Fachkräftemangel im Handwerk: Die Welt war noch nie so unfertig – lass es den Flüchtling richten

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 10 Minuten.

Manche Schlagzeilen aus den klassischen Medien muss ich einfach aufgreifen. Haben Sie auch davon gelesen? Das Handwerk will nun Flüchtlinge respektive Asylbewerber als Azubis gewinnen, um dem Mythos Fachkräftemangel entgegen zu treten. Stellt sich die Frage, was denn „Das Handwerk“ neben dieser Forderung bisher so tut, um potenzielle Bewerber für eine Ausbildung in über 130 Ausbildungsberufen zu begeistern…

Dieser Frage bin ich natürlich nachgegangen. Grundsätzlich spricht ja nichts gegen die Forderung von Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Dieser hat Erleichterungen und ein begrenztes Bleiberecht für ausbildungswillige junge Flüchtlinge in Deutschland gefordert. „Unter den Flüchtlingen sind sehr viele mit guter Schulbildung, zum Beispiel aus dem Irak und Syrien, und viele, die großes praktisches Geschick haben“, sagte Wollseifer in einem Interview. So weit, so gut. Schließlich sind in diesem Jahr rund 20.000 Stellen im Handwerk unbesetzt geblieben. Da muss man sich was einfallen lassen und neue Zielgruppen erschließen. Schreibe ich ja nicht erst seit gestern, schon in meiner Diplomarbeit hatte ich das kolportiert (allerdings hatte ich die Flüchtlinge seinerzeit noch nicht auf dem Schirm). Bevor man aber mal wieder ins Ausland los zieht und sich dort nach (billigen) Arbeitskräften umsieht, wäre es wohl recht sinnvoll, erst einmal die Hausaufgaben zu machen. Sprich als Handwerksverband oder auch Mitgliedsunternehmen alles Erdenkliche dafür zu tun, sowohl  die Ausbildungsberufe als auch die Ausbildungsbetriebe ins rechte Licht zu rücken. Denn schließlich stehen die Handwerksbetriebe in vielen Berufen in Konkurrenz zu anderen Branchen und Unternehmen.

Die Welt war noch sie unfertig

Und so gibt es derzeit die Kampagne „Die Welt war noch nie so unfertig. Pack mit an.“ All über all auf den Tannenspitzen sah ich goldenen Lichtlein blitzen in der Republik kann

Die Welt war noch nie so unfertig - Gib ihr Stil - Verleih ihr Glanz - Plakatmotive Das Handwerk

bzw. konnte sich  das Auge an Plakaten wie diesen erfreuen

Die Welt war noch nie so unfertig - Plakat Tag des Handwerks

Die Motive erschließen sich mir nicht. Aber das war hier ja auch schon so

Kampagnenmotiv Facility Management - Die Möglichmacher

Wobei, das zweite schon. Klar, der arme Mann hat keine Beine mehr. Da geht es dann wohl um die Handwerker, die Prothesen herstellen. Oder wie oder was? Egal. Parallel dazu lief bzw. läuft dieser Spot in den Kinos bzw. im TV (warum hat den eigentlich niemand für die Goldene Runkelrübe nominiert? Der Platz auf dem Siegertreppchen wäre dem Meisterwerk an Bewegtbildkunst sicher gewesen):

Mit diesem Clip soll Aufmerksamkeit für eine Ausbildung im Handwerk geschaffen werden. Allerdings wird dies erst im Abspann deutlich. Ich habe mir den Clip wieder und wieder angeschaut. Ich bin ehrlich. Auch die Botschaft dieses Films erschließt sich mir in keinster Weise. Nun bin ich nicht unbedingt die Zielgruppe (wobei – hier muss ich direkt mal einhaken: Grundsätzlich ist jeder hier die Zielgruppe. Schließlich geht es darum, für die Ausbildung im Handwerk zu werben. Egal welchen Geschlechts, welcher Rasse und welchen Alters). Daher habe ich ein paar andere Leute angesprochen und Sie gebeten, mir dieses Filmchen zu erklären. Auch hier erntete ich überwiegend irritiertes Kopfschütteln. Schauen Sie ihn sich doch einfach noch mal an:

Klingelt’s jetzt? Für alle, denen es so geht wie mir, so werden freundlicherweise noch weitere komprimierte Kurzversionen dieses Films zur Verfügung gestellt. Das sind „Kuss“

Wasser

und Glas

Ehrlich gesagt, schlauer haben mich diese Sequenzen auch nicht gemacht. Dank Abspann wird klar, dass es um eine Ausbildung im Handwerk geht. Immerhin gibt es dort über 130 Berufsbilder. Was aber die Szenen in dem Film mit einer Ausbildung im Handwerk zu tun haben? Keine Ahnung. Vielleicht geht es wirklich darum, dass junge Menschen  als Handwerker die Welt reparieren, indem sie sich (im wahrsten Sinne des Wortes) kopfüber in die Arbeit stürzen und Straßen reparieren, Frisuren retten, Wasserleitungen abdichten und Stromausfälle beseitigen und schließlich auch noch die Bahn retten, wie einer der Befragten meinte.

Tatsächlich finden sich dann endlich im Making of Aussagen, die erstes Licht ins Dunkel bringen. Holger Schwannecke, in Personalunion Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Handwerkskammertages und Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes Deutsches Handwerk zum Film:

„Handwerk hat unglaublich viel zu bieten. Handwerk hat für junge Menschen hervorragende Zukunftschancen zu bieten, hervorragende Ausbildungen. Das wollen wir zeigen, das wollen wir jungen Menschen zeigen. Dafür drehen wir diesen Film.“

Aha. Der Film soll also zeigen, welch hervorragende Zukunftschancen eine Ausbildung im Handwerk bietet. Hm. Wird mir immer noch nicht klar. Aber auch der Kreativdirektor, der dieses Meisterwerk verbrochen erschaffen hat, kommt zu Wort:

„Das Motto dieser Kampagne ist Pack mit an und die Grundidee ist eigentlich, dass wir Jugendlichen zeigen wollen, dass sie von Chancen umgeben sind, die sie einfach nur ergreifen müssen. Einfach Augen auf, gucken, es gibt überall was zu tun.“

Ach so. Einfach Augen auf. Is klar. Dieser Film soll uns also vor Augen führen, dass wir von Chancen umgeben sind… Mit kommt da gerade eine Idee – wie vielleicht die Aussage zustande gekommen ist, dass doch bitteschön Flüchtlinge als Azubis fürs Handwerk gewonnen werden sollen. Vielleicht hat der Präsident des ZDH den Film einfach zu oft gesehen und davor/danach einen Film wie Blood Diamond, Argo oder Under Fire. Hier sieht man diverse Protagonisten, die vor Terroristen oder Bombenangriffen flüchten. Also ähnlich wie die Darsteller in dem Handwerksfilm. Vielleicht hat der gute Mann dann in der Hauptfigur des Films einen Flüchtling gesehen, der ziellos durch die Straßen rennt. Ich vermute, so war’s. Klar, das war der Vater des Gedankens.

Tipps zur Ansprache der Zielgruppe Flüchtlinge

Vor diesem Hintergrund hätte ich direkt noch ein paar ultimative Tipps für den ZDH, kostenlos und unverbindlich natürlich, wie immer hier im Blog:

Warum Flüchtlinge erst in Deutschland für eine Ausbildung im Handwerk begeistern? Ich kann nur dringend empfehlen, direkt zu den Krisenherden dieser Welt zu gehen und die Zielgruppe dort anzusprechen, wo sie ist. Wie wäre es bspw. damit, Flugblätter mit Ausbildungsangeboten per Helikopter abzuwerfen? Oder direkt in den Flüchtlingslagern ein „Azubi-Casting“ durchzuführen und mit den Ausgewählten eine Art Assessment Center durchzuführen. Bspw. können für die Ausbildung geeignete Flüchtlinge ihr Talent als Dachdecker und Fliesenleger unter Beweis stellen, in dem statt der üblichen Zelte Häuser errichtet werden. Und potenziell geeignete Bewerber für Gas-Wasser-Scheiße-Berufe errichten die Abwasserversorgung. Wie wäre es, deutsche Geschosse (die dort ja durchaus im Einsatz sind) mit QR-Code zu versehen, die dann auf die Website des ZDH verweisen? Und natürlich eine mehrsprachige Variante der Website. Minimum wäre Englisch. Aber natürlich auch Syrisch, Afghanisch und Persisch. Das wäre doch mal der Knaller! Apropos Knaller: Die Fortsetzung des Films könnte dann direkt in einem Krisengebiet erfolgen. Das dürfte auch von den Produktionskosten deutlich günstiger sein. Schließlich müssen da keine Kulissen aufgebaut werden, die gibt’s quasi frei Haus. Ganz zu schweigen von Explosionen und flüchtenden Flüchtlingen. Direkter kann man gar nicht an der Zielgruppe operieren, oder? Nur mal als kleine Anregung für den Präsidenten der Handwerkskammer ;-).

Die Welt war noch nie so unfertig – das gilt auch fürs Ausbildungsmarketing

Wie auch immer. In jedem Falle aber sollte die dort genannte Website Aufschluss über die über 130 Ausbildungsberufe geben und verraten, was der Film respektive die Kampagne aussagen soll. Was sollte also im Fokus einer Seite stehen, die eine Ausbildung im Handwerk schmackhaft machen will und für die ein teuer produziertes Video wirbt? Richtig, die Ausbildung im Handwerk. Schließlich bietet das Handwerk unglaubliche Perspektiven. Wäre es dann also nicht naheliegend, dass „Das Handwerk“ dafür sorgt, eine Website auf die Beine zu stellen, die den hehren Ansprüchen gerecht wird und die Zielgruppe so mit Informationen versorgt, dass sie sich abgeholt und verstanden fühlt? Dass man also ein solides Stück deutscher Handwerks-Kunst abliefert, wenn man so will? Wie das funktionieren kann, macht ja ganz schön die Initiative vom Bäcker-Handwerk vor.

Ich frage mich, warum jemand, der sich für eine Ausbildung im Handwerk interessiert, auf einer Website des Handwerks weniger und weniger ansprechend aufbereitete Informationen findet, als auf einer allgemeinen Website zu Ausbildung. Hier mal zwei Beispiele im direkten Vergleich, zum einen von der Website handwerk.de,

Ausbildung zum Fliesenleger - handwerk.de

zum anderen vom Ausbildungsportal ausbildung.de

Ausbildung zum Fliesenleger - ausbildung.de

Mal ein Tipp: Googeln Sie mal die verschiedenen Ausbildungsberufe im Handwerk. Und jetzt schauen Sie sich mal an, an welcher Stelle da die Handwerks-Seite auftaucht. Wenn Sie denn auftaucht… Auch hier wäre es die Aufgabe des Handwerks, welches ja händeringend auf der Suche nach Nachwuchs ist, sich entsprechend zu positionieren. Sprich alles dafür zu tun, die Ausbildung im Handwerk zugänglich und schmackhaft zu machen. Hier versagt man kläglich. Zudem stelle ich mir die Frage, warum auf einer Website des Handwerks, die Jugendliche für eine Ausbildung im Handwerk begeistern und letztendlich zu einer Bewerbung für einen Ausbildungsplatz im Handwerk animieren soll, nicht mal die entsprechenden Jobs mit den vorgestellten Berufsprofilen verbindet. Wäre doch naheliegend, oder? Klar, ich weiß, so was gibt’s nicht für eine Handvoll Euro, aber glauben Sie mir, so etwas lässt sich für deutlich weniger Budget realisieren, als der aussagelose Ausbildungsanimierfilm des Handwerks.

ZDH-Mitglieder vertun Chancen

Allerdings trifft nicht den ZDH allein die Schuld. Es sind viel mehr die Mitglieder, die unglaubliche Chancen vertun. Schaut man sich die Aktivitäten der Ausbildungsbetriebe an (so es sie denn überhaupt gibt), so ist da noch ganz viel Luft nach oben. Wo wir gerade auf der Seite von ausbildung.de waren – schauen Sie sich mal an, wie viel Handwerksbetriebe dort ihre freien Stellen ausschreiben. Klar, nicht jeder kennt Plattformen wie ausbildung.de, azubiyo oder blicksta. Als Ausbildungsbetrieb sollte man diese aber unbedingt auf dem Schirm haben. Zumindest, wenn man auf der Suche nach heiß begehrten noch heranzuzüchtenden Fachkräften ist.

Aber ohnehin liegt so einiges im Argen. So habe ich mir mal die Mühe gemacht, die aktuell wieder beworbene (aber veraltete) App LeerstellenLehrstellen-Radar herunterzuladen und anzuwenden. Schon alleine die Tatsache, dass man sie im Play-Store nicht einmal unter den Schlagworten Ausbildung und Handwerk findet, spricht Bände. Aber geschenkt. Schaut man sich dann die Einträge der Unternehmen an, so ist es kaum verwunderlich, dass man im Handwerk keinen Nachwuchs findet. Infos über die Ausbildung oder das Unternehmen sind da nämlich (zumindest in meiner Stichprobe für Wiesbaden) Mangelware. Und will man sich dann ggf. weiter informieren und die dort hinterlegten Internetseiten aufrufen, so erwartet einen dort bspw. so etwas. Eine Internetpräsenz, die seit über zehn Jahren in Kürze entsteht (ich frage mich nicht das erste Mal, wie es sein kann, dass viele Handwerksbetriebe keine eigene Website haben. Wie wollen diese Betriebe auf Dauer bestehen?)…

Hier entsteht in Kürze eine neue Internetpräsenz - Infos zu Ausbildung Fehlanzeige

oder aber eine Website, bei der es zwar eine Karriere-Seite gibt – sogar mit Ausbildungsinfos – die den Bewerber dann aber auf andere Seiten wie bspw. die des Handwerks verweist. So liest ein potenzieller Bewerber dann bspw., dass „auf den Seiten der Handwerkskammer sowie auf beroobi.de, der Initiative „Schule ans Netz e.V.“, der Beruf des Metallbauers / der Metallbauerin online und in medial attraktiver Umgebung beschrieben und in der Praxis vorgestellt wird„.

Warum keine Infos über Ausbildungsberufe?

Wo ist das Problem, eine weitere Seite mit entsprechenden Inhalten zur Ausbildung anzulegen und über die Ausbildung im Betrieb zu berichten?

Anstatt nach Flüchtlingen zu rufen, die mit anpacken, sollte „Das Handwerk“ getreu seiner selbst ausgegebenen Parole „Die Welt war noch nie so unfertig“ erst mal selber anpacken. Nämlich seine Maßnahmen rund um Ausbildungsmarketing und Berufsorientierung. Wann lernen Unternehmen und Verbände endlich, dass Sie sich entsprechend verkaufen müssen, um beim Bewerber punkten zu können?

Suche

Personalmarketing- & Recruiting-Jobs für alle!

Jetzt gratis testen!

Social Media Personalmarketing Studie 2016

Social Media Personalmarketing Studie 2016 _Download

Keinen Artikel mehr verpassen?

Kategorien

Arbeitgeber Ausbildungsmarketing Authentizität Bewerber Candidate Experience Dialog employer branding Facebook Fachkräftemangel Karriere-Fanpage Karriere-Page Karriere-Website Karriere-Website-Check kununu Personalmarketing recruiting Social Media Social Media Personalmarketing Stellenanzeige Stellenanzeigen Studie twitter Xing Youtube Zielgruppe

Archive

Die App für HR-Blogs

HR_BloggerBadge Get it on Google Play