Die Rekruten: Bundeswehr goes „Doku-Soap“

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 5 Minuten.

Die Rekruten? Ist das jetzt ein Schreibfehler? Heißt es nicht „die recruiten“? Im Prinzip ja. Aber hier geht’s ja nicht ums Recruiting. Wobei doch, klar: Ums Recruiting von Rekruten. Oder eher Personalwerbung für Rekruten. Das Ganze als Web-Serie. Und so hat nach paarungswilligen Bauern, schwer zu vermittelnden Schwiegertöchtern und grenzdebilen Millionärsfamilien nun auch die Bundeswehr eine „Doku Soap“. „Die Rekruten“ eben. Und dieses launige Format soll nun potenzielle Bewerber für den Arbeitgeber Bundeswehr begeistern. Ob das gelingt?

Geht man derzeit mit offenen Augen durch die Straßen, entgehen einem kaum die penetrant platzierten Plakate der neuen Kampagne für den Arbeitgeber Bundeswehr. „Ab November werden die Tage länger„, heißt es da. Oder „Ab November wird draußen gespielt„. „Ab November wird zusammengefaltet“ und „Ab November werden härtere Töne angeschlagen„. Eins lässt sich an dieser Stelle schon mal konstatieren: Aktuell geht kein Weg geht an der Bundeswehr vorbei. Aufmerksamkeit ist dem Ganzen also gewiss. Auch dank der lancierten Presse-Artikel.

Plakate werben für „Die Rekruten“

Die Rekruten - Motive der Plakatkampagne - Copyright Bundeswehr

Die Rekruten - Motive der Plakatkampagne - Copyright Bundeswehr

Die Plakate machen aufmerksam auf den neuesten Recruiting-Schrei der Bundeswehr. Diesmal hat die Bundeswehr (bzw. ihre kreative Kreativ-Agentur) ganz tief in die Trickkiste (und Steuerkasse) gegriffen: Eine Doku-Soap sollte es werden. Nicht etwa im Fernsehen (das wäre noch teurer als die ohnehin schon investierten 8 Millionen), sondern auf Youtube. Klar, heißt ja auch Generation Y. Also Generation Youtube. Ach nee, sind die anderen. Jetzt sind ja die „Zetter“ am Drücker. Generation Zapping vielleicht. Youtube ist ja DAS angesagte Medium bei den Kids, respektive der jugendlichen Zielgruppe. Fernsehen ist ja so was von 90-er. Und während sich so mancher Konzern oder Arbeitgeberverband „echte“ Youtube-Stars vor den Karren spannt, geht die Bundeswehr noch ein Stück weiter. Für die Web-Serie, die seit dem 1. November über die Bildschirme der Smartphones flimmert und uns 12 Wochen Einblicke in die Grundausbildung vermitteln soll, wurden 12 Rekruten gecastet. 10 Jungs und zwei Mädels zeigen uns „live“ Montags bis Freitags um 17.00 Uhr den harten Alltag bei der Bundeswehr. Bzw. der Marine.

AGG gilt bei der Bundeswehr nicht

„Die „Reality-Doku“ begleitet zwölf Rekruten während ihrer Grundausbildung an der Marinetechnikschule in Parow (Stralsund). Vom ersten Antreten bis zum feierlichen Gelöbnis – die Serie zeigt hautnah, wie aus jungen Menschen junge Soldatinnen und Soldaten werden.“

Während es in der oben zitierten Pressemeldung noch „Soldatinnen und Soldaten“ heißt, ist im Video nur noch die Rede von „Obergefreiter“ und „Matrose“. „Obergefreite“? „Matrosin“? Bei der Bundeswehr scheint das AGG trotz 10-jährigem Geburtstag immer noch nicht zu gelten. Komisch, dass es da keinen #Aufschrei der Gender-Fraktion gibt. Aber das nur am Rande.

Die Rekruten – Die Grundausbildung als Webserie

Zurück zu den Soap-Stars. Über einen Zeitraum von 12 Wochen werden unsere 12 Rekruten von einer Produktionsfirma begleitet. Ganz unverstellt, ohne Skript nämlich. In etwas so wie bei Verafake, Sie erinnern sich, oder? Wobei ein Skript gibt es dann irgendwie doch, wie Dirk Feldhaus, verantwortlich für die Arbeitgebermarke Bundeswehr, in einem Interview verrät: „Es gibt kein Skript, das Skript ist unser Ausbildungsplan. Das Skript sind die Rekruten selbst.“ Und es dürfte kein Geheimnis sein, dass man sich ganz anders verhält, wenn eine Kamera dabei ist. Bzw. sogar eine ganze Produktionsfirma. Und so werden uns jeden Tag über den Die Rekruten-Videochannel auf Youtube launige Videoclips frei Haus geliefert, die den Alltag der Rekruten zeigen und damit einen Einblick in den Arbeitgeber Bundeswehr vermitteln. Ganz ohne Filter, authentisch, unverstellt und zielgruppengerecht mit schnellen Schnitten, im Selfie-Style von eben diesen jungen Rekruten präsentiert. So weit, so gut.

Youtube-Channel - Die Rekruten

Arbeitgeber Bundeswehr unverstellt und authentisch – wirklich?

Tatsächlich finde ich den Ansatz gar nicht mal so übel. Man bekommt als Außenstehender einen ersten Eindruck davon, wie die bei der Bundeswehr so ticken und kann für sich entscheiden, ob man sich diesem Zirkus anschließen will oder nicht. Wenn man so will also eine gelungene „Realistic Job Preview“ und um Längen besser als so manche der aktuell wie Pilze aus dem Boden schießenden 360-Grad-Recruiting-Videos. Warum werfen eigentlich so viele Unternehmen Geld für solch gehypten Schrott aus dem Fenster, anstatt sich mal aufs Wesentliche zu konzentrieren? Eine gescheite Karriere-Website zum Beispiel. Ansprechende, zielgruppengerechte Stellenanzeigen zum Beispiel. Einen nutzerfreundlichen Bewerbungsprozess zum Beispiel.

„Die Rekruten“ ist also perfekt für junge, begeisterungsfähige, unreflektierte Menschen geeignet, die Spaß am Abenteuer Bundeswehr haben und die Realität ausklammern. Camouflage ist eben cool. Klar, das Format vermittelt Einblicke in den Kasernen-Alltag, wie es sie in der Form so bisher nicht gegeben hat. Wie sagt einer der Protagonisten der Serie, Daniel Wittwer, von dem wir erfahren, dass er gerne Kraftsport macht, so schön:

„Können die Leute mal sehen, dass es gar nicht so schlimm ist, wie immer gesagt wird, ne?“

Ich habe mich seinerzeit, als die Bundeswehr noch eine Zwangsveranstaltung war, bewusst dagegen entschieden und Zivildienst geleistet. Jetzt, wo der Wehrdienst schon vor einigen Jahren abgeschafft wurde, muss sich der (nach Verteidigungsminister von der Leyens Wünschen) „Top-Arbeitgeber“ Bundeswehr ordentlich was einfallen lassen, um die Generation Z für die „starke Truppe“, die „Deutschland. Dient“ und „macht, was wirklich zählt„, für den Dienst an der Waffe zu begeistern. Und genau das ist der Knack-Punkt beim Ganzen: Die Bundeswehr ist eben keine Spaßveranstaltung, wie uns die Webserie (und sämtliche anderen bisherigen Arbeitgeber-Kampagnen) der Bundeswehr vermitteln wollen. Es geht ums Töten. Und das wird mal wieder ausgeklammert.

„Streitkräfte sind ja generell dazu da, im Auftrag des Staates Gewalt auszuüben.“

Der Beruf des Soldaten wird flippiger und hipper, vor allem aber risikoärmer dargestellt, als er im realen Leben ist. Dass das Equipment der Bundeswehr teilweise veraltet ist, Waffen oder Hubschrauber nicht funktionieren, dass Soldaten schwer traumatisiert von Auslandsaufenthalten nach Hause kommen, dass Soldaten töten und getötet werden, das findet in diesen jugend-affinen Heile-Welt-Abenteuer-Spielplatz-Soldat-sein-ist-cool-Auftritten nicht statt.

Klar, „Die Rekruten“ zeigt die Grundausbildung, wie sie wirklich ist (Zitat Dirk Feldhaus). Das, was danach kommt, wird (wieder einmal) galant ausgeblendet. Wobei es nicht so ist, dass das bei den Protagonisten der Web-Serie auch der Fall ist. Denn die sprechen sehr wohl über mögliche Einsätze und über das Töten – nur wird das eben nicht gezeigt. Insofern zeigen die Videos eben nicht, wie suggeriert, die ganze Wahrheit.

„Zur Zeit sprechen wir nur darüber, wenn die Kameras aus sind“

Und so wird mal wieder eine Erwartungshaltung bei den jungen Bewerbern geschaffen, die dazu führt, dass, mit der Realität konfrontiert, jeder vierte seine Ausbildung abbricht. Ist eben doch nicht alles so cool und flippig beim „Top-Arbeitgeber Bundeswehr.

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