Vom Du und Sie in der Bewerberansprache

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Entschuldigung, auch wenn ich bereits in meinem letzten Artikel über das Anbiedern der Unternehmen bei Bewerbern schrieb, muss ich das Thema noch mal aufgreifen. Zum einen, weil kurz nach meinem Artikel genau zu der Fragestellung spannende Umfrage-Ergebnisse veröffentlicht wurden, zum anderen weil die Deutsche Bahn kein Einzelfall ist. Im Gegenteil: In nicht-konsistenter Bewerberansprache sind Arbeitgeber flächendeckend ganz groß: Nach vorn den dicken Kumpel vortäuschen und einen auf Du machen, nach hinten Business as usual und siezen. Aber eins nach dem anderen.

35,2 Prozent der Kandidaten bewerten das Duzen in der Stellenanzeige als negativ und wenig wertschätzend.“ Immerhin über ein Drittel. Nicht eben wenig. Trotzdem versuchen die Unternehmen auf Biegen und Brechen – egal, welcher Branche, welcher Unternehmensgröße, welcher Art – sich per Du als dicker Kumpel zu profilieren. So von wegen hip und cool und lässig und so. Startup-like eben. Und so, wie viele Unternehmen glauben, nur durch das Proklamieren der Digitalisierung (in Wirklichkeit aber in veralteten Strukturen verharrend) oder durch die Teilnahme an einem Design Thinking-Workshop, seien sie fit für die Zukunft, so glauben sie offenbar auch, dass sich mit dem „Du“ Bewerber ködern lassen. Siehe Bahn. Aber. Die Bahn ist mit Nichten und Neffen ein Einzelfall.

Telekom: Don’t apply

Nicht alle machen es indes so laut und plakativ, wie die Bahn. Die Telekom würde gerne, traut sich aber irgendwie nicht so richtig, was dann ziemlich verklemmt und unausgegoren wirkt:

„WENN DU GLAUBST, IN EINEM TELKO-UNTERNEHMEN GINGE ES NUR UM TELEFONANSCHLÜSSE, DON’T APPLY.“

Uuuuuh! Oder? Ich meine: Ernsthaft, liebe Telekom? „Don’t apply“? Soll das jetzt cool und hip wirken? Oder ist das eure Art, Bewerber auszusieben? Aber, um die Wogen zu glätten: Diesen Slogan werden wohl die wenigsten Website-Besucher zu Gesicht bekommen. Ich selbst habe ihn nur durch Zufall entdeckt, als ich mit der Maus verrutscht bin (und schauen Sie sich die Karriereseite mobil an, so werden Sie die „Zitate“ gar nicht finden).

Du oder Sie in der Bewerberansprache - Die Telekom traut sich nicht so recht

Umso faszinierter war ich. Zum einen, weil die Telekom hier versucht, auf Biegen und Brechen einen auf cool zu machen, zum anderen, weil das Ganze so schamhaft versteckt ist, dass ich es zunächst für einen Scherz des Programmierers hielt – oder aber ein Überbleibsel aus der Testumgebung oder so – und weil das Ganze null, in Worten: n-u-l-l, zum Rest des Gesamtauftritts passt (Update, 18.08.2017: Was man wohl eingesehen hat. Denn geduzt wird nun nicht mehr). Denn da wird gesiezt, bis einem Schwarz vor Augen wird. Was gemäß oben erwähnter Umfrage (dazu weiter unten im Text) und in Bezug auf den Telekom-Gesamtauftritt absolut in Ordnung geht.

„WENN DU GLAUBST, ES GEHÖRE NICHT ZU DEINEN AUFGABEN, DEN STATUS QUO ZU HINTERFRAGEN, DON’T APPLY.“

Vodafone: Willkommen. Sie sind nicht angemeldet.

Wettbewerber Vodafone riskiert da schon mehr. Denn da wird das „Du“ analog Bahn konsequent durchgezogen. Vom Azubi bis hin zur Führungskraft. Während das bei der Bahn irgendwie so gar nicht zum Image passen will, nimmt man es Vodafone aufgrund des allgemeinen Images schon eher ab. „Deine Karriere bei Vodafone“ heißt es da. Und weiter: „Mit uns kannst Du beruflich durchstarten. Du möchtest uns dabei unterstützen, Deutschland den Weg in die Gigabit-Gesellschaft zu ebnen? Du möchtest Deine Zukunft gestalten – und die der Telekommunikation? Dann sind wir der richtige Arbeitgeber für Dich. Denn mit uns kannst Du heute schon das Netz von morgen schaffen.“ Konsequent bis zum Umfallen. Nicht „Da, Da, Da“ wie bei Trio, sondern „Du, Du, Du“ wie bei einem hippen Startup.

Vodafone macht auf Du

Konsequent bis zum Umfallen? Nicht wirklich. Denn wie so oft, steckt der Teufel im Detail. Bzw. im Bewerbermanagementsystem (nennen Sie es meinetwegen auch ATS oder E-Recruiting-System. Das Ergebnis bleibt das Gleiche): Weg vom anbiedernden Du, hin zum verstörenden Sie. Nach Klick auf „Zur Stellenbörse“ erlebt der Bewerber nämlich (wie so oft) sein blaues Wunder bzw. seine Abfuhr.

Willkommen. Sie sind nicht angemeldet. So werden Bewerber bei Vodafone verprellt.

Willkommen. Sie sind nicht angemeldet.“ prangt da in großen Lettern. Ohne Witz. Kann man überhaupt willkommen sein, wenn man so empfangen wird? Und wo sind die Jobs, wo ist die Stellenbörse? Von denen ist weit und breit nichts zu sehen, die tauchen erst nach emsigem Scrollen außerhalb des sichtbaren Bereichs auf. Besonders delikat auch die mobile Ansicht, die ich Ihnen aber an dieser Stelle gerne erspare. Und vom Du? Keine Spur mehr…

Sky: Von der Rolle deines Lebens zum Bittsteller

Weil es so schön ist, noch ein weiteres Beispiel. Nehmen wir den superhippen (auch in der Bewerberansprache, aber hallo!) Bezahlsender Sky. Auch hier wird geduzt, bis der Arzt kommt. Bzw. das Bewerbermanagementsystem. Denn ab da ist Schluss mit lustig. Ab sofort weht dem potenziellen Bewerber da der kalte Wind der Realität ins optimistisch gestimmte Antlitz.

Sky - von der Rolle deines Lebens zur Rolle Ihres Lebens

Vom anbiedernden Du („Sky – Die Rolle Deines Lebens„) zum ernüchternden Sie: „Wir freuen uns über Ihr Interesse an einem Einstieg bei Sky Deutschland. Gern wollen wir Ihnen auf den folgenden Seiten alle notwendigen Informationen zur Verfügung stellen und Sie bestmöglich bei Ihrem nächsten Karriereschritt unterstützen.“ Ach, das ist ja zu nett! Und warum gibt’s nicht einmal ein Bild vom Ansprechpartner? Versteckt der sich vor den Bewerbern? Wie passt das „zur Rolle seines Lebens“? Freunde, so jeit dat nich! Wobei das ja ein Thema für sich ist. Die Öffentlichkeit scheuende Recruiter. Schlecht gepflegte oder nicht vorhandene Profile auf XING oder LinkedIn sind leider alles andere als ein Einzelfall. Und das, obwohl schlecht gepflegte Social Media-Profile Personalern zum Verhängnis werden und Bewerber sich immer ein genaues Bild vom Ansprechpartner machen. Sofern er denn überhaupt namentlich überhaupt auftritt.

Und noch eine weitere hübsche Überraschung hält uns Sky bzw. deren als „High-Level Human Resources Software“ deklarierte antiquierte Bewerbermanagement-Software (in Sachen Nutzerfreundlichkeit eine glatte 6) bereit.

High-Level Human Resources Software, die den Namen nicht verdient - Usability mit Schulnote 6

Zur Angabe der Pflichtdaten gehört auch das Land. Es wäre naheliegend, Deutschland an erster Stelle in der Liste zu platzieren. Oder sogar als Default-Wert zu nehmen. Stattdessen darf sich der Nutzer mühselig durch 236 Datensätze klicken. Gut, dass wir in Deutschland leben. Und nicht in Ungarn… So finden wir den richtigen Eintrag dann bereits an 43. Stelle auf Seite 2! Und so was schimpft sich High Level! Ich kann nur hoffen, dass Ihre „High Level“-Lösung anders aussieht…). Das aber nur am Rande.

Upstalsboom: Stappje bi Stappje vom Du zum Sie

Letztes Beispiel: Das Unternehmen Upstalsboom. Hier reicht man Bodo Janssen als Speaker von einer zur anderen Veranstaltung. Sicher, es ist schon bemerkenswert, wie es gelungen ist, aus einer verstaubten Hotelkette ein Vorzeige-Unternehmen zu machen und den Corporate Happiness-Ansatz zu prägen.  Auch den Querdenker- und einen Human Resources Award hat man gewonnen. Glückwunsch! Dennoch. Auch hier wieder die typische Inkonsistenz. Vom überschwenglichen und mitreißenden Du auf der Karriereseite („Wenn für Dich sinnorientiertes Arbeiten wichtig ist, Du Dich gerne mit Deiner eigenen Persönlichkeit beschäftigst und Du es liebst im Team zu arbeiten, dann herzlich willkommen!„), zum schlaff machenden „Sie“ in den Stellenanzeigen („Gemeinsam mit Ihnen, Schritt für Schritt – Stappje bi Stappje – klare, feste Ziele erreichen! Wenn Sie dazu gehören möchten freuen wir uns auf Ihre Bewerbung für die Position als … Wir suchen für sofort oder zum nächst möglichen Zeitpunkt SIE als Unterstützung für unser TEAM.„). Wie passt das zusammen? Wo bleibt da der Querdenker? Wo die Happiness?

Duzen oder siezen – das ist hier die Frage

Tja, und was bedeutet das jetzt für Sie? Erstens, wenn Sie meinen, Ihre Bewerber duzen zu müssen, machen Sie dies durchgängig. Prüfen Sie, ob die (An-)Sprache auf der Karriere-Website, in den Stellenanzeigen, im ATS und in der Bewerberkorrespondenz einheitlich ist. Prüfen Sie vor allem, ob das Du zu Ihnen und Ihrer Unternehmenskultur und/oder zur adressierten Zielgruppe passt. Das geht eigentlich ganz einfach: Wenn bei Ihnen ohne wenn und aber jeder jeden duzt und es kein „Hierarchiegetüddel“ gibt, dann auf zum fröhlichen, echten und glaubwürdigen Du. Wenn dem nicht so ist, gut prüfen, ob das Du angebracht ist. Gemäß der Careerbuilder-Umfrage unter 1.008 Teilnehmern kommt so ein Du nicht immer an.

Duzen in der Stellenanzeige - ansprechend oder abschreckend - Quelle careerbuilder

  • 35,2 Prozent der Befragten gaben an, dass das „Du“ in der Stellenanzeige abschreckend auf sie wirkt.
  • 26,2 Prozent finden es okay, wenn sie bereits in der Stellenanzeige geduzt werden.
  • 38,6 Prozent ist dieser Aspekt letztendlich latte.

Trotzdem: Wenn im Unternehmen eine eindeutige „Siez-Kultur“ vorherrscht, sollte die Bewerberansprache auch beim „Sie“ bleiben.“ Alles andere dürfte eher verwirren: Sowohl die Bewerber, als auch die eigenen Mitarbeiter, die sich über die lockere Ansprache auf der Karriere-Website oder in den Stellenanzeigen wundern. Insbesondere dann, wenn diese Ansprache irgendwie so gar nicht dem üblichen Umgangston entspricht. Und frisch eingestellte Bewerber oder auch Kandidaten im Vorstellungsgespräch erleben möglicherweise einen Praxisschock, wenn sich das „Du“ in der Stellenanzeige plötzlich in ein „Sie“ verwandelt.

E-Recruiting-System und Bewerberkorrespondenz auf Herz und Nieren prüfen!

Ein letzter Tipp: Prüfen Sie (unbedingt!) Ihr Bewerbermanagement-System auf Herz und Nieren, ob es noch zeitgemäß ist und den aktuellen Standards entspricht. Merke: Nur weil ein Bewerbermanagement-System ein „Gütesiegel“ bekommen hat, heißt es noch lange nicht, dass es den heutigen Ansprüchen genügt und eine zeitgemäße bzw. zukunftsorientierte Lösung darstellt. Insbesondere alte Urgesteine, die schon lange am Markt sind, dürften trotz Facelifting nur noch eine kurze Halbwertzeit haben (hierzu mein uneingeschränkter Lesebefehl – der Titel kommt nicht von mir, trifft aber den Nagel mehr als auf den Kopf – Mittelständische Unternehmen mit bekackten eigenen Bewerbungsportalen). Und vergessen Sie bitte nicht die Bewerberkorrespondenz. Spätestens da wird aus dem „Sie“ ein Bumerang.

In welchen der nachfolgenden Stellenanzeigen Sie hier geduzt werden, weiß ich nicht. Auf jeden Fall aber gibt’s hier…


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    1. Frank sagt:

      Ich bin mittlerweile quasi alt und somit ist meine Meinung in der Frage wenig relevant noch im Arbeitsmarkt wirklich gefragt. Genau aus diesem Grund tu ich sie dennoch kund.

      Eine ganz wesentliche Erkenntnis aus meinem Arbeitsleben:
      DIE FIRMA IST NICHT DEIN FREUND.
      Nie! Von daher verbietet sich eigentlich jede Vertraulichkeit von vornherein.

      Darüber hinaus – noch unter dem Eindruck einer kürzlich besuchten Pressekonferenz, welche von deutschen Firmenvertretern vor ausschließlich deutschen Medienvertretern in englischer Sprache durchgeführt wurde – weiß ich das viel persönlichere, mitunter auch subtiler zu nutzende „Sie“, welches uns die große Kapazität der meistgesprochenen Sprache Europas spendiert auch in Abgrenzung zur Jovialität des Angelsächsischen zu schätzen.

      Aber wie gesagt: Ich bin alt (und sieze sogar meine Blogleser).

      • personalmarketing2null sagt:

        Moin Frank,
        1. man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt. Ich spreche da aus Erfahrung.
        2. Denn ich bin auch alt und ja, auch ich sieze meine Blogleser. Sie zu duzen finde ich irgendwie unpassend (mit Ausnahmen von Kommentatoren, die mich duzen oder die ich kenne – oder die nur einen Vornamen hinterlassen). Es schreibt sich dann aber auch nicht so flüssig, finde ich.
        3. Danke ich (dir/Ihnen ;)) für den konstruktiven Kommentar.
        Beste Grüße und schönes Wochenende!
        PS: Wenn eine Pressekonferenz von ausschließlich deutschen Firmenvertretern mit ausschließlich deutschen Medienvertretern in englischer Sprache durchgeführt wird, entbehrt das nicht einer gewissen Komik ;)

    2. Daniela Furkel sagt:

      Ein aktuelles und häufig vernachlässigtes Thema. Darüber haben Dr. Manfred Böcker und Sascha Theisen auch in der Juniausgabe des Personalmagazins geschrieben.

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