Der WhatsApp-Chat in der Berufsberatung

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Eigentlich kaum vorstellbar, dass seinerzeit von Frau Ministex von der Leyen der Vorschlag gemacht wurde, die armen Schlecker-Frauen, die seinerzeit massiv auf die Straßen der Republik befördert wurden, frei nach dem Motto „erziehen statt kassieren“ in die Pflege zu beordern. Denn jedes Kind weiß: Soziale Berufe kann eben nicht jeder. Und gerade hier haben die Einrichtungen nicht nur mit dem zu kämpfen, was in der gemeinen Presse als Fachkräftemangel kolportiert wird, sondern auch mit Minimalstbudgets. Dann muss dann im Zweifel auch mal eine eierlegende Wollmilchsau her. Oder aber man versucht mal was ganz was anderes: Per WhatsApp-Chat. Geht nicht? Geht doch!

Bereits gestern berichtete ich am Rande von der Aktion. Hier wird echter Pioniersgeist bewiesen, denn etwas Vergleichbares gibt es noch nicht. Namhafte Konzerne mögen an Konzepten feilen (ist wahrscheinlich so wie bei vielen Social Media-Projekten: da wird so lange diskutiert und konzipiert und wenn man sich dann entschieden hat, das Ganze umzusetzen, ist der Hype schon vorbei), Vorreiter mit viel Innovations- und Experimentierfreude ist hier aber die Initiative „Soziale Berufe kann nicht jeder„. Das Projekt wurde von der Diakonie ins Leben gerufen, um die Vielfalt der „Arbeit mit Menschen“ darzustellen. Kernstück ist das Berufeportal und die dazu gehörige Facebook-Seite. Die Aktivitäten werden von Maja Schäfer gesteuert. Grund genug also, mal bei ihr nachzufragen. Stilecht wäre es per Chat gewesen, aber mal ganz ehrlich: Wer hat schon Lust, so lange Nachrichten per Whatsapp oder welchem Messenger auch immer zu tippen?

Maja, seit wann bietet ihr die Berufsberatung per Whatsapp an?

Erst seit 12. Januar 2015. Wir bewerben es im TopTeaser auf www.soziale-berufe.com und im Header auf www.facebook.com/sozialeberufe. In den Social Media weisen wir gelegentlich darauf hin und in den Berufsberatungseinträgen in unserem Blog blog.soziale-berufe.com weisen wir auch auf die Möglichkeit der Kontaktaufnahme via WhatsApp hin.

Warum habt ihr euch für diesen Weg der Ansprache entschieden?

Maja Schäfer - Fotografie: Spooky Sally Cherrymuffin StudiosDie Kampagne „SOZIALE BERUFE kann nicht jeder“ der Diakonie Deutschland läuft jetzt im fünften Jahr und überspitzt formuliert haben wir kein Geld mehr, müssen aber mit aufmerksamkeitsstarken Aktionen dafür sorgen, dass wir erstens für die Fans interessant bleiben und zweitens sowohl die Weiterführung der Kampagne als auch unsere eigenen bis Ende des Jahres befristeten Stellen sichern. Dazu kam, dass unsere jugendliche Zielgruppe ja angeblich Facebook den Rücken kehrt (obwohl wir immer noch zahlreiche Berufsberatungsanfragen auch über Facebook bekommen), und wir mit der Zeit gehen und neue Wege ausprobieren wollten.

Wir hörten von der WhatsApp-Kampagne der ostdeutschen Hochschulen („Studieren in Fernost“), die Anfang 2014 mit viel Geld Plakate geschaltet hatten und für einen befristeten Zeitraum von zwei Wochen (glaube ich) WhatsApp-Studienberatung über eine eigens programmierte Software anboten, die die eingehenden Nachrichten sortierte, an die entsprechenden Fachleute weiterleitete und dafür sorgte, dass jeder Interessent immer mit demselben Experten zu sprechen kam. 200 Beratungen kamen zustande. Das schien uns alles viel zu aufwändig und zu teuer und als befristetes Angebot irgendwie sinnlos. Da hat man gerade die Aufmerksamkeit der Zielgruppe erreicht und dann schaltet man es wieder ab!?!? Unserer Erfahrung nach funktionieren die einfachen Angebote am besten. Wir fragten uns: Wofür ist WhatsApp gedacht? Zum Chatten. Also chatten wir.

Geniale Idee! Und wie funktioniert das Ganze?

Es ist ein ganz normaler WhatsApp Chat. Man speichert unsere Telefonnummer 01520-8981477 unter seinen Smartphone-Kontakten ein, findet uns dann in den WhatsApp-Kontakten und schreibt uns eine Textnachricht. Wir antworten. Sicher probieren wir demnächst mal eine Art Newsfeed über den WhatsApp Gruppenchat, dass wir unsere Kontakte z. B. gesammelt über neue Berufevideos informieren. Leider funktioniert der Gruppenchat nur für maximal 50 Leute. Wir können also nicht wie bei Facebook eine Community aus fast 4000 Fans zusammenbringen.

WhatsApp Chat bei Soziale Berufe kann nicht jeder

Wie läuft die Aktion, welche Erfolge könnt ihr bis dato verzeichnen?

In den zweieinhalb Wochen, die wir das jetzt machen, habe ich acht ernsthafte Chats gehabt. Es gingen zwischen 2 und 20 Nachrichten zwischen mir und dem jeweiligen Interessenten hin und her. Die Erstanfragen kamen alle zwischen 18 und 24 Uhr. Bei den ersten habe ich noch eifrig um Mitternacht gechattet, aber da man ja auf seine Work-Life-Balance achten muss, bin ich jetzt dazu übergegangen, erst am nächsten Morgen zu antworten oder nur eine schnelle Antwort zu schreiben mit dem Hinweis, dass ich morgen für weitere Fragen zur Verfügung stehe. Es hat sich noch niemand beschwert. Auch einer, der Freitagabend gefragt hat und erst Montagmorgen seine Antwort bekam, war sehr froh, dass er überhaupt so nette Hilfe bekam. Wir sind wirklich nett ;-)

Wir hatten ein bisschen Sorge, dass eine Flut an Nachrichten, auch Quatschnachrichten, über uns hereinbrechen könnte, der wir nicht Herr werden, oder dass die Leute, da wir ja mit einer Telefonnummer arbeiten, uns anrufen. In einem Projektteam von zwei Leuten, die von der Contentproduktion über Social Media-Kommunikation, strategische Weiterentwicklung der Kampagne, Beratung der diakonischen Einrichtungen zur zeitgemäßen Personalgewinnung bis hin zur Berufsberatung, Schuleinsätzen und Messeauftritten alles alleine machen, können wir keinen Callcenter anbieten, in dem jeden Tag hunderte von Anrufen bearbeitet werden. Aber das ist bisher nicht passiert, bis jetzt ist alles gut machbar. Zumal ich die Einsprech-Funktion bei WhatsApp nutze, sodass ich die Nachrichten praktisch diktiere und nicht selber eintippe. Man muss sich von dem Anspruch verabschieden, alles ohne Rechtschreibfehler zu schreiben, obwohl sich das für einen seriösen Arbeitgeber natürlich gehört – aber man weiß ja wie das bei SMS ist: schneller geht es klein geschrieben, die Wörter-Erkennung produziert manchmal wirre Formulierungen, die man aus Versehen abschickt… Etwas anstrengend ist es, die ganzen URLs einzutippen. Denn der Zweck unserer Berufsberatung ist es ja, die Interessenten auf www.soziale-berufe.com zu leiten und dort zu einer Onlinebewerbung bei der Diakonie zu bewegen. Also wird in jeder WhatsApp-Antwort mindestens ein tiefer Link ins Berufeportal empfohlen.

Und tipp mal http://www.soziale-berufe.com/special-mit-hauptschulabschluss-die-sozial-und-pflegeberufe :-)

Sollten Sie auch mal tun, hier wird dargestellt, welche Perspektiven Bewerber mit Hauptschulabschluss haben. Eine Zielgruppe, die leider oftmals unter den Tisch fällt. Klar, in Zeiten des Akademisierungswahns haben Hauptschüler (trotz des ewigen Gejammers um den Fachkräftemangel) kaum noch einen Platz bei Arbeitgebern…

WhatsApp wichtigster Messenger

WhatsApp ist allerdings nicht nur bei dem Projekt der Diakonie ein Thema. Auch bei der Techniker Krankenkasse ist man sich der Bedeutung des Messengers wohl bewusst, wie mir Jürgen Sorg, dort verantwortlich für Social Media Personalmarketing, verraten hat. Tatsächlich scheint WhatsApp ein sinnvoller Kanal für den Dialog zu sein. So zeigt die Studie „Jung und vernetzt“ der BITKOM, dass WhatsApp Facebook mittlerweile den Rang abgelaufen hat: 72 Prozent der 10- bis 18-jährigen Onliner nutzen demnach WhatsApp und 56 Prozent Facebook (was Herr Zuckerberg relativ egal sein dürfte, schließlich hat er sich WhatsApp im Rahmen eines Milliardendeals einverleibt. Ergo Facebook = Whatsapp. Aber das ist eigentlich auch egal). Auf Platz drei der beliebtesten Netzwerke liegt demnach Skype mit 46 Prozent.

Die Top 6 der bei Jugendlichen beliebtesten sozialen Netzwerke - Quelle Bitkom

Auch eine andere Studie bestätigt den Trend. Gefragt nach den wichtigsten Smartphone-Apps, spielen laut JIM-Studie Messenger-Apps für 86 Prozent der Jugendlichen die größte Rolle. Meist handelt es sich hier um WhatsApp (84 Prozent). Für alle, die gerade nur Bahnhof verstehen: Messenger-Apps haben inzwischen die Kommunikation via SMS abgelöst.

Techniker Krankenkasse nutzt WhatsApp zur Kommunikation

Die Nutzung von Social Media spielen vor allem in der „Rückversicherung“ eine Rolle, wie Gespräche mit jugendlichen Berufsanfängern und die Marktforschung zeigen. Jürgen Sorg dazu: „Zu Beginn – also in der Orientierungsphase usw. sind es dann doch eher die persönlichen Kontakte, aber eben schlicht auch Informationssondierung (was gibt es, was passt zu mir etc.). Social Media kommt auch in dieser Phase ins Spiel, aber für die TK setzen wir in der Phase dann doch eher auf simple Maßnahmen wie: Azubis an die Schule, Schulkooperationen, Messe und klar – auch das Social Media Team steht für Anfragen immer zur Verfügung.

Und da sind wir beim Thema: die generellen Orientierungsfragen bekommen wir eh über Facebook und E-Mail (als private Nachrichten). Für die Phase der Kontaktpflege (Bewerber haben einen Vertrag) haben wir zusätzlich eine Facebook-Gruppe eingerichtet, die von uns bespielt wird. ABER hier setzen wir vor allem auch auf die lokal-gesteuerten Netzwerke (wir haben immerhin über 60 Ausbildungsstandorte) und hier kommt WhatsApp dazu. Denn das ist bei den jugendlichen Zielgruppen gelernt und das kennen sie auch aus der Schule. Hier ersetzen WhatsApp-Gruppen zunehmend die Facebook-Gruppen, die gerade auch in der Schule zum Austausch unter Schülern aber eben auch mit Lehrern genutzt werden. D. h. sie vernetzen sich schlicht mit ihren zukünftigen Kollegen und bekommen so „authentische“ Einblicke – ungesteuert durch uns oder andere Führungsinstanzen. Bei WhatsApp steht wenig Strategie dahinter und ich glaube, genau das macht es einfach noch authentischer. Unsere Aufgabe besteht eigentlich nur darin, dazu zu ermuntern, noch mehr in den Austausch zu gehen und hier auch die Führungskräfte über den „Nutzen“ dieses Austauschs zu informieren.“

Was ist mit Ihnen? Wie sind Ihre Erfahrungen? Wer von Ihnen kennt weitere Beispiele über den Einsatz von WhatsApp im Bereich Berufsorientierung oder Personalmarketing?

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