Der faulste Job der Welt?

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 7 Minuten.

Seit einigen Wochen geistert mal wieder so ein fragwürdiges Job-Angebot durchs Netz. Nach Rasenwächter, Burgenblogger und Bordelltester (um nur ein paar Beispiele zu nennen), nun also der „faulste Job der Welt“ von Valensina. Ja, genau, das sind die mit Onkel Dittmeyer (für die Älteren unter uns). Abgesehen davon, dass ein Job nicht „faul“ sein kann, ist auch sonst so einiges faul im Staate Dänemark in Sachen Personalmarketing.

Sie haben es bestimmt mitbekommen – oder sich vielleicht sogar beworben? Immerhin können Sie innerhalb von 13 Monaten 20.000 Euro verdienen. Und müssen dafür nur per Webcam Orangenbäumchen beobachten und darüber auf Facebook & Co. berichten. Ein ganz netter Nebenverdienst eigentlich… Und doch ist „der faulste Job“ irgendwie nur ein billiger Abklatsch von „Deutschlands entspanntestem Ferienjob„. Bei Gardena durften Sie dem Gras beim Wachsen zuschauen (und drüber berichten), bei Valensina sind es eben Orangenbäumchen. Während Sie bei Valensina via Webcam beim Wachsen zusehen (im September auch auf der spanischen Plantage vor Ort), mussten Sie als Rasenwächter an sechs Tagen auf der Internationalen Gartenschau in Hamburg sein. Der Verdienst bei GARDENA konnte sich mit 2.500 Euro sehen lassen, bei Valensina sind es 1.538 Euro. Fürs Nichtstun an sich auch nicht schlecht.

Valensina vergibt den faulsten Job der Welt

Aber kann ein Job überhaupt „faul“ sein? Als Mitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache muss ich diese Frage stellen. Schließlich ist faul ein Adjektiv. Also ein „Wort, das ein Wesen oder Ding, ein Geschehen, eine Eigenschaft oder einen Umstand als mit einem bestimmten Merkmal, mit einer bestimmten Eigenschaft versehen kennzeichnet“ -kurz: ein Eigenschaftswort Je nachdem, wie man „faul“ interpretiert. Der Duden hat vier Bedeutungen zu „faul“ in petto:

  1. durch Einwirkung zersetzender Bakterien (und unter Entwicklung übel riechender Gase) in Gärung, Verwesung geraten, übergegangen (und dadurch verdorben, unbrauchbar)
  2. (umgangssprachlich abwertend) sehr zweifelhaft, bedenklich; nicht einwandfrei, nicht in Ordnung und daher unbefriedigend
  3. abgeneigt zu arbeiten, sich zu bewegen, sich anzustrengen; nicht gern tätig; bequem, träge
  4. (veraltend) säumig, nachlässig

Hm. Gemeint ist wohl Variation 3.  Aber ist ein Job ein Wesen, ein Ding, ein Geschehen, eine Eigenschaft oder ein Umstand? Und kann ein Job, kann eine Stelle „abgeneigt sein zu arbeiten, sich zu bewegen, sich anzustrengen“? Kann ein Job „nicht gerne tätig“ sein? Kann ein Job „bequem“ oder „träge“ sein? Letzteres vielleicht, ja. Träge vor sich hinplätschernd. Alles andere sind Eigenschaften, die auf den Menschen zutreffen sollten, der diesen Job macht. Der Job an sich ist nicht faul. Er kann es per se nicht sein. Es sei denn… Es ist etwas anderes mit „faulster Job“ gemeint. Wohl nicht verdorben. Aber vielleicht: zweifelhaft. Bedenklich. Nicht in Ordnung. Oder finden Sie es in Ordnung, dass ein „Projektmitarbeiter Social Media“ (um diesen handelt es sich nämlich, siehe unten) nur Mindestlohn erhält?

Mindestlohn für den faulsten Job der Welt

Warum sich auf einen „faulen Job“ bewerben?

Gepostet wird der „Job“ regelmäßig auf Facebook, wo auch die entsprechenden Reaktionen nicht ausbleiben. Einige halten es für einen Scherz, andere wollen sich direkt bewerben, andere wiederum nicht, weil – und das sehe ich genauso – warum soll ich mich auf einen „faulen Job“ bewerben? Wenn ich wirklich faul bin – und genau das wird ja dem Bewerber unterstellt, nämlich dass er „geboren ist mit einer außergewöhnlichen Intelligenz, die sich hinter Alltags-Faulheit versteckt„, ja vielmehr, es wird sogar explizit im Anforderungsprofil „Freude am professionellen Faulenzen“ vorausgesetzt – dann bewerbe ich mich natürlich nicht. Schließlich haben wir Fachkräftemangel. Und Bewerber wollen umworben werden.

Aber bei Valensina ist man sich offenbar weder gewahr, dass solche Bewerber mittels Active Sourcing identifiziert und direkt angesprochen werden, noch hat man dort jemals etwas von Candidate Experience gehört. Vielmehr wird der Bewerber dort noch als lästiger Bittsteller behandelt, wie das nachfolgende Videodokument beweist. Der „Personalleiter“ arrogant in herablassendem Ton: „Schön, dass Sie sich auf unsere Anzeige bewerben wollen. Sie brauchen gar nicht nervös zu sein. Nervöse Zitterhemden kann ich nicht gebrauchen“ (im Prinzip ist das natürlich richtig: wenn nervöse Zitterhemden nicht gewünscht sind, sollte man das auch benennen. Schließlich werden nicht viele, sondern die passenden Bewerber gesucht. Immer. Nicht nur beim faulsten Job der Welt). Auch das „Packen sie das? Dann kommen Sie zu Valensina!“ lässt wenig von der dringend notwendigen Wertschätzung gegenüber dem Bewerber erkennen, aber durchaus auf die dort herrschende Unternehmenskultur schließen.

Überraschend finde ich es auch, dass man so viel Aufwand treiben muss, um sich zu bewerben. Im nicht-AGG-konformen Bewerbungsformular muss man tatsächlich ein Anschreiben hinterlegen. Zudem ist ein Video hochzuladen. Klar, das Kosten, die im Kontext der Bewerbung stehen, ebenfalls nicht erstattet werden.

Stellenangebote gut versteckt

Wer sich trotzdem bewerben mag, möge das bis zum 13. August tun. Oder eben – was viel zeitgemäßer wäre in Zeiten des Bewerberumwerbens – darauf warten, bis man angeworben wird. Trotz all des Positiven – im Video werden die Ausschlusskriterien benannt (keine Zitterhemden), in der Stellenanzeige werden die Aufgaben beschrieben und auch das Gehalt wird nicht verschwiegen (das ist, was Bewerber wollen! Ein Hoch auf die Gehaltstransparenz!) – verschenkt Valensina unglaublich viel Potenzial. Nicht unbedingt bei dieser Stellenanzeige, die nichts anderes ist als ein mehr oder weniger clever inszenierter Werbegag respektive Abklatsch des Rasenwächters, sondern beim restlichen Personalmarketing.

Der Verdienst sind 20.000€ brutto für 13 Monate, die monatlich ausgezahlt werden. Wie lange du beobachtest und wie oft du postest, kannst du dir frei einteilen. Nur die einwöchige Dienstreise im September steht fest – aber da musst du auch nur beobachten und posten!

Eigentlich fängt es schon mit dieser Stellenanzeige an. Den Link https://valensina.de/faulsterjob/ schickte mir ein aufmerksamer Leser meines Blogs. Mich interessierte natürlich, wie ich dahin gekommen wäre, wenn ich den Link nicht gehabt hätte. Also als gemeiner Valensina-Kunde auf die Website gegangen wäre. Ich hätte ihn nicht gefunden. Denn im Menü ist er nicht verlinkt. Den Teaser, der mittlerweile zu sehen ist (allerdings weniger auffälliger als die anderen gestaltet ist und in dem ganzen Wust untergeht), gab es vorher auch nicht. Tatsächlich ist die Stelle aber auf StepStone zu finden, hier als Projektmitarbeiter Social Media (!).

Der faulste Job der Welt aka Projektmitarbeiter Social Media

Fauler Job oder faules Personalmarketing?

Und wenn man dann von der responsiv gestalteten Seite zu Informationen über das Unternehmen respektive über den Arbeitgeber wechseln will, nimmt der Bewerberfrust seinen Lauf. Klar, dass es auf solch einer Produktwerbeseite keinen Link zur Karriere-Website gibt. Immerhin aber einen zum Unternehmen, zur Valensina GmbH. Und wie es sich für eine solche Website gehört, ist dieser Link nahezu nicht auffindbar im Footer versteckt. Wenn man ihn denn gefunden hat, und dann wiederum auf der Seite den Link zu den Stellenangeboten, findet man an erster Stelle dann den „faulsten Job der Welt“.

Jobs-Seite bei Valensina mit gut versteckten Stellenangeboten

Hier wird man dann aber wieder direkt auf die „faulster-Job-Microsite“ geschickt, so dass man die (im iFrame gut versteckt und nur durch Scrollen aufzufinden) weiteren, „ernsthaften“ Stellenangebote im Zweifelsfall nicht zu Gesicht bekommt. So sucht das Unternehmen derzeit bspw. einen Chemielaborant oder CTA, BTA für den Bereich QS, einen Sachbearbeiter Vertrieb Innendienst, einen Mitarbeiter im Bereich Kreditorenbuchhaltung, einen (Achtung!) Innovation-Manager oder aber einen Innovation-Produktentwickler.

Von „Innovation-Personalmarketing“ ist bei Valensina leider nichts zu sehen. Im Gegenteil. Sämtliche Stellenangebote gibt’s nur als PDF. Möchte man mehr Informationen über den Arbeitgeber respektive Stellen, möge man die „Personal-Services“ kontaktieren. Klar, dass ein persönlicher Ansprechpartner nicht benannt wird. Anstelle die Stellen, die ja auch irgendwie besetzt werden sollen, gut auf der Unternehmens-Website zu verstecken, wäre es das mindeste, diese von der Microsite zu verlinken. Denn die Besuche auf dieser dürften ein Vielfaches der vor sich dümpelnden Unternehmens-Website haben. Der faulste Job der Welt ist das eine. Faules Personalmarketing nach Definition 2, 3 und 4 das andere. Schade, dass man sich sonst in Sachen Personalmarketing sonst keinerlei Mühe gibt. Aber klar, schließlich heißt es ja auch in dem Video:

„13 Monate tun wir gaaar nichts…“

Kein Dampf, kein Druck, kein Drama. Das gilt dann wohl auch fürs Personalmarketing…

Übrigens: Einen faulen Job habe ich nicht für Sie. Dafür aber…


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