Personalmarketing mit interaktiven Stellenanzeigen: Memory spielen mit Jobware und Areva

von personalmarketing2null. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Wie sag ichs meinen Kindern. Ein Buch über den Umgang mit Kindern. Ein großartiges Buch, welches damals in dem Bücherregal meiner Eltern stand. Großartig gezeichnet vom großartigen Sempé, den der eine oder andere vielleicht durch die “Der kleine Nick”-Bücher kennt. Während ich vor einigen Tagen über das neue Job Ad 2.0-Machwerk stolperte, welches wahrscheinlich (mal wieder) einen Meilenstein im Personalmarketing darstellen soll und ich immer wieder über sinn- und planlos erstellte Facebook Karriereseiten den Kopf schütteln muss und ich mich nun vor meine Tastatur setzte, um Sie, lieber Leser, mit ein paar Zeilen zum dritten Advent zu beglücken, kam mir der Titel wieder in den Sinn.

Wie sag ichs meinen Kindern - Cover des Bildbandes von SempéWie sag ichs meinen Kindern. Übertragen auf einen Großteil meiner Leser wäre das dann: “Wie sag ichs meinen Personalern“. Ein Blog über den Umgang mit Personalmarketing. Oder so. Ich meine mal ganz ehrlich: Glauben Sie wirklich, ich mache das hier alles so zum Spaß? Mich stundenlang vor den Rechner setzen und irgendwelche Zeilen runtertippen, die dann unreflektiert konsumiert und wieder vergessen werden? Glauben Sie das wirklich? Überlegen Sie doch mal. Welches Medium bietet Ihnen solch eine Bandbreite, so eine Aktualität, so eine unterhaltsame Darstellung eigentlich staubtrockener Themen wie dieser Blog? Das neueste Buch zum Thema Social Media Recruiting? Wohl kaum. Bis das erschienen ist, ist das meiste schon wieder Schnee von gestern. Außerdem kann so ein Buch nicht das ersetzen, was Sie hier seit nun über zwei Jahren und in mehr als 250 Artikeln lesen dürfen. Kostenlose Ratschläge. Tolle Praxisbeispiele. Lernen, aus den Fehlern anderer zu lernen. Und das Ganze mit einer Prise Ironie, die zugegebenermaßen nicht jeder versteht. Vielleicht hätte ich als Kind nicht seitenweise Mark Twain, Ephraim Kishon und Manfred Schmidt lesen sollen. Und statt dessen lieber mehr 5 Freunde oder drei Fragezeichen. Oder Hanni und Nanni. Vielleicht. Dann wäre ein redlicher Mensch aus mir geworden. So aber müssen Sie wohl weiterhin mit meiner kritischen und spöttelnden Art Vorlieb nehmen. Und vielleicht doch das eine oder andere reflektieren. Zum Beispiel, warum das neueste Wunderwerk der interaktiven Stellenanzeigen großer Käse ist

Interaktive Stellenanzeigen im Trend?

Wir erinnern uns: Im Jahre des Herrn, Anno Domini 2010, beschlossen zwei findige Unternehmen die Revolution der Stellenanzeige. Hinter verschlossenen Türen brütete man bei Kienbaum Communications und Jobware den großen Wurf in Sachen Personalmarketing aus. Die Stellenanzeige 2.0, die sehr schnell Job_Ad | 2.0 hieß. Schließlich sollte das Ganze ja auch international ein großer Hit werden. Tatsächlich fanden sich damals zwei Dumme, die überredet werden konnten, als Versuchskaninchen den Kopf herzuhalten und zu bluten. Der eine war EnBW, der andere Heraeus. Schon damals war das Ganze mehr als fragwürdig und (nicht nur) in meinen Augen ein echter Rohrkrepierer und wie es damals so schön hieß: “Die (R)Evolution findet nicht statt“.

Seit dem ist viel Wasser den Rhein runter geflossen, andere haben sich an interaktiven Stellenanzeigen versucht – wie z. B. die Deutsche Bank mit einem den Bewerber für dumm verkaufendem Konzept, Stihl (die mit den Motorsägen und den nervtötenden Laubbläsern) mit einem (fast überzeugendem) Konzept, Stepstone mit seiner Employer-Branding-StellenanzeigePlus und die VBZ. Auch wenn bei Letzterem mehr als frech beim Original abgekupfert wurde, ist dieses Konzept neben Stihl das einzige, was wirklich überzeugen kann und wurde sogar letzlich mit einem Preis ausgezeichnet. Sinnvoll und überzeugend ist dieses Konzept eigentlich auch nur deswegen, weil man es verstanden hat, das Konzept der VBZ, die sich mit Videos beim Kandidaten bewerben, geschickt zu adaptieren. Hier passt das Ganze.

Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass kein Mensch interaktive Stellenanzeigen braucht. Oder sagen wir so. Der Bewerber braucht sie nicht. Der will die richtigen Informationen, ansprechend aufbereitet, schnell zu erfassen. Die Agenturen schon, dürfen diese ja je nach Anbieter und Ausführung vier- bis fünfstellige Beiträge für diesen Personalmarketing-Wahnsinn von ihren Kunden verlangen. Und manche fallen auf diesen Schmufix rein. Im jüngsten Falle trifft es den Betreiber von Kernkraftwerken, Areva. Seit einigen Tagen beglückt diese Anzeige die Besucher von Jobware.

Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich, warum der Knabenreich jetzt wieder so auf diesem supertollen Konzept rumhacken muss. Kann der nicht mal was lobend erwähnen? Erstens, ja kann er. Wenn etwas wirklich gut gemacht wird. Wie z. B. der Relaunch des Praktikumportals meinpraktikum.de oder kreative Ansätze der Personalgewinnung im Mittelstand. Zweitens, darum:

Nehmen wir mal an, Sie sind auf die Stellenanzeige aufmerksam geworden. Nähmen wir mal, über die Eingabe des Jobtitels “Site Inspektor” bei Google. Oder bei Jobware direkt. Was relativ unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlicher wäre, wenn überhaupt, “Site Inspector” (wenn schon englisch, dann auch beide Wörter, oder?). Dann wiederum würden Sie den Job weder bei Google noch bei Jobware finden :-)

Die Suche nach Site Inspector bei Jobware liefert kein Ergebnis

Aber ich bin auch einfach zu kleinlich. Natürlich finden Sie den Job bei Jobware, wenn Sie nach Jobs bei Areva suchen. Und wer wollte nicht schon immer einen Job in der krisensicheren Branche der Atomkonzerne antreten, oder?

Memory spielen mit Jobware und Areva

So. Und nun haben wir also den Job gefunden. Site Inspecktor NDT Expert schimpft sich das Ganze. Aha. Und sieht so aus:

Job Ad 2.0 Areva Stellenanzeige bei Jobware - ein paar Sekunden müssen Sie warten...

Noch nicht besonders aussagekräftig, oder? Aber wenn Sie gut sieben Sekunden (!!!) warten (das ist wirklich kein Scherz bzw. die traurige Wahrheit), offenbart sich dieses wunderbare Meisterwerk der interaktiven Stellenanzeigen-Evolution in seiner ganzen Schönheit:

Site Inspektor NDT Expert - die Stellenanzeige von Areva offenbart seine ganze Schönheit erst nach sieben Sekunden Wartezeit

Wenn Sie jetzt sagen: Wie, dieses Memory für Arme (Zitat eines Personalers, mit dem ich über diesen Ausbund an innovativem Personalmarketing-Anzeigen-Konzept diskutierte) soll jetzt die Stellenanzeige sein? Ja, soll sie. Was soll ich sagen. Sie ist es sogar. Wenn Sie jetzt wissen möchten, worum es in dieser Anzeige geht, was die Aufgaben und das Profil sind, die ein Bewerber mitbringen soll, müssen Sie viel Geduld und eine Lupe mitbringen. Und tatsächlich ist das Ganze ein wenig wie Memory, wo Sie ein Kärtchen nach dem anderen aufdecken und das passende Gegenstück suchen müssen. Mit der Ausnahme, dass es hier kein Gegenstück gibt.

Hier also ein weiterer Screenshot, wie das Ganze bspw. aussieht, wenn man das Kärtchen man den Menüpunkt “Ihre Aufgaben” aufdeckt anklickt:

Personalmarketing mit Rohrkrepierer-Effekt Memorykärtchen aufdecken bei der interaktiven Job Ad 2.0

Und so geht das Ganze Spielchen dann munter weiter. Ein Kärtchen für “Ihre Vorteile bei AREVA”, eins für “AREVA als Arbeitgeber”, eins für “Menschen bei AREVA” usw. usw. Manchmal weiß man auch gar nicht, ob man eine Kachel anklicken kann oder nicht. Hier also mal wieder ein schönes Beispiel für “Stimmt die Usability nicht, leidet der Bewerber“.

Aber es kommt noch dicker. Schaut man sich bspw. die Kachel “Kontakt” an, so hat der Bewerber da die Möglichkeit via E-Mail Fragen zur Position zu stellen. Aber bloß nicht bewerben. Das wiederum geht nur über den Online-Bewerben-Button. Anstatt sich nun unmittelbar bewerben zu können, findet man da erst noch einmal die Stellenanzeige. Eigentlich gar nicht soo verkehrt, findet man doch da wenigstens alle notwendigen Angaben auf eine Blick, ohne zig Memory-Kärtchen aufdecken zu müssen :-). Allerdings wird der Bewerber auch da auf eine harte Bewährungsprobe gestellt:

Wie Sie es garantiert schaffen, Bewerber zu verprellen. Verschiedene Ansprechpartner, verschiedene Möglichkeiten sich online zu bewerben

Ein schönes Musterbeispiel aus der Kategorie “Wie Sie es garantiert schaffen, Ihre Bewerber zu verprellen“. Hier findet der Interessent auf einmal eine andere Ansprechpartnerin. Wer ist denn nun richtig? Die Dame aus dem Memoryspiel oder die vom Online-Formular? Und wo bewerbe ich mich online? Unter areva-career.com, wie angegeben oder über den Link “Online bewerben”? Der Link führt übrigens auf die Karriere-Website, die den Bewerber ebenfalls auf eine harte Probe stellt. Eine direkte Online-Bewerbungsmöglichkeit finden Sie dort im Übrigen nicht. Nun, alleine die Seite wäre wiederum einen eigenen Blogartikel wert. Vielleicht ein andermal, zurück zur Stellenanzeige.

Warum muss es immer wieder etwas Neues sein, wenn sich Vergangenes doch millionenfach bewährt hat? Warum muss immer wieder der Bewerber leiden, nur weil (vermeintlich) findige Köpfe meinen, sie müssten das Rad neu erfinden? Warum geht man nicht hin und optimiert einfach die Inhalte anstatt sich auf andere Formen der Stellenanzeige zu versteifen? Warum? Ein Rad läuft doch nach wie vor rund und nicht eckig. Und Content ist nun mal King. Auch bei einer Stellenanzeige. Auch zeigen verschiedene Untersuchungen, dass Bewerber Wert auf authentische Stellenanzeigen und vor allem natürlich auf aussagekräftige Jobbeschreibungen legen. Und nicht auf interaktiven Firlefanz.

In Ihrer Stellenanzeige steckt so viel Potenzial, nutzen Sie es! Denken Sie an einen aussagekräftigen Titel, an den Bewerber gerichtete ansprechende Texte, an praxisbezogene Anforderungsprofile und ein aufs Wesentliche reduziertes Anforderungsprofil. Was nützt Ihnen die schönste Verpackung, wenn die Inhalte nicht stimmen?

Also, machen Sie Ihre Hausaufgaben. In Kürze verrate ich mehr dazu. Nun aber erst einmal ein besinnliches Adventswochenende!

 

 

  1. Ja, das Tool ist wirklich herausragend. Aber leider verschließen sich viele Unternehmen noch für den Möglichkeiten im Internet. Was wirklich sehr schade ist!

  2. […] und Areva spielen Memory in einer interaktiven Stellenanzeige & auf dem Blog der bloggenden Wollmilchsau gibt´s einen netten Vergleich von Old-School vs. […]

  3. […] Neue Anzeigendesigns – solche Dinge braucht man auch wirklich nur in Deutschland, der Schweiz und eventuell in Österreich. Das sind auch die einzigen Länder, in denen sich in HTML gestaltete Anzeigen durchsetzen konnten. Anderswo erfüllen Textanzeigen mit Logo ihren Zweck – nicht minder erfolgreich. Ein Praxisbeispiel von STIHL unter der Lupe (Henner hat noch mehr davon). […]

  4. Hallo Henner,
    tja, es ist wohl so, dass man in regelmäßigen Abständen auf das Potenzial der “klassischen” Stellenanzeige hinweisen sollte. Denn dies ist bei den meisten Unternehmen keineswegs ausgereizt. Und hier (= in der eigenen Anzeige) können sich Unternehmen durchaus individuell und authentisch präsentieren. Und sich damit von der Konkurrenz abheben. Individueller als mit einer Job Ad 2.0, oder wie auch immer sich die neueste “innovative” Kreation von Agenturen / Beratungen nennen mag.
    Du hattest seinerzeit über die Erfolgsfaktoren einer Online-Stellenanzeige geschrieben. Das ist nach wie vor eine lohnende Lektüre. Die ich allen ans Herz legen würde, die über eine Job Ad 2.0 nachdenken.
    Beste Grüße, Helge

    • personalmarketing2null sagt:

      Hallo Helge, vielen Dank für deinen Kommentar!
      Das sollte man unbedingt, ja! Ich hoffe ja, den ein oder anderen da draußen auf den Pfad der Tugend zu bringen. Wer weiß, vielleicht gelingt es ja :-)

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