen Themen, mit Kennzahlen, mit Web Analytics auseinanderzusetzen, um entsprechend argumentieren zu können und für die Zukunft des mobile Recruiting gut aufgestellt zu sein! Noch einmal: Mehr Deutsche besitzen einen Smartphone, als einen PC.  In diesem Jahr besitzen erstmals mehr Deutsche ein Smartphone als einen PC 85 Prozent der 14- bis 69-Jährigen nutzen 2017 ein internetfähiges Smartphone. Mobile Recruiting ist kein „Trend“. Sich gegenüber Mobile Recruiting „aufgeschlossen“ zu zeigen, reicht nicht. Machen heißt die Devise!

Bewerber wollen sich „mobil“ bewerben

Vielleicht mögen diese Zahlen dabei helfen:

  • Für 76 Prozent der befragten Fachkräfte stellt das Smartphone das wichtigste Endgerät bei der Jobsuche dar
  • 65 Prozent der Befragten erwarten von Unternehmen die Möglichkeit, sich mobil bewerben zu können
  • 73 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich mit einem Smartphone oder Tablet bewerben würden – wenn man sie ließe
  • 46,6 Prozent haben eine Bewerbung abgebrochen, weil sie sich nicht mobil bewerben konnten

Mobile Recruiting - Wie Bewerber suchen und was sie wollen - Quelle meinestadt.de

Was Sie nun tun können? Überprüfen Sie den Status quo Ihrer Karriere-Website, z. B. über das Webmaster-Tool von Google, das Gleiche gilt natürlich für Stellenangebote (PDF ist tabu) und vor allem für den Bewerbungsprozess. Wie immer gilt auch hier: Schlüpfen Sie in die Rolle des Bewerbers und testen Sie Ihre „Candidate Journey“ – vom Auffinden der Website und Stellenangebote (via Google als auch über die Homepage) bis hin zum Absenden Ihrer Bewerbung. Im Zweifelsfall wechseln Sie den Anbieter Ihrer E-Recruting-Software. Hier liegen in der Regel die meisten Leichen begraben. Erhöhen Sie Ihre Reichweite und schaffen Sie ein optimales Bewerbererlebnis, indem Sie zeitgemäße Recruiting-Lösungen nutzen. Erheben Sie Kennzahlen, mit denen Sie vor der Obrigkeit (s. o.) punkten können, schauen Sie, was der Wettbewerb macht („Best Practices“), werten Sie entsprechende Studien aus und argumentieren Sie mit diesen Erkenntnissen.

Einen Anfang habe ich gemacht. Jetzt sind Sie dran.Wenn es um das Thema Budget geht, ziehen Sie die Kennzahl Cost of Vacancy als Trumpf aus. dem Ärmel. Ihr Chef zeigt immer noch keine Einsicht? Dann wechseln Sie den Job. Hier finden Sie…


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