Hat die Karriere-Website ausgedient?

von Henner Knabenreich. Lesezeit: etwa 7 Minuten.

Zugegeben, die Frage ist provokativ, aber ungeachtet dessen kann man aufgrund einiger in letzter Zeit geführten Diskussionen den Eindruck haben, dass einige genau das glauben. So las ich unlängst im Blog von Absolventa, dass einige US-amerikanische Unternehmen keine eigene Homepage mehr betreiben, sondern stattdessen über eine Facebook-Seite über Neuigkeiten informieren und mit ihren Kunden kommunizieren (leider fehlt hier eine Quellenangabe, es würde mich doch mal wirklich interessieren, woher diese Meldung stammt :-)). Daraufhin entbrannte eine heftige Diskussion über die Zukunft der Karriere-Website und auch im Blog von saatkorn wurde das  Thema aufgegriffen.

Da ich die Diskussion so nicht stehen lassen kann, ist das Grund genug, sich ein weiteres Mal mit der Thematik auseinanderzusetzen und über das Für und Wider einer Karriere-Fanpage vs. einer Karriere-Website zu philosophieren.

Zunächst einmal gilt: vor der Kür kommt die Pflicht. Oder anders: Bevor ich Eishockey spiele, brauche ich erst einmal die Schlittschuhe. Will sagen: Bevor sich ein Unternehmen in Social Media-Aktivitäten stürzt, sollte es erst einmal seine Hausaufgaben machen. Sprich eine informative, nutzerfreundliche, zielgruppenorientierte und emotional ansprechende Karriere-Website, die das Unternehmen als potenziellen attraktiven Arbeitgeber präsentiert, an den Start bringen. Ich beschäftige mich seit 2003 mit dem Thema Karriere-Websites und auch heute noch, im Jahr 2010, also 11 Jahre nach dem Erscheinen erster Studien zu den Erfolgsfaktoren von Karriere-Websites gibt es leider noch immer viele abschreckende Beispiele, die eben nicht diesen Kriterien gerecht werden – und dies auch trotz guter Ergebnisse in Potential Park-Rankings (aber das ist ein anderes Thema und gehört jetzt nicht hierher, wird aber auf jeden Fall beizeiten vertieft).

Finden Sie hier die gesuchten Informationen - Negativbeispiel Usability auf Karriere-Websites

Finden Sie hier die gesuchten Informationen – Negativbeispiel Usability

Karriere-Website Best Practice in Usability und Zielgruppenorientierung

Best Practice in Usability und Zielgruppenorientierung

Karriere-Fanpages auf Facebook sind unbestritten ein toller weiterer Personalmarketing-Kanal, sich als Arbeitgeber darzustellen und authentische Einblicke ins Unternehmen zu gewähren. Nichtsdestotrotz kann eine solche Fanpage eine Karriere-Website kaum ersetzen (mit zwei Ausnahmen, aber dazu später). Warum ist das so?

Erstens: Keiner weiß ganz genau, wie es um die Zukunft von Facebook bestellt ist. Klar, ist diese Seite derzeit die erfolgreichste Website überhaupt und die Nutzerzahlen steigen stetig. Aber wie war das damals z. B. mit Lycos, Altavista und Hotbot? Damals die angesagtesten Suchmaschinen überhaupt, kennt sie heute (fast) keiner mehr. Denn 1998 trat Google auf den Plan und lief bis heute trotz der Bemühungen seitens MSN, Yahoo etc. allen anderen Suchmaschinen den Rang ab. Aber wer weiß, vielleicht gibt es schon in naher Zukunft ein revolutionäreres Suchmaschinenkonzept und Google wird in der Versenkung verschwinden oder zumindest an Bedeutung verlieren. Das Gleiche gilt für Facebook: Zwar wächst Facebook unaufhörlich, nichtsdestotrotz gibt es auch Facebook-User, die dem Social Network aus den verschiedensten Gründen abschwören. Einer der Gründe ist z. B. der mangelnde Datenschutz. Unsere Verbraucherschutzministerin Frau Aigner drohte Facebook sogar schon mit dem Austritt (was Facebook mit Sicherheit unheimlich beeindruckt hat :-)). Hier gilt es also auch für das eine Karriere-Fanpage betreibende Unternehmen stets die Entwicklung in puncto Datensicherheit zu beobachten. Ein sehr wichtiges Kriterium, was nicht nur für Facebook, sondern auch für die Karriere-Website selbst gilt. Denn welcher Bewerber möchte schon, dass seine Daten der Öffentlichkeit preisgegeben oder missbraucht werden?

Zweitens: Es sollte auch jedem klar sein, dass – so toll Facebook auch sein mag – es noch viele User gibt, die sich in Social Media noch gar nicht engagieren und ihre Informationen lieber auf üblichem Wege, also von der Website des Unternehmens, ziehen. Gerade am Wochenende hatte ich wieder eine Diskussion mit absoluten Facebook- und twitter-Verweigerern über Sinn und Unsinn von Social Media. Sollte sich ein Arbeitgeber also ausschließlich auf Social Media fokussieren, entgehen ihm auch relevante Zielgruppen und damit potenzielle Mitarbeiter.

Und last but not least, drittens: Facebook bietet mit seinen Fanpages ein tolles Medium, sich als Arbeitgeber zu präsentieren. Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass Facebook nicht das geeignete Medium ist, sich als Arbeitgeber in voller Breite darzustellen – schon alleine aufgrund eingeschränkter Gestaltungs- und Navigationsmöglichkeiten. Da die Karriere-Website in 99 Prozent der Fälle in die Unternehmenswebsite eingebettet ist, hat der Bewerber die Möglichkeit, sich auch eingehend über das Unternehmen zu informieren. Klar, könnte ich sämtliche Information meiner Karriere-Website auch auf Facebook widerspiegeln. Das würde aber schnell den Rahmen sprengen und unübersichtlich wirken. Und bei zu viel Informationen auf der Fanpage wird der eine oder andere Fan ihr mit Sicherheit bald den Rücken kehren oder gar nicht erst Fan werden. Hier gilt also das Motto „weniger ist mehr“. Man sollte sich also vorher überlegen, welche Informationen bereitgestellt werden und wie. Eine Anordnung von mehr als 10 Tabs halte ich für sehr fragwürdig, zumal diese zum einen sehr schnell „untergehen“ und zum anderen aufgrund der begrenzten Tabbreite oftmals gar nicht erkennbar ist, welche Informationen sich hinter einem Tab verbergen. Oder ist Ihnen absolut klar, was sich hinter „Besuchen Si…“ oder „Karriere bei…“ verbirgt? Sehen Sie, mir auch nicht :-)

Kleines Ratespiel - was verbirgt sich hinter diesen Tabs

Kleines Ratespiel – was verbirgt sich hinter diesen Tabs

Und dass es auf einer Karriere-Website im Gegensatz zu einer Karriere-Fanpage keine störenden Werbe-Einblendungen gibt, ist noch ein weiterer Punkt, der zu bedenken ist.

Aber wie immer gilt auch hier: „Keine Ausnahme ohne Regel“. Denn eine Karriere-Fanpage ohne vorhandene Karriere-Website kann unter Umständen durchaus sinnvoll sein. Nämlich dann, wenn bspw. ein kleines oder mittelständisches Unternehmen keine eigene Karriere-Website hat (was leider nicht selten vorkommt). Hier bietet Facebook eine gute (und im Verhältnis zu einer Karriere-Website kostengünstigere) Variante, sich als potenzieller Arbeitgeber zu präsentieren, Einblicke ins Unternehmen zu gewähren und über Job-Angebote zu informieren. Das Ganze ist wiederum aber nur dann sinnvoll, wenn sich eine kritische Masse an Mitarbeitern auf Facebook tummelt oder die Bereitschaft vorhanden ist, sich auf Facebook einzulassen und vor allem, wenn sich die Zielgruppe dort selbst tummelt – ansonsten bringt das Ganze eher weniger.

Apropos kostengünstig: an dieser Stelle möchte ich noch einmal mit dem Mythos aufräumen, dass das, was man in Social Media an Aktivitäten vorantreibt, sei kostenlos. Sicher ist es richtig, dass ein twitter- und Facebook-Account kostenlos ist, auch viele Blogformate sind kostenlos zu haben. Was man aber niemals unterschätzen darf, ist die Pflege solcher Accounts. Facebook-Fanpages, Blogs etc. wollen mit aktuellen Beiträgen gefüttert werden und leben von der Interaktion mit den Fans. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: es reicht nicht, seine Fanpage lediglich via Twitter oder anderes automatisiert zu füttern. Gefragt ist authentische Kommunikation! Und das regelmäßig, idealerweise täglich. Und nicht nur alle Jubeljahre! Einige Fanpage-Betreiber nehmen sich dies durchaus zu Herzen und lassen ihren Account von einer Agentur pflegen oder haben sogar schon Social Media-Verantwortliche im Unternehmen. Oder – was immer mehr Verbreitung findet – schaffen extra-Praktikantenstellen für diese Aufgabe. Ob das der richtige Weg ist? Apropos Kosten: Die Bloggerkollegen von kununu haben einmal eine grobe Schätzung aufgestellt, was die Personalabteilung Social Media-Aktivitäten kosten können.

Eine andere Möglichkeit bietet die Karriere-Fanpage, wenn bestimmte Unternehmenszweige innerhalb eines Konzerns über keine eigene oder nur unzureichende Karriere-Website verfügen. Ein interessantes Beispiel ist hier Bayer Business Consulting, die mit ihrer Fanpage einen interessanten Kanal neben ihrer in der mybayerjob-Karriere-Website integrierten Website etabliert haben. Auch bei speziellen Themen, wie bspw. Diversity, könnte eine Karriere-Fanpage gute Dienste leisten. So wirkt die Fanpage der Commerzbank zwar recht informativ und ansprechend, aber diesen Teil klammert sie aus.

Vorbildlich – Informationen zu Diversity auf der Commerzbank-HR-Website

Obwohl gerade der Diversity-Bereich der Commerzbank-Karriere-Website in meinen Augen Best Practice-verdächtig ist. Vielleicht eine Anregung für das Commerzbank Career-Team? ;-)

Wenn also ein Unternehmen tatsächlich meint, auf seine Karriere-Website verzichten zu können, so wäre es mit Sicherheit falsch, aus den genannten Gründen ausschließlich auf Facebook zu bauen. Alternativ wäre dann die Einrichtung eines Karriere-Blogs zu empfehlen. Hier können dann Mitarbeiter aus dem Unternehmen bloggen und authentische Einblicke ins Unternehmen geben. Als Vorteil ist hier auch die meist suchmaschinenoptimierte Blog-Software zu nennen. Aber auch hier gilt: so ein Blog braucht viel Pflege, Mitarbeiter, die bereit sind zu bloggen und vor allem interessante Themen. Ein schönes Beispiel ist da in meinen Augen der Blog von netz98, einer Online-Agentur aus Mainz.

Fazit: Die Karriere-Website hat noch lange nicht ausgedient. Im Gegenteil, viele Unternehmenswebsites haben noch gar keine eigene Personalmarketing-Sektion auf ihrer Website und bei anderen wiederum besteht sehr, sehr viel Verbesserungspotenzial. Eine Präsenz in Social Media ist trotzdem auf jeden Fall empfehlenswert, schon alleine aus dem Grund, um neue Zielgruppen zu erschließen und potenziellen Kandidaten auf unkomplizierte Art den direkten Kontakt zu ermöglichen und authentische Einblicke ins Unternehmen zu gewähren. In dieser friedlichen Koexistenz sollte die Karriere-Website dazu genutzt werden, auf die jeweiligen Social Media-Kanäle zu verweisen und natürlich genau so der Social Media-Kanal dazu, als Traffic-Multiplikator auf die Karriere-Website und damit zu weiterführenden Informationen zu verweisen. Denn die werden laut meiner Umfrage zum Thema Karriere-Fanpages gewünscht. Mehr dazu in Kürze!

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