Finanzverwaltung Hessen: Personalwerbung mit Hindernissen

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Wenn ich Post vom Finanzamt bekomme, ist das meistens kein Grund zur Freude. Ausnahmen bestätigen in diesem Fall definitiv nicht die Regel. Abgesehen davon, dass es sich in den meisten Fällen um irgendwelche lästigen Steuernachzahlungen handelt, benötigt man zum Verstehen dieser verschwurbelten Schreiben in vielen Fällen ein Wörterbuch „Finanzamt – Deutsch“ oder so. Immerhin versteht die Finanzverwaltung Hessen aber mit simpelsten Mitteln effektive Personalwerbung zu betreiben. Theoretisch zumindest…

Bekommen Sie ein Schreiben von Ihrem Finanzamt, so wird dieses natürlich selbstverständlich per gelber und nicht per elektronischer Post zugesandt (wohingegen Sie sogar per Gesetz dazu verdonnert sind, Ihre Steuererklärung online abzugeben). Das Ganze natürlich ordnungsgemäß in einem Briefkuvert (das Umweltbundesamt wird es mit Sicherheit freuen, dass dieses aus umweltfreundlichen Papier ist, bevorzugt man dort doch sogar eben ein solches für die Bewerbung und lehnt diese online ab). So. Und hier zieht die Finanzverwaltung Hessen nun alle Register in Sachen Personalmarketing.

Personalmarketing per Briefsendung

BÄM! Habe ich gedacht, das ist so sensationell, das ist so naheliegend, warum nutzen diese Möglichkeit nicht mehr Unternehmen?

Personalwerbung bei der Hessischen Finanzverwaltung - simpel per Briefumschlag

Auf der Vorderseite des Briefumschlags prangt nämlich unübersehbar ein Hinweis auf „Duales Studium oder Ausbildung in der Hessischen Finanzverwaltung“ nebst dazu gehöriger Web-Adresse www.finanzverwaltung-mein-job.de – die ich natürlich unmittelbar aufgerufen habe. Ich habe mir gedacht, wer so plakativ die Ausbildung (oder das duales Studium) bei der Hessischen Finanzverwaltung bewirbt, der hat seinen Bewerbern was zu bieten. Vor allem sucht solch ein Arbeitgeber offenbar auch Nachwuchs. Ansonsten würde so eine Ansprache ja wenig sinnvoll sein… (klar tut er das, dazu weiter unten im Text mehr. Aber ich will nicht vorgreifen).

Apropos Ansprache: Ruft man die Website auf, so wird man da unweigerlich geduzt. Finde ich ja gut. Ich mag das gar nicht so gerne, wenn man mich siezt. Ich fühle mich da immer so alt. Gut, mit 47 ist man kein Jungspund mehr, klar. Aber als ewiger Berufsjugendlicher fühlt man sich einfach geschmeichelt. Und so tue ich das auch ein wenig. Allerdings frage ich mich schon, ob das so typisch fürs Finanzamt ist. Gut klar, Finanzverwaltung rockt. Angeblich zumindest. Aber dazu dann später. Besser als „Bist du krass?“ ist das allemal. Doch zurück zum „Du“. Und der Zielgruppe. Wen also sucht das Finanzamt eigentlich bzw. wer darf sich bewerben?

Für die Ausbildung in der Hessischen Finanzverwaltung ist geeignet, wer „nicht älter als 40 Jahre sind, die deutsche bzw. die Staatsangehörigkeit eines EU-Mitgliedstaates besitzt und Abitur oder Fachhochschulreife hat, darüber hinaus über eine gute Auffassungsgabe, Aufgeschlossenheit gegenüber moderner Datenverarbeitung, Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft verfügt. Weitere wichtige Voraussetzungen sind Teamfähigkeit sowie ein freundlicher Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern“.

Aha. Nicht älter als 40 also. Ausbildung als Diplom-Finanzwirt. Das wäre doch was. Leider komme ich da sieben Jahre zu spät. Unabhängig davon: Passt die Ansprache „per Du“ zur gesuchten Zielgruppe (und passt die Ansprache auf der Website zur restlichen Kommunikation)?

Sie kennen mich, ich bin nicht kleinlich und halte mich nicht an solchen Nebensächlichkeiten auf. Viel spannender ist doch, was ich im Rahmen einer solchen Ausbildung bzw. eines dualen Studiums eigentlich so lerne. Bzw. wie mein praktischer Arbeitsalltag aussieht und was meine Aufgaben sind. Dass sich die Website, die ausdrücklich als „Ausbildungsseite“ betitelt ist und sich somit wohl an die Zielgruppe Azubis richtet, auch Informationen für Führungskräfte bzw. Bewerber im höheren Dienst und Vollpfosten Volljuristen bereit hält, lasse ich auch mal großzügig unter den Tisch fallen.

Finanzverwaltung - mein Job - Ausbildungsseite der Hessischen Finanzverwaltung

Informationen zur praktischen Ausbildung leider Fehlanzeige

Die Website ist recht umfangreich und bietet (vermeintlich) viel hilfreiche Informationen. Ich schlüpfe als „Clouseau des Personalmarketings“ mal wieder in die mir angestammte Rolle als Bewerber (sollten Sie auch des Öfteren machen. Sie werden schreckliche Dinge erleben und bekommen Klarheit darüber, warum Bewerbungen ausbleiben. Ernsthaft!). In dieser entscheide ich mich für eine Ausbildung zum Finanzwirt. Da ich keine Ahnung von dem Berufsbild habe, versuche ich mir über die Ausbildungsseite ein Bild davon zu machen. Wie gesagt, Seiten gibt’s genug. Ergo sollte es auch genügend Infos zum Ausbildungsberuf geben, oder? Werfen wir doch mal einen Blick darauf:

Startseite Finanzwirt: Keine Informationen zu den Inhalten der Ausbildung bzw. den praktischen Aufgaben.

Unterseite Duales Ausbildungssystem: Keine Informationen zu den Inhalten der Ausbildung bzw. den praktischen Aufgaben. Obwohl, steht ja da: „fachtheoretische sowie berufspraktische Teilabschnitte„, „praxisnahe Einführung in das Steuerrecht und andere Wissensgebiete„. Vor allem aber: „Du eignest Dir das Know-how an, das Du für die Ausübung der anspruchsvollen Tätigkeit einer Steuerbeamtin bzw. eines Steuerbeamten benötigst.“ Noch Fragen? Ich schon. Viele potenzielle Auszubildende wohl auch. Denn was verbirgt sich hinter der anspruchsvollen Tätigkeit einer Steuerbeamtin? Nun, diese Antwort gibt bestimmt die

Unterseite Fachtheoretische Ausbildung: Ein bisschen. Vor allem aber erfahre ich, dass „die Unterbringung in Zwei- bis Drei-Bett-Zimmern im Schloß bzw. im Anbau erfolgt, nach dem Frühstücksbuffet mittags zwei Gerichte zur Auswahl stehen und auch an Vegetarier gedacht wird„. Insbesondere dass „eine Salattheke das Essen abrundet„, freut mich als selbst ernannter „Flexiganer“ ungemein. Abends steht im Übrigen wieder ein kaltes Buffet zur Verfügung. „Und für Unterbringung und Verpflegung fallen nur geringe Kosten an: 0,92 Euro pro Tag an Unterbringung sowie 3,12 Euro pro Tag für Verpflegung.“

Was mir etwas Sorgen bereitet? Erstens, dass die Informationen „Stand Dez. 2006“ sind (ein rascher Blick auf den Kalender zeigt, dass wir uns in Riesenschritten 2016 nähern. Ergo: Diese Informationen sind 10 – in Worten: zehn! – Jahre alt und damit wohl stark veraltet. Und selbst wenn sie noch zeitgemäß sind, so wirkt eine solche Angabe doch so, als wenn die Webseite alles andere als auf dem aktuellen Stand wäre. Gut, zugegeben. Wirkt sie so oder so. Und mobiloptimiert ist sie natürlich auch nicht. Wozu auch? Entspräche ja nur den Gewohnheiten der Zielgruppe, Informationen übers Smartphone aufzurufen), zweitens, dass ich immer noch keine Informationen über die praktische Ausbildung habe. Aber die vermittelt bestimmt die

Unterseite Berufspraktische Ausbildung: Klar, da steht es ja. Schwarz auf weiß:

„Um die praktische Anwendung des im Studienzentrum erarbeiteten Wissens zu erlernen, sammelst Du während der Ausbildung Berufserfahrung an einem hessischen Finanzamt. Wir wollen Dir damit den späteren Berufseinstieg erleichtern. Unter der fachkundigen Anleitung erfahrener Kolleginnen und Kollegen wirst Du von Anfang an mit den vielfältigen Arbeiten am zukünftigen Arbeitsplatz vertraut gemacht und kannst Dein erlerntes Wissen gleich in die Praxis umsetzen.

Während dieser Zeit wirst Du von einer Ausbildungsleiterin oder einem Ausbildungsleiter als Deiner zentralen Bezugsperson betreut und durchläufst alle wichtigen Arbeitsgebiete eines Finanzamtes. Zusätzlich werden praxisorientierte Arbeitsgemeinschaften durchgeführt. Schwerpunkte der Ausbildung im Finanzamt sind aber nicht nur die fachspezifischen Tätigkeiten, sondern auch der Umgang mit Bürgerinnen und Bürgern, Steuerberaterinnen und Steuerberatern sowie Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfern. Deine sozialen Kompetenzen sind im Arbeitsalltag gefordert und werden von uns dementsprechend gefördert.“

Bliebe lediglich die Frage, wie diese Berufserfahrung aussieht. Und welche vielfältigen Arbeiten das sind, mit denen man am zukünftigen Arbeitsplatz vertraut gemacht wird. Und was all die wichtigen Arbeitsgebiete eines Finanzamtes und die fachspezifischen Tätigkeiten eigentlich sind. Glücklicherweise gibt es ja den Ablaufplan. Der lässt nun wirklich keine Fragen mehr offen.

Screenshot Beispielhafte Darstellung der Ausbildung als Finanzwirt bei der Finanzverwaltung Hessen

Tja, da hat man nun viele Seiten und trotzdem eigentlich null relevante Informationen. Glücklicherweise gibt es da aber die Broschüren, die witzigerweise mehr relevante Informationen enthalten, aber für mehr Infos auf die Website verweisen. Und dann gibt’s da ja noch drei Videos. Eins, welches der Trailer des anderen ist und die Ausbildung in launigen 16 Minuten 21 zeigt (bzw. viel Geschwafel, aber wenig von der Ausbildung selbst, aber das kennen wir ja schon von der Website selbst) – dies allerdings auch nur, wenn man bereit ist, die 130 MB große Datei herunterzuladen (ja, Sie lesen richtig. Sie müssen den Film herunterladen und dabei viel Geduld mitbringen. Lassen Sie sich aber von mir gesagt sein: Es lohnt sich nicht. Danach sind Sie nicht schlauer, nur frustrierter und gelangweilter). Mit Youtube steht man bei der Finanzverwaltung in Hessen wohl auf dem Kriegsfuß. Und so ist dann tatsächlich das Video „Finanzverwaltung – wir rocken!“ nicht etwa in die Website eingebunden, sondern verlinkt.

Das Video selbst allerdings ist durchaus einen Blick wert. Zeigt es doch anschaulich, wie Finanzbeamte so ticken und wie der Arbeitsalltag eines solchen aussieht.

Nicht.

Denn hier wird potenziellen Bewerbern ein Bild suggeriert, das fernab jeglicher Realität ist und einfach nur peinlich wirkt. Und das bereits seit 2011. Und so sorgt das Video immer wieder für Spott und Häme.

Auf die Frage, wie schwierig es für die Finanzverwaltung sei, qualifizierten Nachwuchs zu finden, antwortet die für das Video verantwortliche Pressesprecherin der Landesdirektion Rheinland-Pfalz:

„Der demografische Wandel schlägt auch in der Finanzverwaltung voll zu: In den nächsten zehn Jahren scheiden viele ältere Kollegen aus – und die geburtenschwachen Jahrgänge machen ihre Schulabschlüsse. Die Finanzverwaltung steht mit diesem Phänomen nicht alleine da und konkurriert hier mit Arbeitgebern anderer Branchen. Wer da nicht alle Informationswege nutzt, um auf sich als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb aufmerksam zu machen, ist schlecht beraten. Der Spot zielt auf eine Zielgruppe ab, die die Finanzverwaltung überhaupt nicht „auf dem Schirm“ hatte und noch nicht einmal wusste, dass wir Studium und Ausbildung anbieten.“

Diese Erkenntnis ist schön und gut. Aber was nützt es, wenn die Zielgruppe nun weiß, dass die Finanzverwaltung Studium und Ausbildung anbietet? Denn nur auf sich als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb aufmerksam zu machen, reicht nicht aus. Bewerber wollen Informationen über den Arbeitgeber. Als Ausbildungsbetrieb sind auch Sie gefordert, die notwendige Berufsorientierung zu bieten. All das tut die Finanzverwaltung aber eben nicht. Schade. Dass, was eigentlich ganz gut gemeint war, entpuppt sich leider als Rohrkrepierer.

Dass man sich dann nur per Post bewerben kann, brauche ich glaube ich an dieser Stelle nicht zu erwähnen, oder? Aber insbesondere bei der jüngeren Zielgruppe ist diese Bewerbungsform ja auf Platz 1. Insofern schließt sich dann hier der Kreis.

  1. […] Knabenreich ein Beispiel für nicht gelungenes Personalmarketing förmlich ins Haus: “Finanzverwaltung Hessen: Personalwerbung mit Hindernissen“, saatkorn berichtete “IBM erntete Shitstorm für Kampagnen” und Persoblogger […]

  2. „Wenn Sie von uns am selben Tag mehrere Briefpostsendungen erhalten ist die eine Folge der elektronischen Datenverarbeitung. Sortieren von Hand ist teurer als das Porto.“

    Muss man sich auch nochmal auf der Zunge zergehen lassen.

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