Gewinnspiele, Social Media und Ausbildungsmarketing an der Grenze des guten Geschmacks

von Henner Knabenreich. Lesezeit: fast 10 Minuten.

Ich freue mich ja wirklich, dass es einer meiner Ex-Arbeitgeber der kurz davor stand, über die Klippe zu springen, durch einen neuen Investor geschafft hat, die Kurve zu kriegen und nun tatsächlich für dieses Jahr 500 Azubis einstellen will. Das ist sehr erfreulich und sehr bemerkenswert und ich hätte persönlich nicht mehr gedacht, das zu erleben.

Und umso mehr freut es mich, dass Karstadt auf den Social Media Zug aufspringt (klar, machen ja alle, muss also was dran sein) und sich über eine Facebook Karriere-Page als Ausbildungsbetrieb in die Herzen der Jugend spielen möchte. Karstadt will „Bewerbern um Ausbildungsplätze auf Augenhöhe begegnen“, heißt es in dem oben verlinkten Artikel. Aber, ja jetzt kommt es, das große „Aber“, so geht das nicht. Abgesehen davon, dass es nicht Sinn und Zweck einer Karriere-Page sein kann, Fans und Inhalte nur über Gewinnspiele zu generieren, hat eine solche offizielle Präsenz eines potenziellen Arbeitgebers auch eine wesentliche Vorbildfunktion zu erfüllen. Und das gilt auch für die Rechtschreibung. Nun, ich hatte ja schon die These aufgestellt, dass Social Media dumm machen. Aber hier glaube ich das wirklich. Und das Schlimme: keiner merkt’s. Da muss erst ich wieder kommen :-). Ehrlich, ich habe das nicht gewollt. Schon von Anfang an habe ich mir so meinen Teil gedacht, als ich das erste Mal die Karstadt Page erblickt habe, aber ich habe mir immer verkniffen, meinen Senf dazu zu geben. Aber ich kann mich jetzt einfach nicht mehr zurückhalten. Es geht nicht mehr. Es muss raus. Sorry, liebe Leser. Was einem da so geboten wird, geht so nicht (vielleicht muss ich das Karstadt-Team selber entschuldigen – vielleicht liegt es nur an der beauftragten Agentur. Andererseits obliegt es natürlich auch dem Auftraggeber gegenzuchecken, was die Agentur da so abliefert. Man sollte nicht jedem blind vertrauen!). Angeblich wurde diese Page ja von Auszubildenden des Unternehmens mitentwickelt. Vielleicht haben sie den Anstoß geliefert, ja, das mag sein. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie das wirklich so gewollt haben. Oder? Begegnet man so seinen Bewerbern auf Augenhöhe? Wohl kaum.
Aber weswegen glaube ich mich hier eigentlich so echauffieren zu müssen?

Sehen Sie selbst und beginnen Sie zu verstehen. Über Wochen war dieser Aufruf zum  Gewinnspiel (das wievielte eigentlich) bis vor wenigen Tagen noch online. Hier wurde gefragt, wen denn „die“ Karstadt am dringendsten braucht. Mittlerweile ist das vorbei und trotzdem nicht besser geworden. Aber sehen Sie selbst:

Karstadt sucht einen neuen Mitbewohner. Bei sieben Rechtschreibfehlern lautet mein Tipp ganz klar: "Die" Karstadt braucht einen Lektor

Karstadt sucht einen neuen Mitbewohner. Bei sieben Rechtschreibfehlern lautet mein Tipp ganz klar: „Die“ Karstadt braucht einen Lektor

Meine Stimme war ganz klar für einen Lektor (der war aber nicht nominiert). Mittlerweile  wurde abgestimmt (man konnte wählen zwischen Karstadt Bürgermeister, Nachtclubbesitzer, Hero und Rockstar) und es geht heiter weiter mit den Peinlichkeiten:

Es geht heiter weiter...

Es geht heiter weiter…

Sie glauben, das sind einmalige Ausrutscher? Naja, in dem Fall oben, wohl ja. Denn auf einer anderen Seite finden wir den Slogan in perfekter Rechtschreibung wieder: „Die Karstadt bekommt ihren Nachtclubbesitzer. Zeig uns, dass du es bist!“. Geht doch, denken Sie? Ach, wenn es doch nur so wäre! :-)

Gut, jetzt kann man sich natürlich hinstellen und sagen:“Ach was, Rechtschreibung – was soll denn das? Wird doch total überbewertet, legt doch keiner mehr Wert drauf“ usw. Glauben Sie denn, wenn sich Marc-Kevin Müller oder Sandy-Chantal Schmitz bei Karstadt bewerben und die Bewerbung ist mit so viel Fehlern gespickt, wie es die ganzen Apps auf der Page sind, Marc-Kevin und Sandy-Chantal hätten eine Chance? Na? Hm? Ich glaube wohl eher nicht. Zumindest nicht, wenn die eine oder andere halbwegs brauchbare Bewerbung auf dem Personalerschreibtisch landet. Und das tut sie. Glauben Sie mir. Nicht ohne Grund ist der Ausbildungsberuf des Einzelhandelskaufmanns der beliebteste in Deutschland (warum eigentlich? Wegen der sagenhaften Bezahlung? Wegen der tollen Arbeitszeiten? Wegen äh…. ich weiß es nicht, ehrlich. Aber ist so. Warum auch immer. Aber das nur am Rande). Denn zum wiederholten Male in Folge belegte der Beruf Kaufmann/-frau im Einzelhandel mit 33 345 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen erneut den Spitzenplatz unter den beliebtesten Ausbildungsberufen (dicht gefolgt vom Verkäufer). Ergo bewerben sich Tausende auf diese Jobs. Und laut einer Umfrage von Karrierebibel und Alma Mater spielt die Rechtschreibung für die Personaler eine herausragende Rolle. Demnach erhält der Bewerber bei einem Drittel der Personalverantwortlichen schon bei mehr als einem Fehler in der Bewerbung eine Absage.

Schlechte Karten also für Marc-Kevin und Sandy-Chantal (es sei denn, sie gelangen nicht an eben diese Personaler ;-)). Begegnet man so seinen Bewerbern auf Augenhöhe? Wenn die beiden  wüssten, dass sie wegen mangelnder Rechtschreibung aus dem Bewerbungsprozess rausfliegen, ja dann könnten sie dagegen angehen und sagen: „Ey Alter, weiß gar nicht, was du willst. Ist doch krass so wie bei euch auf der Facebook-Page. Ey, da ist das okay oder was, aber wenn isch das in meiner Bewerbung schreibe, kickt ihr mich raus, oder was? Ey, das ist krass nicht korrekt, Alter!“ Womit die beiden Recht hätten. Dann das, was dort präsentiert wird, ist definitiv krass nicht korrekt. Leider werden sie aber wohl nicht erfahren, warum sie aus dem Rennen sind. AGG sei Dank („Bitte haben Sie auch Verständnis dafür, dass wir anlässlich des am 18. August 2006 in Kraft getretenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) keine Absagen auf eingegangene Bewerbungen begründen“). Dumm gelaufen.

Soweit dazu. Kommen wir mal zu den Inhalten der Page. Laut Karstadt soll die Facebook-Page „interaktiv Einblick ins Unternehmen und in die Einstiegsmöglichkeiten geben.“
Diese bestehen im Wesentlichen aus Gewinnspielen. Darüber hinaus absolut sinnentleert, wie das letzte Beispiel zeigt. Da ging’s ja darum, wen „die“ Karstadt noch als Einwohner braucht. Wo ist da bitteschön der Mehrwert? Und sieht so das Unternehmen oder die Ausbildung bei Karstadt aus? Glauben Sie mir, das tut es nicht. Abgesehen davon, dass ich selber das Innenleben des Warenhauskonzerns aus eigenen Erfahrungen sehr gut kenne, müssen Sie nur mal in die nächstbeste Filiale gehen und sich das Treiben dort anschauen. Spätestens da wird klar, dass Wunsch und Wirklichkeit stark auseinander klaffen und nichts, aber auch gar nichts so ist wie auf der Facebook-Page. Natürlich ist es toll, wenn mal Einkaufsgutscheine oder wie jetzt in diesem Falle Eintrittskarten für Bundesligaspiele verlost werden. Mit Sicherheit eine gute Idee für „normale“ Produkt-Pages auf Facebook, um Kunden bei Laune zu halten oder Neukunden zu gewinnen. Aber für Karriere-Pages? Natürlich, klar. Solche Gewinne (nicht die Gewinnspiele an sich) animieren zum Fan werden. Und dann? Glauben Sie, die Fans, die durch diese Gewinnspiele geworben werden, sind nachhaltige Fans? Will sagen, bringen sich aktiv in die Community mit ein? Klar, ich weiß, dass solche Gewinnspiele von Agenturen gerne als Turbo Boost für Fanwachstum verkauft werden.

Max Mustermann hat Karstadts den Nachtclubbesitzer Wettbewerb auf der Facebook-Seite Karstadt Karriere gewonnen

Max Mustermann hat Karstadts den Nachtclubbesitzer Wettbewerb auf der Facebook-Seite Karstadt Karriere gewonnen

Aber vergessen Sie das bitte im Kontext Karriere-Pages. Bitte (es sei denn, Sie folgen bspw. den Empfehlungen von Jörg Wiesner in seinem Kommentar. Oder Sie verlosen eine Maß Bier nebst Besuch auf dem Oktoberfest ;-)). Oder wie wäre es mal mit der Verlosung eines der so heiß begehrten Ausbildungsplätze? Gekoppelt an ein sinnvolles Gewinnspiel. Geht nicht gibt‘ nicht!
Aber bitte keine „Karstadts Nachtclub-Besitzer-Urkunde“. Nein, das ist kein Scherz. Das ist die traurige Wahrheit, die wird wirklich verlost…

Wie auch immer, hat man die Gewinnspielstrecke durchgeklickt, kommt die nächste Peinlichkeit. Karstadt ist auf einmal Karstast. Und man ist der coolste Pimp der Karstast ever. Pimp? Ja, allen Ernstes: Pimp. Das ist Englisch und steht für Zuhälter. (Ich weiß gar nicht, was bei weiblichen Usern steht: Bitch? Passt dann ja zum Pimp ;-))

Zuhälter in der Karstadt. Na großartig.

Zuhälter in der Karstadt. Na großartig.

Karstadt und Zuhälter? Passt das zusammen? Begegnet man so seinen zukünftigen Auszubildenden auf Augenhöhe? Wohl kaum. Apropos. Auch das Profilbild spiegelt nicht unbedingt „die“ Karstadt wieder. Ich kann mir nicht helfen, ich sehe da ein junges, frustriertes Mädchen mit weit gespreizten Schenkeln (nur verdeckt von einer Tasche, wahrscheinlich fürchtete man dann doch den Aufschrei der Entrüstung, wenn man dann dort die Unterwäsche erkannt hätte :-). Nun, der Aufschrei kommt wohl spätestens jetzt), welches ein Schild „Off to Karstadt“ in den Händen hält. Ich assoziiere da irgendwie einen Drogenjunkie am Bahnhof Zoo (was ist eigentlich die weibliche Form von Junkie?) auf der Suche nach dem nächsten Freier. Wie gesagt, ich assoziiere das. Aber Spontanumfragen im Freundeskreis und im Büro kommen da auf änliche Ergebnisse.

Sorry, für mich verfehlt dieses Bild absolut den Sinn in Bezug auf eine Karriere-Page, die ja in erster Linie Jugendliche (= potenzielle Azubis) ansprechen und Infos über Jobs und Ausbildung liefern soll. Spiegelt diese Page wirklich die Zielgruppe wider, die Karstadt sucht? Begegnet Karstadt seinen Bewerbern damit wirklich auf Augenhöhe?
Und noch etwas: Die Machart des Bildes erinnert mich in fataler Weise an die Bilder des Holländischen Künstlers Roeloffs (ein großartiger Künstler fürwahr, zu bewundern unter anderem im Kunsthaus Tacheles in Berlin. Unbedingt hin, lohnt sich!). Und die sind meistens nicht ganz jugendfrei. Aber das ist die Karstadt-Page mit ihren Pimps, Bitches und dem Schenkel spreizenden Girlie mit bis zum Schritt hoch gerafften Kleid auf dem Profilbild ja auch nicht ;-)

War das die Inspiration für das Karstadt Profilbild?

War das die Inspiration für das Karstadt Profilbild?

Profilbild Karstadt Karriere

Profilbild Karstadt Karriere

Bei all meiner Kritik sei noch erwähnt, dass der Köder natürlich dem Fisch schmecken muss und  nicht dem Angler und schon gar nicht irgendwelchen daher gelaufenen Bloggern. Das ist richtig. Und wenn es „der“ Karstadt gelingt, über diese abstruse Seite und die noch abstruseren Gewinnspiele Fans und vor allem – denn darum geht es ja hier – Nachwuchs zu gewinnen, dann ist das wunderbar und ich sage, toll Karstadt, habt ihr gut gemacht und ich ziehe sogar meinen (imaginären) Hut (ein ähnliches Beispiel hatten wir ja schon mit dem BWM-Rap, der ja auch für viel Häme sorgte. Immerhin hat dieses Video über 7000 neue Fans generiert (in einem Monat). Und das in der anvisierten Zielgruppe. Nicht schlecht, oder?).
Um es mal mit den Worten eines Karstadt-Mitarbeiters zu sagen (dies bezog sich auf eine andere Kampagne, siehe unten), trifft aber des Pudels Kern: „Ob diese Kampagne gut oder einfach nur schwachsinnig ist, muss jeder für sich selbst entscheiden“ (O-Ton aus dem Karstadt-Blog (der allerdings scheinbar eher eine Eintagsfliege war (letzter Eintrag vom Januar), schade). Wie wahr, wie wahr… Nichtsdestotrotz sollte so viel Zeit da sein, die ganzen Texte einmal von einem Lektor oder jemand anderem, der Ahnung davon hat, gegenzuchecken und etwas sensibler im Umgang mit der deutschen Sprache UND der anvisierten Zielgruppe zu sein.

Aber vielleicht ist das ja Teil der Kampagne und soll besonders authentisch wirken, wer weiß das schon. In meinen Augen hat diese ganze Kampagne mit Zuhältertouch und Gewinnspiel aber vor allem eins: negative Auswirkungen aufs Arbeitgeber-Image.

Im Video heißt es zum Schluss übrigens: Gute Ausbildung geht anders.

Gutes Ausbildungsmarketing auch ;-)

Update: Karstast, hoppla, Karstadt hat nun tatsächlich nach Wochen die genannten Rechtschreibfehler beseitigt. Immerhin die genannten ;-). Ein Anfang ist also gemacht. Wenn man in Essen nun noch einsieht, dass solche Gewinnspiele allenfalls diejenigen anzieht, die eben mal Karten für ein DFB-Länderspiel oder Einkaufsgutscheine in Höhe von 100 Euro abstauben wollen und sonst nichts, ist „die“ Karstadt auf einem guten Weg.

Hier noch einmal der Hinweis: Es geht nicht um die Anzahl, sondern um die „Qualität“ der Fans. Diese werden kaum durch Gewinnspiele erreicht, sondern durch überzeugende und relevante Inhalte.

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