Mobile Recruiting: Über Sinn und Unsinn mobiler Job-Apps

von Henner Knabenreich. Lesezeit: etwa 10 Minuten.

Was haben Unternehmen wie E-Plus, Daimler, Telekom, Tectum und SMA Solar Technology gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, das ist richtig. Hm, schauen wir mal … Da sind schon mal zwei Telekommunikations-Unternehmen. Und alle bis auf Tectum haben eine Karriere-Website. Ebenso haben alle eine Facebook Karriereseite. Alle twittern. Und bis auf Tectum bloggen die sogar.

Und alle haben eine mobile Job-App. Super, oder? Damit sind sie nicht alleine. Auch andere Unternehmen lassen sich derzeit so eine Job-App von findigen Agenturen und Beratern aufschwatzen (findig bezieht sich jetzt nicht unbedingt auf die Inhalte der App, eher für das Gespür, aus – sagen wir mal dezent – ausgeschiedenem Verdautem Geld zu machen). Und springen damit genau so unbedacht auf einen Zug auf, den sie bei Facebook Karriereseiten schon besteigen wollten. Auch hier ist der Wunsch nach mehr oder neuen Bewerbern Vater des Gedankens. Aber ist es nicht vielmehr der sportliche Ehrgeiz respektive der Olympische Gedanke? Da simma dabei, dat is prima – mobile Job Apps, mobile Recruiting um jeden Preis?

Was aber bringt jetzt so eine mobile Job App? Auch auf kununus fünftem Geburtstag haben wir lebhaft über das Thema diskutiert. Daher werde ich jetzt mal ein tollkühnes Experiment wagen: Ich versetze mich in die Rolle eines der Generation Y respektive Z Zugehörigen, der wie wir alle wissen, das Internet zunehmend rapide ersurft (siehe dazu die Grafik unten) und darüber hinaus werde ich in die Rolle eines Bewerbers schlüpfen. Folgendes werde ich tun: Ich werde mir jetzt alle greifbaren Job-Apps herunterladen, die es für Android gibt. Klar, Android. Ist doch naheliegend, dass es für das am meisten verbreitete mobile Betriebssystem auch die meisten Job Apps gibt und nicht für diese überbewerteten zu unrecht hoch gejubelten Apple-Produkte, oder? Abgesehen davon habe ich kein iPhone, ergo kann ich (selbst, wenn ich wollte) keine iPhone-App installieren. Also schaun mer mal, was da so geht … Telekom? Fehlanzeige! SMA? Fehlanzeige! Daimler? Fehlanzeige. Hm, das wird eng … E-Plus? Bingo! Tectum? Lottogewinn! Na, das ist doch schon mal was. Eine Suche im Appstore, hoppla, das heißt ja jetzt Google Play, fördert noch die Job Apps von Median (Kliniken) und und Robert Half (Personaldienstleistungen) zutage. Also gesucht, gefunden? Werde ich jetzt als Bewerber dahin gehen und mir jetzt jede Job App von jedem Unternehmen installieren? Und dann regelmäßig nutzen? Wirklich? Welchen Mehrwert bieten mir diese Apps denn? Und warum setzen die Unternehmen eigentlich überwiegend auf iOS? Dürfen die anderen (die dazu in der Überzahl sind) nicht mobil nach Jobs surfen? Verprellt man da mal wieder eine wesentliche Zielgruppe?

Candidatus Oeconomicus

Versetzen wir uns doch einfach mal in die Lage eines Bewerbers. Versetzen SIE sich doch mal in die Lage eines Bewerbers! Der Mensch an sich, so haben wir gelernt, ist ein Homo Oeconomicus (zumindest in der Theorie). Er will also ökonomisch handeln, seinen Nutzen maximieren und ist im Idealfall vollständig informiert. Heißt nun für unsere Verhältnisse was? Wird er jetzt jede einzelne Stellenbörse konsultieren? Ruft er nacheinander Stepstone, Monster, Jobware, Stellenanzeigen etc. pp. hastenichtgesehen auf oder ist er nicht so clever und nutzt Meta-Suchmaschinen wie kimeta, icjobs, jobrapido, indeed, goodmonday und wie sie alle heißen? Da müssen wir nicht lange spekulieren, da schauen wir uns einfach mal an, was Crosspro-Research dazu sagt (eine neue Erhebung ist übrigens gerade in Arbeit):

Deutschlands beste Jobportale aus Arbeitgeber und Bewerbersicht - Datenquelle: Crosspro ResearchDeutschlands beste Jobportale aus Arbeitgeber und Bewerbersicht – Datenquelle: Crosspro Research

Wir stellen also fest: Ein Bewerber möchte ganz im Sinne eines „Candidatus Oeconomicus“ auf dem schnellsten Wege zu den relevanten Informationen, respektive Stellenangeboten kommen. Kommt er dahin über Job Apps von einzelnen Unternehmen? Ich würde sagen, nein. Während es in meinen Augen also durchaus sinnvoll sein kann, Job Apps von Stepstone oder meinestadt (gerade aktuell aus der Taufe gehoben) zu installieren und darüber nach Jobs zu browsen, ist es für die Job Apps von einzelnen Unternehmen eher schlecht bestellt. Ideal wäre nach Crosspro und dem Gedanken des ökonomischen Bewerbers ohnehin die Job App einer Meta-Suchmaschine. Und da gibt es derzeit nur die von indeed.

ABER – nähmen wir mal an, ich irrte mich (was durchaus möglich sein kann :-)) und die Vertreter der Gen Y hätten auf nichts anderes gewartet, als auf die mobile Jobsuche und das von möglichst vielen Unternehmen, damit man sich sein Smart- respektive iPhone mal so richtig schön zukleistern kann mit solchen Apps, dann wäre da ja noch die Frage nach dem Mehrwert respektive Nutzen dieser Apps. Da ich „leider“, wie ich oben schon schrieb, nur über ein Android-Handy verfüge, konnte ich nur solchen Apps aus Google Play auf den Zahn respektive auf den Touchscreen fühlen. Und da ich natürlich keine Kosten und Mühen scheue, die geneigte Leserschaft mit Informationen zu versorgen und Transparenz zu schaffen, habe ich die Apps von E-Plus, Tectum und Median einem Quickcheck unterzogen. Here we go!

JobConnect von E-Plus

Die Job-App von E-Plus hört auf den schönen Namen „Job Connect“. Nun denn, schauen wir mal, ob der Name dem Inhalt auch Rechnung trägt. Öffnet man die Anwendung, „poppen“ erst einmal abwechselnd die „Top Jobs“ auf. Hm, die interessieren mich gerade (noch) nicht. Ferner habe ich die Möglichkeit eine Jobsuche nach den Kriterien Standort, Unternehmen, Einstiegslevel und Geschäftsbereich vorzunehmen. Diesen Suchfilter kann ich dann auch als Jobagent speichern. Bei der Suche an sich ist zu bemängeln, dass man jedes Mal, wenn man einen Filter festgelegt hat, zurück auf die Startsuchmaske muss. Bis man das allerdings raus hat, hat man die Jobapp schon lange verflucht und deinstalliert. Intuitive Nutzerführung geht wahrlich anders! Nun sei es drum, irgendwann hat man es dann doch heraus gefunden und vielleicht sogar einen Job gefunden (der eigentliche Sinn und Zweck einer Job App – oder liege ich da sooo falsch?). Und dann will man was tun? Röchtöch! Eine Bewerbung könnte man da durchaus mal ins Auge fassen …

Mobile Recruiting mit E-Plus JobConnect - intuitives Bewerben geht andersE-Plus JobConnect – intuitives Bewerben geht anders

Pustekuchen! Während ich zwar noch die Telefonnummer von Herrn Keven Lindemann finde, den ich kontaktieren kann, wenn ich Fragen zur Stelle habe, so werden meine Bewerbungsbemühungen zumindest im ersten Moment leider mit Füßen getreten und die Job App ad absurdum geführt. Denn wie heißt es dort so schön: „Interessiert? Dann bewerben Sie sich bevorzugt unter der oben genannten Kennziffer (!) im Internet (!!!) unter www.eplus-gruppe.de/karriere„. Während ich noch die versteckte Kamera suchte, wurde mir gewahr, dass dies KEIN Scherz ist. Erst nachdem man die Menütaste betätigt, poppen noch weitere Optionen auf. Hier lässt sich dann auch eine Bewerbung absenden. Warum so kompliziert? Intuitive, nutzerfreundliche Bedienung geht anders. Auch die unter dem Menüpunkt „Mehr“ so rätselhaft angekündigten Informationen bieten eines nicht – einen Mehrwert. Hier verbergen sich rudimentärste Informationen für die einzelnen Zielgruppen. Auch für Azubis. Wer hier nun aber das Nächstliegendste erwartet hat, nämliche Infos, in welchen Bereichen Schüler eine Ausbildung machen können (der also so naiv ist wie ich), schaut leider in die Röhre. Wir erinnern uns: Die jugendliche Zielgruppe nutzt das Smartphone zunehmend, um damit mobil ins Netz zu gehen. Also holen wir sie da doch ab. War das nicht der Gedanke einer solchen Job App? Oder habe ich da wieder etwas falsch verstanden? Ähnlich scheinen das auch viele andere Nutzer zu sehen, schaut man sich einmal die Bewertungen auf Google Play direkt an: „Nutzlos“ überwiegt da.

Tectum Jobs

Aber ich glaube ja bekanntlich an das Gute im Menschen. Wir haben ja noch zwei Apps zum Test. Schauen wir uns also mal Tectum an (Sie werden jetzt sagen, ach ja, Tectum, das sind doch die, die schon seit Monaten nichts mehr auf ihrer Facebook Karriere-Page gepostet haben und wo Dialog ohnehin nicht erwünscht ist. Genau die sind das, richtig!).

Tectums Job App heißt kurz und pragmatisch „Tectum Jobs“. Ist ja auch naheliegend. Und was bietet die App so? Eigentlich nix. Jobs halt. Und die darf man sich in einer langen Scrollliste mühevoll raussuchen. Filter? Fehlanzeige. Suchagent? Fehlanzeige? Jobmap? Sie haben es erraten, Fehlanzeige! Bewerben möglich, direkt aus dem Formular? Ätsch, reingefallen! Denn im Gegensatz zu E-Plus ist das bei Tectum sehr wohl möglich (wenn man denn den Nerv hatte, sich bspw. bis zu einem Job in Zürich durchzuscrollen – denn wie gesagt: Suchfilter ist ja nicht!). Also schaun mer mal, was uns dann erwartet …

Tectum Jobs - nach einer endlosen Scrollarie ist eine Online-Bewerbung direkt aus dem Formular möglichTectum Jobs – nach einer endlosen Scrollarie ist eine Online-Bewerbung direkt aus dem Formular möglich

Abgefragt werden da die Kontaktdaten, das Geburtsdatum (als Pflichtfeld, ich meine ja nur mal, so Stichwort AGG) und ob man in Teil- oder Vollzeit arbeiten möchte. Dumm nur, dass bei der App der Bildschirm bei wechselnder Halteposition (vertikal/horizontal) nicht kippt. Tippt man eben über Kopf, egal. Auch dafür gibt es leider keinen Punkt.

Median Jobs

Nach all diesen Erlebnissen bleibt also nur noch ein Hoffnungsschimmer. Die App von Median. Finde ich insbesondere deshalb auch interessant, weil Median ein Unternehmen aus der Gesundheitsbranche, genauer ein Betreiber von Kliniken und Krankenhäusern, ist. Per Job App also auf der Suche nach Oberarzt und Pflegekraft?

Die App trägt den Namen „Median Jobs“ und heißt einen sogar herzlich Willkommen! Na, das ist doch schon mal ein Anfang! Wählen kann ich nun zwischen Jobsuche, Aktuelles und Median. Die Jobsuche umfasst eine Umkreissuche, eine Freitextsuche, eine Filtersuche nach Bundesland, Berufsfeld, Fachgebiet, Weiterbildungsermächtigungen und Einstellungsdatum. Wow, das nenne ich mal Selektionsmöglichkeiten, Hut ab! Auch zeigt sie unmittelbar nach Setzen der Filterkriterien die Anzahl der passenden Jobs an. Klasse! Suchagenten und Merkzettel gibt es ebenfalls. Ach ja, und sogar bewerben kann man sich. Allerdings ist bewerben wohl zu viel gesagt.

Median Jobs - von allen dreien verdient diese App am ehesten das Prädikat intuitive BenutzerführungMedian Jobs – von allen dreien verdient diese App am ehesten das Prädikat intuitive Benutzerführung

Man kann seine E-Mail-Adresse hinterlassen und bekommt dann eine E-Mail zugesandt, dass man sich doch bitteschön über den genannten Link bewerben möchte. Schade finde ich in diesem Falle, dass man sich – obwohl man ja den Link an die entsprechende E-Mail-Adresse gesendet bekommen hat – trotzdem noch einmal mit seinen Daten einloggen muss und die Bewerbung trotzdem über die eigentliche Website erfolgt. Da wurde meines Erachtens zu kurz gedacht.

E-Mail Response Median KlinikenE-Mail Response Median Kliniken

Nun denn, was hat die App noch so zu bieten? Unter „Aktuelles“ finde ich via Umkreis- oder Filtersuche passende Termine zu Kursen und Messen sowie Pressemitteilungen. Und laut der letzten wurde die für den „Health Media Award“ nominierte Job App am zweiten Juniwochenende zum 1.000 Mal heruntergeladen. Respekt! In der Rubrik „Über MEDIAN“ finden sich dann Daten und Fakten über das Unternehmen, sowie Videos – diese öffnen sich allerdings nicht in der App selbst, sondern im Browser oder in der Youtube-App – und Fotos.

Auch wenn ich immer noch nicht davon überzeugt bin, dass diese Apps wirklich umfassend genutzt und von Oberärzten und Pflegefachkräften zur Jobsuche effektiv genutzt werden, von den drei genannten Apps bekommt diese als einzige ein Daumen hoch!

Müssen es also wirklich Job Apps sein?

Meine Antwort dürfte klar sein: Nein.

Klar, es ist absolut richtig: Die Nutzung mobiler Endgeräte für das Surfen im Web hat signifikant zugenommen. Alleine in der Altersklasse der 14- bis 19 Jährigen gab es laut Accenture Mobile Web Watch Studie 2011 einen Sprung von 10 auf 35 Prozent, bei den 20 bis 29-Jährigen immerhin von 23 auf 37 Prozent. Und auch zukünftig werden die Nutzerzahlen steigen, das dürfte so sicher sein wie das Amen in der Kirche (wobei selbst das nicht sicher ist, bei dem unglaublichen Mitgliederschwund, den die Kirche zu verzeichnen hat ;-)).

Accenture Mobile Web Watch Studie 2011 - Quelle: AccentureAccenture Mobile Web Watch Studie 2011 – Quelle: Accenture

Nichtsdestotrotz ist es meines Erachtens immens wichtig, eine gescheite mobilendgerätfähige Website zu erstellen und dort die wesentlichen Inhalte zu präsentieren. Respektive beim Relaunch darauf zu achten, dass die neue Website „responsive“ ist, sich also dem verwendeten Endgerät anpasst (Stichwort Media Queries). Wird so etwas beim Konzept beachtet, so lassen sich hier erkleckliche Summen einsparen, die ggf. ansonsten das komplette Neu-Aufsetzen einer mobilen Seite erfordern.

Wer immer noch nicht genug von mobilen Job- und Karriere-Apps hat, hier eine Übersicht:

Was ist Ihre Meinung? Braucht es solche mobilen Job Apps? Und werden Sie von Bewerbern wirklich genutzt? Ich freue mich auf eine (hoffentlich) lebhafte Diskussion!

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