Das Gefühl von Revolution: Pioniere gesucht

Das Gefühl von Revolution: Pioniere gesucht

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 6 Minuten.

Als ich neulich in Mainz am Hauptbahnhof stand (es ging mal wieder wandern, dieses Mal von Trechtingshausen nach Bingen, aber ohne Personalmarketing auf Schusters Rappen), fiel mein Auge auf ein überdimensionales Plakat, von denen es viele gibt und die das Auge des auf den Zug Wartenden erfreuen. Erfreuen tat das auch das Herz des Bloggers (also meins), schien hier doch eine interessante Story zu lauern. „Nimm das Gefühl von Revolution mit nach Hause“, stand da zu lesen. Und dann etwas von 400 Pionieren. Nanu, eine neue Kampagne der Bundeswehr?

Immerhin war das Plakat in Grün gehalten, die Assoziation lag nahe – auch wenn die Motivwahl nicht ganz dem Klischee der Bundeswehr entspricht. Aber, so dachte ich mir, Waffen und so zeigt die Bundeswehr ja ohnehin nicht so gerne, wenn es darum geht, Personalwerbung Employer Branding zu betreiben. Könnten ja dazu führen, dass doch der ein oder andere Bewerber abgeschreckt wird. Also Pioniere werden gesucht.

Plakat am Hauptbahnhof Mainz - BioNTech sucht Pioniere

Pioniere für Mainz gesucht

Aber wie ein zweiter Blick offenbart, nicht von der Bundeswehr. Sondern von einem Pharma-Unternehmen mit Sitz in Mainz. Nicht irgendein Pharma-Unternehmen, sondern „weltweiter Vorreiter bei der Entwicklung einer völlig neuartigen Immuntherapie gegen Krebs„. Und dieses Unternehmen sucht eben Pioniere. Und zwar im Kampf gegen den Krebs. Das an sich ist sehr lobenswert. Auch ein solches Plakat am Mainzer Hauptbahnhof aufzustellen, ist durchaus sinnvoll, schließlich hat das Unternehmen nicht nur den Hauptsitz in Mainz, der Hauptbahnhof ist auch Einfallstor für Pendler, die entweder zur Uni oder aber auch zur Universitätsklinik wollen – ganz zu schweigen von denjenigen, die in Mainz einfach auch nur mal umsteigen wollen. So wie ich. Nur, dass ich nicht der Zielgruppe entspreche.

Auch wenn ich mich durchaus ein Stück weit als Pionier betrachten könnte, denn schauen wir uns die Definition auf Wikipedia einmal genauer an:

Unter einem Pionier (Lehnwort aus mfrz., frz. pionnier = Schanzgräber, fig. Wegbereiter, Vorkämpfer) versteht man im Bereich Forschung einen Menschen, der auf einem bestimmten Gebiet eine Vorreiterrolle einnimmt, der etwas Bahnbrechendes geleistet und damit weiteren wissenschaftlichen Arbeiten und Erkenntnissen den Weg geebnet hat.

So kann ich mir zumindest auf die Fahnen schreiben, dass ich sowohl Wegbereiter und Vorkämpfer war, als auch Bahnbrechendes geleistet habe. Vor allem im Kampf für besseres Personalmarketing und entspannte HR-Network-Formate.

Trotzdem, die Zielgruppe bin ich deswegen noch lange nicht. Denn angesprochen werden sollen mit der Kampagne „Technische Assistenten“ und „Pharmakanten“. Natürlich beiderlei Geschlechts, versteht sich. Schauen wir uns den Text noch einmal im Detail an:

Über 400 Pioniere leisten ihren Beitrag zu etwas, ganz Großem, das nicht irgendwann passiert. Sondern jetzt in diesem Moment:

Werde auch du ein Pionier in Mainz als

Technischer Assistent oder Pharmakant (m/w).“

In welchem Kontext das zu dem Bildmotiv stehen könnte, weiß ich allerdings auch nicht. Und überhaupt. Ich stehe also am Mainzer Hauptbahnhof. Und da passiert also etwas ganz Großes. So groß, dass man es sogar extra in größeren Buchstaben hervor hebt. Und das Ganze jetzt in diesem Moment. Jetzt in diesem Moment stehe ich hier und warte. Auf den Zug. Das ist insbesondere in Mainz ein großer Moment, das stimmt. Nun denn, ich warte. Und was macht man in der Zeit des Wartens: Genau. Das, was ca. 99,7 Prozent der Menschen um einen herum auch tun. Man zückt das Smartphone. Während der Großteil dieser Menschen wahrscheinlich unnützes Zeug auf Facebook liked oder snapchattet, vielleicht aber auch gerade einen Karriere-Tag via WhatsApp miterlebt, wer weiß das schon so genau, während dieser Zeit also rufe ich die auf dem Plakat kommunizierte Domain „work-with-pioneers“ auf – wobei sich mein messerscharfer und daher für die Forschung bestens geeigneter Verstand sich schon fragt, warum nicht auch ein – allerdings in nutzerfreundlicher Höhe und gut scannbar – QR-Code kommuniziert wird.

Letztendlich ist mir das aber auch egal, schließlich erfreue ich mich daran, dass die kommunizierte Adresse auf die (mobil optimierte) Microsite führt. Das ist im Jahr 2016 leider nach wie vor nicht selbstverständlich! Hier erfahre ich nun ein wenig mehr über das Unternehmen (bloß nicht zu viel, man möchte die Spannung ja noch ein wenig erhöhen, warum soll man auch verraten, was man als Arbeitgeber zu bieten hat!) und das mit den „Technischen Assistenten“ eigentlich Biologielaboranten, MTA (Medizinisch-technische Assistenten), BTA (Biologisch-technische Assistenten) und PTA (Pharmazeutisch-technische Assistenten) gemeint sind. Wobei ich mich schon frage, ob denn eben genau diese Abkürzungen nicht eher die Aufmerksamkeit der Zielgruppe erwecken würden. Aber die bin ich nicht und ich will mich nicht in Spekulationen verlieren.

BioNTech Microsite

Vielmehr interessiert mich, wie denn der auf das Unternehmen aufmerksam gewordene Bewerber nun zur Stellenanzeige bzw. zur Bewerbung geführt wird. Sie wissen schon, Candidate Experience und so. Schon mal so viel vorweg: Von einem Candy Date sind wir meilenweit entfernt. So findet der „Candidate“ nämlich nicht einen einzigen Job auf dieser Seite (was, das müssen Sie zugeben, schon naheliegend wäre), die (bad) „Experience“ setzt sich dann weiter fort, wenn der „Jetzt bewerben„-Button geklickt wird. Spätestens jetzt sollten der Zielgruppe entsprechende Jobs angezeigt werden. Auch hier müssen Sie zugeben, dass das mehr als naheliegend wäre. Stattdessen werden Sie auf die englischsprachige (!) Version der „Karriere-Website“ geleitet. Hm. Während ich mich hier schon frage, warum?, wird das nächste Fragezeichen deutlich größer.

Gezielte Bewerberansprache Fehlanzeige

Ich frage mich nämlich, wie ich denn als was-auch-immer-technischer Assistent oder Pharmakant eigentlich zu den Job-Angeboten gelangen soll? Denn einen wirklich naheliegenden Schluss auf die für die gesuchten Zielgruppen ausgeschriebenen Stellen bieten die Suchfilter Automatisierungstechnik, Bioinformatik, Forschung & Entwicklung, IT, Klinische Forschung, Labormanagement, Logistik, Personal, Produktion/Herstellung, Projektmanagement, Qualität, Service und Instandhaltung, Aushilfstätigkeit, Berufsausbildung, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Führungsposition oder Hochschulpraktikum nicht. Glücklicherweise gibt es eine Freitextsuche, über die man sich den Jobs dank Autovervollständigen-Funktion annähern kann. Hat man dann diese Hürde genommen, erwartet den Bewerber jedoch die nächste Überraschung. Auch wenn die Jobtitel selbst in deutscher Sprache sind (vorausgesetzt, man hat vorher auf „German“ umgeswitcht), die Stellenangebote sind es nicht.

Das ist nicht nur blöd in punkto Suchmaschinenauffindbarkeit – hier müssten wir dann anstatt von SEO (Search Engine Optimization) eher von SEMO (Search Engine Mis-Optimization) sprechen. Ein deutschsprachiger Bewerber, der in Deutschland nach einem Job sucht, sucht in (und auch außerhalb) der Regel auch nach deutschsprachigen Jobtiteln. Bzw. Stellentiteln. Es sei denn, man sucht einen Field Execution Specialist. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Selbst bei den Pharmakanten-Azubis setzt man voraus, dass sie Englisch können. Deswegen heißt der Pharmakant eben nicht Pharmakant, sondern Pharmaceutical Production Technician. Und einen Uni-Abschluss sollte der auch noch haben („Solid high school diploma or university degree„). Ist klar, ne?

Ob man mit dieser Recruiting-Kampagne wirklich ein Gefühl von Revolution vermittelt? Ich habe meine Zweifel. Eins ist auf jeden Fall gewiss: Mit einer optimierten „Candidate Experience“ würde das Unternehmen definitiv beim Bewerber punkten. Der auch in Mainz attraktive Alternativen zur Auswahl hat. Im Großraum Frankfurt tummeln sich entsprechende Unternehmen und Ingelheim mit Boehringer Ingelheim ist mit der Bahn nur einen Katzensprung entfernt. Apropos: Wie wäre es, das Plakat nicht in Mainz aufzustellen, sondern in Ingelheim? ;-) (oder Höchst). Wenn dann noch der Arbeitgeber-Auftritt optimiert wird (alleine mit Pioniersleistungen zu werben, reicht heute nicht mehr), wird’s auch was mit der (Recruiting)-Revolution!


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    1. Daniel Ebling sagt:

      Hi,

      da ich mich erst seit kurzem mit dem HR Themenkomplex befasse, freue ich mich immer über einen Blogpost von dir. Auch hier wieder sehr lehrreich, gerade auf den Blickwinkel des Bewerbers beim Bewerbungsprozess.

      Hier Frage ich mich aber: Wird hier mit der Candidate Experience nicht zu hart ins Gericht gegangen? Wenn ich so lese gewinne ich den Eindruck, der potenzielle Bewerber ruft die Seite per Handy auf, findet nicht direkt das Gesuchte und wünscht sich das jüngste Gericht herbei.
      Ist es hier nicht eher anzunehmen, dass der Bewerber, wenn er sich schon die Mühe macht sich die Seite näher anzusehen eher sagt: Na gut, dann schau ich daheim auf dem PC/Tablet/wasauchimmer noch mal nach? Schnell den Link per z.B. Evernote gespeichert und dann zuhause in Ruhe angeschaut.

      Gibt es hierzu Zahlen die man nachlesen könnte? Gilt hier der alte Spruch: Es gibt keine zweite Chance auf einen ersten Eindruck?

      Viele Grüße und einen guten Start in die Woche!
      Daniel

      • personalmarketing2null sagt:

        Hi Daniel,
        es freut mich sehr, wenn dir meine Blogartikel gefallen!

        Du fragst dich, ob ich hier zu hart ins Gericht gehe. Würde ich niemals tun! ;-) Spaß beiseite. Es ist nicht die Rede davon, ob der Interessent sofort sein Handy zückt und nachschaut oder das später am Desktop macht. Es geht vielmehr darum, wie hier vorgegangen wird.

        Stell dir einmal vor, du wärst ein Unternehmen und händeringend auf der Suche nach einer bestimmten Zielgruppe – nehmen wir als Beispiel einfach mal Pharmakanten. Und dann nehmen wir weiter an, du nimmst ein paar Euro in die Hand, um auf dich als Unternehmen und die Jobs aufmerksam zu machen. Wäre es dann nicht sinnvoll und naheliegend, wenn es also schon gelingt, den Bewerber auf dich aufmerksam zu machen, ihm dann den Weg zur Bewerbung so einfach wie möglich zu machen? Genau hier liegt aber das Problem. Nicht nur, dass ich so gut wie nichts über den Arbeitgeber erfahre, ich finde zudem auch nicht die angepriesenen Jobs. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Und nach Suchen dann nur auf Englisch (gut, es gibt einen Trick, wie man an die deutschsprachigen Stellenangebote kommt, aber warum es dem Bewerber so schwer machen?). Das Unternehmen verschenkt hier wertvolle Potenziale. Sicher, es ist super, dass es überhaupt Flagge zeigt. Aber dann wäre es doch nur konsequent, den Interessenten auch bei Laune zu halten und ihn dann als Bewerber zu gewinnen. Es geht hier also nicht um die zweite Chance. Es geht hier um die verpatzte Chance. Da geht definitiv mehr.

        BioNTech ist da definitiv kein Einzelfall. Prominentes Beispiel ist auch das Unternehmen Audi: Mit großem Trara auf fazjob.net verkünden, dass man über 100 Jobs für IT-Spezialisten habe und dann null Infos dazu.

        Viele Grüße zurück,
        Henner

    2. Carolin Matthiä sagt:

      Find ich gut, wie du immer wieder diese Personalmarketing-Perlen aufspürst und analysierst :)
      Mich hat letztens eine Designstudentin darauf gebracht, dass eigentlich niemand (mehr) QR-Codes scannt. In meinem Umfeld (Studis, Absolventen) fällt mir da spontan auch niemand ein..

      Viele Grüße & schönes We
      Caro

      • personalmarketing2null sagt:

        Liebe Carolin,
        hm, da lege ich ein Veto ein. Aber ein ganz klares. Vielleicht ist diese Designstudentin der Meinung. Und auch dein Umfeld. Aber QR-Codes bieten definitiv viele Vorteile. Entscheide selbst: Würdest du lieber bspw. „http://personalmarketing2null.de/2016/06/ich-glaub-es-hackt-fleischbeschau-im-azubimarketing-die-zweite/“ in dein Handy eingeben wollen oder diesen Link lieber einscannen? Denn, und das wird immer wieder vergessen, so ein QR-Code macht eben immer wieder dann Sinn (oder insbesondere, nicht nur), wenn es um eine längere Web-Adresse geht. Allerdings wiederum auch nur dann, wenn er wirklich scan-bar ist. Sprich, die Umgebung passt (bspw. passt sie auf einem Plakat am Bahnhof sehr wohl, auf einem (fahrenden) Fahrzeug eher weniger, der QR-Code groß genug ist und dieser dann vor allem auch in einer scanbaren Höhe. Wenn man dafür in die Knie gehen muss (siehe Beispiel W1RTSCH4TSPRÜF3R), ist das natürlich total sinnbefreit. Wieder einmal gilt: Es geht nicht darum, ob man etwas macht, sondern WIE. Und es ist immer sinnvoll Alternativen anzubieten, wenn sie hilfreich sein können. Was also spricht dagegen, sowohl QR-Code als auch Web-Adresse anzugeben? Wenn du auch nur ein Argument anbringen kannst, lade ich dich zum Kaffee ein. Oder auch zum Essen, egal :)
        Dir auch ein schönes Wochenende und vielen lieben Dank für deinen konstruktiven (!) Kommentar,
        Henner

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