Null Bock auf Facebook? Von Jesus und an der Zielgruppe vorbeigehendem Ausbildungsmarketing.

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 8 Minuten.

Ein Engagement auf Facebook ist ja sone Sache. Da ist einmal die Plattform selber, die es sich und auch dem Personaler zunehmend schwerer macht. Das Einrichten einer Facebook-Karriere respektive Ausbildungsseite ist rubbeldikatz erledigt. Das an sich ist kein Kunststück. Das kann sogar mein dreizehnjähriger Nachbar (schreibe ich jetzt einfach mal, ohne das verifiziert zu haben). Aber damit ist es ja nicht getan. Im Gegenteil. Da fängt es erst richtig an. Aber weiß die Zielgruppe dieses Engagement in Sachen Ausbildungsmarketing und (potenzieller) Berufsorientierung überhaupt zu schätzen? Schaun mer mal…

Es ist eigentlich unglaublich. 2008 tummelten sich die ersten Arbeitgeber mit einer Karriereseite auf Facebook. Irgendwann entdeckte man dann auch die Möglichkeiten, eine reine Ausbildungsseite dort einzurichten. Macht ja auch Sinn, dachte (und denkt) sich der eine oder andere. Schließlich ist meine Zielgruppe ja auf Facebook. Also muss ich da sein, wo meine Zielgruppe ist. Wo man sie nun nicht mehr bei SchülerVZ antrifft. Und alle abwandern. Lassen Sie uns mal eine kurze Rechnung anstellen: 26.000.000 „aktive“ Nutzer hat Facebook mittlerweile in Deutschland (nach einem kurzzeitigen Nutzerrückgang sind die Zahlen wieder gestiegen) 38 Prozent davon im Alter von 13 bis 24 Jahren. 38 Prozent von 26.000.000 ergibt 9.880.000 potenzielle Zielpersonen meiner Ausbildungsmarketing-Botschaften. Das ist doch der Hammer! Einfacher und schneller können Sie Ihre Zielgruppe nicht erreichen. Ehrlich! Sie brauchen UNBEDINGT so eine Facebook-Seite. Es geht nicht ohne!!! Die Generation Y ERWARTET das von Ihnen! Hören Sie auf der Stelle auf, diesen Artikel zu lesen und handeln Sie!!!!

Hm. Sie sind ja immer noch da. Gute Entscheidung. Denn ganz so einfach ist es nicht. Richtig ist, ja, da sind knapp 10.000.ooo User, die der Zielgruppe entsprechen (zumindest vom Alter, was schon einmal die erste Einschränkung wäre. Denn wissen Sie eigentlich wirklich, wen Sie als Zielgruppe erreichen wollen? Ganz sicher? Schon mal so richtig Gedanken darüber gemacht? Bspw. über den Schulabschluss, ob Sie lokal oder regional suchen und für welches Berufsbild etc.?). Richtig ist auch, dass eine Facebook-Seite selbst durch einen minderbemittelten Minderjährigen einzurichten ist. Dann hört es aber auch schon auf.

Es ist nicht damit getan, eine Facebook-Seite einzurichten. Sie wollen ja auch, dass man diese kennt. Oder ist Ihnen das egal? Und das stellt schon eine erste Herausforderung dar. Für Sie natürlich nicht, Sie gehen auf eBay und kaufen oder ersteigern welche. Oder machen ein tolles Gewinnspiel, ich weiß. Aber vergessen Sie diese Fans. Die bringen Ihnen außer einem möglichen Social-Media-Schwanzvergleich in Summe nichts. Communitybuilding, wie es so schön neudeutsch heißt, sollte nachhaltig erfolgen. Das ist genau wie mit den Bewerbern. Sie wollen nicht möglichst viele, sondern die passenden. Gut, ich weiß, auch da gibt es viele, die mit der Höhe der Bewerbungen prahlen. Ungeachtet der Tatsache, dass die meisten für die Tonne sind. Aber so ist das leider in der Szene (natürlich nicht bei allen, ich weiß): Höher, schneller, weiter. Aber bedenken Sie, in Anlehnung an Fanta4: „Ich schätze, bin ein bisschen hochgeflogen, ungelogen, Und hab mich dabei selbst betrogen.“ Worauf ich hinaus will: Der Aufbau von Fans meiner Zielgruppe geht nicht von heute auf morgen, das dauert seine Zeit. Haben Sie die?

Jesus und seine Jünger

Dann ist es ja nicht damit getan, dass Sie eine Seite einrichten und Fans um sich scharen wie einst  Jesus seine Jünger. Die Jünger, hoppla, die Fans wollen auch bespaßt werden. Sie müssen einen Mehrwert bieten. Glauben Sie, die Jünger Jesus (vorausgesetzt, es hat ihn wirklich gegeben) wären ihm gefolgt, wenn er ihnen nichts geboten hätte? (Notiz am Rande: Der Begriff Jünger übersetzt das griechische Wort mathetai, das wörtlich Lehrlinge heißt. Jaha. Christliches Ausbildungsmarketing wenn Sie so wollen.)

Jesus im Kreis seiner Jünger - © fotofrank - Fotolia.com

Auch Jesus brauchte Überzeugungskraft und Zeit, die richtige Truppe um sich zu versammeln. Und er musste sie stets bei Laune halten. So wie Sie die Fans. Stellen Sie sich also die Frage, ob Sie den Mehrwert bieten können und über Inhalte verfügen, die der Zielgruppe schmecken. Auch sollten Sie natürlich die Mechanismen von Facebook verstehen. Kommen Sie nicht auf die Idee, eine Seite einzurichten, wenn Sie vorher nicht selber aktiv auf Facebook waren. Das wird nüscht.

Aber ich weiß ja, Sie lesen mein Blog. Vielleicht nicht von Anfang an. Aber den einen oder anderen Artikel zu Ausbildungsmarketing auf Facebook haben Sie mit Sicherheit schon gelesen, auch weil Sie über Google hier gelandet sind. Oder Sie haben mein auf allfacebook.de veröffentlichtes Whitepaper gelesen. Sie kennen also die Klippen, die Sie umschiffen müssen. Man kann Ihnen nichts vormachen. Sie investieren jede Menge Zeit, Hirnschmalz und Ressourcen, unter Umständen vernachlässigen Sie dabei die Basics, sprich die Gestaltung Ihrer Stellenanzeigen, die Karriere-Website, den persönlichen Kontakt zur Zielgruppe in Schulen und auf Messen, aber hey, dafür läuft Ihre Ausbildungsseite wie geschnitten Brot. Aber so was von.

Ausbildungsmarketing an der Zielgruppe vorbei?

Schön und gut. Aber was sagt eigentlich die Zielgruppe dazu? Weiß die Ihr Engagement zu schätzen? Mit Sicherheit der ein oder andere, wenn er Sie entdeckt und für likens- und dauerhaft folgenswert erachtet hat. Und vielleicht sogar in den Dialog mit Ihnen tritt (so zumindest das Wunschdenken vieler, eingeschlossen meine Person). Aber welche Bedeutung hat denn nun dieses Engagement für all die Jugendlichen, die Sie da so heiß umwerben? Dazu gibt es gerade ganz aktuell zwei sehr interessante Studien. Eine, die sich mit der Bedeutung verschiedener Maßnahmen in Bezug auf die Berufsorientierung bei Schülern beschäftigt, die andere die im zweiten Jahr durchgeführte Personalstudie – Azubi-Recruiting Trends aus dem Hause U-Form. Und ich darf Ihnen schon gleich sagen: Es wird Ihnen nicht schmecken, was Sie da lesen…

Die StrimGroup/CyTRAP befragte 698 Schüler in Deutschland, wie sie einen Ausbildungsplatz suchen und ob die Azubi-Seite auf Facebook ihnen bei der Berufsorientierung hilft. Das Ergebnis:

Azubimarketing - Facebook spielt in der Berufsorientierung keine Rolle

An erster Stelle steht bei Schülern das gute alte Arbeitsamt. Gefolgt von Google, klar, wie soll man sonst an Informationen über Ausbildungsbetriebe kommen? In der Gunst auch weit vorne die Unternehmenswebsite mit Ausbildungsinformationen oder der Ausbildungsblog. Umso wichtiger also, die entsprechenden Informationen auch auf der (Karriere-)Website bereitzustellen. Weit abgeschlagen, quasi unter ferner liefen, aber liegen die Azubiseiten auf Facebook. Überrascht?

Ich ehrlich gesagt nicht. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Was hat denn einer der Spezialisten für Lehrsysteme für Auszubildende in seiner Azubi-Recruiting-Studie herausgefunden? Die Personalstudie „Azubi-­‐Recruitingtrends 2013” der u-­‐form Testsysteme GmbH & Co. KG wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Daniela Eisele von der Hochschule Heilbronn und dem Ausbildungsportal azubister.net unter 714 Schülern/Azubis erhoben. Lassen Sie es mich vorweg nehmen, bevor Ihnen nachfolgende Grafik die schonungslose Realität vor Augen führt: Facebook spielt in Sachen Berufsorientierung keine Rolle. Das ist hart, ich weiß.

Informationsquellen für die Berufsorientierung - Azubi-Recruitingtrends

Ganz weit vorn liegen hier die Karriere-Website, auf der hoffentlich! Infos über die Ausbildung bereitgestellt werden. Nicht nur lieblos und rudimentär, sondern umfangreich aufbereitet wie beispielsweise hier. An zweiter Stelle liegt der „persönliche Rat“ von Eltern und Lehrer. Wichtige Multiplikatoren, die bei sehr vielen Engagements leider nicht berücksichtigt werden. Auch auf die Karriere-Website gehören solche Informationen – schön umgesetzt bspw. hier oder hier.

Ganz weit abgeschlagen auch hier: Facebook.

Lohnt ein Engagement auf Facebook?

So. Und nun? Macht sich Ernüchterung breit. Daher mein dringender Appell:

Überlegen Sie sich gut, ob sich das Engagement auf Facebook lohnt. Machen Sie sich Gedanken darüber, ob Sie die Zielgruppe dort überhaupt erreichen. Und wenn Sie sie erreichen, wie Sie sie für sie begeistern können. Prüfen Sie,

  • ob die Unternehmenskultur einen glaubhaften Auftritt möglich macht,
  • ob das notwendige Know-how im Umgang mit Facebook vorhanden ist,
  • ob Sie ausreichend Ressourcen zur Verfügung haben: Personal, Zeit, Inhalt,
  • ob Sie Inhalte spielen können, die Ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten und Sie es verstehen, Ihre Zielgruppe abzuholen.

Außerdem sollten Sie unbedingt über zwei wesentliche Dinge verfügen:

  • Herzblut,
  • einen langen Atem
  • eine gehörige Portion Empathie!

Und vor allem: Machen Sie Ihre Hausaufgaben. Kümmern Sie sich um Ihr „Standard-Handwerkszeug“ und nutzen Sie alle Potenziale: Persönliche Kontakte in Schulen und auf Messen, Stellenanzeigen, Karriere-Website, Ihre Mitarbeiter/Azubis als „Arbeitgeber-Botschafter“.

Bedenken Sie, dass Facebook es Ihnen zunehmend schwerer macht. Facebook will Geld verdienen. Ergo müssen Sie zunehmend Energie aufwenden, damit Ihre Botschaft dort Ihre Zielgrupppe erreicht (Stichwort Edgerank). Wenn Sie Geld in die Hand nehmen, verspricht Ihnen Facebook, dass die Botschaft eher Ihr Ziel erreichen wird (sagen wir so: es wird zumindest in Aussicht gestellt). Facebook ist und bleibt ein geschlossenes Netzwerk. Nur wer drin ist, darf mitspielen. Will sagen: bekommt Ihre Aktivitäten mit. Alle anderen müssen draußen bleiben. Facebook-Inhalte spielen keine Rolle für Google. Und über Google kriegen Sie sie (fast) alle. Zumindest, wenn Sie Ihre SEO-Hausaufgaben machen. Facebook ist böse. Aber so richtig :-). Schon lange bevor die NSA Ihre Facebook-Daten ausgespäht hat, hat Facebook Sie schon ausgespäht. Apropos NSA. Auch die haben eine Facebook-Seite :-)

NSA auf Facebook

Alles, was auf so einer Facebook-Seite geschrieben wird, kann JEDER mitlesen. Auch der, der nicht bei Facebook ist. Und das ist vielen der Befragten bewusst. Denn warum sich viele gegen Facebook entscheiden, wurde auch abgefragt:

Was gefällt Dir gar nicht an Sozialen Netzwerken, wenn es um die Suche nach Ausbildungsplätzen geht?

  1. zu persönlich / zu indiskret
  2. unprofessionell
  3. nicht vertrauenswürdig
  4. nicht seriös
  5. Angst, dass private Details durchsickern
  6. zu viele Informationen für den neuen Arbeitgeber

Und mit diesen Informationen entlasse ich Sie ins Wochenende, nicht ohne Ihnen ein schönes zu wünschen!

Sie wollen mehr? Hier finden Sie einen Artikel zur Studie, hier die (oder heißt es das?) Management Summary der Studie:

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