Welche Rolle spielt eigentlich das Web 2.0 bei der Mitarbeitersuche?

von Henner Knabenreich. Lesezeit: etwa 4 Minuten.

Heute ging es ja fleißig durch die Blog- und Twitterwelt. Eine aktuelle Studie bescheinigt den Siegeszug von Social Media beim Recruiting. Die ARIS Umfrageforschung hat im Auftrag von Bitkom Geschäftsführer und Personalverantwortliche von 1.500 Unternehmen befragt, mit welchen Instrumenten sie auf Mitarbeiterjagd gehen.

Die Ergebnisse erwecken den Eindruck, als wenn sich Soziale Netzwerke in Sachen Recruiting neben Jobbörsen und der eigenen Karriere-Website etabliert hätten. Laut Studie nutzen tatsächlich insbesondere große Unternehmen das Web 2.0 für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter. 58 Prozent (!!) der Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern veröffentlichen Stellenanzeigen in sozialen Netzwerken (- über die Hälfte der Unternehmen mischt also im Social Web mit? Die möchte ich gerne sehen), während es bei kleinen und mittelständischen Firmen erst 29 Prozent sind. Soweit, so gut. Hier stellen sich mir aber diverse Fragen: Wie wurden die Unternehmen ausgewählt? Wie wurden die Begriffe „Soziale Netzwerke“ oder „Web 2.0“ hier definiert? Was genau waren die Fragestellungen? In der Pressemitteilung der Bitkom heißt es dazu „Die Personalabteilungen sind in den sozialen Online-Netzwerken in der Regel mit eigenen Profilen zu Karrierethemen präsent. Dort finden Bewerber neben Stellenanzeigen zum Beispiel Veranstaltungshinweise, Videos mit Informationen zum Arbeitgeber oder eine Pinnwand für Fragen oder Meinungsaustausch.“ Hm, Pinnwand hört sich ganz nach Facebook an. Laut Studientext handelt es sich bei den sozialen Netzwerken tatsächlich um Online-Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder Xing. Aber, ganz ehrlich und Hand aufs Herz: Glauben Sie wirklich, dass jeder Personaler, der hier befragt wurde, überhaupt weiß, was bspw. StudiVZ oder Twitter ist? Ich sage nein, und das aus eigener Erfahrung. Das bringt uns also zurück zur Frage oben, nämlich nach der befragten Stichprobe und deren Hintergrundwissen.

Mitarbeitersuche via Web 2.0 - Quelle: Bitkom

Mitarbeitersuche via Web 2.0 - Quelle: Bitkom

Ergo machen mich diese Ergebnisse eben auch aufgrund der fehlenden Hintergrundinformationen etwas stutzig. Würde man die Befragten einmal danach fragen, würde wahrscheinlich jeder etwas anderes antworten, was er denn unter „Sozialen Netzwerken“ versteht. Und noch eher unter „Web 2.0“. Da werden doch viele Begriffe in einen Topf geworfen, wo ich mir eine trennschärfere Betrachtung erwünscht hätte. Dass Unternehmen via Xing Mitarbeiter suchen ist ja nichts Neues. Gerade Headhunter und Personalberatungen haben Xing schon lange für sich entdeckt. Und dass Xing DIE prädistinierte „Web 2.0-Plattform“ für Jobpostings ist, ist ja auch ein alter Hut (machen wir uns nichts vor, LinkedIn und bestimmte Nischennetzwerke spielen in Deutschland eher eine untergeordnete Rolle). Aber das nun Unternehmen auch Facebook und sogar StudiVZ angeblich so intensiv für die Mitarbeitersuche entdeckt haben, hinterlässt doch ein großes Fragezeichen bei mir. Klar, wir haben mittlerweile um die 80 Karriere-Fanpages und, wie ich schon im letzten Artikel schrieb, die Dunkelziffer wird deutlich höher sein, weil, auch das schrieb ich schon diverse Male, die Unternehmen, die mit einer Karriere-Page online gehen, nach wie vor Fehler machen und man die Page aufgrund unvorteilhafter Namensgebung gar nicht findet. Oft genug findet man Unternehmen, die sich blindlings ohne halbwegs verankerter Strategie ins Social Media Abenteuer stürzen und ihrer Page einen Namen geben, der zum einen nicht mit karriere-relevanten Keywords belegt ist und wo zum anderen Seitennamen und Vanity-URL nicht durchgehend benannt sind. Beispiele gefällig? Dann einfach mal die Übersicht der Karriere-Pages anschauen und zwischen Pagenamen und URL verlgeichen und schauen, ob und wo man erkennen kann, worum es auf der Seite geht. Denn wir dürfen eins nicht vergessen: Facebook hat derzeit ca. 600 Millionen User weltweit (Deutschland derzeit: knapp 14 Millionen) und mehrere Hunderttausend Pages in vielen Sprachen, vor allem in Englisch. Und da liegt der Hase im Pfeffer oder der Hund begraben. Nehmen wir mal an, sie benennen Ihre deutsche Seite mit „Jobs“ oder „Career(s)“ – was meinen Sie, wie gut Ihre Seite unter all den internationalen gefunden wird (immer vorausgesetzt, der User weiß nicht, nach welchem Unternehmen er gerade sucht). Auch bei mehreren Präsenzen im Ausland sollte man darauf achten, seine Seite nicht nur „XY“ zu nennen, sondern bspw. „XY Deutschland“, besser natürlich noch „Karriere bei XY Deutschland“ :-). Aber ich schweife schon wieder ab, kommen wir also zurück zur Bitkom-Studie.

Hier gilt, wie so oft, traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Mich würde in diesem Zusammenhang wirklich einmal interessieren, wie die Fragestellung lautete und vor allem, wie die Ergebnisse für die einzelnen Netzwerke ausfallen. StudiVZ dürfte da kaum eine Rolle gespielt haben. Oder Twitter. Aber Twitter schon eher – aber ist Twitter ein soziales Netzwerk? Ich bin also gespannt, ob wir in den Genuss weiterer Hintergrundinformationen kommen, um ein detaillierteres Bild über die einzelnen Studienergebnisse zu erfahren. Und noch etwas ist interessant – und eigentlich viel interessanter: Wenn doch so viele Unternehmen das Web 2.0 zur Jobsuche einsetzen – wie ist dann eigentlich die Resonanz und das Interesse potenzieller Bewerber? Wir wissen ja, dass zum Beispiel Facebook im Kontext Jobsuche eher skeptisch gesehen wird. Und dass das Social Web im Kontext Jobsuche (noch) eine absolut untergeordnete Rolle spielt (Fragen Sie mal einen Schüler oder Studenten, ob er schon mal auf die Idee gekommen ist, auf Facebook & Co. nach Jobs oder Arbeitgeberinformationen zu suchen. Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, dass nein. Sollte ich falsch liegen, spendiere ich eine  Flasche leckeren Rotwein. Versprochen!)

In puncto Reichweite geht an Karriere-Website und Online-Stellenbörse (und sogar Print) also nach wie vor kein Weg vorbei. Und das ist auch gut so.

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