Bundesagentur für Arbeit 2.0 – Was Unternehmen von der Arbeitsagentur im Umgang mit Xing, Twitter und Facebook lernen können

von personalmarketing2null. Lesezeit: fast 8 Minuten.

Waren Sie eigentlich schon mal arbeitslos oder hatten anderweitig Kontakt zum Arbeitsamt zur Arbeitsagentur? Beispielsweise zum Arbeitgeberservice der BA (BA steht nicht für British Airways, sondern für Bundesagentur für Arbeit. Hm, vielleicht sollte ich solche Abkürzungen in Zukunft lassen, wenn sie ohnehin nur für Missverständnisse sorgen und Sie dazu gezwungen sind, inhaltsleere Zeilen zu lesen)? Oder vielleicht kennen Sie ja auch das Millionengrab der Bundesagentur für Arbeit, die Jobbörse, die ja auch wegen des Datenmissbrauchs hart in der Kritik stand?

Und von Xing haben Sie mit Sicherheit auch schon mal gehört und nutzen es vielleicht sogar? Ja, und von Twitter – das ist die Plattform mit der großen Herausforderung, sinnvolle Botschaften innerhalb von (eigentlich nicht mal) 140 Zeichen unterzubringen – ist Ihnen bestimmt auch schon mal was zu Ohren gekommen, oder? So. Und wenn Sie nun fragen, was denn das Arbeitsamt die Arbeitsagentur, das Businessnetzwerk Xing und der Nachrichtenkurzdienst Twitter gemeinsam haben und was Unternehmen (vielleicht) daraus lernen können, dann lesen Sie doch einfach weiter ;-) …

Was eigentlich wie ein Anachronismus klingt – Arbeitsagentur und Social Web – wird nun also Realität. Ich kann mich noch erinnern, wie ich vor gut drei Jahren selber einmal versucht habe, bei der Stellenbörse mein Profil einzupflegen und dort nach Social Media gesucht habe. Genau das kam dabei heraus:

Suchergebnisse zum Stichwort Social Media bei der Arbeitsagentur

Aber darum soll es ja heute nicht gehen. Sondern um tolle Kooperationen und wie die Arbeitsagentur Social Media nutzt. Denn genau genommen ist das gute alte Arbeitsamt schon lange im Social Web präsent.

Die Arbeitsagentur im Social Web

Und wie. Schließlich betreibt die Bundesagentur für Arbeit schon länger die Plattform “Ich bin gut” mit der passenden Facebook-Seite. Zwar hat die Seite schon über 63.000 (!) Fans und über eine Interaktion, wie man sie dort beobachten kann, würde sich so manches Unternehmen, welches in wildem Aktionismus eine Facebook Karriereseite (neuerdings hört man auch den Begriff “Employer Brand”-Pages – also Arbeitgebermarkenseiten :-)) errichtet hat, die Finger nach lecken. Aber der geneigte Leser – egal ob Mann oder Frau – wird sich schon an seinen hoffentlich vorhandenen fünf Fingern seiner Hand ausrechnen können, dass diese Präsenzen zwar von einer Agentur, aber Mitnichtenundneffen von der Bundesagentur höchstselbst betrieben wird. BA-Chef Weise dazu:

“Ich möchte betonen, nicht die Bundesagentur, sondern allein die Kampagne hat eine Facebookseite.”

Das verwundert wenig, ist doch das Nutzen privater sozialer Netzwerke in der Agentur selber tabu. Und überhaupt:

“Datenschutzthemen und ethische Fragen sprechen für uns dagegen, einem Zeitgeist zu folgen und jedes Spiel sofort mitzumachen”.

So der Chef der Bundesagentur. Wenn nur Unternehmen das ab und zu mal beherzigen würdigen. Danke, Herr Weise (wobei es schon ein wenig befremdlich klingt, wenn Herr Weise die Datenschutzprobleme bei Facebook anspricht, selbst aber mit massiven zu kämpfen hat :-))!

Aber apropos tabu: Die eigene Arbeitgebermarkenseite von einer Agentur betreiben zu lassen ist natürlich genau so tabu wie Fans kaufen oder die Nutzung von Facebook während der Arbeitszeit zu verbieten.

Aber, das haben wir ja alle gelernt, verinnerlicht und leben das auch: Social Media oder das Web 2.0 oder das Social Web ist eben nicht gleich Facebook. Im Gegenteil. Facebook ist nur ein kleines Steinchen im großen Social-Web-Mosaik. Insbesondere im Bereich Recruiting, dem Schalten von Stellenanzeigen oder der Direktansprache ist Facebook eher wenig geeignet. Im Zusammenhang mit Facebooks viel gehypter Social Jobs Partnership empfehle ich Ihnen übrigens den Artikel vom Urvater der Online-Recruiting-Szene in Deutschland, Gerhard Kenk. Nein, ich empfehle es nicht, ich befehle es!

Aber gut, wir sind hier ja nicht beim Bund, sondern bei der Bundesagentur. Und die hat nun Xing für sich entdeckt. Zunächst erst mehr oder weniger heimlich, still und leise, nun höchst offiziell.

Denn bereits im September diesen Jahres startete ein Pilotversuch in sechs deutschen Arbeitsagenturen, Xing für die Direktansprache zu nutzen. Wenn Sie sich jetzt fragen: Xing und Arbeitsagentur? Geht denn das? Funktioniert das? Oder sogar: WTF???, so muss ich sagen: Ja, ich dachte ähnlich. Ist man doch als Xing-Nutzer leider nicht vor solchen Anfragen wie bspw. diesen gefeit:

Unqualifizierte Direktansprache via Xing - so nicht!

Man beachte den Absender: Eine Personalberatung! Ich meine, ich bin nun wirklich ein großer Verfechter was den Einsatz von Xing angeht, ja, ein ganzes Plädoyer habe ich dazu geschrieben. Aber wenn nun Direktansprache, dann bitte gezielt. Will sagen: Beziehen Sie sich konkret auf das Profil der Zielperson. Konkret. So, und nun schauen Sie sich bitte einmal mein Profil an und versuchen Sie da, Bezugspunkte zu der Anfrage herzustellen. Fällt Ihnen was auf?

Arbeitsagentur nutzt Xing zur Direktansprache

Insofern ist es wohl nur allzu verständlich, dass ich leichte Bauchschmerzen hatte, als ich davon erfuhr, dass man nun in der Arbeitsagentur Xing zur Direktansprache einsetzen will. Aber man kann ja denken von dem Laden in Nürnberg was man will. Ganz so naiv ist man dort natürlich nicht. Selbstverständlich ist man da nicht hingegangen, hat ein paar Mitarbeiter ausgewürfelt und gesagt: Du, du und du, ihr macht jetzt Xing!, sondern gezielt Mitarbeiter ausgewählt, die die nötige Affinität zum Internet und zur Kandidatenansprache haben. Auch wenn die Internetnutzung in den Agenturen selber tabu ist, so weiß man selbstverständlich, wie man surft :-)

Abgesehen davon will man dort natürlich auch dort die neuen Technologien nicht verschlafen und schaut daher ganz genau, welche sozialen Medien man nutzen kann und was im Zuge der Stellenbesetzung sinnvoll ist und so wurden einige wenige Standorte ausgewählt, die an diesem Pilotprojekt mitwirken. Ausgewählt wurden die Standorte bspw. danach, wo ein besonders hoher Bedarf nach Fachkräften im mittleren oder oberen Management herrscht. So fiel unter anderem die Wahl auf Ingolstadt mit einem Arbeitgeber wie Audi. Aber auch in anderen Städten, quer über die Republik verteilt, sind je Agentur etwa zwei bis drei Mitarbeiter im Einsatz, die man im Übrigen wie oben schon geschrieben, zu diesen neuen Tätigkeiten nicht geprügelt hat, sondern bei denen es nicht schwer fiel, die Mitarbeiter für die neuen Suchwege aufzuschließen und diese sich mit Begeisterung auf die neue Aufgabe gestürzt haben.

Abgesehen davon ist man bei 148 verschiedenen Fachverfahren schon immer flexibel in Bezug auf den Einsatz neuer Technologien und Computerprogramme. Auch ist man im Arbeitgeberservice natürlich fit im Umgang mit Bewerberprofilen (auch wenn meine persönliche Erfahrungen das etwas in Zweifel ziehen müssen).

Und selbstverständlich hat man die Mitarbeiter jetzt auch nicht blind auf die Allgemeinheit losgelassen (wie bspw. das oben genannte Unternehmen), sondern die Mitarbeiter eingehend im Umgang mit – Zitat: “speziellen XING-Werkzeugen zur aktiven Personalsuche” – geschult. Ach, wie gerne hätte ich Ihnen jetzt Bildmaterial aus dem Fernsehbeitrag des BR gezeigt. Denn da können Sie wunderbar sehen, wie die BA Xing nutzt. Natürlich nicht über die internen Rechner. Der Zugang zum Internet ist da ja nicht mit möglich. Sondern über – gaaanz fortschrittlich - iPads. Ob die aus einer Verlosung, die auf einer Karriere-Fanpage stattfand, stammen, ist mir nicht bekannt. Ich vermute, dass die aus Steuergeldern angeschafft wurden :-). Naja, dummerweise habe ich den Fehler begangen und beim BR angerufen (Stichwort Urheberrecht und so). Tja, und die haben es mir schlichtweg verboten, Screenshots aus dem Filmbeitrag zu verwenden :-(

Nun gut, müssen Sie sich halt Ihren eigenen Eindruck verschaffen und hier klicken (Link öffnet in separatem Tab, Sie können also unbesorgt weiterlesen). Wie schon gesagt, handelt es sich hierbei um ein Pilotprojekt. Das Ganze soll noch bis Februar laufen und wird dann evaluiert. Aber wie ich aus erster Hand erfahren durfte, Zitat:

Die Resonanz der Kandidaten bei Kontaktaufnahme durch uns ist durchweg positiv.

Na dann, was will man mehr. Ich muss sagen, auch wenn ich doch recht skeptisch war. Den Ansatz finde ich wirklich sehr gut. Hier zeigt die Arbeitsagentur wirklich einmal den Umgang mit fortschrittlichem Vorgehen und auf dem Weg zum “Recruiter Next Generation” :-). Da kann sich so manch anderes Unternehmen wirklich eine Scheibe von abschneiden!

Stellenanzeigen von Xing jetzt auch bei der BA

Aber das ist ja nicht das einzig Neue von Xing und der Bundesagentur. Nein, es kommt noch viel dicker, denn die Bundesagentur für Arbeit und XING starten eine Kooperation. Konkret heißt das, dass Arbeitgeber, die bei XING eine Stellenanzeige veröffentlichen, ab sofort die Möglichkeit haben, diese zusätzlich in der JOBBÖRSE der BA kostenlos einzustellen und damit ihre Reichweite zu erhöhen. Ah, ist das nicht schön? Schöne neue Social Media Welt! Der einzige Haken an der Sache ist aus meiner Sicht, dass der Suchalgorithmus der BA-Jobbörse so schlecht ist, dass man die Ergebnisse als Bewerber wahrscheinlich gar nicht zu Gesicht bekommt :-D.

So. Und wer jetzt glaubt, das war’s schon in Sachen Arbeitsagentur und Social Media, der irrt. Die Arbeitsagentur ist seit gestern nämlich auch auf Twitter. Unter @Bundesagentur können Sie den mit Sicherheit mannigfaltigen Tweets folgen. Selbst der Vorstand der BA, der Herr Alt, ist da unterwegs. Werde ich ihm doch gleich mal folgen und ihm diesen Beitrag schmackhaft machen.

Bundesagentur goes Social Media - auch auf Twitter zeigt man Flagge

Fehlt also nur noch der Blog, in dem sich die Mitarbeiter der Arbeitsagentur über schmarotzende Hartz IV-Bittsteller auslassen können, über den massiven Stellenabbau bei der BA oder live von der nächsten Attacke in einem Jobcenter berichten können. An Themenvielfalt wird es nicht mangeln, da bin ich mir sicher!

Lassen wir uns also überraschen!

 

 

  1. Arti sagt:

    Ich bin empört.Die scheinheiligen.. danke für den interessanten Beitrag.

  2. Michaela sagt:

    Wahnsinn. Und wie immer toll be- und geschrieben Henner. Danke fuer die interessante Info.

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