Alles andere als ein R(h)einfall: Die Karriere-Page von Georg Fischer aus Schaffhausen von Praktikanten (nicht nur) für Praktikanten

von Henner Knabenreich. Lesezeit: etwa 9 Minuten.

Wir alle wissen ja (so sollte es zumindest sein), dass es bei einer Facebook-Karriereseite nicht auf die Anzahl der Fans ankommt. Schon gar nicht, wenn diese entweder gekauft sind oder via Gewinnspiel gewonnen wurden (was dem in etwa gleich kommt). Es kommt darauf an, die richtige Zielgruppe zu erreichen. Fans, die sich als Mitglieder von irgendwelchen Gewinnspiel-Mafias entpuppen, gehören da definitiv nicht hinzu.  Und die Zielgruppe der Generation Why zu erreichen, ist gar nicht so einfach. Zumal diese die Aktivitäten von Unternehmen auf Facebook nach wie vor eher argwöhnisch betrachtet, wie eine aktuelle Studie eindrucksvoll untermauert. Worauf kommt es also an, wie kann ich die Zielgruppe am besten erreichen?

Wie wäre es mit Authentizität? Und die fängt bereits bei dem- bzw. denjenigen an, die eine solche Karriere-Page betreuen. Leider verstehen viele Unternehmen den Sinn und Zweck von Facebook falsch, lassen (dies ist der Worst Case) diese von einer Agentur betreuen, fahren gleich ein Heer von mehreren Mitarbeitern auf, die sich um die Seite kümmern – diese dann schlimmstenfalls ausschließlich betreut von Nicht-Vertretern der Gen Why oder gar von Mitarbeitern der Unternehmenskommunikation, die dann mit der üblichen PR-Tonalität und den entsprechenden Inhalten auch auf Facebook langweilen und vor allem – und das ist meines Erachtens der allergrößte Fehler überhaupt: Man versucht der Plattform Facebook seinen Habitus überzustülpen (also genau das zu machen und genau in der Art und Weise zu kommunizieren, wie man dieses auch auf der Website oder in der Unternehmensbroschüre tut) und sich nicht dem Medium anzupassen. Das kommt nicht wirklich an bei der Zielgruppe und man wird schnell abgestraft, wenn man sich nicht auf das Level und die Anforderungen der Facebook-Fans der viel beschworenen Gen Why einlässt.

Also, was ist zu tun? Seien Sie authentisch, passen Sie sich dem Medium und den Anforderungen/Wünschen der Zielgruppe an und nicht umgekehrt, dann klappt es vielleicht auch mit dem Nachbarn mit den Fans. Und wie kommuniziert man am besten auf Augenhöhe?

In der Regel doch dann, wenn Studenten mit Studenten kommunizieren – oder nicht? Es kann zumindest ein gangbarer Ansatz sein. Denn wie formulierte Armin Trost jüngst sehr schön und treffend? „Wenn man kein Azubi ist, kann man nicht wie ein Azubi schreiben„. Das Gleiche gilt nicht nur für Azubis, sondern meines Erachtens durchaus auch für Studierende respektive Praktikanten. Diesen Weg geht zumindest das Team der Facebook-Seite von Georg Fischer und bietet umfangreiche Einblicke ins Unternehmen, stellt Mitarbeiter und Praktikanten und die unterschiedlichen Unternehmensbereiche vor – und dies eben von der Zielgruppe für die Zielgruppe. Georg Fischer? Kennt nun wieder keiner, ist mir klar. Ist ja auch kein BMW, keine Allianz oder Audi. Sondern ein im B2B-Bereich international agierendes Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz, genauer gesagt aus Schaffhausen. Also da, wo der Rheinfall ist. Aber ein Reinfall ist das „Experiment“ von Georg Fischer weiß Gott nicht. Auch wenn diese Seite keine 30.000, respektive 70.000 Fans vorweisen kann. Mal gerade 322 Fans sind es Stand heute. Dafür aber mehr Interaktion und spannendere Inhalte als so mancher „Großer“. Potenzial ist bei knapp 14.000 Mitarbeitern weltweit also auf jeden Fall da. Aber schaun wir doch mal, was das Team von „The GF experiment“ (GF steht – wer hätte das gedacht – für Georg Fischer, als Logo wird das Ganze +GF+ dargestellt), so der Name der Seite, zu erzählen hat.

Das GF Logo einmal anders

Das +GF Logo+ einmal anders – Quelle: Georg Fischer

Das Team, das sind aktuell Sara Schwartz und Michael Steinemann. Sara studierte 2008 bis 2011 Economics an der Universität Konstanz. Seit September 2011 macht sie ein Praktikum bei der Georg Fischer AG in Schaffhausen im Bereich Personalentwicklung und Employer Branding. Ihr Praktikantenkollege Michael startete 2010 sein Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Uni Konstanz und ist nun seit März 2012 ebenfalls bei GF in Schaffhausen tätig. Zusammen betreuen die beiden die Karriere-Seite „The GF experiment“ auf Facebook.

personalmarketing2null: Eure Facebook-Seite heißt „The GF experiment“. Wie kommt es zu dem Namen?

Sara: Unsere Seite ist als Experiment im Zusammenhang mit einer Bachelor-Thesis einer unserer Praktikantinnen gestartet. Über die Zeit hat sie sich zu einer professionellen Karriere-Seite entwickelt. Der Name macht uns speziell und unverwechselbar :-).

personalmarketing2null: Welches Ziel verfolgt ihr mit eurer Seite? Warum ist GF auf Facebook? Wer ist die Zielgruppe?

Sara vom GF Facebook-Team

Sara vom GF Facebook-Team

Sara: Durch unseren Facebook Auftritt möchten wir jungen Menschen einen Einblick in den internationalen Konzern Georg Fischer geben. Wir möchten ihnen die Möglichkeit geben „hinter die Kulissen“ zu schauen und somit einen „ungeschminkten“ Einblick in das Unternehmen zu bekommen. Zu unserer Zielgruppe gehören Studenten, Absolventen und Young Professionals der Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften – andere Studiengänge sind natürlich auch immer herzlich willkommen! Gerade für Wirtschaftswissenschaftler stellt ein Industrieunternehmen häufig nicht die erste Wahl dar. Wir wollen ihnen zeigen, dass es nicht immer die Bank, das Consulting-Unternehmen oder die Versicherungsgesellschaft sein muss, um spannende Projekte, Träume und Internationalität zu verwirklichen. Ingenieure sind begehrt und heiß umkämpft, da dürfen wir unsere Chance auf Facebook natürlich nicht verpassen!

Michael: Hinzu kommt, dass Georg Fischer in der Region Schaffhausen sehr bekannt ist. Über die Ortsgrenzen hinaus nimmt der Bekanntheitsgrad – vor allem bei der jungen Generation –ab. Mit unserem Auftritt auf Facebook wollen wir den Bekanntheitsgrad ausweiten und die Bewerberanzahl und Qualität der Bewerbungen erhöhen.

personalmarketing2null:  Es heißt, „du kannst direkt mit Praktikanten in Kontakt treten“ – warum treten dann die Köpfe bzw. Gesichter „hinter“ der Seite nicht in Erscheinung? Das würde die Seite dann fast perfekt machen.

Michael: Die Macher der Seite treten durchaus in Erscheinung :-). Momentan sind fast alle unserer derzeitigen Praktikanten vom Standort Schaffhausen auf unserem Titelbild zu sehen. Außerdem stellen wir die neuen Gesichter unseres Facebook-Teams immer vor.

personalmarketing2null: Das schließt dann die nächste Frage an: Wer steckt hinter der Seite? Wer liefert den Input, die Themen? Wer hat den Hut auf?

Michael: Unser Team wächst stetig. Momentan sind drei Praktikanten aus den Bereichen HR und Marketing für den Input und die Umsetzung der Posts verantwortlich. Unterstützt werden Sie durch die Kommunikations- und HR-Leiter.

Sara: Einmal wöchentlich treffen wir uns zu einem Meeting und besprechen die Redaktionsplanung der nächsten zwei Wochen, sammeln neue Ideen und werten die letzte Woche aus. Bei der Umsetzung der verschiedenen Projekte sind auch immer wieder Personen aus anderen Abteilungen involviert.

Mit der Leitung der Seite durch die Praktikanten ermöglichen wir unseren Fans einen Dialog auf Augenhöhe. Wir glauben, dass unsere derzeitigen Praktikanten am besten wissen, was unsere Zielgruppe für Erwartungen und Wünsche hat.

personalmarketing2null: Wie ist die Resonanz auf eure Seite – im Unternehmen, bei den Kollegen und außerhalb, bspw. auf Messen?

Michael vom GF Facebook-Team

Michael vom GF Facebook-Team

Michael: Grundsätzlich erfahren wir große Unterstützung . Wir sind immer wieder überrascht, wie offen und gerne Kollegen für Berichte mit uns zusammenarbeiten. Wir sind gern gesehene Gäste bei Veranstaltungen, und die Akzeptanz steigt stetig an. Wir sind überzeugt, dass jeder Mitarbeiter der unsere Seite anschaut, sie schätzen lernt und einen persönlichen Mehrwert findet :-). Trotzdem sind wir natürlich nicht perfekt, Potenzial für Verbesserungen gibt es schon noch.

personalmarketing2null: Welcher Stellenwert wird Social Media bei GF im Kontext Personalmarketing beigemessen?

Michael: Unserem Social Media Auftritt auf Facebook wird ein großer Stellenwert  zugeordnet. Wer aktiv eine Seite gestaltet, weiß wie zeitintensiv diese Arbeit ist. Im Augenblick fließen mindestens 30 bis 40 Stunden Arbeit pro Woche, verteilt auf alle Teammitglieder, in die Seite ein. Außerdem verfolgen wir die Entwicklung in anderen Social-Media-Kanälen und es wird geprüft, ob und wo wir noch aktiv werden können.

personalmarketing2null: Habt ihr im Unternehmen Guidelines, werden die Mitarbeiter (und natürlich insbesondere die, die das Ganze nach außen tragen) für den Umgang mit den sozialen Medien sensibilisiert – gibt es bspw. Schulungen od. Ä.?

Sara: Zum Start von „The GF experiment“ haben wir „Boardrules“ festgelegt, die allen Teammitgliedern bekannt sind und an die wir uns stets halten. Wir achten darauf, dass es einen gut abgestimmten Wechsel zwischen den Praktikanten gibt, d. h. wir haben Überschneidungszeiten von über einem Monat zwischen dem neuen und alten Praktikanten, der die Seite leitet. Neben dieser intensiven Anfangsbetreuung stehen auch die anderen Teammitglieder immer  für Fragen zur Verfügung. Zudem sind Guidelines für sämtliche Mitarbeitenden von Georg Fischer in Ausarbeitung.

personalmarketing2null: Derzeit zähle ich von deutschsprachigen Schweizer Unternehmen nur zwei Handvoll an Facebook-Seiten.  Wie erklärst du dir die Zurückhaltung der Schweizer Unternehmen in Bezug auf Social Media Personalmarketing? Oder nehmen wir das in Deutschland nur so wahr?

Sara: Zu beachten ist sicherlich, dass die Schweiz verglichen mit Deutschland um einiges kleiner und zudem viersprachig ist. Der Einzugsraum ist daher für jeden Sprachraum sehr gering. Da Social Media Auftritte sehr betreuungsintensiv sind, fehlt es unter Umständen an personellen Ressourcen. Möglich ist auch, dass Unternehmen die Notwendigkeit oder den Sinn dieser Seiten noch nicht erkannt haben.

personalmarketing2null: Vielleicht liegt es ja auch nur an der sprichwörtlichen Zurückhaltung der Schweizer und daran, dass sie eben alles wohlüberlegt angehen :-). Was glaubst du, welche Bedeutung Social Media in Zukunft für das Recruiting bzw. Personalmarketing spielt? Kollege Jörg Buckmann von VBZ und die Mitarbeiter der Baloise haben ja nun auch angefangen zu bloggen …

Michael: Die Bedeutung der Karriereseiten auf Facebook ist in den letzten zwei Jahre stark gestiegen und sie wird auch allgemein weiter wachsen. Wir glauben, dass dieser Trend auch in Zukunft wegweisend sein wird und sich auf andere Netzwerke ausbreiten wird.

personalmarketing2null: Auch ein unterhaltsames Praktikanten-Video, welches mehr Lust auf GF macht, gibt es von euch. Dabei setzt ihr – glücklicherweise – nicht auf Rap :-), wie es nun mittlerweile sogar die Pflegebranche versucht :-). Die Umsetzung gefällt mir, hierbei zeigt ihr, wo GF überall vertreten ist und stellt auch noch die Praktikanten dort vor – wessen Idee war das, wurde das Ganze intern umgesetzt oder mithilfe einer externen Agentur? Wie ist die Resonanz aufs Video?

Sara: Die Idee, das Storyboard und die Umsetzung lag in der Hand einer HR Praktikantin. Unterstützt durch ihren Vorgesetzten, Praktikanten und Mitarbeitern aus anderen Bereichen sowie einer externen Agentur wurde das Projekt dann umgesetzt.

Die Resonanz zu unserem Video ist sehr positiv. Es ist witzig, lebendig und authentisch – die Mitarbeitenden schätzen es sehr. Auch von Studenten haben wir an verschiedenen Recruiting Events stets positives Feedback bekommen.

Michael: Ob an einem Fachvortrag an der Uni, zur Einleitung an einem Recruiting Event, zur Gestaltung unseres Karriere-Bereichs auf unserer Homepage oder für unsere Facebook Fans: das Video eignet sich für alle Kanäle und gibt einen erfrischenden, unverwechselbaren Einblick in die Welt von Georg Fischer.

personalmarketing2null: Liebe Sara, lieber Michael, ich danke euch für das Interview und die interessanten Einblicke hinter die Kulissen. Ich finde, ihr seid auf einem sehr guten Weg mit eurer Seite. Macht weiter so!

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