Karriere bei Jaguar und das Supergrundrecht auf Datensicherheit

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 10 Minuten.

Ja, es ist richtig. Bei der Überschrift kann man sich schon fragen – was zum Henker (oder neudeutsch WTF?) haben die Karriere bei Jaguar und das von Herrn Minister Friedrich proklamierte Supergrundrecht auf Datensicherheit miteinander zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den zweiten Blick schon. Und außerdem ist es ein hübscher Titel. Das müssen Sie schon zugeben. Aber schauen wir uns das doch mal aus nächster Nähe an…

Kennen Sie Jaguar? Genau. So sieht einer aus:

Jaguar head shot

Ein possierlicher kleiner Kerl, wie es Prof. Grzimek ausgedrückt hätte. Gut, dass mit dem klein hätte er wahrscheinlich so nicht gesagt. Aber possierlich ist er schon, der Jaguar. Ich zitiere aus Wikipedia:

„Der Jaguar (Panthera onca) ist die größte Katze des amerikanischen Doppelkontinents. […] Der Jaguar ist die einzige Großkatze (Pantherinae) in der Neuen Welt. Er war einst bis in die südlichen US-Bundesstaaten Kalifornien, New Mexico, Arizona und Texas verbreitet. Heute kommt der Jaguar fast nur noch in Mittel- und Südamerika vor.“

Alles Bullshit. Jaguar ist eine britische Automarke und verbreitet auf allen Straßen dieser Welt. Mein Ding sind diese Autos nicht, mit einer Ausnahme: der Jaguar E-Type aus den 60ern. Ein Traum von Auto, bei dem sogar ich schwach werde. Zwar hatte ich – nach dem mir neulich ein Prospekt in die Hände fiel – kurzfristig überlegt, ob ich gewissermaßen als Steuersparmodell einen Jaguar F-Type lease (können Sie schon für 598 Euro/Monat, ein echter Schnapp!), habe mich aber dagegen entschieden und setze weiter auf Smart. Aber eine gute Bekannte von mir fährt total auf die englische Sportwagenmarke ab und trug (wohlgemerkt trug) sich mit dem Gedanken, sich dort zu bewerben. Was sie davon abgehalten hat, erzähle ich Ihnen jetzt.

Karriere bei Jaguar

Jaguar kennen Sie ja nun. Jaguar ist – ich will es mal so ausdrücken – schon etwas anderes als eine japanische Reisschüssel (die ohne Frage der großen weiten Welt mittlerweile einiges in Sachen Autobau und -innovation vormachen) oder auch als der biedere Porsche oder Fiat. Einen Jaguar fahren macht nicht das Hausmütterchen von nebenan, sondern jemand, der damit Understatement und/oder Impotenzgehabe ausdrücken will. Und der im Gegensatz zum deutschen Durchschnittsverdiener etwas mehr Geld auf dem Konto hat (mögen auch mehr Schulden sein, wer weiß das schon). Laut einer Studie ist der Käufer eines Jaguar-Neuwagens im Schnitt schon 56,5 Jahre alt. Jaguar versucht dieses Understatement und diese Luxusgutattitüde auch bewusst zu verkaufen. Ein edles Produkt also. Nun stellen Sie sich mal vor, Sie wären total begeistert von diesen Produkten. Und würden sich denken: Mensch, ich will nicht nur so ein Auto fahren, ich will auch für diese Marke arbeiten (vielleicht auch, um wenigstens das Auto verkaufen zu können, wenn Sie es sich schon nicht leisten können). Was also hätten Sie da in etwa vor Augen? Einen üppigen, die genannte Attitüde widerspiegelnden Webauftritt doch mindestens schon – oder? Dann geben Sie doch mal www.jaguar.de in Ihren Browser ein.

Homepage von Jaguar Deutschland

Macht schon son bissl was her, oder? So, und voller freudiger Erwartung suchen Sie nun den Karriere-Button. Den Sie nach einigem Suchen auch finden. Zwar erst an 20. Stelle in der Navigation (allein die Tatsache, dass es so viele Menüpunkte gibt, ist ein absolutes No go!), aber egal, Sie wollen zu Jaguar, Sie haben Benzin im Blut und leben diese britische Spochtwagenmarke. Aber so was von. Da nehmen Sie das locker in Kauf. Und klicken auf Karriere:

Karriere bei Jaguar - Infos sind rar gesät

Sie sehen schon: Auf den ersten Blick setzt sich das britische Understatement fort. Viel Worte werden nicht verloren. Und das Bild ist so was von emotional ansprechend, man sieht sich als Mitarbeiter von Jaguar schon vor seinem eigenen Jaguar. Ziel erreicht also. Fast. Denn vor all dem steht ja eine Bewerbung. Eigentlich sollte man hier nun entsprechende Infos bereitstellen, was denn nun Jaguar als Top-Arbeitgeber ausmacht. Das aber hat man dort gar nicht nötig und so beschränkt man sich auf folgende Worte:

„Leben Sie Ihre Leidenschaft für Jaguar (sehen Sie, habe ich doch gesagt: die Leidenschaft fürs Produkt steht ganz im Vordergrund. Klar, sonst könnte ich ja auch Volkswagen verkaufen) auf ganz besondere Art und Weise (Achtung, jetzt kommt’s! Hier finden Sie die USP äh EVP von Jaguar!): Werden Sie Teil unseres Teams und gestalten Sie so mit Jaguar Ihre Zukunft (welche genau, wie sieht die aus?). Wir bieten Ihnen dynamische Karrieremöglichkeiten (uuuuh, dynamische Karrieremöglichkeiten. Das ist präzise. Da bleiben wirklich keine Fragen offen, welche Perspektiven mir das Unternehmen bietet. Letztendlich wird so ein Schnickschnack ja auch überbewertet). Und zwar direkt bei uns oder bei einem unserer zahlreichen Vertragspartner deutschlandweit. Also, steigen Sie ein und legen Sie los! (hierzu weiter unten mehr)“

Jaguar ist einfach ein sooo geiles Produkt, da bedarf es nicht vieler Worte. Nein, im Gegenteil. Als Bewerber darf man sich glücklich schätzen, wenn man sich überhaupt bewerben kann. Und kann man das? Um es kurz zu machen: Ja, man kann. Aber hier kommt so langsam die Sache mit dem Supergrundrecht auf Datensicherheit ins Spiel. Aber ich will nichts überstürzen. Was passiert nun, wenn ich der Aufforderung von oben folge und „einsteige und loslege“? Hierzu klicken Sie und ich jetzt mal auf „zu den aktuellen Stellenangeboten„. Was passiert jetzt? Was ist das??

Hürdenlauf für Bewerber

Karriere bei Jaguar - Sie verlassen den amerikanischen Sektor

Ein Pop-Up mit folgendem Text erscheint:

„Sie verlassen nun Jaguar.de. Beachten Sie bitte, dass Jaguar nicht für Inhalte oder Gültigkeiten außerhalb dieser Domäne verantwortlich ist. Um fortzufahren, klicken Sie bitte auf AKZEPTIEREN.“

Soso. Jaguar haftet also nicht für Gültigkeiten. Was auch immer das ist. Aber was viel interessanter ist: Sie befinden sich auf der Seite von Jaguar Deutschland. Sie wollen sich bewerben. Bei Jaguar Deutschland. Und dann bekommen Sie den Hinweis, dass Jaguar nicht für die Inhalte und Gültigkeiten außerhalb dieser Domäne verantwortlich ist? Wer bitteschön, denn dann? Bewerbe ich mich nicht bei Jaguar? Ich will den Schleier lüften: Jein. Jaguar hat den Recruitingprozess ausgelagert. Das an sich ist nicht verwerflich. Das machen Tausende von Unternehmen so. Aber so? Noch einmal zur Erinnerung. Sie sind Bewerber. Auf der Website von Jaguar. Wollen Karriere bei Jaguar machen. Sich bewerben. Bei Jaguar. Und dann der Hinweis, dass man bei Jaguar nix mit den drauf folgenden Inhalten zu tun hat. Ein kleiner Hinweis, dass man auf die  externe Website des Dienstleisters geleitet wird, der den Recruitingprozess durchführt, wäre doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Hier stutzte nicht nur meine Bekannte (die sich bei Jaguar bewerben wollte), hier stutzen hoffentlich auch Sie und mit Sicherheit der eine oder andere Bewerber. Und dieses „Stutzen“ und mit-dem-Kopf-schütteln-über-einen-solch-unprofessionellen-Recruitingprozess-insbesondere-gegenüber-dem-Understatement-von-Jaguar geht heiter weiter.

Wir entscheiden uns also fürs „Akzeptieren“ (würden wir „Ablehnen“ klicken, kämen wir auch nicht wirklich weit :-)). Vor unseren Augen öffnet sich eine Website, die es mühelos in die Rubrik „Wie Sie es garantiert schaffen, Ihre Bewerber zu verprellen“ oder auch in die Nominierungsliste der Goldenen Runkelrübe schaffen würde:

Karriere bei Jaguar - ausgelagerter Recruitingprozess okay aber nicht so

Noch Fragen?

Wo ist die schöne Hochglanzwelt hin? Wo sehe ich, dass es sich um das Bewerbungsportal von Jaguar handelt (tut es eigentlich nicht, ist ja deren Recruiting-Dienstleister). Und wieso sieht das alles so billig aus? Und warum steht da „Hotel & Spa“ ? Und was sollen all die Links, die in keinerlei Kontext zur Karriere bei Jaguar stehen? Oder kann ich mir für meinen Job bei Jaguar gleich das passende Wellnesshotel raus suchen? Was soll das lächerliche angepinnte Jaguarbild? Um es kurz zu machen: WTF??

Während ich noch denke, wo die versteckte Kamera ist, geht es heiter weiter. Klicken Sie mal eine Stellenanzeige an. Z. B. die des Werkstattleiters. Abgesehen davon, dass in der Stellenanzeige ein anderer Titel verwendet wird (zumindest steht der Werkstattleiter nicht an erster Stelle), ist diese Stellenanzeige auch wieder ein schönes Beispiel dafür, wie man sie nicht gestaltet:

Karriere bei Jaguar - Stellenanzeige Serviceleiter - Werkstattleiter

Dass der Recruiting-Dienstleister seinen Slogan zuerst nennt, lässt sich noch verschmerzen. Aber wo ist die klare Trennung von Aufgaben- und Anforderungsprofil? Insgesamt ist die Anzeige lieblos gestaltet und bietet keinerlei Führung fürs Auge. Tipps zur Gestaltung von Stellenanzeigen finden Sie hier, aber das soll jetzt hier auch nicht wirklich das Thema sein. Wir schauen uns nämlich noch die nächsten Hürden an, die Jaguar seinen Bewerbern in den Weg gestellt hat. Denn das waren beileibe noch nicht alle :-) (ich rede jetzt mal nicht davon, dass die Stellenangebote nicht einmal ansatzweise suchmaschinenoptimiert aufgebaut sind. Was letztendlich dazu führt, dass sie von Google & Co. auch nicht gefunden werden. Aber die Auffindbarkeit von Karriereseiten und Stellenanzeigen auf Google wird ja generell überbewertet).

Die nächste Hürde lauert in der Form, dass Sie sich erst einmal anmelden müssen, um eine Bewerbung absenden zu können. Das an sich kann man vielleicht verschmerzen. Dass Sie dann aber noch auf eine Bestätigungsmail warten müssen, in der Ihnen ein Code mitgeteilt wird, den Sie dann bei Ihrer Anmeldung angeben müssen, nicht. Und sorry, was auch gar nicht geht: Wir reden gerade davon, dass unsere Daten in großem Stil vom amerikanischen und bundesdeutschen Geheimdienst munter abgegriffen werden. Ich meine, dass ein Bewerbungsprozess unverschlüsselt vor sich geht, ist unabhängig von der Forderung auf das Supergrundrecht für Datensicherheit, im Jahr 2013 eigentlich unvorstellbar. Bewerberdaten sind hoch sensible Daten. Und diese sollten vertraulich gehandhabt werden, sprich das Ganze sollte SSL verschlüsselt sein. Ist es aber nicht. Und das, obwohl es so schön heißt:

„Ihre Angaben und Bewerbungsunterlagen werden von uns streng vertraulich behandelt und nur zum Zwecke Ihrer Bewerbung erhoben. Sie werden grundsätzlich nicht an Dritte weitergegeben.“

Nee, ist klar. Leute, so geht das nicht. Ehrlich. Würden Sie bei Amazon & Co. einen Kauf tätigen, wenn Ihre Daten nicht verschlüsselt wären? Na? Ich glaube doch nicht, oder? Und was für einen seriösen Onlineshop gilt, gilt auch für den Bewerbungsprozess. Es geht um den Aufbau von Vertrauen. Beziehungsweise verspielen Sie es auf diese Weise in Nullkommanix. Ehrenhalber muss ich an dieser Stelle aber erwähnen, dass der gesamte Bewerbungsprozess – beginnend beim Klick auf den „Karriere“-Button bis hin zum Aufrufen des Bewerbungsformulars – alles andere als Vertrauen erweckend ist.

Bewerbung bei Jaguar  - Vertrauenbildender Recruitingprozess geht anders

Wie denken Sie darüber? Sie starten bei Jaguar, landen auf dem Bewerbungsportal des Dienstleisters PPP und erhalten dann eine Bestätigungsmail mit Ihrem Zugangscode für das Bewerbermanagement-System – mit dem Absender „rgo-web.de“. Abgesehen davon, dass nun scheinbar noch ein dritter Dienstleister mit im Bunde ist, schreit das nach einem Fall für den Spam-Ordner, oder? Sollte die Mail doch nicht im Spam-Ordner gelandet sein, können Sie auf den Bestätigungslink klicken. Und dann viel Spaß beim Bewerbungsformular. Besonders hübsch gefallen mir die Sektionen „Motive“ und „Werte“. Nun gut, immerhin sind’s keine Pflichtfelder :-).

Bewerben bei Jaguar - Hürden auch beim Bewerbungsformular

Eine Sache noch mal zum Thema Datenschutz: Ein Zugang zum Bewerbungsformular ist eigentlich nur möglich, wenn Sie sich vorher registriert haben und eingeloggt sind. Was mich etwas befremdet, dass ich einfach den Link in einen anderen Browser kopieren kann (wo ich mich nicht vorher angemeldet habe) und dort den Bewerbungsprozess fortführen kann. So viel zum Thema Datenschutz bzw. das Supergrundrecht auf Datensicherheit.

Wie ich schon weiter oben erwähnte, hat meine Bekannte Abstand von einer Bewerbung bei Jaguar genommen. Einfach auch aus dem Grund, weil sie den Auftritt zu unprofessionell und nicht dem Image entsprechend empfand und darüber hinaus der Bewerbungsprozess alles andere als vertrauenerweckend ist.

Ich weiß nicht, wie es mit dem mit den Bewerberzahlen bei Jaguar aussieht. Eins aber ist sicher: Eine richtig gute Kandidatin haben sie schon mal verprellt. Und sie wird nicht die letzte und einzige gewesen sein.

Fazit:

Geiz ist nicht geil. Das gilt auch für Bewerbermanagementsysteme. Zudem sollten Sie sich das Vertrauen Ihrer Bewerber nicht verspielen. Ein noch so gutes Image als Unternehmen bringt gar nichts, wenn Sie es als Arbeitgeber im Recruitingprozess verspielen. Schaut man sich den globalen Konzernauftritt an, so sieht die Karriere-Website dort im Übrigen etwas anders aus. Auch einen Arbeitgeber-Werbefilm gibt’s da. Und den will ich Ihnen nicht vorenthalten:

 

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