Flüchtlinge beleben den Arbeitsmarkt

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 6 Minuten.

Die Flüchtlingsdebatte ist ja in aller Munde. Warum soll ich sie also nicht auch hier im Blog aufgreifen, schließlich steht Deutschland Dank Flüchtlingsboom ein wahrer Arbeitsmarktaufschwung ins Haus. Da ist einmal eine neue Plattform, Workeer, die Geflüchtete und Arbeitgeber zusammenbringen will. Und da sind dann all die Stellen, die neu geschaffen werden, um die ganzen Gestrandeten zu verwalten und zu unterstützen. Das schauen wir uns doch mal genauer an!

Viele deutsche Arbeitgeber posaunen ja nun schon seit geraumer Zeit die Mär vom Fachkräftemangel durch die Lande. Die Politik stößt ins gleiche Horn und hatte sich seinerzeit auch schon lustige Initiativen einfallen lassen, um ausländische Fachkräfte ins Land zu holen. Wer erinnert sich nicht gerne an die Blue Card, die als „Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für hoch qualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten“ aus der Taufe gehoben wurde. Allerdings nur wenige hinter dem Ofen hervor locken konnte. Und nun strömen die Massen ins Land (nicht wegen der Blue Card, sondern weil sie in ihren Ländern verfolgt werden) – ein gefundenes Fressen für deutsche Arbeitgeber also. Theoretisch zumindest. Oft gibt’s da ja unüberwindbare sprachliche oder bürokratische Hürden.

Workeer: Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber

Trotzdem gibt’s nun die erste Stellenbörse ausschließlich für Heimatvertriebene. Workeer heißt die Plattform, die momentan für viel Gesprächsstoff in den (sozialen) Medien sorgt. Die Idee: Eine Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse, die sich speziell an Geflüchtete richtet.

workeer - belebt mit seiner Jobboerse für Gefluechtete und Arbeitgeber den Arbeitsmarkt

Mit der Plattform soll ein geeignetes Umfeld geschaffen werden, in dem diese besondere Gruppe von Arbeitssuchenden auf passende Arbeitgeber trifft. Tolle Idee, die als Abschlussprojekt im Rahmen des BA Kommunikationsdesignstudiums an der HTW Berlin im Sommer 2015 entstanden ist.

Es gibt nur zwei kleine Haken. Zum einen ist die Plattform bis auf den Namen (eine Zusammensetzung aus „Work“ und „here“ – auf Deutsch: „Arbeite hier“ bzw. dann „Arbeithier“ bzw. dann „arbeitstier“) ausschließlich deutschsprachig (was für einen Heimatvertriebenen aus Libyen oder Eritrea oder woher auch immer schon erste Probleme bereiten könnte. Bzw. wird er diese gar nicht erst finden, sollte er auf die Idee kommen, nach so etwas zu googeln). Zum anderen gibt es eben auch sehr starke Einschränkungen für die Geflüchteten selbst, was die Beschäftigungsmöglichkeiten angeht. Nichtsdestotrotz, super Idee, die es hier zu würdigen gilt. Übrigens: Die Nutzung der Jobbörse ist kostenlos! Neben kleineren Unternehmen tummelt sich jetzt bspw. auch die Deutsche Bahn unter den aktuell 250 Jobs.

Jobs auf workeer

Der Bewerber sieht auf einen Blick, wie viel er verdient (oder eben auch nicht), wie lang die Stelle befristet ist und welche Sprachanforderungen er mitbringen sollte. Wenn da nur das Problem nicht wäre, dass es die Seite nur auf Deutsch gibt…

Mehr als 6.000 Stellen, um Flüchtlinge zu verwalten

Wer nun glaubt, nur ein Bewerber aus Syrien hätte solche Hürden zu nehmen, irrt. Denn wegen der steigenden Asylbewerberzahlen investieren Bund und Länder massiv in den öffentlichen Dienst. Und so sollen mehr als 6.000 Stellen entstehen, um die Flüchtlinge zu registrieren, zu unterrichten und zu beschützen. Wie das dann aussieht, sieht man bspw. auf der Seite des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. So heißt das im Übrigen wirklich.

Und so heißt es auf der „Karriere“-Website des BAMF: „Aufgrund der stark ansteigenden Asylantragszahlen hat der Deutsche Bundestag dem Bundesamt für das Jahr 2015 im Nachtragshaushalt insgesamt 1.000 Einstellungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Diese Stellen sollen jetzt schnellstmöglich besetzt werden.

Schnellstmöglich wohl gemerkt. Aktuell sind von den 1.000 angekündigten Stellen erst 13 online. Aber das wird noch.

Arbeiten im BAMF - Stellenangebote

Besonders einfallsreiche (und sehr gut auffindbare) Stellentitel hat man sich überlegt. Und so sucht man bspw. „Sachbearbeiter“ und „Bürosachbearbeiter“. Schauen wir uns nun das Ganze mal nach Candidate-Experience-Gesichtspunkten an. Aber erwarten Sie nicht zu viel. Nachdem Sie sich also für eine Stelle entschieden haben, nehmen wir mal den Sachbearbeiter für das Entscheidungszentrum Nürnberg – schon alleine weil mir der Begriff „Entscheidungszentrum“ so gut gefällt…

Kein Candy Date beim BAMF

Bei Klick auf diese Stelle landen Sie dann auf der Stellenbörse des Bundes. Und bekommen da folgende aussagekräftige Ausschreibung präsentiert:

Sachbearbeiter Entscheidungszentrum Nürnberg

Sie erfahren dann, dass das Tätigkeitsfeld in Verwaltung und Büro und der Einsatzort in Nürnberg ist. Wer hätte das gedacht bei einer Stelle, die als Sachbearbeiter in Nürnberg ausgeschrieben ist. Die Arbeitszeit ist entweder Voll- oder Teilzeit. Ah ja, und die Bewerbungsfrist endet am 20. August. Also schnell, schnell, für all die sich auf diese Stelle bewerben wollen. Wie Ihnen reicht das nicht an Informationen für eine Bewerbung? Kein Problem, dann klicken Sie doch einfach auf den Link „Bekanntmachung“. Klar erkenntlich, dass es sich hier um eine Stellenausschreibung handelt, nicht wahr?

Wir klicken natürlich und landen wiederum auf einer neuen Website. Hier prangt dann auch schon das ob seiner Länge und Bewerberorientiertheit runkelrübenverdächtige Prachtstück der Bewerberkommunikation:

Sachbearbeiter Entscheidungszentrum Nürnberg - Website bva

Immerhin, das muss man dem „Servicezentrum Personalgewinnung des Bundesverwaltungsamtes“ lassen, werden sogar die Arbeitgeber-Leistungen kommuniziert. Respekt, das schaffen die wenigsten! Und auch die genannte „abwechslungsreiche, spannende Tätigkeit in einem motivierten Team“ ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

So. Und natürlich spricht uns die Stelle so sehr an, dass wir uns bewerben. Hierzu klicken wir den auffällig und mitten im Text platzierten Link zum „Online-Bewerbungssystem zur Stellenausschreibung BAMF-125-15“. Ist doch Ehrensache! Oder auch nicht. Denn hier muss man sich jetzt mit einem Online-Bewerbungsverfahren herumquälen, bei dem vor der Bewerbung die Registrierung steht.

Online-Bewerbungsmaske BAMF

Mir vergeht gerade jegliche Lust, außerdem wird das Essen kalt. Die Bewerbung? Schenke ich mir. Candidate Experience beim BAMF? 6 minus. Andererseits sind für Behördler solch mühseligen, kräfte- und nervenzehrenden Prozesse ja Standard. Allzu einfach darf man es denen ja auch nicht machen.

Neue Jobtitel im öffentlichen Dienst

Aber zurück im Text, zurück zur Belebung des Arbeitsmarktes durch Flüchtlinge. Schließlich sollen ja mehr als 6.000 Stellen im öffentlichen Dienst entstehen. Die meisten Arbeitsplätze davon werden in der Verwaltung, bei der Polizei und in Schulen geschaffen. Bund und Länder geben dafür etwa 2,5 Milliarden Euro aus. Das nenne ich Arbeitsmarktbelebung!

Und so gibt es dann bei der Bundespolizei Stellen als „Asylbewerberabschieber“. Das BAMF sucht „Asylverfahrenbeschleuniger“ (also die oben genannten Sachbearbeiter bzw. Bürosachbearbeiter). Auch die Länder investieren massiv in die öffentliche Verwaltung. Nordrhein-Westfalen will alleine in diesem Jahr 792 neue Arbeitsplätze ausschreiben – davon 674 als „Flüchtlingskinderunterrichter“. Bayern sucht „Flüchtlingsheimbewacher“ bzw. „Lagerordner“. Hessen stellt im nächsten Jahr 190 Personen ein, vor allem als „Erstaufnahmeeinrichtungsentlaster“. Oder als „Flüchtlingsregistrierer“. Zudem werden Stellen für Richter, Polizisten, Verwaltungsangestellte und Lehrer geschaffen. Bitte die weibliche Form stets mitdenken. Wie viele Arbeitsplätze insgesamt entstehen werden, ist im Übrigen unklar. Es dürften aber viel mehr sein, als bisher bekannt ist.

Spannend wird sein, wie man all die gesuchten Fachkräfte rekrutieren und für sich als Arbeitgeber begeistern will. Schaue ich mir die Website und den Bewerbungsprozess des BAMF an, so sehe ich allerdings schwarz.

  1. Jörg Lenau sagt:

    Was noch entscheidend ist: es dürfte sich dabei grundsätzlich nur um zeitliche begrenze Arbeitsverträge handeln (insofern man darüber die Asylantensituation nicht zur Dauersache werden lassen will!!!).

  2. […] Henner Knabenreich, personalmarketing 2null: Flüchtlinge beleben den Arbeitsmarkt […]

  3. Tilo sagt:

    Die Flüchtlinge werden so oder so in den Arbeitsmarkt integriert, da man sie weder zurückschicken bzw. sich noch die Sozialleistungen leisten kann. Allerdings wird dabei auch die Schwarzarbeit wieder ein bedeutsames Problem.

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