Hausgemachter Fachkräftemangel: Spanier sind auch keine Lösung!

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 9 Minuten.

Es ist schon unglaublich. Alle Welt redet vom Fachkräftemangel. Ja, man hat förmlich den Eindruck, dass sich die Unternehmen ihn herbei reden. Nur um eine Ausrede zu haben, dass es irgendwie nicht so richtig klappen will mit dem Bewerber. Und weil man lieber auf Patentrezepte hofft, als sich selbst was einfallen zu lassen. Dabei reicht es oftmals aus, die herkömmlichen Wege zu beschreiten. Aber nein, weil man da zu bequem ist, fällt man lieber auf die EU-Politik rein und beschafft sich die Fachkräfte aus Spanien. Oder sonst wo, wo gerade massive Arbeitslosigkeit herrscht. Warum das der falsche Weg ist?

Gerade stand es wieder zu lesen, diesmal in der FAZ. Da geht ein findiger Mittelständler aus dem Osten nach Spanien, um seine Vakanzen zu besetzen.

Fachkräftemangel-Artikel in der FAZ - Quelle FAZ

Ich stelle mir die Frage warum. Haben wir hier in Deutschland nicht genügend Fachkräfte? Niemand hat gesagt, dass es einfach ist, gutes Personal zu bekommen. Das merkt man schon bei diversen Gastronomiebesuchen am eigenen Leib. Ich frage mich, warum Unternehmen nicht die Potenziale ausschöpfen und vor der eigenen Tür kehren, wenn es um die Suche nach Fachpersonal geht. Und man diese lieber ins Ausland verlegt. Ohne Frage – es ist reizvoller, einen Trip nach Madrid zu machen, die Altstadt und Land und Leute zu erkunden und das Ganze dann noch mit ein paar Vorstellungsgesprächen zu verknüpfen. Besser als jedes Vorstellungsgespräch im heimischen Personalbüro. Das kann ich vollkommen verstehen. Ich würde es wohl genau so machen. Und überlegen Sie mal, wie billig die ausländischen Fachkräfte zu haben sind. Nehmen Sie bspw. Programmierer. Die kriegen Sie da für nen Appel und nen Ei. Und die können sogar von dort aus arbeiten. Den müssen sie nicht mal einen Arbeitsplatz einrichten. Sa-gen-haft, oder?

Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah

Das ist natürlich Kokolores. Wer jetzt glaubt, ich betriebe EU- oder Spanien-Bashing, der irrt. Immerhin darf ich selbst in ein paar Wochen eine Spanierin zur Familie zählen. Denn da geht’s auf Hochzeit in die Nähe von Bilbao. Mir geht es vielmehr darum, darauf hinzuweisen, welche Gefahren drohen, wenn man sich ausschließlich auf den Arbeitsmarkt in Spanien konzentriert. Dazu aber später. Primär geht es mir natürlich darum, aufzuzeigen, dass man doch erst einmal schauen soll, ob der begehrte Nachwuchs nicht doch eher hier (meint Deutschland) zu finden ist. Und man der hiesigen Wirtschaft auf die Sprünge hilft.

Unter der Überschrift „Warum Jésus jetzt in Sachsen arbeitet“ heißt es: „Was macht ein sächsischer Unternehmer, der keine Mitarbeiter mehr findet?“ Und weiter: „Er stellt junge Spanier ein und kümmert sich um deren Integration„. Toll, oder? Auf Deutsch heißt das: Er geht lieber den bequemen Weg, erspart sich eine langfristige Personalbeschaffungs-Strategie und fliegt lieber in die Sonne. Und anstatt seinen Beitrag zur Integration hier zu leisten, in dem er vielleicht nicht ganz so sozial oder fachlich kompetenten Mitarbeitern eine Chance bietet, spendiert er seinen spanischen Mitarbeitern lieber Sprachkurse etc. Besonders nachhaltig ist das nicht.

Wie der Unternehmenschef zu berichten weiß, war Fachkräftemangel vor zwanzig Jahren kein Thema für ihn. Eher das Gegenteil war der Fall: Auf jede ausgeschriebene Stelle flatterten 20 bis 30 Bewerbungen ins Unternehmen. Und heute? Heute ist es mitunter nur eine. „Das brachte den Wachstumskurs des Unternehmens, das auf die mechanische Bearbeitung von Edelstahl in Klein- und Mittelserien spezialisiert ist, ernsthaft in Gefahr„. Immer schwieriger wurde es für das Unternehmen, Mitarbeiter zu finden. Weiter heißt es:

„Wenn es bei der Erfolgsgeschichte bleiben sollte, mussten neue Wege in der Rekrutierung von neuen Mitarbeitern beschritten werden.“

Auch von den Standortnachteilen ist die Rede. Zwar ist der Unternehmensstandort nur gut 20 Kilometer von Dresden entfernt, trotzdem quälen den Mittelstand die niedrigen Geburtenraten der neunziger Jahre und eine trotz der Nähe zu Dresden sehr ländliche Struktur die Bemühungen in puncto Personalbeschaffung.

Was macht man also? Man macht es sich einfach und geht nach Spanien. Und findet prompt sieben bereitwillige Mitarbeiter. „Inserate im Internet, Reisen nach Spanien und Bewerbungsgespräche, Hilfe zur Wohnungssuche, Dolmetscherin und Sprachkurse – seine Kosten dafür veranschlagt der findige Geschäftsführer auf 30.000 bis 40.000 Euro.“ Immerhin hat sich die Investition gelohnt: Die Kollegen wurden unbefristet übernommen.

Arbeitgeberpositionierung? Fehlanzeige.

So weit, so gut. Stellt sich mir die Frage, was das Unternehmen denn bis dato unternommen hat, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Inwieweit man dort die „Mauern eingerissen“ und um die Bewerber gebalzt hat. Denn anstatt nach Spanien zu jetten, wäre es ja durchaus auch möglich gewesen, in Deutschland Bewerbungsgespräche zu führen. Klar, Bewerbungsgespräche in Gummersbach, Bad Salzuflen oder auch Frankfurt zu führen, ist natürlich nicht so sexy. Aber schaut man sich den hiesigen Arbeitsmarkt und seine Möglichkeiten so an, ich denke mir, auch da wäre das Unternehmen fündig geworden. Als Außenstehender beurteilt sich so etwas natürlich immer recht leicht. Aber was man da an Bemühungen des Unternehmens sieht, ist durchaus ausbaufähig. Und das schauen wir uns jetzt mal an:

Das Unternehmen beschäftigt derzeit 96 Mitarbeiter. Sechs davon sind Auszubildende. Das ist schon mal der richtige Weg, denn was gibt es besseres, als seine Fachkräfte von morgen selber großzuziehen. Schaut man aber auf die „Karriere-Website“ (etwas in der Art gibt es nämlich tatsächlich – oder sagen wir so: es gibt einen Karriere-Button), so findet man da – na? Sie haben richtig geraten: Null Infos für Schüler respektive Azubis.

Nun gut, wir wollen nicht kleinlich sein. Schließlich sucht das Unternehmen gut ausgebildete Fachkräfte (die es ja in Spanien findet). Jetzt nähmen wir mal an – rein hypothetisch natürlich – es würde jemand aus welchem Grunde auch immer auf das Unternehmen aufmerksam werden. Er geht auf die Homepage, klickt auf Karriere und findet – was?

Stellenangebote bei SPS Schiekel

Eine Übersicht über die ausgeschriebenen Jobs. Man beachte auch die Aktualität der Ausschreibungen. Infos zum Arbeitgeber? Fehlanzeige. Infos zum Standort? Fehlanzeige. Infos zu den Perspektiven? Fehlanzeige. Infos zu den Benefits? Fehlanzeige.

Klar, nun kann man daher gehen und jammern, dass die Politik nicht hilft. Was der Unternehmer ja auch tut. So ist also von den Behörden keine Hilfe zu erwarten. Neulich las ich in dem Zusammenhang, dass die Hessischen Unternehmen mehr Unterstützung von den Schulen erwarten, wenn es um das Thema Berufsorientierung geht. Über die Hälfte der Unternehmen sehen demnach Schulen als wichtigen Akteur, um Jugendliche frühzeitig über mögliche Karrierewege zu informieren und damit spätere Ausbildungs- oder Studienabbrüche zu verhindern. Gut gebrüllt, Löwe. Klar, Berufsorientierung sollte ein elementarer Bestandteil des Unterrichts ein, da bin ich voll dabei. Aber wie wäre es, liebe Unternehmen, wenn ihr selber mal das Zepter in die Hand nehmen würdet? Ihr braucht den Nachwuchs. Ergo müsst ihr was tun. Und das könnt ihr. Ihr müsst nur wollen. Detaillierte Informationen, zur Ausbildung und dem, was ein Bewerber bei euch im Unternehmen erwartet, sind also eure Pflicht. Eure. Nicht die der Politik. Oder der Schulen.

Offensichtlich will man das auch in obigen Beispiel nicht. Das Zepter in die Hand nehmen. Und so findet der potenzielle Bewerber eben auch keine Informationen. Und wenn ich dann lese, man habe ein Standortproblem… Das Unternehmen sitzt in der Nähe von Dresden – klar, auf dem platten Land.

Aber mit S-Bahn-Anschluss. Eine Fahrt dauert 20 Minuten. Zu Fuß sind es dann noch mal gut 15 Minuten. Mit dem Auto sind es sogar nur 15 Minuten (jeweils gerechnet vom Hauptbahnhof). Das Unternehmen liegt in einer ruhigen Region, wo andere Leute ihren Urlaub verbringen. Wie also wäre es, wenn SPS ein wenig Werbung für den Standort machen würde? Auf die hervorragende Infrastruktur aufmerksam machen würde? Auf die Nähe zu Dresden und der Sächsischen Schweiz hinweisen würde? Ein Jobticket zur Verfügung stellen würde? Sich als attraktiven Arbeitgeber positionieren würde? Oder Hilfe zur Wohnungssuche nicht nur Spaniern, sondern auch Ham- oder Coburgern gewähren würde?

Oder, um es mit den Worten von „Mr. Mythos“ Martin Gaedt auszudrücken, der in seinem Buch „Mythos Fachkräftemangel“ Unternehmen die Leviten liest und Politiker aus dem Dornröschenschlaf holt:

„Wenn Bewerber, die explizit am Studienort bleiben möchten, wegziehen mit dem Argument „hier gibt’s ja nichts“ , dann würde ich als Unternehmen auf Personalsuche ganz laut schreien: Aber wir sind doch da? Kommt zu uns!“ So lange, bis mich jeder kennt. Tun die Unternehmen das? Noch nicht.“

Recht hat er. Und so belegt ja auch die neueste Ausgabe des nationalen Bildungsberichts, dass der Fachkräftemangel hausgemacht ist. Die Zutaten dabei sind vielfältig, wie dieses praktische Beispiel zeigt. Dann noch eine Sache. In Spanien hat man Stelleninserate geschaltet. Und in Deutschland? Offenbar auf Stepstone, zumindest findet sich da was bei Google. Ansonsten? Findet man da bspw. so etwas:

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Das dann wiederum auf dem Portal sz-jobs.de, eine Stellenplattform der Sächsischen Zeitung. Im Übrigen in Kooperation mit stellenanzeigen.de. Schade, dass man das Stellenangebot dort wiederum nicht findet. Und schade auch, dass man ansonsten keinerlei Stellenanzeigen (online) schaltet. Und schade, dass man die Stellenanzeige nur als Bild findet. Das bedeutet dann nämlich, dass die Stellenanzeige für Google nicht auffindbar ist. Aber eine Personalvermittlung hat man eingeschaltet. Die wiederum nutzt dann exakt den gleichen Stellenanzeigentext wie auf der Website auch. Und schaltet dann bspw. auf dem Portal berlin.de. Ob das zielführend ist? Allein die Stellenanzeige müsste einmal inhaltlich gepimpt werden.

Stellenangebot Einsteller CNC-Drehen

Die Spanienfalle

So viel dazu. Es wäre also entscheidend, erst einmal hier alle Suchwege auszuloten, bevor man den Blick nach Spanien wirft. Aber das wäre ja zu aufwendig. Ich verstehe nicht, warum Unternehmen so handeln.

Denn abgesehen von den aufgeführten Punkten darf man auch eine Tatsache nicht aus den Augen verlieren. Klar, freuen sich die jungen Spanier, wenn sie hier in Deutschland eine Chance bekommen. Aber erstens werden diese schneller als ein neuer Papst gewählt wird, zurück in der Heimat sein. Und zweitens macht der demografische Wandel auch vor Spanien nicht halt. Und wird es dort nicht ewig so mit der maroden Wirtschaft weitergehen. Ergo werden die Fachkräfte in Spanien selber benötigt. Und spätestens dann schauen die deutschen Unternehmen wieder in die Röhre. Und wenn sie nicht gestorben sind, klagen sie dann weiter über den Fachkräftemangel…

Wenn Sie dem Fachkräftemangel also ein Schnippchen schlagen wollen, so empfehle ich Knabenreichs ultimative Tipps gegen den Fachkräftemangel. Da ist für jeden was dabei ;-)

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