HR Barcamp 2015: Personaler wollen den Fachkräftemangel

HR Barcamp 2015: Personaler wollen den Fachkräftemangel

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 6 Minuten.

Das war’s also wieder. Das HR Barcamp in Berlin, wohl das beste Veranstaltungsformat für die HR-Szene. Mit Ausnahme des weltweit ersten klimaneutralen Netzwerktreffens für frechmutige Personalx, versteht sich. Das Tolle an dem Format ist, dass Personaler hier endlich einmal die Möglichkeit haben, selber die Agenda zu bestimmen und sich proaktiv mit den Themen einzubringen, die sie beschäftigen. Ob sie das auch wirklich tun?

Bereits zum vierten Mal hatten Jannis Tsalikis und Christoph Athanas nach Berlin gerufen. Und sie waren gekommen: Aus allen Teilen der Republik und sogar darüber hinaus – auch Unternehmensvertreter aus der Schweiz und Österreich, aus den Niederlanden und Schweden wurden gesichtet. Glücklich konnte jeder sein, der eins der heiß begehrten Tickets ergattern konnte. Kunden berichteten mir, dass sie teilweise zeitgleich über mehrere Rechner versuchten, das Ticketsystem zu überlisten und trotzdem gnadenlos scheiterten. Innerhalb weniger Sekunden war die Veranstaltung ausverkauft. Klar, bei rund 170 Tickets und einem solchen Kultstatus wird es schwer. Aber vielleicht sollte man einmal über die Ticketvergabe nachdenken. Ich kenne genug Menschen – innovative und engagierte Personaler – die gerne dabei gewesen wären und sich auch proaktiv eingebracht hätten, aber nicht zum Zuge kamen. Vorschlag: Eine „Art“ Bewerbung, warum man dabei sein möchte oder aber mindestens Abgabe eines Sessionvorschlags. So sind die Teilnehmer von Anfang stärker involviert und man kann schon viele von denen aussieben, die sich nur berieseln lassen wollen.

Dennoch, was mich wohltuend überrascht hat: Neben der altbekannten „HR-Suppe“ gaben viele neue „Zutaten“ eine ungeahnte Würze. Schön, wenn man dann auf Menschen trifft, die man bis dato nur als Blogkommentatoren oder Follower auf Twitter kannte. So gab es dann doch einige, die das allererste Mal überhaupt auf einem Barcamp dabei waren, die also die Chance gehabt hätten, neue Impulse zu setzen. Letztes Mal von den Veranstaltern bemängelt, dass die meisten Sessionvorschläge von Dienstleistern kamen und der gemeine Personaler, für den dieses Format ja extra aus der Taufe gehoben wurde, sich eher zurückhielt und sich berieseln ließ – natürlich in der frohen Hoffnung, das ein oder andere Patentrezept vorgekaut zu bekommen – war ich sehr gespannt, wie es diesmal laufen würde.

Dienstleister bestimmen die Agenda des HR Barcamps

Wenn ich mich nicht verzählt habe, fielen von den auf zwei Tage verteilten 28 Sessions (so heißen die einzelnen Workshop-Blöcke), 12 auf Personaler. Der Rest wurde (mal wieder) in der Mehrzahl von Dienstleistern (aka Personal-, Employer Branding-, Unternehmensberater, Sponsoren) bestritten. Hin und wieder gab es auch mal eine Kombination aus Dienstleister und Unternehmensvertreter. Das finde ich umso beschämender, als dass bei Zusammensetzung der Teilnehmer die Personaler mit 60 Prozent in der absoluten Mehrheit sind und somit die Agenda bestimmen sollten. Das Gegenteil ist der Fall und tatsächlich sind die Dienstleister die Impulsgeber auf dem Barcamp. Aber besser so, als gar nicht, schließlich führen genau diese Impulse dann dazu, dass sich auch Personaler mit bestimmten Formaten auseinandersetzen und zum Nachdenken angeregt werden.

Bei 28 Sessions hat man natürlich die Qual der Wahl, zumal ja immer vier parallel laufen. Natürlich kann man auch von Session zu Session huschen, um wenigstens ein paar Eindrücke zu bekommen. Aber letztendlich tut man das wohl nur dann, wenn eine nun wirklich gar nichts an Input hergibt. Außerdem könnte man ja was verpassen. Diesmal wurden die Sessions übrigens wunderbar dokumentiert, dafür vielen Dank Ralf Junge und Team!

Session auf dem HR Barcamp - Fotograf: Janek Coppenhagen

Trotzdem, wirklich viel Neues kam da im Verhältnis zu den Vorjahren nicht, wie ein Blick auf den Sessionplan zeigt. Im Grunde waren es mehr oder weniger die gleichen Themen, die schon auf den vergangenen Barcamps diskutiert wurden: Stellenanzeigen, Recruiting-Prozesse, Candidate Experience. Hier etwas Big Data, da noch etwas Feelgood Management, fertig ist die Laube.

Für mich mit das einschneidendste und verstörendste Erlebnis: Die Session von Eva Zils. Die Initiatorin des ersten HR Hackathons fragte nämlich provokativ „HR braucht keine Innovationen – was wollt ihr dann?„. Im Grunde genommen hätte sie die Session beenden können. Denn von gut 30 Teilnehmern waren (laut Handzeichen) 5 HRler.

Nun ist es amtlich: Den Fachkräftemangel gibt es

Für mich war dann auch wirklich Schluss. Beschämt und kopfschüttelnd verließ ich den Raum und wieder einmal stellte ich mir die Frage, wie man denn dem Fachkräftemangel begegnen will. Den es im Übrigen gibt. Denn das belegte das – neben den persönlichen Gesprächen – absolute Highlight dieses Barcamps, die HR Fight Night. Hier „kämpften“ nämlich „Mr. Mythos“ Martin Gaedt und „Bomber“ Tim-Oliver Pröhm mit Argumenten pro & contra Fachkräftemangel.

Und natürlich kam es, wie es kommen musste: Das Publikum entschied pro Tim-Oliver Pröhm (der für die Position des Fachkräftemangels stand). Allerdings mit Argumenten, die eigentlich eher denen von Martin Gaedt (der sich leider durch die „Pflege-Roboter“ ins Aus schoss) entsprachen – also PRO Fachkräftemangel. Hat nur keiner gemerkt. Weil Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, den Fachkräftemangel wollen. So haben Sie eine bequeme Ausrede, wenn es mal wieder nicht mit den Bewerbern klappt. Weil sie nicht alle Register ziehen, wenn es darum geht, Kandidaten für sich zu gewinnen. Weil Sie im Jahr 2015 immer noch darüber diskutieren, welches die Inhalte von Stellenanzeigen sind und ob sie nicht gleich abschaffen sollte. Oder wozu Sie eigentlich Arbeitgeberportale brauchen.

Trotz allem, die Hoffnung stirbt zuletzt. Glücklicherweise wächst auch in der HR-Zunft eine neue Generation heran, die neue Impulse zu setzen weiß. Das Barcamp gibt es in Kürze auch in Zürich (ich werde mich überraschen lassen, ob die Schweizer Personaler proaktiver und innovationsfreudiger sind. Wenn ich dieses Beispiel hier sehe, stellt sich die Frage wohl nicht :-)). Und dann auch in Wien. Fehlen nur noch die innovationsfreudige Personaler, die wirklich einmal die Gelegenheit nutzen, sich gegenseitig zu befruchten und nicht nur Patentlösungen abgreifen wollen.

Wer von Ihnen auch außerhalb des Barcamps seinen Teil dazu beitragen möchte, dem sei der personalblogger dringend ans Herz gelegt. Hier haben Sie die Möglichkeit, sich mit ihresgleichen auszutauschen, das, was sie beschäftigt, in Form von Blogartikeln nach außen zu tragen (und ganz nebenbei zum Personal Branding beizutragen) und im Rahmen der geschlossenen Facebook-Gruppe einen ganz ungezwungenen Erfahrungsaustausch zu pflegen.

Und wenn Sie überdies Ihre persönlichen Kontakte vertiefen möchten oder Ihr Netzwerk weiter ausbauen möchten, dann lade ich Sie herzlich ein, am 8. Mai in Wiesbaden am zweiten weltweit ersten klimaneutralen Netzwerktreffen für frechmutige Personalx teilzunehmen. Inklusiver echter Kaffeeflatrate übrigens. Oder auch Bier. Ganz wie Sie mögen.

Mehr Nachlese vom Barcamp finden Sie bei Bernd Konschak, Dirk Steinmetz, Jo Diercks, Herwig Kummer, Stefan Scheller, Volker Seubert, Marcus Reif,  Svenja Hofert, Professor Peter M. Wald und natürlich Christop Athanas selbst.

  1. Udo Dinsing sagt:

    Mir persönlich ist kein Realunternehmer bekannt, der sich über einen Fachkräftemangel beklagt, sondern nur die sogenannten Möchtegernunternehmer ! (und von denen haben wir ja mehr als wie wir brauchen)

    Ich habe über ein Jahr recherchiert, mir die Jahresberichte der Handwerkskammern durchgelesen, mir die berufsbezogenen Abschlußprüfungen der Industrie angesehen. (natürlich nicht bei allen 11900 registrierten Akrtiengesellschaften)
    Ich habe mir die Zahlen der bestandenen Fort-und Weiterbildungsprüfungen angesehen. Alle Prüfungsabnahmen belaufen sich auf den Jahrgang 2013 – 2014.
    Ich habe mit Unternehmungen und mit Großkonzernen telefoniert.
    Ich habe diverse Unternehmungen persönlich besucht und vor Ort mit den Leuten gesprochen. Nix mit Fachkräftemangel !

    Und das Ergebnis habe ich in dem neuen Buch veröffentlicht mit Quellenangabe.
    Titel: „Fachkrtäftemangel in Deutschland ? – Ein Lügenmärchen der Politik und der Wirtschaft !“
    Es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass man das Volk mit dieser Aussage belügt um eine Zuwanderung zu rechtfertigen.
    Darüber hinaus stimme ich einem BWL-Prof. zu der gesagt hat, „Fachkräftemangel nein, aber Fachlohnmagel ja“.

  2. Jakob Schulz sagt:

    Guten Abend,
    im Textverlauf vernahm ich die Information, dass (womöglich) in Wien auch ein Barcamp anstünde bzw. im Gespräch sei.
    Gibt´s hierzu schon nähere Infos? So von wegen: Wer (organisiert)? Wann? und Wo?

    Vielen Dank auch für die Mühen einer schönen Zusammenfassung des HRBC15 samt Verlinkungen.
    Beste Grüße aus Wien ;-)
    Jakob

  3. […] Henner Knabenreich: HR BarCamp 2015: Personaler wollen den Fachkräftemangel […]

  4. […] diejenigen von Stefan Scheller, Henrik Zaborowski, Svenja Hofert, Dirk Steinmetz, Herwig Kummer und Henner Knabenreich sowie die Inhaltszusammenfassung der Sessions im HRBC tumblr […]

  5. […] HR Barcamp 2015: Personaler wollen den Fachkräftemangel auf personalmarketing2null.de […]

  6. Hans Steup sagt:

    … hätte mir (als Dienstleister) auch gewünscht, dass Personaler mehr aus ihrem Alltag erzählen – vor allem von Dingen, mit denen sie am meisten zu kämpfen haben. Wir Dienstleister wollen ja helfen. Wir können nur gut sein, wenn Personaler uns ungefiltert von ihren Problemen erzählen.

    Wobei mir eine junge Dame aus Evas Innovations-Session einfällt, die zum Schluss der Session genau das tat. Ihr Kommentar, den ich mal mit „Keep it simple, stupid.“ zusammen fasse, war eines der BarCamp-Highlights für mich.

    Wenn wir davon ausgehen, dass die ‚ruhigen‘ anwesenden Personaler schon zu denen gehören, die etwas bewegen wollen, wie tickt dann erst die graue Masse?

    Ich fürchte, Henner hat nicht ganz Unrecht …

    – Hans Steup, Berlin (@mobbingguerilla)

  7. Jannis sagt:

    Hallo Henner,
    vielen Dank für die Blumen, wir fanden auch, dass es auch dieses Jahr eine sehr gelungene Veranstaltung war. 12 (also fast die Hälfte aller Sessions, wenn es stimmt) Personaler-Sessions wäre übrigens ein echter Rekord und spricht dafür, dass die Personaler immer mutiger werden – was wir toll finden.
    Die Themen wurden wie immer von allen Gästen des BarCamps eingebracht. Wenn dir etwas gefehlt hat, dann bin ich gespannt auf deinen nächsten Session-Beitrag auf dem nächsten BarCamp (die Messlatte hast du natürlich jetzt ziemlich hoch gehängt, he, he!)
    Ich hab dich trotzdem lieb, Jannis

    • personalmarketing2null sagt:

      Hallo Jannis,

      immer gerne. Ehre wem Ehre gebührt :-)
      Dass HRler immer mutiger werden – klar, zeigt ja die Goldene Runkelrübe. Spaß beiseite – das habe ich dieses Jahr nicht wirklich gesehen. Wobei es natürlich Ausnahmen gibt. Es ist doch schade, dass die, die in der Mehrzahl sind (60:40), deutlich weniger Impulse liefern. Insofern relativieren sich die 12 Sessions also sehr. Ich will auch nicht ausschließen, dass ich nach drei Barcamps einfach zu viel erwarte. Mag sein. Wobei Gespräche mit dem ein oder anderen das Gleiche herausfilterten (allerdings auch alles erprobte HR Bar-Camper ;-)).

      Was die Session angeht, so bin ich nächstes Jahr auf jeden Fall gerne wieder mit dabei. Wobei dann allerding wieder ein Dienstleister eine Session machen würde :-). Allerdings waren sowohl die, die ich Kombi mit Sandra und Jakub von Textkernel gemacht habe als auch die mit Jörg, Florian und Jürgen ein echter Erfolg. Zumindest was konstruktive Diskussion und kreative Ergebnisse angingen. Du siehst ja, Pink Nails – schräg gegenüber vom Ellington – läuft wie hulle!

      Ich bin nun gespannt auf das Neuland Schweiz und werde berichten.

      Und natürlich habe ich dich auch ganz, ganz doll lieb und danke dir und Christoph, dass ihr der HR-Gemeinde dieses wunderbare, unkopierbare Format angedient habt. Das ist echt ganz, ganz großartig. Und kann gar nicht oft genug betont werden.

      In diesem Sinne, bis bald und weiter so!
      Henner

      PS: Das mit der „Bewerbung“ würde ich trotzdem mal diskutieren!

  8. Eva Zils sagt:

    Hi Henner,

    sehr gut zusammengefasst, danke!
    In der Tat war meine „Session“ für das HR Barcamp letzte Endes nicht geeignet. Eine sehr interessante Lektion.

    Anscheinend, so erfuhr ich von anderer Seite, fühlten sich einige der Personaler durch meine provozierende Frage unter Druck gesetzt, auf unangenehme Fragen antworten zu müssen.

    Dabei stellen doch Personaler im Bewerbungsgespräch auch unangenehme und provozierende Fragen…

    Die Idee mit der „Bewerbung“ zur Teilnahme haben wir übrigens für den HR Hackathon auch besprochen. Ich denke, das einzig Richtige, um wirklich Leute zu versammeln, die etwas bewegen wollen.

    Bei uns wird das voraussichtlich eine Mischung aus Sessionidee und Entwicklungsidee für Prototypen.

    Letzten Endes kam mir das Barcamp wie eine Dienstleister-Werbeveranstaltung vor (klar, auch ich wollte mein Thema platzieren, wobei ich WIRKLICH wissen wollte, was HR bewegt).

    Was ich an Positivem aus dem #HRBC2015 mitnehme, sind die vielen, guten Gespräche am Rande der Sessions – so hatte ich nach meiner Session den besten Input bekommen, sogar von echten Personalern!

    Liebe Grüße, Eva

    • personalmarketing2null sagt:

      Hi Eva,

      danke für die Blumen! Sieht wohl nicht jeder so :) Mag aber auch daran liegen, dass wir (also ich zumindest) nach drei Barcamps zu viel erwarten.

      Wobei ein Zitat wie dieses Bände spricht (stellvertretend für einige Stimmen, die ich eingefangen habe):

      Ich fand die Qualität der Sessions letztens Jahr deutlich besser. Dieses Jahr waren auch viel zu viele Dienstleister da. Manche Sessions wurden nur von DL diskutiert und die 2-2 anwesenden Personaler in der Session saßen am „Rand“.

      Unter Druck gesetzt … Nun ja, ich weiß nicht. Ich glaube einfach, dass es der Masse wirklich an Innovationsbereitschaft mangelt. Natürlich gibt es auch rühmliche Ausnahmen. Aber das sind eben nur wenige.

      Ich wünsche dir auf jeden Fall gutes Gelingen mit deiner Veranstaltung und bin zuversichtlich, dass die Innovationsbereiten sich entsprechend einbringen werden.

      Du weißt ja, die Hoffnung stirbt zuletzt!

      Liebe Grüße,
      Henner

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