Die Wahrheit über Tantalor

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 5 Minuten.

Vor einigen Wochen berichtete ich über die Aktivitäten eines deutschen Unternehmens in Afrika, welches mit einer launigen Kampagne für Kinderarbeit wirbt. An sich eine feine Sache, wenn man sich die heranwachsende Jugend so anschaut. Vergessen Sie alles, was Sie über die Generation Y gelernt haben (ist eh Käse), jetzt kommt die Generation Z, respektive Alpha. Und die in son Bergwerk zu schicken, scheint mir eine bessere Maßnahme, als zu den schlimmsten Eltern der Welt, oder wie dieses Unterschichtenfernsehformat heißen mag. Für all die Eltern, die jubiliert haben, dass ihre Kinder endlich mal was Vernünftiges aus ihrem noch jungen Leben machen – ich muss Sie leider enttäuschen!

Wie ich schon vermutet hatte, ging es mit der Tantalor-Kampagne darum, um auf die Missstände in Sachen Kinderarbeit in afrikanischen Minen aufmerksam zu machen, wo unter menschenunwürdigsten Bedingungen nach Coltan geschürft wird, nur damit Sie immer die neueste Ausgabe Ihres iPhones in Händen halten können (Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass viel Blut an Ihren Händen klebt). Allerdings handelt es sich nicht um ein Projekt einer NGO, wie ich vermutet hatte, sondern um ein Projekt von Studenten aus dem Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld. Was mich als alten FH-ler und als Ex-Bielefelder sowieso umso mehr freut.

Skandal? Normal!

Das Pro­jekt ent­stand im Rah­men des Semi­nars »Skan­dal? Nor­mal!« vom Win­ter­se­mes­ter 2014/2015 bis zum Som­mer­se­mes­ter 2015 an der FH Bie­le­feld. Ziel des Seminars „Skandal? Normal“ ist es, die Mechanismen konzeptionell durchdachter Mediengestaltung und ihrer Wirkungsweisen als praxisnahe Erfahrung kennenzulernen.

Mit dem Projekt „Tantalor“ wollte man die Wirkung von Skan­dalen und ihre Mecha­nis­men mit beson­de­rem Schwer­punkt auf Kommunikation und Gestal­tung untersuchen. Das ist den drei Kommunikationsdesign-Stu­den­ten Nina Scheng­ber, Made­line Rasche und Johan­nes Pistorius wahrlich gelungen. Sie grün­de­ten das fin­gierte Berg­bau­un­ter­neh­men Tan­ta­lor Mining GmbH, um auf mög­lichst skan­da­löse Weise auf Kin­der­ar­beit in der Coltangewinnung auf­merk­sam zu machen.

„Basie­rend auf umfang­rei­chen Ana­ly­sen von Berg­bau­un­ter­neh­men und Zeit­ar­beits­fir­men wurde ein Erschei­nungs­bild entwickelt, das sich in Auf­tritt und Spra­che die Mecha­nis­men bei­der Bran­chen zu Nutze macht. Die­ses authen­ti­sche Auf­tre­ten und bis ins Detail durch­dachte Ele­mente und Maß­nah­men – vom Rund­schrei­ben bis zum Anruf­be­ant­wor­ter – mach­ten es möglich, auf ernst­hafte Weise das schwie­rige Thema Kin­der­ar­beit zu kommunizieren.“

Täuschend echte Kampagne (ent)täuschte die Nutzer

Tatsächlich war der Auftritt so professionell erstellt, dass man nur bei genauerem Hinsehen erkennen konnte, dass das nicht ernst gemeint sein konnte (zumal es wohl kaum mit deutschem Recht vereinbar sein dürfte, aber in Sachen Kinderarbeit passieren so viel schlimme Dinge, die gegen gängiges Recht verstoßen, was allerdings der Allgemeinheit egal ist. Und das schreibt jemand, der gerade ein BERSHKA-T-Shirt für 4,99 Euro erworben hat, welches wahrscheinlich unter menschenunwürdigen Bedingungen in einer Textilfabrik in Bangladesh produziert wurde). Und tatsächlich hat nicht jeder durchschaut, worum es eigentlich bei der Kampagne ging.

Brief in einem Lehrerforum zur Tantalor-Kampagne

Von „Es ist ja nicht illegal, in Deutschland Kinder-Praktikanten für afrikanische Minen anzubieten“ (und am liebsten würde dieser Lehrer wohl einige seiner Sprösslinge genau dort sehen, anstatt sich mit ihnen in der Schule herumzuschlagen) bis „Ich glaube, und das ersehe ich auf der Homepage, es ist weitaus weniger dramatisch als du es hier darstellst“ reichten die Reaktionen.

Nicht jeder hat die Tantalor-Kampagne durchschaut

Und ich gehe jede Wette ein, dass sich auch wirklich Interessenten mit ihren Kindern beworben haben und herbe enttäuscht wurden, dass das alles nur ein Fake ist. Ein Statement dazu habe ich angefragt, aber leider noch keine Rückmeldung bekommen.

Thematischer Hintergrund: Die Coltangewinnung

The­ma­ti­scher Hin­ter­grund des Pro­jekts ist die Coltan­gewinnung in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kongo. Col­tan wird als so genanntes Konflikt­mineral ein­ge­stuft, weil es unter men­schen­un­wür­di­gen Bedingun­gen abge­baut wird – Zwangs– und ­beson­ders Kin­der­ar­beit sind weit ver­brei­tet. 30 Prozent der Kin­der werden dort in die Minen geschickt, um das täglich Brot der Familien zu verdienen. Besser wäre wohl „ihr wöchentlich Brot“, denn mit den Hungerlöhnen kommen die Betroffenen nicht weit. Dar­über hin­aus finan­zie­ren die Erlöse der Colt­an­för­de­rung seit vie­len Jah­ren einen andau­ern­den blu­ti­gen Bür­ger­krieg, in dem bis­lang zehn­tau­sende Frauen und Mäd­chen ver­schleppt und ver­ge­wal­tigt wurden. Tja, und was soll ich sagen, Sie und ich, wir sind nicht ganz unschuldig daran. Denn ohne die neuesten technischen Gadgets geht’s ja nun mal nicht, gell?

Das ist falsch, und daher liefert die Website, die über die Hintergründe des Projekts aufklärt, nicht nur umfangreiche Infos und ein Linksammlung, es werden auch mögliche Lösungsvorschläge angeboten.

Botschaft ohne Skandal vermittelt

Alles in allem war die Kampagne ein recht großer Erfolg: So wurden während der Projektlaufzeit zahl­rei­che Kom­men­tare, E-Mails und Foren­bei­träge gesam­melt und aus­ge­wer­tet. Und dank Ver­lin­kun­gen u. a. auf Der Pos­til­lon wur­de die Website bis zu 28.000 mal täg­lich aufgerufen.

Dieser Eintrag auf Der Postillon brachte die Tantalor-Welle ins Rollen

Ent­schei­dend für den Erfolg der Tantalor-Kampagne waren die Wahl und die Umset­zung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Weil diese täu­schend echt, aber (zumindest auf den zweiten Blick) durch­schau­bar gestal­tet und ein­ge­setzt wur­den, konnte die Bot­schaft des Pro­jekts erfolg­reich ver­mit­telt wer­den – ohne Skan­dal, aber durch eine dif­fe­ren­zierte Betrach­tungs­weise und eine unge­wohnte emo­tio­nale Nähe.

So, und jetzt wissen Sie, was Sie zu tun haben. Virales Personalmarketing ist das Stichwort. Ich bin gespannt auf Ihre Ideen!

  1. Wirklich toller Artikel! Danke für interessante Info!

  2. Das ist dann mal ein wirkliche Skandalöses Projekt einer FH. Hätte ich den Aufruf zum Prakikum gelesen, hätte ich schon etwas an der Echtheit gezweifelt, egal wie realistisch die Website gewirkt hat… ;)

Was meinen Sie? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

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