Strategien gegen den Fachkräftemangel – Crossmediales Personalmarketing mit Karriere-Website und Kurzbewerbung via City Card am Beispiel M.I.T.

von Henner Knabenreich. Lesezeit: etwa 6 Minuten.

Vor einigen Tagen war ich mal wieder in meiner alten Heimatstadt Bielefeld, um dort ein ein Inhouse-Seminar zum Thema Online-Recruiting in einer großen Bielefelder Klinik durchzuführen. Schließlich war ich als gebürtiger Bielefelder ja auch der einzige Referent, der für diesen Job infrage kam. Alle anderen stellen ja die Existenz dieser wunderschönen und pulsierenden ostwestfälischen Metropole infrage. Aber: Sie gibt es definitiv (ich muss es wissen, ich bin da geboren und habe dort mehr als 40 Jahre meines Lebens verbracht) und hat nichts von ihrem Charme verloren. Aber das nur am Rande.

Als ich nach getaner Arbeit dann am Bielefelder Hauptbahnhof stand und auf den ICE wartete, der zuverlässig wie immer Verspätung hatte, blieben meine Augen an einem Plakat am Bahnsteig gegenüber haften:

Plakate am Bielefelder Hauptbahnhof - Quelle: MITPlakate am Bielefelder Hauptbahnhof – Quelle: MIT

„Neue Wege gehen!“ stand da. Und „Fachkräfte in OWL!“. Zu sehen war dazu noch ein Kleinkind mit Bauhelm. Nanu, dachte ich mir da. Ist es also schon so weit, dass man aufgrund des demografischen Wandels jetzt also nicht nur Schleckerfrauen (was für ein Wort, mein Tipp für das Unwort des Jahres 2012) in die Altenpflege holt (dabei würde ich Frau von der Leyen übrigens gerne selber einmal sehen, möchte ich aber keinem Senioren zumuten) und Fachkräfte aus Polen oder Spanien holt, sondern nun auch noch Kleinstkinder adressiert, um dem Ingenieurmangel Paroli zu bieten? Abgesehen davon, dass Kinderarbeit in Deutschland verboten ist (deswegen lassen Unternehmen wie H & M und KiK die von den Deutschen so geliebten Klamotten auch durch Kinderhände in Bangladesh klöppeln), scheint mir dieser Ansatz doch nicht ganz so zielführend :-).

Neue Wege gehen – Strategien gegen den Fachkräftemangel

Aber ein zweiter Blick und die weitere Recherche zeigen mir doch schnell, dass ich mich geirrt habe. Vielmehr geht es um „das Sensibilisieren für technische Berufe im Kindesalter“. Unter dem Namen „Neue Wege gehen!“ hat das Unternehmen M. I. T. aus Vlotho daher eine Personalmarketingaktion ins Leben gerufen, die das leicht „staubige“ Image des Maschinenbaus in der Region auffrischen soll. Mit dieser Aktion, ich zitiere: „versuchen wir mit einer kreativen Ansprache von Jugendlichen und Erwachsenen zu zeigen, dass auch in OWL attraktive, innovative und kreative Unternehmen sitzen und somit dem Fachkräftemangel in der Region Ostwestfalen-Lippe entgegen zu wirken.“

Originell ist diese Kampagne auf jeden Fall und ein echter Hingucker, auch an den Stadtbahnhaltestellen in Bielefeld bekam man die Plakate des keins der großen für die breite Masse bekannten Unternehmen, die sonst so auf Bahnhofsplakatwänden präsent sind, zu sehen. M.I.T. steht übrigens nicht für das Massachusetts Institute for Technology, sondern für „Moderne Industrie Technik“. Das Unternehmen ist Anbieter für Systemlösungen, Baugruppen und Sonderarmaturen in der Prozesstechnik in den Industrien Dosier- und Abfülltechnik, Brandschutz, Filtration & Separation sowie Wasseraufbereitung und Oberflächentechnik. Aha. Oder kurz: Systemarmaturen. Ein Unternehmen also, dass eigentlich keiner kennt. Zumindest nicht außerhalb Vlothos oder sagen wir zumindest Ostwestfalen-Lippes (behaupte ich jetzt mal). Und das ist das interessante daran. Denn hier zeigt ein kleiner Mittelständler, dass man mit kreativen und witzigen Ideen sehr wohl Aufmerksamkeit schaffen kann. Denn diese großen Plakate sind nicht zu übersehen und man mag es glauben oder nicht: Bielefeld gibt es nicht nur, es fahren auch jede Menge Züge aus der gesamten Republik durch den Bahnhof und damit an den Plakaten vorbei. Und (nicht nur) für die, die eine gewisse Sehschwäche haben, wurde extra ein QR-Code in die Anzeigen integriert, der sich per Smartphone rubbeldikatz abfotografieren lässt und einen dann auf die Website führt.

Und dann sind wir auch schon da. Man muss nicht ThyssenKrupp heißen und ein mehrere Hunderttausend Euro umfassendes Budget aufbringen, um eine zielgruppengerechte Karriere-Website zu erstellen, das geht auch einfacher (ja, es ist richtig, die Seite hat natürlich nicht den Umfang der TK-Seite (TK steht weder für Telekommunikation, noch für Tiefkühlkost, sondern für ThyssenKrupp) und auch einige Schwachstellen, nichtsdestotrotz zeigt dieses Beispiel wunderbar, dass auch Mittelständler sehr wohl mit guten Karriere-Websites punkten können).

Karriere-Website Moderne Industrie TechnikKarriere-Website Moderne Industrie Technik

Hat man die Rubrik „Karriere“ erst einmal gefunden (hier gibt es fette Abzüge in der B-Note: Warum kann ich die „Karriere“-Sektion nicht unmittelbar von der Startseite erreichen und muss einen Umweg gehen?), so lässt diese keine Zweifel und Fragen offen, welche Zielgruppen adressiert werden und jeder findet mit einem Klick die auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Informationen. Sehr sympathisch auch, dass hier echte Mitarbeiter (die sichtlich Spaß an dem hatten, was sie dort getan haben) die Besucher der Website emotional abholen und nicht die zum hundertundwasweißichwievieltem Male und auf anderen (Karriere)-Websites eingesetzten Grinsegesichter mit Zahnpastalächeln aus irgendwelchen Low-Budget-Stock-Archiven.

Auch wenn ich diese Seite wirklich jedem empfehlen kann, um sich inspirieren zu lassen, so will ich doch nicht verschweigen, dass es neben dem bereits genannten Schwachpunkt doch den ein oder anderen Optimierungsansatz gibt. So ist bspw. die Navigationsstruktur nicht ganz konsistent und offenbart Schwachstellen. Natürlich könnte man den Bewerbern auch tiefergehende Informationen an der einen oder anderen Stelle geben. Aber, wie gesagt, ein sehr schönes Beispiel für den Mittelstand, insbesondere im Vergleich zu vielen anderen Webseiten, auf denen man wenn überhaupt mal gerade die ausgeschriebenen Jobs findet. Clever auch die umfangreichen Tipps zum Bewerbungen schreiben (nebst abgebildeter Bewerbungsmappe :-)).

City Cards als Bewerbung

Aber M. I. T. hat noch mehr auf Lager. Denn hier nutzt man wirklich viele Mittel und Wege, um das Unternehmen als Arbeitgeber ins Bewusstsein zu bringen. Nämlich bspw. über City-Cards (auch bekannt als Edgar Cards (Namen sind Schall und Rauch), die in der Gastronomie oder in Ladenlokalen zum Mitnehmen einladen und in der Regel auf der Frontseite ein witziges Motiv haben (was ja letztendlich zur Mitnahme motiviert) und auf der Rückseite als normale Postkarte fungieren.

City-Card Kampagne Neue Wege gehen  bei Moderne Industrie TechnikCity-Card Kampagne Neue Wege gehen bei Moderne Industrie Technik

In der Regel. Und außerhalb? Außerhalb der Regel kann man die Karten auch mal „zweckentfremden“ und als Kurzbewerbung „missbrauchen“. Während man also auf der Vorderseite die auch so süüüüßen Kleinkinder findet, ist der eigentlich Clou auf der Rückseite, nämlich die erwähnte Kurzbewerbung:

Der Clou: Auf der Rückseite der City Card findet sich eine KurzbewerbungDer Clou: Auf der Rückseite der City Card findet sich eine Kurzbewerbung

Ziel der Kartenaktion, so Geschäftsführer Christian Buck, ist das die Leute in der Kneipe sitzen, Gesprächsstoff haben und über den Fachkräftemangel diskutieren und sich letztendlich natürlich bewerben. Und er ist sich sogar nicht zu Schade, potenzielle Mitarbeiter selbst anzusprechen und die Karten zu verteilen, wie man im passenden Fernsehbeitrag „Kneipen-Postkarten für Azubis“ erfährt (der schon alleine deswegen sehenswert ist, weil der Chef der IHK OWL zu Bielefeld der Lokalzeit-Moderatorin den neudeutschen Begriff „Employers Branding“ (kein Schreibfehler) versucht zu erklären ;-)). Das nenne ich authentisch. Auch wenn mich die Kleinkindmotive nun gar nicht ansprechen, das Engagement, welches auch auf der unternehmenseigenen Facebook-Karriereseite dokumentiert und begleitet wird, finde ich großartig! Erste Reaktionen gibt es auch, so konnte das Unternehmen erhöhte Werte bei den Bewerbungen feststellen, welche auch klar auf die Aktion zurück zu führen sind. Zudem hat sich der Bekanntheitsgrad des Unternehmens weiter erhöht. M. I. T. kann also in der Tat von einer gelungenen Kampagne reden.

Auch von mir gibt’s ein dickes „Daumen hoch“ und Grüße in die Heimat!

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