„Candy Date“ Experience – Studie zu Bewerbererwartungen zeigt die traurige Realität

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Derzeit ist eine der Säue, die durchs Recruiting-Buzzword-Dorf getrieben werden, der Begriff der Candidate Experience. Es geht hierbei um die Erfahrungen, die ein Kandidat vom ersten Kontakt bis zur Einstellung (bzw. darüber hinaus) mit dem Unternehmen während seiner Bewerbungsphase sammelt. Und hier, so hatte ich das unlängst formuliert, sollte dem Bewerber natürlich ein möglichst positives Erlebnis geboten werden – das von mir postulierte „Candy Date„. Dass dieses beileibe eben in den seltensten Fällen so ist, sagt einem nicht nur das Bauchgefühl, nein auch die Spatzen pfeifen dies gut gelaunt von den Dächern ignoranter Arbeitgeber. Nun sind Bauchgefühl und Spatzen ja das eine – schön wäre es doch, wenn eine Studie dies entsprechend untermauern könnte. Bzw. noch schöner wäre es, wenn Spatzen und Bauch uns all die Jahre getäuscht hätten. Wie ist es also wirklich bestellt mit der Wertschätzung der Arbeitgeber gegenüber Bewerbern?

Viel ist schon über die mangelnde Wertschätzung der Arbeitgeber gegenüber den (vermeintlich bittstellenden) Bewerber geschrieben worden. Besonders erschreckende Beispiele gab es hier u. a. von Henrik Zaborowski oder von Robindro Ullah, der in seinem Artikel „The Real Candidate Experience – wenn man Kandidaten zu Wort kommen lässt, wird’s plötzlich dunkel“ einen Bewerber zu Wort kommen lässt. Natürlich sind dies nur traurige, nicht repräsentative Einzelfälle. Oder haben Sie was anderes erwartet?

Nun, hier könnte man jetzt irgendeins der jetzt so populären Orakel befragen. Das wiederum wäre wahrscheinlich nicht wirklich zielführend. Viel zielführender wäre es doch, einmal die Zielgruppe zu Wort kommen zu lassen. Und genau das hat das Marktforschungsinstitut YouGov im Auftrag der Job-Matching Plattform TalentsConnect gemacht. Die ermittelten Daten wurden letzten Monat unter 1.055 Teilnehmern mittels Online-Befragung erhoben. Die Ergebnisse sind gewichtet und repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

Wie mir Christian Brand – bei TalentsConnect zuständig für PR und Öffentlichkeitsarbeit – verraten hat, wollte man es endlich mal ganz genau wissen: „Sind die Menschen wirklich so unzufrieden mit den heutigen Bewerbungsprozessen oder ist das nur unsere eigene Wahrnehmung?“ Leider  bestätigen die Ergebnisse tatsächlich genau das, was man bei der Job-Plattform mit dem ausgeklügelten Matching-Algorithmus schon lange vermutet hat.

Informationsgehalt in Stellenanzeigen eher schlecht

So investiert der Großteil der Bewerber (51 Prozent) ein bis drei Stunden in die Bewerbung. Und auf Personalerseite? Mal gerade fünf Minuten nimmt man sich zum Sichten einer Bewerbung. Wenn überhaupt. Wobei es den Bewerbern schon im ersten Schritt nicht leicht gemacht wird. Denn bereits die Stellenanzeigen selbst stellen eine erste Herausforderung dar. Diese sind nämlich alles andere als überzeugend. Das kann ich nur bestätigen: Gerade in der letzten Woche sind mir zwei Stellenanzeigen untergekommen, die einen wirklich an den Kompetenzen so mancher Personaler zweifeln lassen. Denn seien wir doch mal ehrlich: Zumindest die Basics für das Verfassen einer Stellenanzeige sind keine Raketenwissenschaft. Dass z. B.  der Arbeitgeber vorgestellt werden muss, damit sich der Bewerber einen allerersten Eindruck von seinem künftigen Brötchengeber machen kann, sollte klar sein, oder? Und dass man ferner darlegt, warum man sich denn nun gerade hier und nirgends anders bewerben sollte, auch. Ein Ansprechpartner für Rückfragen gehört auch dazu. Und die Firmenadresse sowieso. Ganz zu schweigen von der Nennung bzw. Verlinkung der Karriere-Website. Auf das Aufgaben- und Anforderungsprofil und andere Aspekte will ich jetzt gar nicht eingehen. Ich verweise an dieser Stelle lieber auf das großartige Buch „Stellenanzeigen wirksam und erfolgreich formulieren„. Ein Standardwerk, welches m. E. in keiner Personalerbibliothek fehlen sollte!

Und wie gesagt, das Ganze ist keine Raketenwissenschaft und auch nichts Neues. Dachte ich zumindest. Ich habe mich aber wohl geirrt. Denn die Studienergebnisse zeigen schonungslos die traurige Wirklichkeit. Wirklich überzeugend fanden nur 3 Prozent der Befragten den Informationsgehalt von Stellenanzeigen. Die große Mehrheit (42 Prozent) beurteilen den Informationsgehalt als meist schlecht bzw. meist eher schlecht.

Negative Candidate Experience: Schon der Informationsgehalt von Stellenanzeigen ist eher schlecht - Datenquelle: TalentsConnect

Neu ist das an sich nicht, auch eine andere Untersuchung war seinerzeit zu dem Schluss gekommen, dass bei Stellenanzeigen noch verdammt viel Luft nach oben ist. Da frage ich mich des Öfteren Haare raufend: Wollen die Personaler nicht oder können sie es wirklich nicht? Sind sie gar alle scharf auf die Goldene Runkelrübe?

Denkbar schlechte Voraussetzungen also für einen reibungslosen Bewerbungsprozess. Und in der Tat geht es munter weiter so. So erwartet nämlich der Großteil der Bewerber (das hat mich allerdings selber total überrascht), eine Rückmeldung per Post (45 Prozent)! Die E-Mail steht mit 39 Prozent erst an zweiter Stelle. Keine Rolle spielen übrigens Benachrichtigungen per SMS. Aber noch mal zurück zum Post-Thema. Ich persönlich habe mich ausschließlich online beworben. Da erwarte ich dann eine Rückmeldung per Mail – klar, oder? Unvergessen der Fall, wo ich mich als Online-Marketing Manager beworben hatte (natürlich online), den Zwischenbescheid dann aber per Post bekam. Und das beste: Meine online eingereichten Bewerbungsunterlagen bekam ich dann ausgedruckt (!) zu „unserer Entlastung“ zurück. Ach, was habe ich gelacht, damals. Nun, sei es drum.

Rückmeldungskanäle auf Bewerbungen

Kaum Rückmeldung auf Bewerbungen

Bleiben wir bei der Rückmeldung. Und schauen uns mal an, innerhalb welcher Zeit die Unternehmen denn Feedback geben (damit ist jetzt nicht die Eingangsbestätigung gemeint, sondern der Zwischenbescheid oder eine Einladung). Und das zeigt ein weiteres Mal, dass eine positive Candidate Experience eher die Ausnahme als die Regel darstellt (leider):

Dauer bis zur Rückmeldung auf eine Bewerbung

In weniger als einer Woche erhielten nur sechs Prozent der Befragten eine Rückmeldung. 30 Prozent warten drei bis vier Wochen. Andere sogar länger. Und 5 Prozent der Befragten erhielten gar keine Rückmeldung. Und wenn wir uns jetzt noch anschauen, wie oft Bewerber keine Rückmeldung auf Ihre Bewerbung bekommen haben, trägt das auch nicht zur Stimmungsaufhellung bei. Im Gegenteil. Das ist skandalös!

Negative Candidate Experience: Keine Rückmeldung auf Bewerbung - Quelle: TalentsConnect

Geht man so mit seinen Bewerbern um? „Da investieren die Leute etliche Stunden in eine Bewerbung und erhalten nicht mal mehr eine Reaktion“, so Christian Brand. „Die Ergebnisse der Umfrage bestärken uns jetzt darin, dass wir mit Talents Connect auf dem richtigen Weg sind.“ Tatsächlich braucht es dort im Schnitt drei Tage bis zu einer finalen Rückmeldung, wie TalentsConnect-CEO Robin Sudermann in diesem Videobeitrag erklärt.

Wenn ich noch einmal das Wort Fachkräftemangel lese oder höre! Abgesehen davon, dass das Ganze ohnehin ein Mythos ist, ist es einfach unverantwortlich, wie man da mit dem potenziellen Nachwuchs umspringt! Alle ab ins Personaler-Bootcamp!!!

Ich selber kann mich noch an meine letzten Bewerbungen erinnern. Eine davon war die als Spezialist Online-Marketing/SEO für eine norddeutsche Personalmarketing-Agentur. Abgesehen davon, dass schon der Stellentitel nur im Ansatz umschrieb, worum es eigentlich ging, spiegelt auch das Verhalten des Unternehmens sehr schön die Studienergebnisse wieder. So gab es bspw. ein Problem mit dem E-Recruiting-Tool. Aus welchem Grund auch immer, war ein Hochladen der Bewerbungsunterlagen nicht möglich. Alles mögliche habe ich versucht, dann irgendwann entnervt im Unternehmen angerufen und freundlich angefragt, ob es evtl. und unter Umständen sein könnte, dass irgendwas mit dem E-Recruiting-System nicht in Ordnung sei. Natürlich war alles in Ordnung. Der dumme Bewerber war selbstverständlich einfach zu blöd, das Tool zu bedienen. Ich habe es dann mehrfach versucht, bspw. in dem ich die Unterlagen von der Datenmenge von 3 auf 2 MB reduziert habe etc. Hat alles nicht gefruchtet. Daraufhin habe ich meine Bewerbung dann per E-Mail abgeschickt (das war zwar grundsätzlich möglich, aber nicht erwünscht) und in dieser E-Mail noch mal dargelegt, warum ich mich per Mail und nicht per Online-Formular beworben habe. Tatsächlich ist meine Bewerbung dann wohl irgendwie im Unternehmen eingegangen. Denn immerhin eine Woche später (!) bekam ich eine Eingangsbestätigung mit folgendem Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Knabenreich,
wir bedanken uns für die Übermittlung Ihrer Unterlagen über unsere Homepage und Ihr damit ausgedrücktes Interesse für die ausgeschriebene Position. Wir dürfen Sie zunächst um etwas Geduld bitten. Sobald wir Ihre Unterlagen geprüft haben, werden wir Ihnen einen weiteren Bescheid zukommen lassen.
Mit freundlichen Grüßen“

Das war 2010. Offensichtlich prüft man bei Dr. Schmidt & Partner immer noch. Zumindest habe ich seitdem nichts mehr gehört. Aber dieweil ich ja weiß, dass die Damen und Herren meinen Blog begierig verfolgen, wird man sich jetzt vielleicht an mich erinnern und mir einen weiteren Bescheid zukommen lassen. Worauf ich natürlich dankend verzichte. Natürlich ist der Zug dann lange abgefahren. Denn natürlich warten Bewerber nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag. Vielmehr entscheiden sie sich dann für den Arbeitgeber, der Ihnen die angemessene Wertschätzung und eine positive Candidate Experience vermittelt.

Der komplette Ergebnisband ist übrigens auf Anfrage bei Christian Brand über die Mail christian@talentsconnect.com erhältlich.

Mir bleibt abschließend nur eins zu sagen: Deutschland mag Weltmeister im Fußball sein. In Sachen Personalmarketing hätten wir es wahrscheinlich nicht mal ins Achtelfinale geschafft. Und vom Weltmeister der Herzen sind wir auch noch meilenweit entfernt. Also, kümmern Sie sich um Ihre Stellenanzeigen und um Ihren Recruitingprozess. Dann klappt’s auch mit dem Bewerber!

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